Robert Rodriguez

„Ich interessiere mich nicht für Hollywood“

Text: Ann Donahue 
Bilder: Michael Muller

Der Blockbuster dieses Sommers heißt „Sin City 2: A Dame to Kill For“. Er stammt von Robert Rodriguez. Dem Mann, der über die Regeln des Film-Business lacht.

Ein elektrischer Stuhl steht in der einen Ecke des Raums. Er ist erstaunlich groß, also zumindest für jemanden, der mit elektrischen Stühlen nicht regelmäßig zu tun hat. Er wirkt mehr wie ein bedrohlicher Thron mit Lederriemen. In der gegenüber­liegenden Ecke des Raums steht ein Beichtstuhl, ebenfalls ein ziemlich gigantisches Ding aus dunkel gebeiztem Holz, aber reich verziert mit filigranen Schnitzereien.

Der elektrische Stuhl stammt aus Robert ­Rodriguez’ Film „Sin City“ (2005), der Beichtstuhl aus „Desperado“ (1995). Die beiden Requisiten im Besprechungszimmer seiner Troublemaker Studios sind mehr als bloße Souvenirs: Sie stehen für Verderben und Erlösung. Und sie stehen einander so gegenüber, wie das diese beiden Grundthemen in Rodriguez’ Filmen üblicherweise tun.

Ganz allgemein wählt der 1968 in Texas geborene fünffache Vater die Innendekoration seiner Arbeitsräume mit offensichtlichem Bedacht. Unmittelbar neben seiner Bürotür hängt zum Beispiel eine Reproduktion der legendären Apple-Kampagne des Jahres 1997: „An alle, die anders denken: die Rebellen, die Idealisten, die Visionäre, die Querdenker, die, die sich in kein Schema pressen lassen. (…) Und während einige sie für verrückt halten, sehen wir in ihnen Genies. Denn die, die verrückt genug sind, zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es tun.“

„Es war Dwight McCarthy!Er ist übergeschnappt! Wahnsinnig! Er stieß wüste Drohungen aus … Und jetzt ist alles voller Blut! Bitte kommen Sie schnell!“
Ava Lord
Robert Rodriguez

Rodriguez: „Ich wusste, ich musste diesen Stoff verfilmen. Denn jeder andere würde ihn verpfuschen.“

Robert Rodriguez, man kann das ruhig so ­sagen, hat die Welt des Filmemachens verändert. Und das nicht einmal vom Mega-Gelände ­einer Produktionsfirma in Los Angeles aus. Er betreibt seine Troublemaker Studios in Hangars des stillgelegten Flughafens von Austin, Texas. Sein neuer Film „Sin City 2: A Dame to Kill For“ entstand sogar zur Gänze hier: Castings, Dreh­arbeiten, Kostümbildnerei, Requisite, Kom­position der Filmmusik, Special Effects. Sogar die Plakate wurden in Austins ausrangierten Hangars designt. 

Frank Miller, autor de Sin City

Frank Millers „Sin City“-Comicreihe erschien 1991 und ’92 bei Dark Horse. Robert Rodriguez’ neuer Film basiert u. a. auf Band 2, „A Dame to Kill For“, aus dem in diesem Artikel zitiert wird.

Der Film erscheint am 22. August und ist die Fortsetzung von „Sin City“, das international 158 Millionen US-Dollar einspielte. Es geht also um ziemlich viel Geld. Aber Rodriguez schert das wenig. Er behauptet seine Autonomie, unabhängig davon, wie viel Geld auf dem Spiel steht.„Irgendjemand hat dieses System Hollywood geschaffen, dieses Film-Business“, sagt Rodri­guez, und er betont Business ein wenig abfällig, „aber für kreative Leute ergibt dieses System nicht wirklich Sinn. Man braucht eine Art Brutkasten für Ideen, in dem man die Freiheit hat, Risiken einzugehen. In dem man die Freiheit hat, auch mal Fehler zu machen.“

Wer den Nachspann seiner Filme liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass die Stärken von Robert Rodriguez nicht gerade im Delegieren liegen: „Sin City 2“ etwa führt ihn als Co-Regisseur, Produzent, Komponist, Kameramann und Cutter. „Es geht nicht ums Delegieren“, sagt er. „Die Geschichte ist viel einfacher. Als ich aufwuchs, waren meine liebsten Hobbys Fotografieren, Zeichnen, Musik und Filmen. Ich habe mich fürs Filmemachen entschieden, weil ich im Rahmen eines Filmprojekts weiter alle meine Lieblingshobbys ausüben konnte. In meinen ersten Filmen habe ich also alles selbst gemacht. Und dann, als ich ins System Hollywood kam, verstand ich einfach nicht, warum ich daran etwas ändern sollte. Warum ich einige dieser Sachen aufgeben sollte, die ich so sehr mochte. Also tat ich es einfach nicht.“

Man könnte es auch kürzer sagen: Rodriguez lernte, Filme schnell und billig zu machen. 

