Harry Gatterer erforscht die Zukunft

Harry Gatterer: Die Zukunft ist sein Beruf

Text: Christoph Kristandl
Foto: Wolf Steiner

Die Welt ist nicht so schlecht, wie wir oft denken. Und vor der Zukunft sollten wir keine Angst haben. Das sagt einer, der es wissen muss, denn Harry Gatterer erforscht die Zukunft. The Red Bulletin Innovator hat ihn bei der Präsentation seiner neuesten Studie begleitet und mit ihm darüber gesprochen, was Zukunftsforschung eigentlich ist.

Er sagt nicht voraus, was morgen passieren wird und auch mit Hellseherei hat seine Arbeit nichts zu tun – aber Harry Gatterer hat eine fundierte Vorstellung davon, wohin sich unsere Welt in den nächsten Jahren entwickeln wird. Er ist Zukunftsforscher. Aus Leidenschaft. 

„Ich bin ein Mensch, der Freude mit einem weißen Blatt Papier hat. Damit fühle ich mich, im Gegensatz zu einem vollgetexteten Formular, wohl. Und dieser offene Raum ist es auch, der mich an der Zukunft am meisten reizt“, sagt er. „Zu einem gewissen Teil ist die Zukunft natürlich determiniert, weil wir die Früchte vergangener Entscheidungen ernten. Vieles ist aber auch noch offen – was ist schon offener als die Zukunft?“

Gatterer begegnet der Zukunft mit „kritischem Optimismus“, Zukunftspessimisten hält er den Appell entgegen: „Keep it easy!  Und versuchen Sie aus dieser Lockerheit heraus die Zukunft als etwas Tolles, etwas Schönes zu begreifen und erkennen Sie die Welt, in der wir leben, und was wir Menschen geschaffen haben in ihrem Wert, denn niemand von uns würde vor 50 Jahren leben wollen.“

Klicken zum Weiterlesen

Mit dem ​Zukunftsinstitut, das er als Geschäftsführer leitet, verfolgt Gatterer die Vision, diese Sichtweise in die Welt zu tragen. Die Anfänge seiner beruflichen Laufbahn würden aber wohl die wenigsten erraten. „Mit 20 Jahren habe ich mich mit einem Möbelgeschäft selbstständig gemacht“, erzählt der Tiroler, der zuvor in dieser Branche eine Lehre als Einzelhandelskaufmann gemacht hatte. Klingt erst einmal wenig nach großem Zukunftsjob, und dennoch hatte Gatterer schon damals ein Gespür für das Neue. „Wir haben keine Möbel verkauft, wir haben unseren Kunden einen Lebensstil verkauft“, erinnert er sich. Heute Usus, aber vor 25 Jahren eine Revolution mit Erfolg.

„Ich bin ein Mensch, der Freude mit einem weißen Blatt Papier hat.“
Harry Gatterers Blick ist in die Zukunft gerichtet

Gatterers Blick ist in die Zukunft gerichtet.

© Wolf Steiner

„Als 20-jähriger Gründer fragst du dich nicht ‚Wie haben es die anderen früher gemacht?, sondern ‚Was könnte man Neues machen?’. Das hat mich auf die Idee gebracht, dass man sich auch explizit mit dem Thema Zukunft beschäftigen kann“, schildert Gatterer, der aber erst über viele Umwege auf Matthias Horx, Koryphäe auf dem Gebiet der Trendforschung und Gründer des Zukunftsinstituts, treffen sollte.

Zukunftsinstitut

Das Zukunftsinstitut wurde 1998 von Matthias Horx gegründet.

Es ist unabhängig und finanziert sich durch seine Publikationen, die Beratung von Institutionen und Unternehmen zu Zukunftsfragen sowie Vorträge.

Mit seinen 30 Mitarbeitern an den Standorten Frankfurt und Wien, rund 40 weiteren, mit denen man permanent zusammenarbeitet und darüber hinaus einem Netzwerk von über 150 Personen, mit denen man sich regelmäßig austauscht, ist das Zukunftsinstitut einer der einflussreichsten Thinktanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung.

Nach drei Jahren und dem schleppend laufenden Versuch, sein Erfolgskonzept als Franchise-System auszubauen, stieg Gatterer aus seinem Möbelgeschäft – das noch heute besteht – aus. „Zwei Jahre lang habe ich viel gelesen, gelernt und bin herumgereist – nicht zum Spaß, sondern weil ich Wissen aufbauen wollte.“

Die ausgeprägte Neugierde an der Zukunft trieb ihn an, sich intensiv mit verschiedenen Bereichen zu beschäftigen. „Die Zukunft ist nie einfach, sie hat immer sehr viele Variablen. Wenn du dich mit ihr beschäftigst, brauchst du also komplexe Methoden sowie systemisches Denken und Verstehen. Das findest du natürlich in den Wissenschaften, etwa der Komplexitätstheorie, Systemtheorie, Soziologie, Psychologie, etc.“, weiß der Autodidakt. 

Mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet begann Gatterer, das Zukünftige auch zu seiner beruflichen Zukunft zu machen. Erst beratend, dann als Autor und letztlich als Leiter des Zukunftsinstituts.

© Youtube // GLOBART

Aber was ist eigentlich das tägliche Brot eines Zukunftsforschers? „Das kann man so typisch gar nicht sagen“, erwidert Gatterer. Ein Teil seiner Mitarbeiter, die sich aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen und persönlichen Hintergründen rekrutieren, widmet sich klassischer Forschung, sammelt Daten und verarbeitet sie, beschäftigt sich mit qualitativer und quantitativer Auswertung.

Wesentlich ist aber vor allem der Austausch mit einem breiten Netzwerk von Vordenkern. „Das sind Menschen, die in der Lage sind, über den allgemeinen Bewusstseinszustand einer Gesellschaft hinauszudenken, die über eine Methodik verfügen, mit der man etwas breiter sehen kann“, beschreibt Gatterer diese „Mind Changer“. Mit ihnen arbeitet das Institut in konkreten Projekten zusammen, pflegt aber auch einen lockeren, ständigen Diskurs.

„Das ist vielleicht der große Unterschied zur alten Trendforschung. Sie war so etwas wie ein Guru-Tool, das einige wenige, bekannte Vertreter hervorgebracht hat. Das ist aber nicht mehr zielführend. Heute geht es darum, kluge Wissensnetzwerke zu bilden, um die jeweilige Fragestellung mit den richtigen Menschen bearbeiten zu können.“

Klicken zum Weiterlesen
„Wenn man nur im Verteidigungsmodus ist, erstickt das neue Gedanken.“

Einer dieser Mind Changer, von dem sich Gatterer besonders beeindruckt zeigt, ist der kürzlich verstorbene Hans Rosling. Der Schwede schuf mit seiner Gapminder-Methodik eine dynamische, infografische Matrix, die alle seriösen Datenquellen über den Zustand der Welt zusammenfasst. So lässt sich etwa die Korrelation zwischen Wohlstand und Lebenserwartung und deren Entwicklung über die Zeit interaktiv ablesen.

„Das ist ein gigantisches Tool, mit dem er darauf aufmerksam gemacht hat, dass unsere Welt – nach Fakten betrachtet – nicht immer so schlecht ist, wie wir oft glauben“, erklärt Gatterer. „Solche Leute prägen uns sehr, weil sie viel Inspiration erzeugen und uns dazu bringen, uns mit spezifischen Fragen und Ideen zu beschäftigen.“

How Does Income Relate to Life Expectancy?

People live longer in countries with a high GDP. No high income countries have short life expectancy, and no low income countries have long life expectancy. Still, there is a huge difference in life expectancy between countries on the same income level, depending on how the money is distributed and how it is used.

Das Zukunftsinstitut sieht sich als Hafen, in dem sich diese Vordenker wohlfühlen und ihren Gedanken freien Lauf lassen können. Eine Atmosphäre, in der offenes, freies Denken möglich ist, sieht Gatterer als zentrale Zutat, um die Zukunft erforschen zu können. „Das ist leider kaum noch zu finden, auch nicht auf den Universitäten. Wer dort wissenschaftlich arbeitet, befindet sich vielmehr im ständigen Verteidigungskampf als in der Erzeugung von Gedanken“, schildert er. „Verteidigung bzw. Kritik ist ein wichtiges Element der Wissenschaft - das ist bei uns genauso -, aber wenn man nur mehr im Verteidigungsmodus ist, erstickt das neue Gedanken.“ 

Harry Gatterer bereitet sich auf eine Studienpräsentation vor

Gatterer bereitet sich auf die Präsentation der neuesten Studie des Zukunftsinstituts vor: „Das Geldgehirn“ 

