Norman Reedus The Walking Dead

Norman Reedus: „Ich wurde nie verwöhnt“

Fotos: Michael Muller
Text: Noah E. Davis

Daryl Dixon aus „The Walking Dead“ zu sein bedeutet: Weltstar zu sein. Doch Norman Reedus interessiert das nicht. Er lacht über Hollywood-Klischees. Und erzählt von seinem Leben vor dem späten Durchbruch: Verkrachter Künstler. Verdreckte Apartments. Manchmal sehnt er sich heute noch danach.

Ganz in Schwarz röhrt Norman Reedus auf einem Bike durch die Seitenstraßen von Georgia. Er ist auf dem Weg zum Set von „The Walking Dead“, der Erfolgs­serie, in der er als Daryl Dixon die Armbrust schwingt. Er kommt gerade aus der Kleinstadt Senoia, in der er während der Dreharbeiten wohnt. 

Eigentlich hatte Reedus ja Künstler werden wollen, eigentlich hatte er ja in Japan und Spanien gewohnt … aber Dinge wie regelmäßige Gehaltsschecks, auf die Minute festgelegte Drehpläne und andere Begleit­erscheinungen des Lebens als beliebtester Charakter eines globalen Serienhits brachten eine gewisse Konzentration aufs Schauspiel mit sich. Von Langeweile dennoch keine Spur: Schon Anfang Oktober geht es mit der sechsten Staffel von „TWD“ los, ab Frühjahr 2016 wird er neben Kate Winslet und Woody Harrelson im Thriller „Triple Nine“ zu sehen sein.

Berühmt wurde der heute 46-Jährige erst spät, und das ist gut so. So wurde er ein Star mit Seltenheitswert, ein Hollywood-Außenseiter, mit beiden Beinen am Boden geblieben. „Ich wurde nie verwöhnt“, sagt er in einem Hotel am Rande von New Orleans’ French Quarter. Mit seiner Baseballmütze sieht er aus wie ein Skater. „Ich lege Kartoffelchips und Brot immer noch in den Kühlschrank. Ich wohnte so viele Jahre in Apartments mit Ungeziefer, das bleibt dir, verstehst du?“

„Das ist der erste Job, in dem ich geregeltes Geld verdiene“, erzählt er weiter. „Und ich sage dir: Es ist verdammt cool, fixe Arbeit zu haben, statt einen Job zu suchen, um die Miete in diesem Monat zahlen zu können, und eine Kunstausstellung auf die Beine zu stellen, um auch im nächsten Monat nicht aus dem Apartment zu fliegen. Ich hab das jetzt geschafft, klar, aber im Innersten bin ich immer noch dieser Kerl, der ums Überleben kämpft.“

Norman Reedus The Walking Dead

Norman Reedus beim Shooting mit The Red Bulletin in den Sümpfen von Louisiana.

„Wenn ich seine wichtigste Eigenschaft nennen müsste, wäre es Neugier“, sagt Melissa McBride, die Carol aus „TWD“. „Norman ist immer auf der Suche. Beobachtet sehr aufmerksam, wirklich alles, die Menschen um ihn herum, die Art, wie die Dinge funktionieren, was Leute interessiert.“ Diese Neugier ist ein Instinkt, der ihn jahrelang über Wasser gehalten hat. Und sie erklärt, warum Reedus so souverän den Verlockungen des Ruhms widersteht: Er war eine Persönlichkeit, bevor er ein Star wurde.

Als Kind zog Norman Reedus mit seiner Mutter von Stadt zu Stadt, weil sie nach der Trennung von seinem Vater Jobs hinterherjagen musste. Bevor er die Highschool abschloss, begleitete er sie nach Japan, wo sie nach der Heirat mit einem Geochemiker lebte. (Später arbeitete sie als Kindergärtnerin in Harlem, als Highschool-Lehrerin in der Bronx und führte eine amerikanische Schule in Kurdistan. Wie krass Reedus auch sein mag, seine Mutter ist wohl noch krasser.) Von Tokio ging es für Reedus nach London, wo er im Schichtdienst in einem Postkarten-Shop in Piccadilly gerade genug verdiente, um sich mit Bier und Kar­toffelchips zu versorgen.

