Österreich mangelt es an IT-Developern

Wo sind Österreichs digitale Talente?

Text: Christoph Kristandl
Foto: Pexels

Österreich mangelt es an IT-Entwicklern. Eine Situation, die die Innovationskraft des Landes bremst und daher für Beunruhigung unter Startups und Unternehmen sorgt, die Innovationen kreieren wollen. Um diesem Problem auf den Grund zu gehen und nach Lösungen zu suchen, lud „WeAreDevelopers“-Gründer Ben Ruschin Experten zu einem Gespräch, dem „The Red Bulletin Innovator“ beiwohnen durfte.

Unsere Welt wird in rasantem Tempo immer mehr durchdrungen von Technologie, die digitale Transformation schreitet unaufhaltsam voran und beeinflusst all unsere Lebensbereiche massiv. Egal ob wir uns über die vielen neuen Annehmlichkeiten dieser Entwicklung freuen oder um unsere Arbeitsplätze bangen, weil irgendwann ohnehin alles von Algorithmus-gesteuerten Robotern erledigt werden wird - eines dürfen wir nicht vergessen: Es braucht Menschen, die mit dem technischen Fortschritt und der Digitalisierung umgehen, sie verstehen, weiterentwickeln und vorantreiben können.

Doch gerade in Österreich herrscht momentan ein deutlicher Mangel an qualifiziertem IT-Personal, der es schwierig macht, mit dem Tempo der Digitalisierung mitzuhalten, bestätigt Ben Ruschin. Er und seine Mitgründer Thomas Pamminger, Sead Ahmetovic und Markus Wagner haben es sich mit „WeAreDevelopers“ zur Aufgabe gemacht, Unternehmen mit den cleversten IT-Talenten und Entwicklern Europas zusammenzubringen, denn der Bedarf von etablierten Unternehmen und Startups kann derzeit nicht gedeckt werden.

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„Einige Studien zeigen uns, dass bis zu 90 Prozent der Jobs, die in den nächsten Jahren neu geschaffen werden, im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) entstehen werden. Wir sind aber offensichtlich in einer Starre und schaffen es nicht, aus unserem Vakuum herauszukommen“, meint Eveline Steinberger-Kern, Geschäftsführerin der Blue Minds Company und Mitinitiatorin von weXelerate, dem aktuell in Wien entstehenden, größten Startup-Zentrum Zentraleuropas.

Zahlen belegen den Mangel

WeAreDevelopers-Gründer Ben Ruschin

Ben Ruschin stellt die Frage, warum es an qualifizierten Developern mangelt.

© Tamas Künsztler

Den Engpass im IKT-Bereich verdeutlicht Isabella Meran-Waldstein, wenn sie sagt, dass acht von zehn Unternehmen Probleme haben, entsprechendes Personal für Zukunftsfelder zu finden. Die Bereichsleiterin Forschung, Technologie und Innovation der Industriellenvereinigung ortet ein generelles Problem bei der Rekrutierung von Personal aus den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), „weil es uns nicht gelingt zu kommunizieren, dass hier die Jobs der Zukunft liegen. Studien zeigen, dass etwa bis zum Jahr 2020 in Österreich 40.000 zusätzliche MINT-Jobs geschaffen werden können.“

Mit ihrer Einschätzung, dass diese Fachbereiche und insbesondere technische Berufe über kein gutes Image verfügen, steht Meran-Waldstein nicht alleine da. „Es ist schwierig, die jungen Leute dafür zu begeistern, wenn die Anerkennung in der Gesellschaft nicht gegeben ist. Bei vielen Eltern haben klassische Studien wie Rechtswissenschaften oder Medizin einen deutlich höheren Stellenwert als technische und naturwissenschaftliche Studienrichtungen. Das ist etwa in Südamerika, den USA, Kanada, aber auch im östlichen Raum anders“, meint Gabriele Költringer, Geschäftsführerin des Technikum Wien.

Trotz Bemühungen, die Vorzüge technischer Berufe zu vermitteln, scheinen sich viele junge Menschen gegen eine Karriere in diesem Bereich zu entscheiden, weil sie ein beschränktes Verständnis von Technik haben. „Wenn ich jemanden frage: ‚Was ist Technik?’, dann kommt von 80 Prozent die Antwort ‚Maschinenbau’. Dabei ist Technik so vielfältig“, wirft Johann Pluy ein. Der Geschäftsführer des ÖBB-Business Competence Center sucht ständig neue Mitarbeiter, die es schaffen, die Anforderungen und Probleme des Bahn-Kerngeschäfts in die digitale Welt zu transformieren und zu lösen. Allein 2017 benötigt er 80 weitere Personen. 

Menschen haben ein eingeschränktes Verständnis von Technik

Isabella Meran-Waldstein und Eveline Steinberger-Kern

Isabella Meran-Waldstein (li.) im Gespräch mit Eveline Steinberger-Kern.

