Musik-Sensation Dua Lipa im Interview

Dua Lipa im Interview: „Scheiß auf Plan B“

Text: Florian Obkircher
Fotos: Andrew Woffinden
styling: Lorenzo Posocco 

Auf der Überholspur in Richtung Pop-Olymp: Mit gleichzeitig drei Hits in den Charts gilt Dua Lipa als Aufsteigerin des Jahres. Im Interview erklärt die englisch-kosovarische Sängerin, warum im Job nur ein Ziel zum Erfolg führt – und wie man Enttäuschungen in kreativen Kraftstoff verwandelt.

So geht Raketenstart: 2015 von Lana Del Reys Management entdeckt, 2016 von englischen Medien wie NME und BBC zur Newcomerin des Jahres erklärt, 2017 mit drei Singles gleichzeitig in den britischen Top-15-Charts, jede davon hält bei über 100 Millionen Klicks auf YouTube. Für jeden etablierten Popstar wäre das ein eindrucksvoller Erfolg. Für einen Newcomer wie Dua Lipa, die vor drei Jahren noch als Empfangsdame in einem Restaurant arbeitete, ist das unfassbar.

1995 wurde Lipa in England geboren. Mit zwölf Jahren zog sie mit ihren Eltern zurück in deren Heimat, in den Kosovo. Am Balkan hielt es sie aber nur vier Jahre. Mit sechzehn zog sie auf eigene Faust zurück nach London – mit einem klaren Ziel: Popstar-Karriere. Doch in einer Zeit, in der die Musikindustrie am Boden liegt, in der Plattenfirmen Einheitsbrei und austauschbare Marionetten in die Charts hieven, ist die Luft für authentische Künstlerinnen an der Spitze dünn geworden.

© youtube // Martin Garrix

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Wie es Lipa trotzdem geschafft hat, sich durchzusetzen? Indem sie sich gegen die alten Regeln des Popstar-Daseins auflehnt: Anstatt sich unnahbar zu geben, steht sie mit ihren Fans in direktem Kontakt. Anstatt brave, radiotaugliche Songs zu schreiben, garniert sie ihre Dance-Hits mit so ehrlichen wie unverblümten Texten. Ihr wichtigstes Erfolgsrezept dabei: fokussiert sein und sich selbst keine Wahlmöglichkeiten zugestehen, wie die 21-Jährige im Interview erklärt.

THE RED BULLETIN: Die Musikbranche steckt tief in der Krise, das Popstar-Dasein hat an Glanz verloren. Warum wolltest du trotzdem eine Pop-Karriere einschlagen? 

DUA LIPA: Aus Mangel an Alternativen.

Wie meinst du das?

Ich hatte nie einen Plan B, Musik war immer meine große Leidenschaft.

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„Wenn du Erfolg haben willst, musst du alles auf eine Karte setzen. Scheiß auf Plan B, der hält dich karrieretechnisch nur zurück.“

Ist das nicht etwas leichtsinnig, angesichts der großen Konkurrenz in dem Geschäft?

Wenn du Erfolg haben willst, musst du alles auf eine Karte setzen. Scheiß auf Plan B, der hält dich karrieretechnisch nur zurück. Weil du dir bei jedem Rückschlag denkst: „Okay, wenn das nicht klappt, kann ich ja etwas anderes probieren.“ 

Viele würden das als Erleichterung sehen. 

Aber im Prinzip hindert es dich daran, für deinen Traum alles zu geben. Ich schloss eine Alternative für mich immer aus. Gerade deshalb arbeite ich umso härter an meiner Karriere. 

Wann hast du erkannt, dass du Popstar werden willst?

Als ich im Kosovo zur Schule ging. In den Pausen stellte ich mich auf meine Bank und sang für meine Freunde. Das war total mein Ding. Doch ich wusste: Um eine Pop-Karriere zu starten, muss ich zurück nach London.

Make-up: Francesca Brazzo 
Hairstyling: Anna Cofone 
Styling Assistant: Megan Mandeville
Top: Palm Angels 

Wie alt warst du zur Zeit dieser Erkenntnis?

Sechzehn.

Und deine Eltern erlaubten dir den Umzug?

Die waren erst schockiert: „Mädchen, du bist sechzehn! Willst du nicht erst auf die Uni gehen?“ Zum Glück bot eine Londoner Freundin meiner Eltern an, mich bei ihr aufzunehmen. Irgendwann gaben meine Eltern nach – nach zäher Überzeugungsarbeit. 

„Alle meine Songs beruhen auf persönlichen Erfahrungen. Ich will die Hörer ermutigen und ihnen zeigen: Wir machen alle die gleiche Scheiße durch.“

Wie widersteht man als Sechzehnjährige ohne elterliche Aufsicht den Versuchungen einer Party-Stadt wie London?

Ich glaube, dass mich gerade der Vertrauensvorschuss meiner Eltern davon abhielt, Blödsinn zu treiben. Es war mir wichtig, sie nicht zu enttäuschen.

