Maximilian Schay, CEO von "My Boo"-Bambus-Fahrräder

„my Boo“-Fahrräder, eine Kombination aus Innovation, Profit und sozialem Engagement

Interview: Christoph Kristandl
Foto: my Boo

Maximilian Schay und sein Team arbeiten mit einem Dorf in Ghana zusammen, um Fahrräder aus Bambus herzustellen. Im Interview erklärt der CEO von „my Boo“, welchen Einfluss sein Startup auf die lokale Bevölkerung hat.

Der Mythos vom schnellen, leicht verdienten Geld treibt viele in die Gründung eines Startups. Aber Maximilian Schay ist kein Gründer wie jeder andere. Profit und Erfolg sind ihm und seinem Team wichtig, aber sie sind nicht ihr einziger Antrieb. „Wir möchten ein konkretes soziales Engagement, ein innovatives Produkt und nachhaltiges wirtschaftliches Handeln erfolgreich verbinden“, formuliert er die Vision hinter „my Boo“.

Das Kieler Startup fertigt mit seinem Partner, dem „Yonso Project“, in einem kleinen Dorf in Ghana hippe Fahrräder aus Bambus. Damit lässt sich nicht nur Geld verdienen, sondern auch der Ausbau von Arbeitsplätzen, Bildung und Mobilität fördern.

„Wir leben dafür, Verantwortung zu übernehmen, Chancen zu ergreifen, zu handeln und das Bewusstsein für ein faires Miteinander zu schärfen“, erklärt Schay, was für ihn den Reiz des Entrepreneur-Daseins ausmacht. „Zu sehen, was in den letzten vier Jahren in diesem kleinen ghanaischen Dorf entstanden ist, ist für mich das absolut Beste, das ich je erleben durfte!“

Im Interview spricht der CEO von „my Boo“ über …

  • den zufälligen Beginn des Projekts
  • den sozialen Einfluss seines Startups
  • die Stellung als sozial engagiertes Unternehmen
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THE RED BULLETIN INNOVATOR: Herr Schay, wie kam es zu Ihrem ersten Kontakt mit Fahrrädern aus Bambus?

MAXIMILIAN SCHAY: Das war 2012. Damals schickte mir ein guter Schulfreund ein Foto bei Facebook. Er absolvierte gerade ein freiwilliges soziales Jahr in Ghana und entdeckte in Kumasi, der zweitgrößten Stadt des Landes, ein solches Bambus-Fahrrad. Ich war sofort fasziniert und hatte sicherlich ähnliche Gedanken, wie manche, die heute unsere „my Boos“ sehen. „Hält das?“ Eins kann ich vorwegnehmen: Ja, es hält! Wahrscheinlich besser als die meisten „normalen“ Fahrräder. 

In den nächsten Tagen ließ mich der Gedanke an ein Fahrrad aus einem nachwachsenden Rohstoff nicht mehr los. Ich erzählte meinem Mitgründer Jonas Stolzke davon und er war ebenfalls sofort mit dem Bambusfahrrad-Virus infiziert. Drei Monate später saßen wir in einem Flieger nach Ghana.

Jedes Bambus-Bike ist ein Unikat, das in knapp 80 Stunden Handarbeit entsteht.

© Youtube // my Boo - Bamboo Bikes

my Boo ist ein enorm soziales Startup. Macht das die Sache leichter oder schwieriger?

Die Frage ist natürlich nicht so einfach zu beantworten, da wir „my Boo“ noch während des Studiums gegründet haben und so gar keine Einblicke in anders aufgestellte Startups oder Unternehmen hatten. Generell vertrauen wir bei vielen Entscheidungen auf unseren gesunden Menschenverstand, unsere Sozialkompetenz und die gute Kinderstube. Selten bereuen wir unsere Entscheidungen. Danke Mama!

Das Team von my Boo

Das interkontinentale Team von my Boo

Warum ist der soziale Aspekt neben dem wirtschaftlichen so wichtig für Sie? 

