Dan Chen baut Roboter, die Intimität erzeugen

Dan Chen: Der Herr der Intimitäts-Roboter

Text: Christoph Kristandl
Bild: TEDxVienna

Dan Chen baut Maschinen, die Intimität vermitteln und hat eine Reihe von Roboter-Freunden geschaffen. Er selbst hat mehr als genug echte Freunde - und dennoch Schwierigkeiten mit einigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

Wer glaubt, Streichelmaschinen gäbe es nur in Erzählungen der Big Bang Theory, der hat die Rechnung ohne Dan Chen gemacht. Der Designer und Ingenieur hat eine ganze Reihe von Roboter-Freunden gebaut, die ein Gefühl von Intimität vermitteln sollen. Und das Beste: Jeder kann sie nachbauen.

„Making friends by making them“, lautet der Titel, unter dem Chen Freund 1 und seine vier Brüder designt hat. Nicht die einzige Kreation, mit der er für Aufsehen sorgt. Auch ein Teamgeist -Generator, eine Zuhörmaschine sowie der Last-Moment-Roboter, der sich mit Berührungen und gutem Zureden um Sterbende kümmert, sind Teil seines breiten Sortiments.

Der Verdacht einer Parodie auf unsere immer distanzierter erscheinende Gesellschaft drängt sich beim Anblick der recht plump wirkenden Geräte auf. Eine solche liegt Chen allerdings fern.

„Es dreht sich in meinen Projekten vornehmlich um die Frage, was Intimität ohne Menschlichkeit ist“, sagt er. „Von einem Roboter berührt zu werden, ist seltsam. Man fühlt sich irgendwie wohl, gleichzeitig denkt man aber; verdammt noch mal, das ist eine Maschine. Warum ruft es also angenehme Gefühle in uns hervor? Ich möchte, dass die Menschen das entdecken, es ausprobieren und sich vielleicht daran gewöhnen. Womöglich werden solche Roboter in Zukunft Teil unseres Lebens sein, ich weiß es nicht. Ich spiele einfach gerne mit diesen Ideen.“

Spielen ist das Stichwort. Der 33-jährige strotzt vor kindlicher Begeisterung und dem Drang, Dinge auszuprobieren. Sein Geld verdient er als Forschungsassistent am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT), kuriose Roboter zu bauen ist sein Hobby. Sie sind in Ausstellungen zu sehen und können als Open Source via Anleitung bzw. 3D-Drucker von jedem nachgebaut werden.

© Youtube // TEDx Talks

Wo sein Schaffen einzuordnen ist, weiß er selbst nicht genau, als Künstler würde er sich aber nicht bezeichnen: „Wenn ich designe und produziere, gehe ich das ziemlich technisch an. Ich überlege, welche Elemente ich verwenden will und wie ich das geplante Endprodukt erreichen kann. Meine grundsätzliche Einstellung ist aber sehr künstlerisch: Wen interessiert schon, ob das Projekt jemanden interessiert. Ich möchte es einfach machen und sehen, wie es funktioniert. Aber wenn Leute es mögen, macht mich das natürlich zusätzlich glücklich.“

Im Alter von 16 Jahren kam der gebürtige Taiwanese mit seiner Schwester in die USA, musste sich einen neuen Freundeskreis aufbauen und hatte anfangs mit Sprachbarrieren zu kämpfen. Rührt daher sein Interesse für intimitätsvermittelnde Roboter? Quält ihn gar selbst die Einsamkeit, ein Mangel an Zuneigung und die Sehnsucht, diesen durch Maschinen auszugleichen?

„Ich habe eine Menge Freunde aus Fleisch und Blut“, wischt Chen diese Vermutung mit einem breiten Grinsen vom Tisch. Seine Anfangszeit in Amerika sei hart, aber auch interessant gewesen – insgesamt nichts Außergewöhnliches.  

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Mit so mancher gesellschaftlichen Konvention hat er aber doch Probleme, wie er zugibt: „Manchmal hast du zu viele Freunde, das kann stressig werden und viel Arbeit sein. Partys hasse ich beispielsweise. Die Leute stehen herum, halten in der einen Hand ihren Drink und in der anderen ihr Handy, in das sie ständig starren. Du musst mit jedem sprechen, permanent zuhören, worüber sie sich gerade unterhalten, damit du zum richtigen Zeitpunkt in die Diskussion einsteigen kannst – das ist Schwerstarbeit und auch ein bisschen bizarr. Ich fühle mich in solchen Situationen unwohl.“

Es ist nur ein Beispiel, an dem Chen auffällt, wie sich dasselbe Schema wiederholt. Die immer gleichen Eisbrecher, die einen Abend ins Rollen bringen. Formularartiges Arbeiten oder das strikte Befolgen von schrittweisen Abläufen. Wir funktionieren wie Computer-Skripte, die wiederholt dieselben Vorgänge ausführen. Chen sieht das nicht kritisch, im Gegenteil. Diese Verhaltens-Schablonen haben sich in unserem Alltag bewährt, sie funktionieren. „Aber manchmal denke ich, während Roboter immer menschlicher werden, werden die Menschen immer roboterhafter. Ich habe die Theorie, dass wir in Zukunft durch Roboter Menschlichkeit lernen werden“, meint Chen.

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Obwohl seine Roboter Intimität vermitteln, hegt er keine besondere Beziehung zu seinen Schöpfungen: „Ich baue einen, abgeschlossen. Ich baue einen, abgeschlossen. Und ich schätze diese Freiheit auch. Ein Künstler hält sich normalerweise an seinen Stil, ansonsten würden seine Fans ausrasten. Aber ich kann machen, was ich will. Und vieles ist einfach zu meiner eigenen Belustigung.“

Die Ideen für seine Konstruktionen bezieht Chen aus Beobachtungen im Alltag. Eine weitere Quelle ist Komiker Larry David, den Chen als seine „soziale Inspiration“ bezeichnet. Mit ihm teilt er nicht nur die Abneigung für Partys, die Sketche und Zitate des New Yorkers („Jede soziale Situation ist ein potenzieller Albtraum“) öffnen Chen immer wieder die Augen für Probleme und Macken im gesellschaftlichen Umgang.

„Ein kleines bisschen schwarzer Humor steckt auch oft in meinen Projekten“, gibt Chen zu. Und die Kreativität des Erfinders von Okay-TherapeutKuschel-Maschine oder Roboter-Katze stößt noch lange nicht an ihre Grenzen.

Gibt es eigentlich etwas, das Dan Chen nicht bauen würde? „Sex-Roboter. Dabei würde ich mich unwohl fühlen und es entspricht auch nicht meinem Zugang. Ich mache alles spielerisch, aber das ist doch ein sehr ernstes Thema“, meint Chen und ergänzt: „Killer-Roboter. Die auch nicht.“

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