Wurdest du jemals enttäuscht im Laufe deiner jungen Karriere?

Ich hatte viel Glück. Aber meine Kurzkarriere als Model war ein Flop. Nach einiger Zeit ohne nennenswerte Aufträge meinte meine Agentur: „Wenn du etwas abnimmst, können wir dir mehr Jobs besorgen.“ Diese Aussage kratzte sehr an meinem Selbstbewusstsein. Gleichzeitig inspirierte sie mich zu dem Song „Blow Your Mind“. 

Eine Abfuhr inspirierte dich zu einem deiner größten Hits?

Alle meine Songs beruhen auf persönlichen Erfahrungen. Sie mit anderen Menschen zu teilen ist mein Ziel. Um die Hörer zu ermutigen und ihnen zu zeigen: Wir machen alle die gleiche Scheiße durch.

© youtube // Dua Lipa

Das heißt, du verwandelst Enttäuschungen in Kreativität?

Meine größte Inspirationsquelle ist Traurigkeit! Auf meinem Debütalbum geht’s vorwiegend um Trennungen, Heimweh und Katerstimmung. Ich schreibe Texte über diese Gefühle – und packe einen unbeschwerten Beat dazu.

Weshalb?

Mein Motto ist: Du überwindest jeden Tiefschlag leichter, wenn du dazu tanzen kannst. Ich nehme schmerzvolle Erfahrungen und kehre sie um. Indem ich einen Dance-Beat dazupacke, verändere ich meinen Blickwinkel auf das Negativgefühl.

Ein Plädoyer für genussvollen Umgang mit Enttäuschungen?

Genau das! Menschen sollten ihre Emotionen annehmen, anstatt sie zu verdrängen. Hab keine Angst vor gelegentlicher Traurigkeit. Sprich mit deinen Freunden über deine Gefühle. Schreib Songs darüber. Oder führe Tagebuch. Das Wichtigste ist, Emotionen rauszulassen. Egal ob im Gespräch oder am Papier. Schreib deine Gedanken auf, allein das hilft extrem dabei, Enttäuschungen zu überwinden.

Top: Marieyat 
Jacke, Hose und Boxer: Palm Angels 
Schuhe: Manolo Blahnik 

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Gibt’s im derzeitigen Pop-Betrieb Platz für echte Emotionen?

Charts-Musik befindet sich aktuell im Wandel. Popstars genießen heute mehr Freiheiten als früher. Nimm Rihanna: Auf ihrem aktuellen Album „Anti“ gibt’s kaum offensichtliche Hits. Und trotzdem ist sie derzeit der Inbegriff von Popmusik. Weil ihre Fans sie gerade für ihren Mut lieben. 

Mut braucht man auch, um einen Song „IDGAF“ – kurz für „I Don’t Give a Fuck“ – zu nennen, oder? 

Viele Radiostationen werden den Song schon allein wegen des Titels nicht spielen. Aber Radio-Airplay ist mir fast egal. Weil ich keinen Bock habe, mich zu zensieren. Und weil du als Nutzer von Streaming-Services heute quasi dein eigenes Radioprogramm zusammenstellst. Die Digitalisierung hat gewissermaßen eine Demokratisierung in der Musikindustrie ausgelöst.

„Charts-Musik befindet sich aktuell im Wandel. Popstars genießen heute mehr Freiheiten als früher.“

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Thank youuu London for turning up!! That was so much fun! Thank you Apple for having me #todayatapple https://t.co/NwVYT5mCg2

Weil Musiker nicht mehr auf Magazinartikel angewiesen sind, sondern mit Fans via Social Media direkt kommunizieren können?

Genau. Ich betreibe alle meine Social-Media-Profile von Twitter bis Facebook selbst. Und das ist mir extrem wichtig. Weil ich so auf direktem Weg mit meinen Fans kommunizieren kann.

Das heißt, ich könnte dir eine Nachricht schreiben und du würdest mir darauf antworten?

Du könntest mich auch auf der Straße ansprechen, und ich würde mit dir reden. Letztens war ich in Madrid. Als ich mit Freunden vor einer Bar abhing, kam ein junger Typ zu mir herüber und bedankte sich bei mir. Für meine Songs, die ihm über schwierige Zeiten hinweggeholfen hätten. Dann zeigte er mir seine Tätowierung auf der Schulter: „ANGEL“. Ich habe auch so eine. 

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Irgendwie unheimlich …

Im Gegenteil! Ich fand es rührend und überwältigend zugleich. Für mich eine weitere Bestätigung dafür, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe.

Welchen Rat würdest du deinem vierzehnjährigen Selbst auf Twitter geben?

Ich würde mir raten, an meinen Traum zu glauben und hart daran zu arbeiten. Und dass ich mit dieser Einstellung keinen Plan B brauche.

Das Album, „Dua Lipa“, ist bereits erschienen.

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07 2017 The Red Bulletin

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