Bestseller-Autor Marc Elsberg im Interview

Marc Elsberg:
„Durch Gentechnik wird es gesellschaftliche Wertverschiebungen geben“

Interview: Martina Powell
Foto oben: Clemens Lechner

In Zukunft werden wir noch mehr an unseren Genen schrauben. Was das für unsere Gesellschaft bedeutet, thematisiert Bestseller-Autor Marc Elsberg in seinem neuen Buch. Und im Interview mit The Red Bulletin Innovator.

In seinen Büchern blickt Bestseller-Autor Marc Elsberg in die Zukunft. Und verknüpft sie mit der Gegenwart. Denn was so manchem Leser wie pure Science Fiction erscheinen mag, basiert teilweise auf bereits Realem.

Sein neuestes Werk „Helix“ beschäftigt sich mit Gentechnik und damit, welche Blüten sie künftig treiben wird.

Mit The Red Bulletin Innovator sprach Marc Elsberg über …

  • die genetische Verbesserung des Menschen
  • die Folgen für die Gesellschaft
  • Herausforderung und Gefahren, vor denen wir stehen
  • seine Rolle zwischen Euphoriker und Skeptiker
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THE RED BULLETIN: Herr Elsberg, in Ihren Science-Fiction-Büchern beschreiben Sie apokalyptische Szenarien. In „Zero“ geht es um totale Überwachung, in „Blackout“ um Hackerangriffe auf unser Energienetz. Ihr aktuelles Werk „Helix“ dreht sich um Gentechnik …

MARC ELSBERG: Moment, ich schreibe nur teils Science-Fiction! Das Szenario in „Blackout“ könnte jeden Tag so passieren, wie es beschrieben ist. In der Ukraine gab es 2015 den ersten offiziell anerkannten Stromausfall durch Hackerangriffe. In meinen Büchern gibt es also immer Analogien zur Realität. So stelle ich auch in „Helix“ Gegenwart und nahe Zukunft gegenüber – und vermische sie. 

Marc Elsbergs Bücher blicken in die Zukunft

Marc Elsberg, geboren 1967 in Wien, arbeitete in der Werbebranche, bevor seine Bestseller ZERO und BLACKOUT erschienen.

Inwiefern?

Im Buch kommen zum Beispiel Designerkinder vor, die zwischen ein und zehn Jahre alt sind und in den frühen 2000ern kreiert wurden. Das ist unrealistisch und das wird auch eine Zeitlang unrealistisch bleiben. Das ist der Science-Fiction-Part. Auf der anderen Seite greife ich auf, was in den letzten 15, 20 Jahren in diesem Bereich tatsächlich passiert ist: die Entschlüsselung diverser Genome, inklusive jenes des Menschen; oder die Entwicklung von CRISPR/Cas9, einer Technologie, die uns erlaubt, Gene präzise zu editieren. 

Dazu kommt – und das ist der Anschluss an meine ersten Bücher – die Vernetzung. Ständig werden gigantische Datenmengen gesammelt, auch über unsere Gesundheit und unser Verhalten. Wenn wir sie richtig analysieren und interpretieren, können wir wesentlich individueller und aufschlussreicher feststellen, wie viel Erblichkeit in Verhalten, Eigenschaften wie schlechtem Sehen oder Krankheiten steckt. Und da stellt sich natürlich – wie bei all den anderen technologischen Entwicklungen – die Frage: Was machen wir damit?

Welche Folgen haben diese Entwicklungen in ihrem Buch? 

In „Helix“ will ich das gängige Narrativ in Frage stellen, das lautet: Wenn der Mensch Gott spielt und in die Natur eingreift, dann geht das schief. Das kennen wir schon aus Erzählungen wie dem Golem, Frankensteins Monster oder Jurassic Park. Das Interessante ist, dass dieses Narrativ Unsinn ist. Im Allgemeinen haben technische Entwicklungen die Menschen nach vorne gebracht. Natürlich so (macht mit der Hand eine Wellenbewegung, Anm.) – aber es geht heute so vielen Menschen gut wie nie zuvor.

