Wotan Wilke Möhring im Interview: Bleib Hungrig!

Wotan Wilke Möhring im Interview: „Ich biege gern vom Weg ab“

Text: Rüdiger Sturm
Fotos: David Fischer

Nur wer neugierig bleibt, führt ein erfülltes Leben, sagt Wotan Wilke Möhring. Der Schauspieler weiß, wovon er spricht. Ein Interview über Fallschirm-Sprünge, Spanisch-Stunden und die Sache mit der Giftschlange in Mexiko.

Grau-tristes Regenwetter in Köln, doch Wotan Wilke Möhring ist davon unbeeindruckt. Wie ein junger Hund tobt der Schauspieler hier am Rheinufer entlang, joggt Treppen rauf und runter, klettert auf Bäume, wirft ­Steine. Diese Überdosis an Energie hat den Neunundvierzigjährigen zur aktuell ehrlichsten Allzweckwaffe im deutschen Film und Fernsehen gemacht.

In seinem neuesten Streifen, der Komödie „Happy Burnout“, verblüfft er in einer Rolle, die ganz im Widerspruch zum adrenalin­geladenen Sportler steht: Er flüchtet als leidenschaftlich fauler Punk in ein Sanatorium, um eine Bescheinigung für Arbeitsunfähigkeit zu bekommen. Für Möhring ein Ausflug in seine eigene Vergangenheit.

„Happy Burnout“ kommt am 27. April in die Kinos.

© Youtube // KinoCheck

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THE RED BULLETIN: Beim Red Bulletin-­Shoot trotzen Sie als gestählter Rocky‑Typ Wind und Wetter. Im Film „Happy Burnout“ spielen Sie einen phlegmatischen Punk, der in den Tag hineinlebt. Haben diese beiden Figuren noch was gemeinsam?

WOTAN WILKE MÖHRING: Der Punker verkörpert das Element des Chaos. Und Chaos tut vielen eingefahrenen Situationen gut, auch wenn es manchmal mit schmerz­haften Erfahrungen verbunden ist – du musst vom Gewohnten Abschied nehmen, musst neuen Dingen begegnen. Für einen Sportler ist das wie ein Kick, der ähnlich wirkt wie Chaos.

Physische Strapazen sind ja manchmal gut, um den Geist anzuschubsen …

Ja. Das merke ich, wenn ich mal bei einem Dreh eine Nacht nicht schlafe. Wenn du da durchmachst, kommst du danach auf ganz andere Gedanken. 

Sie waren in Ihrer Jugend selbst Punk – warum eigentlich?

Es war eine wichtige Ablösung und Abgrenzung vom Elternhaus. Und ich habe dabei gelernt, dass die Meinung anderer nicht so wichtig ist. Dass der Wert eines Menschen nichts mit seinem Äußeren zu tun haben muss und es auf das Innenleben ankommt. Viele Menschen haben das anders gesehen.

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Was ist da passiert?

Ich bin wegen meines Aussehens nicht mehr in Kneipen hineingekommen, in denen ich vor meiner Punkzeit keine Schwierigkeit gehabt hatte. Einmal sah ich in einem Baumarkt eine alte Frau, die schwere Holzlatten gekauft hatte. Ich wollte ihr helfen, sie nach Hause zu tragen, aber sie ist vor mir weggerannt, weil sie wohl dachte, ich wollte sie ihr klauen. Das Extremste war, als ich von Neonazis angegriffen wurde. Einmal hielten sie mir eine Knarre an den Kopf, ein andermal wurde ich krankenhausreif geprügelt.

Hat Sie das eingeschüchtert?

Ich fand das alles grotesk. Das hat mich darin bestätigt, noch mehr dagegen zu sein und die Haltung „Du darfst nur so sein und nicht anders“ nicht an mich heranzulassen.