Sehr schnell sogar. Und sehr billig.

Sein erster Streifen, „El Mariachi“ (1992), über einen Musiker, der mit einem Mörder verwechselt wird, kostete gerade mal 7000 US-­Dollar. Columbia Pictures erstand die Vertriebsrechte und gab eine Million Dollar für die Vermarktung aus. Am Ende hatte „El Mariachi“ zwei Millionen eingespielt – die Legende von Rodriguez als „Run and Gun“-Regisseur war geboren. Als jemand, der einen kompletten Spielfilm für wenig Geld in nur einem Monat drehen konnte.

„Ich war der, der Filme so kostengünstig ­produzierte, dass sie zwangsläufig Gewinn abwarfen“, sagt er. „Ich produzierte ‚El Mariachi‘ von meiner Wohnung aus. Ich dachte schon damals: Ich interessiere mich nicht für Hollywood. Hollywood interessiert sich nicht für mich. Solange der fertige Film auf ihren Schreibtischen landet und sie damit Geld machen könnten, so lange interessiert es sie nicht, wo du ihn drehst oder wie du ihn drehst.“ Nachsatz: „Und so denke ich auch heute noch.“

„Bei Marv muss man sich vorsehen. Er will keinen Ärger, aber er verursacht ständig welchen.“
Dwight McCarthy
Robert Rodriguez

„… denn die, die verrückt genug sind, zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es tun“, hängt neben Rodriguez‘ Bürotür.

„Dann kommen die Zweifel … Vielleicht ist es falsch, die schuld auf dich abzuwälzen. Vielleicht war die Katastrophe vorprogrammiert, als ich das Monster von der Leine ließ.“
Dwight McCarthy

Was Hollywoods Vertrauen in Rodriguez endgültig festigte, waren die „Spy Kids“-Filme ab 2001. Mittlerweile gibt es vier davon, und sie spielten weltweit mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar ein. 

Dieser Erfolg gab Rodriguez die Möglichkeit, jedes Herzensprojekt zu verfolgen, das er wollte. Und was er wollte, wovon er regelrecht besessen war: eine Reihe brutaler Film-Noir-artiger Comic­romane von Frank Miller zu verfilmen. „Es kam damals öfter vor, dass ich in den Comicladen ging, einen Band von ‚Sin City‘ kaufte und zu Hause feststellte, dass ich bereits drei Exemplare davon besaß“, erzählt Rodriguez. „Ich habe diese Comics einfach so sehr geliebt, und ich wusste, ich musste diesen Stoff verfilmen. Denn jeder ­andere würde ihn einfach nur verpfuschen.“

„Ich interessiere mich nicht für Hollywood. Und Hollywood interessiert sich nicht für mich.“
Robert Rodriguez

Was Rodriguez an den Büchern mehr als alles andere faszinierte, war ihr Bildstil: Miller zeichnet in reinem Schwarz-Weiß. Wie bei seinen ­Charakteren gibt es keine Schattierungen. Keine Graustufen. Er erzählt Geschichten von entstellten Mördern, Prostituierten, rachsüchtigen Cops und korrupten Politikern. 

Im ersten „Sin City“-Streifen brachte Rodri­guez 2005 den Dreck und das Blut von Millers Zeichnungen auf die Leinwand, indem er dem Publikum knallhartes Schwarzweiß mit partiellen Kolorierungen zumutete. Ein mutiger Schritt, dennoch sagt Rodriguez: „Im ersten Film wollte ich es nicht auf die Spitze treiben. Ich dachte, die Leute würden es nicht verstehen. Doch dann meinten sie, es sei visuell bahnbrechend. Und ich dachte nur: Oh mein Gott, ich bin ja noch nicht mal annähernd in die Vollen gegangen.“

Auf „Sin City“ folgte unter anderem die ­Double-Feature-Zusammenarbeit „Grindhouse“ mit Quentin Tarantino; kommerziell gesehen ein Misserfolg, für Rodriguez führte sie immerhin zu zwei Spin-offs, den kitschig-kultigen Streifen „Machete“ und „Machete Kills“. Doch jedes Mal, wenn er sein Troublemaker-Büro betrat, fiel sein Blick auf die hinter seinem Schreibtisch auf­gereihten Ausgaben von Frank Millers Comic­romanen. Nach fast zehn Jahren wollte Rodriguez endlich wieder nach „Sin City“ zurückkehren.