Von daher werfe ich in „Helix“ die Frage auf, was passiert, wenn es uns gelingt, derart in die Natur einzugreifen? So wie es uns gelungen ist, Elektrizität zu erzeugen, Dampfmaschinen zu bauen, das Rad zu erfinden. Welche Fragen müssen wir uns dann stellen? 

Welche zum Beispiel? 

Nehmen wir das Thema „Verbesserung des Menschen“, also angenommen ich schaffe es, durch Eingriffe in unsere Gene Krebs zu heilen. Wer darf in den Genuss solcher Behandlungen kommen? Nur der, der die Versicherung hat, die die Million dafür bezahlt? Wie sieht es mit der Kommerzialisierung, mit dem Zugang zu solchen Technologien aus? Die ganz wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, was mit gesellschaftlichen Normen passiert.

„Durch den Fortschritt bei der Gentechnik wird es gesellschaftliche Wertverschiebungen geben.“

Elsberg über das, was uns bei einem massiven Blackout erwartet.

© Youtube // TEDx Talks

Was meinen Sie damit? 

Stellen Sie sich vor: Zuerst eliminiere ich Erbkrankheiten – niemand wird etwas dagegen haben, wenn zum Beispiel Chorea Huntington vom Erdboden verschwindet. Dann habe ich schon im gesamtgesellschaftlichen Krankheitsbild eine leichte Verbesserung. Als nächstes gelingt es mir vielleicht, auch Krebs zu eliminieren. Dann hätte ich eine noch gesündere Gesellschaft. Und dann beginnt man sich vermutlich zu fragen, wie das zum Beispiel mit der Leseschwäche ist. Ist das etwas, das ich durch entsprechende Frühförderung ausgleichen kann? Oder soll ich da mit Aussortierung oder gar genetischer Manipulation ran?

„Ich habe das Gefühl, dass sich immer mehr Menschen zurückziehen. Weil sie meinen, die Welt nicht mehr zu verstehen.“

Durch den Fortschritt bei der Gentechnik wird es gesellschaftliche Wertverschiebungen geben. Es werden plötzlich Dinge möglich und vielleicht erlaubt sein, die uns heute komplett absurd erscheinen. Stellen Sie sich vor: Gerade in westlichen Mittelschichten wollen Eltern ihren Kindern eine entsprechende Ausbildung ermöglichen. Und wenn ich diesen Eltern die Möglichkeit gebe, ein Kind zu bekommen, das – fangen wir einfach an – nicht krank wird. Wäre das nicht ein großer Vorteil? Und wenn das Kind dann auch noch ein bisschen intelligenter als seine ohnehin schon hochbegabten Klassenkameraden ist, dann weiß ich nicht, ob der eine oder andere nicht zugreifen würde. Davon abgesehen gibt es noch ganz andere Herausforderungen, vor denen wir schon jetzt stehen. 

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Die wären? 

Die Gefahr besteht im Wesentlich aus zwei Dingen: Dass man die Technologien verfrüht einsetzt und es zu Problemen kommt. Das hatte man ja schon einmal, Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre, damals kamen bei Versuchen im Rahmen von Gentechniktherapien Menschen ums Leben. 

Zweitens kann man bei so komplexen Zusammenhängen nicht absehen, was passiert, wenn man in sie eingreift. Was, wenn ich plötzlich durch genetische Manipulationen einen Teil der Bevölkerung intelligenter mache? Oder zu besseren Kriegern – aggressiver, schneller, furchtloser?

Oder spinnen wir das Szenario weiter: Angenommen ich bin ein Rassist und finde heraus, wie ich Menschen mit dunkler Hautfarbe durch einen Virus unfruchtbar mache. Ein unschöner Gedanke.

Bestsellerautor Marc Elsberg

Elsbergs neuestes Buch „HELIX – Sie werden uns ersetzen” erschien Ende Oktober.

Und, wie geht die Sache in Ihrem Buch aus? 

Ich will nicht zu viel verraten. Aber ich halte es relativ offen und beleuchte beide Seiten. Damit sich der Leser seine Meinung selbst bilden kann. 

Haben Sie Sorge, dass diese Fortschritte missbraucht werden?

