Roboter Arbeit Mensch

Zukunft der Arbeit: Machen Roboter den Menschen zum Auslaufmodell?

Text: Raffael Fritz
Bild: FZI Karlsruhe

Welche Arbeitswelt erwartet die Kinder von heute in zwanzig Jahren? Vielleicht eine, in der es für Menschen kaum noch Arbeit gibt. Das ist weder Utopie noch Horrorvision.

Könnte bald ein Computer meinen Job übernehmen? Könnten Maschinen demnächst den Menschen völlig ersetzen? Für viele mag die Frage noch zu sehr nach Science-Fiction klingen, um sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen. Denn wenn es nicht gerade ums Kopfrechnen geht, kann sich jeder Mensch noch immer dem schnellsten Großrechner ganz zu Recht über­legen fühlen.

Bisher sind alle Versuche, eine sogenannte „starke“ künstliche Intelligenz zu schaffen – also eine, die so lernen, kommunizieren und kreativ sein kann wie wir –, schon im Ansatz gescheitert. Ähnliches gilt für die Hardware: Im Vergleich zu den geschmeidigen Bewegungen des menschlichen Körpers haben Roboter noch etwas unfreiwillig Komisches an sich – so wie der Honda-Roboter Asimo, der auch nach 20 Jahren Entwicklungsdauer beim Gehen so aussieht, als müsste er dringend auf die Toilette.

Roboter, die Macher bei Autos und an der Börse

Doch ein Roboter muss nicht über die Grazie einer Ballerina verfügen, um eine Karosserie zusammen­zuschweißen. Und ein Computer muss keine Ironie verstehen können, um zum richtigen Zeitpunkt Wert­papiere zu verkaufen. Kein Wunder also, dass die Autofabriken dieser Welt schon heute von Robotern bevölkert sind.

Und an den Börsen hört man seit Jahren keine Broker mehr brüllen, sondern nur noch das Surren von Lüftern, die den Serverraum kühlen. Für viele Aufgaben reicht eine „schwache“ künstliche Intelligenz völlig aus. Und es könnten weit mehr sein, als wir heute denken.

Maschinen brillieren schon lange bei Routine-Aufgaben, die sich in eine Abfolge von einfachen Regeln zerlegen lassen. Doch je vernetzter sie werden und je mehr Daten sie verarbeiten können, desto besser kommen sie mit den nichtstandardisierten Verhältnissen der realen Welt zurecht.

Maschinen übernehmen das Steuer

Das Entziffern einer handgeschriebenen Notiz war vor 20 Jahren noch keine Routineaufgabe für Computer. Heute hat jedes Smartphone eine mehr oder weniger brauchbare Handschrifterkennung. Und noch vor etwas mehr als zehn Jahren war es kaum vorstellbar, dass ein Computer je ein Auto gefahrlos durch eine vielbefahrene Kreuzung würde steuern können.

Roboter Auto Produktion

Sie murren nicht, brauchen keinen Urlaub und arbeiten exakt: Bei der Autoproduktion sind Greifarme längst der Normalfall, Menschenhände packen nur noch selten an.

© Land Rover MENA // Flickr

Das Verhalten eines Autofahrers sei einfach von zu vielen Faktoren abhängig, um es zu automatisieren, schrieben die Ökonomen Frank Levy und Richard Murnane 2004 in ihrem Buch „The New Division of Labor“. Nur sechs Jahre später, im Jahr 2010, hat Google seine ersten selbstfahrenden Autos vorgestellt. Heute entwickeln fast alle großen Autobauer ihre eigenen autonomen Fahrzeuge. Das selbstfahrende Modell von Tesla soll etwa schon 2018 marktreif sein.

Heikles Thema Transport

Von selbstfahrenden Taxis (an denen das Unternehmen Uber forscht) bis zu automatischen LKWs (die schon heute zu Testzwecken auf Europas Straßen unterwegs sind) ist plötzlich vieles in den Bereich des Möglichen gerückt. In der Schweiz soll der Güter­verkehr gar unter die Erde kommen – „Cargo sous terrain“ heißt das Projekt, bei dem ab 2030 selbst­fahrende, unbemannte Fahrzeuge ihre Fracht über ein unterirdisches Tunnelsystem durchs Land transportieren sollen.

