Interview mit Milky Chance anlässlich ihres Albums "Blossom"

Milky Chance:
Wie man glücklich wird
(auch ohne großen Erfolg)

Text: Alexander Dollischal
Foto: Flickr/OK Apartment

Das deutsche Folktronica-Duo startete seine Karriere aus einem Vorort. Mittlerweile sind sie mit ihrer Musik um die Welt gereist und haben das wahre Glück für sich selbst gefunden. Wie sie das hinbekommen haben, verraten sie im Interview.

Die unglaubliche Erfolgsgeschichte von Milky Chance begann 2014 in Kassel, Deutschland. Mit dem Do-It-Yourself-Musikvideo zu ihrer ersten Single „Stolen Dance“ (300 Mio. Views auf YouTube!) katapultierte sich das Folktronica-Duo direkt in die internationalen Musikcharts und Radiostationen.

Seitdem begeistern die beiden Ausnahme-Musiker ihre Fans mit einem chilligen, aber dennoch modernen Lagerfeuersound, rund um den Globus. Dass das ein Privileg ist, wissen sie. Sie wissen aber auch, dass für wahres Glück mehr als nur Erfolg notwendig ist: Wahres Glück MUSS dir alles abverlangen!

Im exklusiven Interview mit „The Red Bulletin“ sprechen Clemens (Frontman) und Philipp (Drums) über ihr neues Album und die schwachsinnige Illusion, durch Geld und Ruhm glücklich zu werden. Kurz gesagt: Wenn du jetzt weiterliest, lernst du, mit Glück umzugehen.

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THE RED BULLETIN: In mehreren Interviews seht ihr den Erfolg als eine zweischneidige Klinge. Ist das immer noch so? 

CLEMENS: Ja … ähm … unbedingt (lachen). Was haben wir da genau gesagt? 

Ihr habt öfters betont, dass euer Leben ein Privileg ist und …
(beide unterbrechen) 

CLEMENS: Ach ja, da war doch was (grinst). Genauso ist es auch! Trotzdem ist es oft schwierig, tatsächlich unter sich zu sein.

PHILIPP: Und das mit der Klinge stimmt auf jeden Fall: Irgendwo gewinnst du natürlich etwas, aber irgendwo verlierst du auch. 

Und das wäre? 

PHILIPP: Wenn man es dramatisch ausdrücken möchte, Freiheit. Das gilt natürlich nur für die ganz krassen Superstars, bei uns hält sich das zum Glück in Grenzen.

Milky Chance beim Sightseeing in Moskau: Mit Crew und ohne Bodyguard(s).

Könnt ihr in Kassel (Anm.: Heimatstadt) bowlen gehen, ohne dass es mühsam wird? 

CLEMENS: Ja wir waren bowlen und es war in Ordnung. 

PHILIPP: Aber es stimmt schon, ich überleg’ mir heute zweimal, ob ich in einen öffentlichen Club feiern gehe oder nicht. Oder ob ich in der Rush Hour einkaufen gehe … 

CLEMENS: Du gehst sowieso nie einkaufen (alle lachen).

Alles, was du über Milky Chance noch nicht wusstest, erfährst du in diesem Video.

© Youtube // PULS

Seid ihr eigentlich happy mit dem Verlauf der Dinge? 

CLEMENS: Ja. 

PHILIPP: Voll.

Gut, dass wir das geklärt haben. So genau wollten wir’s eh nicht wissen. Was braucht Milky Chance, um happy zu sein?

CLEMENS: Das ändert sich bei uns eigentlich von Woche zu Woche. Oder (Blick zu Philipp)

PHILIPP: Ja, so kann man das sagen. Es ist ja eigentlich ein … was ist das deutsche Wort für „state of mind“? Ach, ist ja egal, jeder weiß was „state of mind“ bedeutet. 

„Glückliche Menschen lieben das, was sie tun und glauben an die Sache. Egal was es ist.“
Milky Chance

Ein Bewusstseinszustand … 

PHILIPP: Genau. Dementsprechend ändert sich dieser auch und passt sich den verschiedenen Lebenssituationen an. Es beginnt alles damit, dass man sich selbst Sachen fragt wie: „Bin ich glücklich?“ oder: „Was muss passieren, dass ich glücklich werde?“ Danach liegt es an einem selbst, die richtigen Schritte dafür zu setzen.

 

CLEMENS: Es gibt ja auch viele Menschen, die nie glücklich werden, obwohl sie schon sehr viel erreicht haben. 