Sie gingen danach zur Bundeswehr – das passte ja so gar nicht zusammen …

Ich wollte erst verweigern und mit geistig Behinderten in New York arbeiten, aber das ging nicht, war zu kompliziert. Und dann habe ich gesehen, dass sich viele von meinen Freunden nur drücken wollten, aber ich hatte keine Lust dazu. Viele, die über die Bundeswehr genörgelt haben, waren gar nicht dabei gewesen. Ich dachte mir: „Jetzt gehe ich hin und schaue mir das an.“ Etwas aus erster Hand zu erfahren ist was anderes, als Halbwahrheiten wiederzukäuen, die man aufgeschnappt hat.

Wir ahnen es bereits: Nun folgte ein Albtraum …

Meine Haare wurden abgeschnitten, meine Ringe und Armbänder mussten runter – anfangs habe ich es angenommen wie ein Gefangener in Alcatraz, nach dem Motto „Jetzt musst du das durchhalten“. Aber ich hatte einen sehr starken Willen und habe viel auf diese Weise geschafft.

Wotan Wilke Möhring

„Ich mag es, ins kalte Wasser zu springen.“
Wotan Wilke Möhring

Auch mit Hilfe von Sport?

Ich war komplett unsportlich, als ich da hin bin, aber dann war ich einer der Besten, weil ich es den Leuten zeigen wollte. Das mache ich immer noch: Ich mag es, ins kalte Wasser zu springen und meinen Mann zu stehen. Letztlich hatte ich dann dort eine Superzeit.

Wir konkurrierten alle miteinander: Wer darf als Erster springen? Wer macht den besten Offizierslehrgang? Ich habe sogar ver­längert. Für mich war das wie ein Riesenspielplatz. Ich habe auch noch nie so viel Zeit in der Natur verbracht. Und danach war ich fit wie ein Turnschuh. Muskelkater hat mir nichts mehr ausgemacht.

Dass Soldaten als reine Befehls­empfänger gelten: Damit hatten Sie keine Probleme?

Im Soldatengesetz steht, es gebe keinen Befehl wider das eigene Gewissen. Warum soll dir jemand einen Schwachsinnsbefehl geben? Übungen haben einen Zweck, und zwar den, dass du im Notfall alles automatisiert beherrscht. Außerdem war es für mich wichtig, dass das ständige Aufbegehren, mit dem ich als Punk meinen Vater nervte, nicht zu einer Masche wird. Eine innere Stimme sagte: „Du musst lernen, die Schnauze zu halten und nicht immer die erste Geige zu spielen.“ 

Konnten Sie danach mit diesen neuen­ Erfahrungen etwas anfangen? Sie ­wurden ja nicht sofort Schauspieler.

Nach der Bundeswehr überlegte ich, ob ich nicht in den USA Firejumper werde – also zu den Spezialeinheiten der Feuer­wehr gehe, die in der Natur in einem Brandgebiet abspringen. Allerdings scheiterte es daran, dass ich keine Green Card hatte. Ich habe mich dann für jeden möglichen Scheißdienst gemeldet und bin mit der kompletten Kohle eineinhalb Jahre auf Reisen gegangen.

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Vermutlich nicht auf Wellness-Urlaub.

Garantiert nicht. Ich habe da tausend gefährliche Situationen erlebt. 

Zum Beispiel?

In Mexiko war ich sechs Wochen mit Hippies unterwegs, und einmal hat mich beim Wandern eine Schlange gebissen. Einer der Typen hat mir etwas gegeben und an der Wunde rumgesaugt, und damit hatte sich das Ganze erledigt. Oder in Las Vegas wollte ich von einem Dealer was zum Rauchen kaufen. Das war dummerweise zwei Nebenstraßen vom Strip entfernt. Er meinte, ich solle dort warten, und ist mit meinen 20 Dollar weg – das war für mich unendlich viel Geld, und so bin ich hinterher. Aber dann wurde ich von seinen Kompagnons verjagt und hatte mich am Ende total verlaufen. Ich kann es keinem empfehlen, in Las Vegas nachts abseits der beleuchteten Straßen loszuziehen.

