Andrew Garfield

Oscar-Kandidat Andrew Garfield im Interview:
„Du musst leben und leben lassen“

Text: Rüdiger Sturm
Foto: Getty Images / Dave J. Hogan

Andrew Garfield war schon Spiderman und verklagte Mark Zuckerberg. Seine Rolle im Kriegsdrama „Hacksaw Ridge“ brachte ihm nun aber seine erste Oscarnominierung ein. Der US-Schauspieler im Interview über die Macht des Schicksals und das erste Trauma seines Lebens.

THE RED BULLETIN: Sie spielen in der wahren Geschichte von „Hacksaw Ridge“ einen Soldaten, der ohne einen Schuss abzufeuern, 75 Kameraden in einer brutalen Schlacht das Leben rettete. Können Sie verstehen, wie er das geschafft hat?

ANDREW GARFIELD: Nicht wirklich. Wir haben versucht, diese Schlacht so realistisch darzustellen wie möglich. Einem meiner Kollegen habe ich eine SMS geschickt – „Gefakter Krieg ist ganz schön hart.“ Der Held des Films, Desmond Doss, hat die verwundeten Soldaten eine ganze Strecke über vulkanischen Boden geschleppt und sie dann an einer Seilvorrichtung nach unten gelassen. Ich habe schon bei einem einzigen gemerkt, dass ich das nie hinkriegen würde. Das hat was Übermenschliches an sich. Vermutlich läuft es so bei Müttern, die plötzlich einen Lastwagen heben, um ihr Kind zu retten. Du bist da von einem Gefühl erfüllt, das dir in solchen Momenten die nötige Stärke gibt.

Klicken zum Weiterlesen

Und wann spüren Sie so ein übermenschliches Gefühl?

Zum Beispiel bei dieser Rolle. Dieser Mann wollte nicht, dass man einen Film über ihn dreht. Wie soll ich so jemand spielen? Ich habe da echt um göttliche Unterstützung gebeten, denn mir war klar, dass meine Fähigkeiten als solche dafür nicht ausreichen.

© Youtube // KinoCheck

Die haben Sie ja auch bekommen. Immerhin sind Sie für die Rolle jetzt für einen Oscar nominiert. Welche Lektionen fürs Leben haben Sie daraus gelernt?

Dass jeder Mensch seine individuelle Berufung und sein spezifisches Genie hat. Desmond Doss, der Held von „Hacksaw Ridge“, war dazu bestimmt, nie eine Waffe anzurühren und nie einen Menschen zu verletzen, obwohl er Soldat war. Er sagte nicht, dass andere das Gleiche tun sollten, er folgte nur seiner persönlichen Bestimmung und Überzeugung. Und so sollten wir auch denken: Jeder muss den Zweck erfüllen, den ihm das Schicksal zuerkannt hat.

Klicken zum Weiterlesen

Aber dabei sollte sich jeder Mensch nach bestimmten Werten richten. Wie sind die Ihren?

Ich kann die jetzt nicht auf die Schnelle formulieren. Aber auf jeden Fall ist ‚Leben und leben lassen’ sehr wichtig. Danach versuche ich mich ständig zu richten. Wenn jemand anders denkt wie ich, finde ich das okay. Ich würde mich deshalb nie mit ihm in die Haare kriegen. Gesunde Diskussionen sind wunderbar. Leb einfach nach dem Prinzip der bedingungslosen Liebe. Desmond Doss sah in anderen Soldaten, ob Freund oder Feind, immer nur den Menschen, und deshalb hat er allen geholfen. Und wenn du das tust, dann kriegst du Hilfe von außen, egal wie du’s nennst – ob Gott, das große Mysterium oder die Ahnen, die über dich wachen.

„Wenn jemand anders denkt wie ich, finde ich das okay. Ich würde mich deshalb nie mit ihm in die Haare kriegen.“
Andrew Garfield

Gab es Situationen, wo sie solche Hilfe hätten gebrauchen können?

Ich wurde in meiner Schulzeit von einem Schlägertypen gemobbt. Das war eine sehr verwirrende Erfahrung, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich versuchte, nett zu ihm zu sein, aber das hat es noch schlimmer gemacht. Aber zum Glück hatte ich sehr liebevolle Eltern. Die haben mir klargemacht, dass das nicht meine Schuld und dass alles mit mir okay ist. Aber so habe ich angefangen, mir Fragen übers Leben zu stellen. Ich bin neugieriger geworden, möchte den Sinn des Ganzen verstehen. Aber das ist ein konstanter Prozess. Und dafür musst du dich ständig öffnen, musst großzügig bleiben. Das ist mein Ziel.

Klicken zum Weiterlesen
02 2017 The Red Bulletin

Nächste Story