Norman Reedus Fotoshooting The Red Bulletin

„Hey, nehmt Rücksicht auf mich!“, scherzte ­Reedus vor Beginn der Aufnahmen. „Ich bin ein Stadtkind.“ Dann packte der „Walking Dead“-Star doch kräftig zu.

Von London zog Reedus nach Sitges, 30 Meilen westlich von Barcelona, aus dem Duschkopf in seiner Wohnung kam Salzwasser. „Das Apartment war nicht viel größer als so“, sagt er und umfasst den Zwei-­Personen-Tisch vor ihm mit den Armen, „aber es war ein absolut cooles Aussteiger-Paradies.“

Frauen kauften ihm die Bilder ab, die er von streunenden Katzen gemalt hatte. Hängen in den Häusern rund um Sitges Dutzende Originalwerke Norman Reedus’? „Sie landeten wohl eher im Müll“, sagt er. „Ich glaube, die Frauen hatten schlicht Mitleid mit mir.“

Norman Reedus’ Schauspiel-Karriere begann betrunken auf einer Party.

Ein Mädchen, das er in Tokio kennengelernt hatte, rief ihn an und sagte, sie sei in Los Angeles, er solle doch kommen. Er kam tatsächlich, doch sie datete dann doch lieber ihren Exfreund, ließ Reedus sitzen, der außerdem seinen Job als Motorrad-Mechaniker verlor. Doch auf einer Party in den Hollywood Hills – er hatte betrunken den Mund ziemlich voll genommen – bot ihm jemand eine Theaterrolle an. Am ersten Abend auf der Bühne wurde er von einem Agenten entdeckt, der Rest ist Geschichte.

Norman Reedus Fotoshooting The Red Bulletin

„Ich lege Brot immer noch in den Kühlschrank. Ich wohnte jahrelang in Apartments mit Ungeziefer, das bleibt dir, verstehst du?“

Acht Monate im Jahr beanspruchen die Dreharbeiten zu „The Walking Dead“, und selbst in dieser Zeit hat Reedus’ Leben rein gar nichts Hollywood-­Klischeehaftes an sich. Die übrige Crew wohnt in ­Atlanta, Reedus hat sich für Senoia entschieden, „eine Art Hippie-Kommune für reiche alte, weiße Leute mitten im Nirgendwo“, sagt er. Eine Kleinstadt, abgelegen genug, damit Reedus sicher sein kann, dass die Nachbarn allzu aufdringlichen Fans bis­weilen auch mal sagen, sie sollen sich verdammt noch mal von seinem Rasen runterscheren oder aufhören, sein Auto zu fotografieren.

„Die Wälder rund um Senoia sind ein Paradies für mich“, sagt er. „Ich fahre Motorrad, schieße Feuerwerke und kann auf der Terrasse hinterm Haus Bogen schießen. All das ist mir wichtig. Ich gehöre einfach zu jenen Menschen, die mit niemandem reden wollen, wenn sie mit der Arbeit fertig sind. Kein ‚Gehen wir was trinken‘. Eher: ‚Ihr könnt mich mal. Wir sehen uns morgen früh.‘“ 

Die Beschaulichkeit von Reedus’ Leben täuscht über seine enorme Berühmtheit hinweg: 5,4 Millionen Fans auf Facebook2,5 Millionen Follower auf Instagram, 1,8 Millionen auf Twitter, unzählige digitale Fanfictions.

Dennoch ist er weit davon entfernt, sich abzu­kapseln – ganz im Gegenteil: Bei unserem Abend­essen in New Orleans verwickelt der Star den Kellner in ein Gespräch über die Warhol-artigen Bilder an der Wand. Er diskutiert mit ihm, ob die Frau auf dem Bild wohl Jerry Hall ist; in Wirklichkeit ist es die frühere Restaurantbesitzerin. Nach dem Essen tauscht er mit einem anderen Gast, einem Soldaten, Erfahrungen über Dubai aus. Reedus beginnt die Konversation mit einem entwaffnenden „Danke für Ihren Einsatz“.