Ja, aber jede Technologie kann und wird irgendwann missbraucht. Außerdem, jetzt gibt es einen unterschiedlichen Umgang mit Genetik, der großteils kulturell bedingt ist. Vereinfacht gesagt: Europa ist relativ kritisch eingestellt, in den USA ist man hingegen offener. Israel ist überhaupt das Land mit den meisten Befruchtungskliniken im Vergleich zur Bevölkerungsgröße. Das ist nicht per se Genetik, aber eine Vorstufe. Oder Asien: Wenn ich in einem kulturellen Umfeld bin, wo an Wiedergeburt geglaubt wird – was spricht dagegen, sich schon in diesem Leben zu verbessern? Die Frage ist also, in welchem gesellschaftlichen Rahmen ich mich bewege. 

Wie schätzen Sie die Lage in unseren Breiten ein? 

Ich glaube, unsere Gesellschaft hält solche Entwicklungen aus. Ich bin optimistisch, auch wenn die Diskurskultur etwas härter geworden ist in den letzten Jahren. Da gibt es die einen, die Gentechnik auf brutalste Weise ablehnen und die anderen – auf Industrieseite –, die das Blaue vom Himmel versprechen, aber in Wahrheit nur ihre Geschäftsinteressen verfolgen. Wenn die Bevölkerung informierter wäre, wäre die Diskussionen sicher einfacher.

„Ich habe kein Rezept dafür, wie wir all diese Fragen beantworten sollen. Das Ziel soll und muss eine Diskussion sein. Und die nimmt nie ein Ende.“

Wir müssen also einfach nur darüber reden und alles wird gut?

Letztendlich geht es darum, dass wir zu einem gesellschaftlichen Konsens kommen. Dass wir uns einig sind, was in Ordnung ist und was nicht geschehen darf. Und dass wir dann auch die Instrumente haben, zu verhindern oder zu sanktionieren. Wir sehen ja bei vielen anderen Dingen, wie schwierig das ist. Es gibt bei uns beispielsweise Datenschutzregeln, die amerikanische Unternehmen bei uns ignorieren – und niemand, außer vielleicht ein Max Schrems, tut etwas dagegen. Obwohl wir teilweise die Gesetze hätten, die aber nicht exekutiert werden. Also nein, ich habe kein Rezept dafür, wie wir all diese Fragen beantworten sollen. Das Ziel soll und muss eine Diskussion sein. Und die nimmt nie ein Ende.

Kann man Ihr Buch als Versuch verstehen, diese Diskussion anzuregen? 

Mein Buch ist ein Versuch, die Leute zu unterhalten. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sich immer mehr Menschen zurückziehen. Weil sie meinen, die Welt nicht mehr zu verstehen. Aber je mehr man weiß, je besser man informiert ist, desto eher fühlt man sich in der Lage etwas zu tun. Der Einzelne kann nämlich etwas machen, wenn er sich zusammenschließt in großen Gruppen, seien es Gewerkschaften, politische Parteien, NGOs oder andere.

Wo verorten Sie sich eigentlich? Bei den Euphorikern oder bei den Skeptikern?

Weder noch. Ich versuche über Themen zu reden, die den Leuten in ihrer Bedeutung nicht bewusst sind.

Aber wenn Sie recherchieren und schreiben, denken Sie sich da: Oh mein Gott, ich habe Angst vor der Zukunft?

Ich denke mir: Wahnsinn, was sich Menschen alles ausdenken können! Und manchmal: Das darf nicht alles wahr sein. Wenn ich zum Beispiel höre, was das erste CRISPR/Cas9-Produkt war, das zugelassen wurde: Nämlich ein Champignon, dem das Gen stillgelegt wurde, durch das er bräunt, wenn er älter wird – eine an und für sich natürliche Warnfunktion, die uns zeigt, dass er womöglich nicht mehr konsumierbar ist. Das heißt, er bleibt immer strahlend weiß, er sieht immer frisch aus. Das ist das Erste, was eine so bahnbrechende Technologie produziert?! Da denkt man sich schon, puh. Andererseits: Die Industrie produziert das ja auch deshalb, weil es die Konsumenten wollen. Da müssen wir uns selbst an der Nase nehmen.

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10 2016 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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