Sie haben auch als Türsteher gejobbt. Gab’s da ebenfalls haarige Situationen?

Klar. Ich hatte zwar einen Rausschmeißer, aber der war aus der russischen Armee desertiert und durfte in keine Schlägerei verwickelt werden. Also stand ich immer­ allein da. Einmal habe ich ein paar Typen­ weggeschickt, die Drogen verticken ­wollten, aber die warteten bis morgens um fünf, sechs Uhr draußen auf mich. Wir hatten kein Telefon, um die Polizei zu rufen. Also musste ich durchs Klofenster in den Innenhof und mich nach Hause verdrücken. Ein andermal war ich unter­wegs, um Eis für den Club zu kaufen, und auf dem Berliner Ku’damm hätte ich beinah einen Wagen gerammt, in dem gerade ein Mafia-Deal am Laufen war. Mir sind da alle möglichen Sachen passiert.

Tipp von Wotan: „Bleib wach und hungrig … erst wenn du tot bist, ist es vorbei.“

Hatten Sie jemals richtig Angst?

Wirklich Panik hatte ich nur einmal, bei meinem Aufenthalt in Mexiko. Mit einer Bekannten bin ich aufs Meer rausgeschwommen. Da war ein Boot draußen im Wasser, zu dem wollten wir hin. Die Wellen wurden immer größer, und auf einmal habe ich um das Boot rum viele dunkle Flossen gesehen. Da war klar: Das ist ein Fischerboot, und um das kreisen lauter Haie. Keiner hat einen Mucks gemacht, um den anderen nicht noch mehr zu ängstigen. Wir meinten nur: Lass uns umdrehen. Aber ich hatte noch die Spuren meines Schlangenbisses an mir, und Haie können Blut ja meilenweit riechen. Ich dachte, die kommen jeden Moment, und bin wie ein Wahnsinniger geschwommen und dann mit Armen wie aus Blei auf dem Strand gelegen.

In Ihrem Film geht’s auch ums Erwachsenwerden. Sind es solche Erfahrungen, die einen zum Mann machen?

Nein. Das war kein Vergleich zur Geburt meines ersten Kindes, bei der ich auch dabei war. Da habe ich mich zum ersten Mal erwachsen gefühlt. Geburt und Tod, das sind die größten Offenbarungen, das sind Schnittstellen zu einer anderen Welt. Die Geburt meiner Kinder, auch der Tod meines Vaters, das sind ebenfalls Erfahrungen von Chaos, wo du dich selbst erkennst und dein Leben umso intensiver spürst.

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Sie holen sich Ihre Dosis Chaos aber nicht nur bei Extremerfahrungen …

Natürlich nicht. Dafür habe ich meinen­ Beruf. Ich habe das Glück, dass ich zwischen den Projekten wählen kann. Jede Rolle ist anders. Das ist die maximale Befriedigung, dass wir über einen Punk wie in „Happy Burnout“, einen „Tatort“-Kommissar oder über Old Shatterhand reden. Dieser Beruf ist für mich genau das Richtige an Adrenalin und Herausforderung. Außerdem habe ich noch ­meine mittlerweile drei Kinder – mit ­denen ist jeder Tag anders.

Aber Ihr eigenes Leben planen Sie?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt bei mir nichts Geradliniges, ich bin immer vom Weg abgebogen, weil sich das für mich richtig anfühlte. Mein einziges Ziel ist es, meine Lebensfreude und Kraft zu erhalten. Und das erfordert, dass du nicht immer dasselbe machst und nicht aufhörst, zu lernen. Deshalb habe ich jetzt Spanisch gelernt und bin gerade dabei, Surfen zu lernen. Du musst wach und hungrig auf das Leben bleiben, das ist nicht mit einem bestimmten Alter vorüber. Erst wenn du tot bist, ist es vorbei.

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05 2017 The Red Bulletin

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