Später am Abend erzählt Reedus, wie ein Kiss-Konzert in Atlanta seinetwegen verspätet begann. Die Band wollte nämlich unbedingt vor dem Konzert – also mit perfektem, noch nicht von der Show verschmiertem Make-up – ein Selfie mit ihm schießen. Doch wegen des „TWD“-Drehs war er 20 Minuten zu spät. Er und Slash – ja, der ehemalige Guns-N’-Roses-Gitarrist und er sind Kumpels – rasten über den Highway zum Gig, während eine der größten Bands der Welt und deren nichts ahnende Fans warteten.

Reedus ist hardcore, aber dann doch wieder nicht so hardcore, dass er es genießen würde, mit einem Alligator im Arm durch die Gegend zu spazieren.

Norman Reedus hat natürlich – wie jeder Prominente – seine eigene Welt, in die er sich privat zurückzieht, doch diese Welt überschneidet sich mit jener von normalen Leuten regelmäßig und mit Absicht. Das mag damit zu tun haben, dass er immer sein eigener Chef war: Reedus machte Kunst, hatte coole Freunde aus Manhattans Kulturszene und war mit Super­model Helena Christensen zusammen (der gemein­same Sohn Mingus ist heute im Teenageralter).

Ganz sicher hat es damit zu tun, dass er ein Spätzünder im Showbiz ist: Durchbruch mit Mitte vierzig, das ist rekordverdächtig. Klar, „The Boondock Saints“, der Kultfilm von 1999, bescherte ihm schon früher ­einige Fans – „solche von der Art, die über die Straße rennen und über einen herfallen“, wie er sagt.

Norman Reedus Fotoshooting The Red Bulletin

Norman Reedus hat die reichen weißen Alt-Hippies in seiner Nachbarschaft lieb gewonnen.

Aber kein Vergleich mit den Massen, die zur Comic-Con strömen und sich wöchentlich Daryl Dixons Heldentaten ansehen. „Es ist toll, dass die Serie so erfolgreich ist“, sagt er. „Aber ein wenig hänge ich noch ­immer an dem Gedanken, durch die Welt zu fliegen und Kunst zu machen. Ich würde das wohl noch ­immer machen, um ehrlich zu sein. Ich mochte diese Zeit. Sie war großartig. Und sie ist gerade einmal fünf Jahre her.“

Und dann, am Ende unseres Interviews, kommt die Sache mit dem Alligator. Reedus steht inmitten eines Sumpfs in Louisiana auf einer wackeligen Plattform, die zwei Fallenstellerhütten trägt, die ihre besseren Tage in den 1990ern hatten. Mit dabei: die Fotocrew und eine Gruppe Wildhüter. Unter ihnen auch eine hübsche junge blonde Frau, die durch eine der alten Holzplanken eingebrochen und mit einem Bein ins Wasser getaucht war – während sie den Alligator trug. 

Reedus ist hardcore, aber nicht so hardcore, dass er es genießen würde, mit einem Alligator im Arm durch die Gegend zu spazieren. „Ich bin ein Stadtkind“, hatte er ein paar Stunden vorher gesagt, als die Alligator-Idee Gestalt anzunehmen begann. Nun hält er das Tier in seinen Armen; beide zittern, einigen wir uns auf: vor Anstrengung.

Zeit, sich zu verabschieden. Als Reedus auf dem Propellerboot davonfährt, dreht er sich zu der Truppe auf der Plattform und winkt mit hohler Hand wie eine Kandidatin bei der Miss-Wahl. Er albert rum, nach einem kräftigen Stoß aus dem riesigen offenen Ventilator verschwindet er aus dem Blickfeld, auf zum nächsten Abenteuer.

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09 2015 The Red Bulletin

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