Andere wollen die Luft erobern: Schon seit Jahren experimentieren verschiedene Firmen erfolgreich mit der Paketzustellung durch Drohnen, von Google über die Deutsche Post bis Amazon. Gerade Letztgenannte sind damit auf viel Skepsis gestoßen – doch wenn man bedenkt, dass in Amazons Vertriebszentren schon heute mehr als 30.000 Logistikroboter arbeiten, strapazieren Lieferdrohnen die Vorstellungskraft nicht mehr so sehr.

In den Lagern des Onlinehändlers Amazon schleppen Roboter die Produkte durch die Gegend. Eine kleine Hilfe für ihre menschlichen Kollegen - und eine große Konkurrenz.

© Tabletmonkeys // Youtube

Aber auch Kopfarbeit ist vor Computern nicht mehr sicher. Komplexe Algorithmen übernehmen etwa die Arbeit von Kanzleiassistenten: Das Programm eDiscovery von Symantec kann in kürzester Zeit riesige Aktenberge durchwühlen, um Anwälte bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Und sogenannte Robo-Advisors bieten persönliche Finanzplanung – natürlich zu einem Bruchteil der Kosten eines mensch­lichen Anlageberaters.

Bisher hat sich noch für jede Branche, die verschwunden ist, eine neue aufgetan – mindestens.

Sogar in die ureigene Domäne des Menschen sind Maschinen schon eingedrungen: die Kommunikation. Associated Press, die größte Nachrichtenagentur der Welt, betreibt seit 2014 ein Programm, das automatisch Artikel über die Vierteljahresberichte von Unternehmen schreibt.

Nach einer kurzen Anlaufphase arbeitet es heute fast fehlerfrei – und verfasst mittlerweile auch Berichte über lokale Sportereignisse.

Hälfte der Jobs könnte verschwinden

Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford wollten all diese Entwicklungen 2013 in Zahlen fassen. Sie haben 700 Berufe darauf analysiert, wie sehr sie durch Automatisierung bedroht sind. Das Ergebnis: Bis 2033 könnten 47 Prozent aller Jobs in den Vereinigten Staaten verschwunden sein. Eine Folgestudie von Ökonomen der Bank ING-Diba hat ergeben, dass in Deutschland sogar 56 Prozent aller Stellen bedroht sind.

Baumarkt Roboter

TOOMAS führt Kunden in deutschen Baumärkten durch die Gänge zu den gesuchten Produkten.

© MetraLabs // Wiki Commons

Davon betroffen sind nicht nur Industrie, Transport- oder Bauwesen, sondern genauso Bürokräfte und administrative Posten, Verkaufsjobs und viele andere Stellen im Dienstleistungsbereich – dort, wo die menschliche Arbeitskraft lange konkurrenzlos war.

Klar: Neue Technologien lassen auch neue Berufe entstehen. Bisher hat sich noch für jede Branche, die verschwunden ist, eine neue aufgetan – mindestens. Und wenn die einfacheren Tätigkeiten automatisiert werden, müssen die Menschen sich eben weiter­bilden – und sich Kompetenzen aneignen, die den Maschinen noch verschlossen sind.

Die uralte Angst vor der Arbeitslosigkeit

Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es diesen Wettlauf zwischen Bildung und Technologie, zwischen Mensch und Maschine. Doch was, wenn der Mensch nicht mehr mithalten kann?

Die Angst, dass Maschinen die Menschen arbeitslos machen, ist so alt wie die Maschinen selbst. Im Jahr 1589 reiste der Erfinder William Lee nach London, um bei Königin Elizabeth I. um ein Patent für seine neueste Entwicklung anzusuchen: den Handkulierstuhl, eine automatische Strickmaschine. Mit ihr ließen sich Strümpfe sechsmal schneller herstellen als von Hand.

Lee hatte die Maschine  extra nach London schaffen lassen und für die Vorführung ein eigenes Gebäude gemietet. Doch als die Königin den Handkulierstuhl in Aktion sah, war sie alles andere als begeistert und verweigerte ihm das Patent – aus Sorge, dass Lees Erfindung ihre Untertanen zu Bettlern machen würde.