© Tamas Künsztler

„Da sind wir als Eltern genauso gefordert wie die Schulen, ein Verständnis von Technik zu vermitteln, das der Realität entspricht. Und wir dürfen nicht vergessen, dass nicht jeder ein Hochschulstudium abschließen muss, es gibt daneben auch die Lehrberufe“, sagt Pluy, der aber auch weiß, dass diese oft nicht mehr mit den heutigen Anforderungen zusammenpassen: „Wir kaufen hochkomplexes Equipment ein und brauchen daher auch Leute, die jene Skills haben, um damit zu arbeiten.“

Für viele junge Menschen sei schon die fordernde Mathematik in der Oberstufe abschreckend und ein Grund, eine weitere Beschäftigung mit Technik auszuschließen. Dabei scheitere es oft an der Übersetzung, wofür man Mathematik oder Naturwissenschaften benötigt. „Wir bemühen uns mit einigen Initiativen intensiv darum, die MINT-Fächer vor den Vorhang zu holen und aufzuzeigen, welche Chancen sie für die Zukunft und das Berufsleben bieten können. Wir brauchen aber auch den Blick für das große Ganze. Qualitäten wie Interdisziplinarität, Entscheidungskompetenz und die Bereitschaft für lebenslanges Lernen sind darüberhinaus von hoher Bedeutung“, spricht Meran-Waldstein einen Punkt an, der vor allem in der schnelllebigen Technikbranche unumgänglich ist:

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Man muss sich selbst ständig weiterentwickeln und immer wieder auf den neuesten Stand bringen. Ein Aspekt, der laut der Expertenrunde auch einen Teil zum geringen Interesse an der Technik beiträgt und ein tieferliegendes, gesellschaftliches Phänomen im mitteleuropäischen Raum freilegt.

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„Wir haben heute eine andere Leistungskultur, als sie unsere Generation vielleicht noch von unseren Eltern vorgelebt bekommen hat, etwa was die Erwartungen eines höheren Ausmaßes an Freizeit angeht. Ich möchte das nicht kritisieren, aber wir bewegen uns auf einem globalen Spielfeld und es gibt Regionen, in denen eine andere Leistungskultur herrscht“, erklärt Steinberger-Kern, die dank ihres Engagements in Israel über tiefe Einblicke in die oftmals als positives Beispiel angeführte dortige Startup-Szene verfügt.

Fokus auf die vorhandenen Stärken

Gabriele Költringer und Johannes Pluy

Gabriele Költringer (li.) mit Johann Pluy.

© Tamas Künsztler

Israel gilt als Tech-Hotspot, der sich in einem schwierigen geopolitischen Umfeld über die letzten drei Jahrzehnte aufgebaut hat. Nirgendwo anders auf der Welt werden in Relation zur Bevölkerungszahl so viele Startups gegründet wie dort. „Und damit sind nicht alle Unternehmensgründungen gemeint, wir sprechen hier von disruptiven Geschäftsmodellen, die international skalierbar sind“, weiß Steinberger-Kern.

Um mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können, scheint es sinnvoll, sich auf gewisse Bereiche zu konzentrieren, schon in der Ausbildung des benötigten Personals. „Ich bin eine Anhängerin davon, hier nicht in die Breite zu gehen, dazu ist der Wettbewerb global einfach zu hart. Wir haben in Österreich gewisse Industriekompetenzen, mit denen wir an der Weltspitze mitspielen können. Wenn wir beispielsweise eine hohe Kompetenz im Kunststoffsektor haben, wie es etwa in Oberösterreich der Fall ist, müssen wir prüfen, welche Skills wir benötigen, um dieses Thema digital zu bearbeiten und auf eine neue Ebene zu heben“, sagt Steinberger-Kern.

Pluy pflichtet diesem Gedanken bei und fordert wenn notwendig auch Mut zur Lücke, zugunsten einer Fokussierung auf bestimmte Spezialgebiete: „Wir müssen uns im Klaren darüber sein, welchen Mindeststandard wir in welcher Ausbildungsetappe anpeilen und worauf wir uns dann fokussieren können. Denn wenn ich Mitarbeiter entwickle, dann muss ich auch seine jeweiligen Stärken fördern. Ich muss darauf achten, ein Mindestlevel zu bekommen und dann dort ansetzen, wo jemand großes Potenzial hat. Ich versuche so ein Puzzle zu bauen, ohne fehlende und ohne doppelte Teile.“

Ein guter Developer ist ein Puzzleteil, der vor allem Startups oft fehlt, um ihre innovativen und potenziell disruptiven Ideen umzusetzen, denn neben quantitativem Mangel ortet Steinberger-Kern auch qualitativen Nachholbedarf. „Es geht oft nicht darum, einen App-Entwickler oder Webdesigner zu finden, sondern Menschen, die ausgebildet sind, um neue Algorithmen zu entwickeln, mit Machine Learning, Deep Learning oder Predictive Analysis zu arbeiten. Da habe ich das Gefühl, wir produzieren am Bedarf vorbei, denn diese Leute findet man kaum. Und wenn wir diese Leute nicht selbst ausbilden können, müssen wir über unsere Grenzen hinaus suchen, denn Talente sind der entscheidende Wettbewerbsfaktor.“

Was muss passieren, um die benötigten Talente zu produzieren?

Die Expertenrunde ist sich einig, dass Initiativen wie WeAreDevelopers aktuell einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie den vorhandenen Talenten eine Plattform bieten, sie sichtbar machen und versuchen, mit den Helden der Szene Vorbilder für den Nachwuchs aufzuzeigen. Längerfristig muss die digitale Transformation aber vor allem in den Köpfen der Menschen ankommen und in allen Gesellschaftsbereichen gelebt werden. Von der Erziehung, über Aus- und Weiterbildungseinrichtungen sowie Unternehmen.

Technik und die ihr zugrundeliegenden Naturwissenschaften müssen wieder als das verstanden werden, was sie sind: Nicht nur lästige Fächer, sondern bedeutende Zukunftsfelder. Nur durch eine enge, strukturierte und fokussierte Zusammenarbeit aller Akteure können in Österreich die notwendigen Ökosysteme entstehen, die es hellen Köpfen ermöglichen, ihre Ideen umzusetzen und die Welt zu verändern.

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02 2017 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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