© Wolf Steiner

Auch darüber, welche Funktion und Bedeutung Zukunftsforschung haben soll, hat Gatterer eine genaue Vorstellung: „Für mich geht es am Ende immer um eine Form des Neu- und Andersdenkens über die Welt und wir versuchen, mit unserer Arbeit dieses Denken zu öffnen. Wir wollen aufzeigen, dass es Entwicklungen gibt, von denen man vielleicht keine Ahnung hat und die man im Alltag nicht bewusst wahrnimmt, die aber für die Zukunft relevant sind. Es geht uns darum, die Art des Denkens zu verändern, denn unsere Wahrnehmung erzeugt unsere Realität“, sagt er und verweist auf ein Beispiel: „Es entsteht momentan in der Gesellschaft der subjektive Eindruck, dass alles immer schlimmer wird. Tatsächlich hat sich die Welt aber in diversen statistischen Kategorien verbessert.“

Bei einem Leben in der Gegenwart und nach vorne gerichteten Blick stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Bedeutung für den Zukunftsforscher eigentlich die Vergangenheit hat? „Sie ist wichtig, weil man an ihr Muster erkennen und ein Verständnis aufbauen kann. Wir bauen unser gegenwärtiges Denken über die Welt auf das auf, was vorher passiert ist. Deswegen müssen wir uns fragen, was uns geprägt hat, welche Momente die inspirierenden waren“, meint Gatterer. „Denken Sie an Newton und seine Gesetzmäßigkeiten – sie prägen uns heute im Alltag und doch denken wir keine Sekunde darüber nach. Aber es ist wahnsinnig spannend zu verstehen, wie diese Gesetzmäßigkeiten entstanden sind, was Newton getan hat und in welchem Umfeld er sie entdeckt hat.“

Wenn man die Zukunft und ihre Entwicklungen verstehen möchte, lohnt sich also auch ein Blick in die Vergangenheit. Darüberhinaus benötigt es laut Gatterer vier Voraussetzungen, um sich ernsthaft mit der Zukunft zu beschäftigen:

1 Gelassenheit

„Lassen Sie eine Frage einfach einmal auf sich wirken. Die Zukunft hat nichts mit Hektik und Geschwindigkeit zu tun, wie es uns im Moment eingeredet wird. Es muss nicht alles superschnell gehen, fancy, disruptiv und superdigital sein. Das ist nur ein Ausschnitt der Wahrheit. Natürlich gibt es Veränderungen, die man auf Technologie zurückführen muss und die einen Einfluss auf die Zukunft haben. Aber das ist nicht alles. Gerade um diese Veränderungen zu verstehen, braucht es die Gelassenheit.“

2 Systemisches Denken

„Sie müssen systemischer Denken, als wir Menschen es im Alltag gewohnt sind. Banal gesagt: Sie müssen lernen, drei oder vielleicht vier Mal um die Ecke zu denken. Denn der gerade, vermeintlich richtige Weg, dieser erste Schluss, ist meist der falsche. Denken sie nicht linear, sondern in Zyklen und Feedbackloops.“

Harry Gatterer präsentiert "Das Geldgehirn"

„Es wird viele verschiedene Gelder geben und sehr wahrscheinlich werden sie in so etwas wie einer persönlichen Geld-Cloud zusammengefasst sein“, sagt Gatterer bei der Präsentation über das Bezahlen der Zukunft.

© Wolf Steiner

3 Wissen über die eigene Wirksamkeit

„Der exzessive Blick nach außen ist nicht der Zukunftsblick, der Blick in die Selbstwirksamkeit ist der Zukunftsblick. Sie müssen sich – als Unternehmen genauso wie als Mensch – in den Kontext ihrer Umwelt setzen, ihre eigene Wirksamkeit kennen und wissen, was gerade in der Welt passiert.

Nehmen Sie das Beispiel von Data-Driven Unternehmen, die ihre täglichen Entscheidungen wesentlich aufgrund von Daten treffen. Wenn man sich diese Unternehmen genauer ansieht, merkt man aber, dass sie genau über ihr Kundenpotenzial und ihre Wirkmechanismen Bescheid wissen. Sie haben sich intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt, bevor sie sich mit den Daten von außen beschäftigt haben.“

4 Zukunftsoptimismus

„Sie brauchen einen grundsätzlichen Glauben an die Zukunft. Wenn Sie den nicht haben, warum sollten Sie sich dann mit der Zukunft beschäftigen? Wir sprechen bewusst von einem kritischen Zukunftsoptimismus, denn natürlich muss man auch Krisen interpretieren, die Menschen negativ berühren und betreffen. Wir malen die Welt nicht rosa, aber wir vertreten ein positives Grundbekenntnis zur Zukunft. Wenn Sie glauben, dass alles den Bach runter geht, dann haben Sie sich für die Beschäftigung mit der Zukunft eigentlich schon disqualifiziert.“

Klicken zum Weiterlesen
03 2017 THE RED BULLETIN INNOVATOR

Nächste Story