Was würdest du solchen Menschen raten? 

CLEMENS: Dass sie das Glück annehmen. 

Und wie geht das? 

CLEMENS: Naja, zuerst musst diesen Glücksmoment mal wahrnehmen und ihn spüren. Und dann musst du dich darauf einlassen, was für viele Menschen nicht so einfach ist. 

PHILIPP: Das liegt eben auch daran, dass wir im Zeitalter der sozialen Medien oft eine kranke Vorstellung von Glück eingebläut bekommen. 

Und zwar welche? 

PHILIPP: Überall findet man „Tipps und Tricks“ oder sogenannte „Rezepte zum Glücklichsein“. Das endet dann oft damit, dass du deinen Selbstwert über einen völlig fremden Menschen definierst. Das funktioniert aber nicht, weil dieser Mensch vermutlich eine andere Vorstellung von Glück hat wie du. Idole zu haben, ist kein Fehler, aber es bleibt trotzdem dein Leben und dein eigener Weg.

Wie wird man ohne großen Erfolg trotzdem glücklich? 

CLEMENS: In meinen Augen wirst du glücklich, indem du das feierst, was du tust. Ganz egal ob du das mit 10 oder 10 Millionen Leuten teilst. 

PHILIPP:  So ist es. Tut euch selbst einen Gefallen und lasst den Materialismus weg. Die glücklichsten Menschen, die ich kenne, interessieren sich nicht für Geld, Reichweite oder Einfluss. Die sind zum Beispiel Holzfäller, aber sie lieben das, was sie tun und glauben an die Sache. Allein die Einstellung macht sie schon erfolgreicher als jeden Menschen, der seinen Status mit seinem Gehaltsscheck gleichsetzt. Das ist nämlich totaler Schwachsinn!

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So, genug vom Glück für heute. 

(alle lachen) 

Sorry für diesen herzlosen Übergang, aber jetzt sprechen wir über Musik. 

CLEMENS: Alles klar. 

Welchen Song auf eurem neuen Album MUSS ich mir anhören? 

CLEMENS (nach langer Pause): Naja. Nach reifer Überlegung würde ich sagen: „Cocoon“. 

PHILIPP: Ne, würd ich nicht machen (lacht)

CLEMENS: Oder vielleicht „Blossom“. Die beiden sind relativ ähnlich. 

PHILIPP: Ja, das kommt schon eher hin. 

CLEMENS: Obwohl … vergiss, was ich gesagt hab und hör dir alle an!

Das Albumcover zu „Blossom“.

Release: 17. März 2017
Infos: milkychance.net

Das mach ich sowieso. Welche Message nimmt man mit, wenn man das Album gehört hat? 

CLEMENS: Das liegt an dir (grinst verlegen)

Ich such mir das ja nicht aus. Soll mich die Musik glücklich, traurig oder nachdenklich machen? 

CLEMENS: Wir sind da eher diplomatisch unterwegs. Politik hat kaum Platz in unseren Texten. Und wir wollen unsere Hörer nicht mit einer Message belehren. Wir geben etwas von uns in die Musik und die Leute sollen das dann auf ihre individuelle Art und Weise verarbeiten. 

PHILIPP: Wenn ich ein Beispiel aus der Malerei geben darf: Wir sind nicht die, die den Fans ein „Malen nach Zahlen“ oder eine Zeichenschablone vorlegen. Wir sagen einfach: „Hier ist der Farbtopf und jetzt mal selber!“

6-string-letter... #nodrinksallowed #keepbreakingtherules

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Was würdet ihr in diesem Moment tun, wenn eure Musik in Kassel geblieben wäre? 

CLEMENS: Ich glaube, wir wären gar nicht mehr in Kassel, sondern würden irgendwo anders auf dieser Welt herumgurken. 

PHILIPP: Oder vielleicht studieren? So ein instrumentales Studium könnte ich mir vorstellen. Oder Lehramt. 

Lehramt? Na dann, Herr Professor Milky Chance: Wenn Sie eine Sache in der Welt momentan ändern könntet, was wäre das? 

PHILIPP: Ich beende dieses Interview mit einem Zitat:

„Kommt der eine Planet zum anderen und sagt: ‚Du mir geht’s richtig schlecht, ich hab Menschen!’ Sagt der andere Planet: ‚Ey, mach dir nichts draus, die gehen von alleine wieder weg!’“
Milky Chance
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04 2017 The Red Bulletin

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