Brutaler Kampf gegen die Maschinen

Auch David Ricardo, einer der Begründer der klassischen Ökonomie, prophezeite Massenarmut in Europa. War er zuerst noch vom rasanten technischen Fortschritt Anfang des 19. Jahrhunderts begeistert, bezweifelte er später, „dass die arbeitenden Klassen in gleicher Weise an der allgemeinen Wohlfeilheit der Waren partizipieren werden, die aus dem Gebrauch von Maschinen entspringt“.

Die sogenannten Ma­schinenstürmer sahen das ähnlich, drückten es aber weniger eloquent aus: Sie bekämpften die entstehende Konkurrenz, indem sie die Maschinen kurz und klein schlugen. In England passierte das so häufig, dass die Zerstörung von Webstühlen unter Todes­strafe gestellt wurde. 

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Doch statt Europa in Armut zu stürzen, haben die Maschinen den Lebensstandard immer weiter steigen lassen. Das beschleunigte sich sogar noch mit der zweiten industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts. Sie brachte der Welt die chemische Indus­trie, den Verbrennungsmotor und die Elektrotechnik. Von den Fabriken breiteten sich Maschinen in die ­Büros und das öffentliche Leben aus – und wer sie ­bedienen wollte, musste sich immer öfter ein spezialisiertes Wissen aneignen.

Wettlauf zwischen Bildung und Technologie

Es war der Startschuss für den Wettlauf zwischen Bildung und Technologie, der das ganze 20. Jahrhundert prägte. Die Maschinen ließen zwar Jobs verschwinden, doch genauso ließen sie neue entstehen, die mehr Bildung verlangten und besser bezahlt waren. Doch während es seine Zeit braucht, bis sich neue Wirtschafts- und Ausbildungszweige entwickeln, legt der technologische Fortschritt immer mehr an Tempo zu.

Das wurde schon früh angesprochen – und zwar nicht von irgendwem, sondern vom wirtschaftspolitischen Superschwer­gewicht John Maynard Keynes. In seinem Essay „Economic Possibilities of Our Grandchildren“ warnte er schon 1930 vor „technologischer Arbeitslosigkeit“: Sie müsse irgendwann entstehen, weil wir nicht mehr so schnell Möglichkeiten finden, die frei gewordene Arbeitskraft einzusetzen, wie wir Wege finden, sie einzusparen.

Vorhersage des 3-Stunden-Arbeitstages

Ungefähr hundert Jahre werde es dauern, schrieb Keynes im Jahr 1930, dann sei der Punkt erreicht, an dem die menschliche Arbeitskraft zum Auslaufmodell geworden sei – sie würde dann einfach nicht mehr notwendig sein, um die materiellen Bedürfnisse der Bewohner der industrialisierten Welt zu erfüllen.

Keynes sagte für die Zukunft den 3-Stunden-Arbeitstag und die 15-Stunden-Woche voraus – gerade genug Arbeit, um den „alten Adam“ in uns zufriedenzustellen, der über Jahrtausende darauf geeicht wurde, im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu verdienen.

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© FZIchannel // Youtube

Tatsächlich gehen der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung und die durchschnittliche Wochenarbeitszeit immer weiter zurück (in Österreich von 39,4 Stunden im Jahr 2005 auf 36,7 Stunden 2015 – im Jahr 1964 waren es noch über 48!). Doch ein Großteil der Bevölkerung wähnt sich noch lange nicht in einer „Ära der Muße und des Überflusses“, wie Keynes sie prophezeit hat – im Gegenteil:

Debatten über die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich werden zunehmend lauter. Wenn sie es nicht ohnehin schon ist, wird die Frage, wie der wachsende Wohlstand verteilt werden soll, eine der drängendsten unserer Zeit.

Kreativität ist des Menschen Trumpf

Von unserer Antwort hängt ab, ob wir uns weiter davor fürchten, dass Computer den Menschen die ­Arbeitsplätze wegnehmen – oder ob wir es vielleicht sogar begrüßen. Denn gerade wenn er Muße hat und sich im Leerlauf befindet, zeigt unser Verstand, wie sehr er der „schwachen“ künstlichen Intelligenz überlegen sein kann.

Computer besiegen uns zwar im Schach und neuerdings im Go, sie mögen bessere ­Anlagetipps geben oder bald sicherer Auto fahren als wir – doch bislang hatte kein Computer, was uns Menschen hin und wieder einfach so zufällt: eine gute Idee. Und dank unserer Technologie war es nie leichter, Ideen in die Tat umzusetzen.

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