Robert Rodriguez

„Wenn man sein eigenes Studio hat, braucht man niemanden um Erlaubnis zu fragen, wenn man loslegen will“, sagt Rodriguez.

„Eine halbe Stunde später bin ich in den Hügeln am Rand der Stadt. Dort oben, wo ein frischer Wind weht. Und die feinen Leute zu hause sind.“
Dwight McCarthy

Die Arbeiten an „Sin City 2“ begannen mit einem Anruf: Rodriguez wählte die Nummer von Jessica Alba, die im ersten „Sin City“-Streifen die exotische Tänzerin Nancy Callahan gespielt hatte. Er bat sie, bei ihm in den Studios vorbeizuschauen. Sechs Monate vor Drehbeginn von „Sin City 2“ erhielt sie das Skript und fing an, mit einem Choreographen die diversen Tänze der Nancy Callahan einzustudieren. Als sie bereit war, war ihre Arbeit in Austin eine Sache weniger Tage. „Robert erledigt einfach alles wahnsinnig schnell“, sagt sie. „Und dabei bleibt er wirklich gelassen und freundlich.“

Außer Alba hatte Rodriguez noch keine ­weiteren Schauspieler gecastet, als er zu drehen begann. „Wenn man sein eigenes Studio hat, braucht man niemanden um Erlaubnis zu fragen, wenn man loslegen will“, sagt er. „Sobald der Zug die Station verlässt, springen die Leute ­ohnehin auf.“ Und tatsächlich: Innerhalb weniger Tage befanden sich zwei weitere Stars an Bord des Zugs: Eva Green, sie verkörpert die im Titel genannte Dame to kill for. Und Joseph Gordon-Levitt, der einen Glücksspieler auf geheimnisvoller Mission darstellt.

Als er den ersten Teil von „Sin City“ machte, war Rodriguez einer der Pioniere der Greenscreen-Technik, bei der die Schauspieler vor blankem Hintergrund gefilmt werden und die Umgebung erst während der Nachbearbeitung der so ­gedrehten Szenen digital hinzugefügt wird. ­Rodriguez’ Greenscreen-Kulisse in den Troublemaker Studios ist gewaltig: ein höhlenartiges Set von der Größe einer Fabrikshalle, komplett in ­einem Tropisches-Insekt-Neongrün gestrichen.

Für Leute, die noch nicht mit dieser Technik gearbeitet haben, kann es eine ziemlich heftige Erfahrung sein. „Als Josh Brolin auftauchte, fragte er: ‚Wo ist Mickey Rourke?‘, und ich sagte: ‚Mit seinen Aufnahmen bin ich schon fertig‘“, erinnert sich Rodriguez. „Er war völlig vor den Kopf gestoßen: ‚Alle meine Szenen sind doch mit Mickey?! Wir trinken was zusammen, er fährt mich in Autos rum!‘, und ich sag nur: ‚Ich weiß.‘“

Die Story von „Sin City 2: A Dame to Kill For“ verbindet gleich vier von Millers Geschichten – zwei zuvor unveröffentlichte, den titelgebenden Comicroman und den Band „The Long Bad Night“. Die Fortsetzung greift vieles vom Charakter des ersten Teils auf; doch Rodriguez möchte, dass diesmal alles größer, heftiger und noch näher am „Shock and Awe“-Stil von Millers Werk ist, er soll zugleich erschrecken und faszinieren. 

Der Film hält an der Schwarz-Weiß-Gewichtung des Originals fest – allerdings erscheint er dieses Mal in 3-D. „Ich wollte weiter in Richtung dessen gehen, was die Bücher ursprünglich geboten haben“, sagt Rodriguez. „Wenn man etwas so Außergewöhnliches hat, dann möchte man dem auch gerecht werden.“ 

Und dennoch blieb er seinem Ruf gerecht: Für die Filmaufnahmen brauchte Robert Rodriguez 35 Tage. Das ist ein Drittel der Zeit, die normaler­weise für einen Sommer-Blockbuster mit großem Budget benötigt wird.

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08 2014 THE RED BULLETIN

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