Was unsere Fahrräder so spannend macht, ist neben dem besonderen Rohstoff natürlich der Ansatz, den Rahmen sozial, fair und nachhaltig zu produzieren. Ein schnödes matt-schwarzes Alurad von der Stange kann ja jeder verkaufen. Am Ende des Tages sind wir aber natürlich auch Betriebswirte und tragen - in Deutschland mittlerweile für 10 Mitarbeiter und in Ghana für ein Team von 30 jungen Menschen - eine große Verantwortung. Sozial nachhaltig zu agieren heißt nicht, wohltätiger Samariter zu sein. Wir arbeiten hart und viel, wir sind mit viel Passion und Freude dabei. Mit uns zu verhandeln macht für unser Gegenüber sicherlich nicht immer Spaß.

Braucht man als Entrepreneur mit ausgeprägter sozialer Einstellung ein dickeres Fell?

Tatsächlich kommt es vor, dass man sich ab und zu merkwürdigen Vorwürfen aussetzen muss. Das kann bei einer Diskussion mit einem Messebesucher über unsere Preisgestaltung starten und mit einer Mail in unserem Postfach, in der uns Boko Haram (eine terroristische Gruppierung, Anm.) bei unserem nächsten Afrika-Besuch auf den Hals gewünscht wird, enden. Wir können aber trotzdem ganz gut schlafen.

Bringt die Zusammenarbeit mit einem ghanaischen Dorf auch größere Probleme mit sich? Immerhin erstreckt sich die Geschäftsbeziehung über zwei Kontinente und unterschiedliche Kulturen.

Sicherlich trifft manchmal deutsche Pünktlichkeit mit afrikanischer Gelassenheit aufeinander, aber das ist kein Problem, das nicht per Facetime ausdiskutiert werden kann.

An welche Zielgruppe richten sich „my Boo“-Bikes?

Eigentlich an jeden, der Freude am Fahrradfahren hat oder wieder haben möchte. Unsere Kunden treffen eine ganz bewusste Entscheidung für eines unserer Bambusfahrräder und sind oft täglich mit ihnen unterwegs. Das kann ein Bademeister, eine Lehrerin, Rechtsanwältin oder jemand aus dem Vorstand eines großen deutschen Automobilherstellers sein. Wir erzeugen wenigstens keine Abgase.

Das Fahrrad aus Bambus

my Boo-Bikes

Die Modellpalette umfasst mittlerweile zehn vorkonfigurierte Bikes, erhältlich als Herren- und Damenvariante in jeweils sieben verschiedenen Rahmenhöhen.

Mit 1.399 Euro ist man beim stylishen Urbanbike „my Todzie“ dabei, das klassische Citybike „my Pra“ gibt es ab 1.499 Euro. Das teuerste Modell, „my Volta“, das erste Bambus-Pedelec der Welt, kostet 3.999 Euro.

Wer die Welt bereisen möchte, kann zu einem High-End-Reiserad aus Bambus greifen. Wie Tim und Karina Poser, die 2015 auf ihrer einjährigen Reise von Hamburg ins chinesische Chengdu die Beständigkeit des Rades auf eine harte Probe stellten. Nachzulesen in ihrem Blog.

Welchen konkreten Einfluss hat Ihr Startup auf die Bevölkerung in Ghana?

Als wir Anfang 2013 das erste Mal zu Besuch waren, bestand das Yonso Project aus Kwabena, dem Gründer und Leiter des Projekts, und drei weiteren jungen Männern. Man arbeitete in einem kleinen stickigen Raum, war komplett Spenden-finanziert und auf der Suche nach einer Möglichkeit, langfristig planen zu können. Dies ging nur, sollte man eigenständig werden.

Heute arbeiten in dem von uns 2013 mitfinanzierten Werkstatt- und Verwaltungsgebäude 30 junge Menschen für faire Löhne, haben eine Sozialversicherung und eine Perspektive. Erzielte Gewinne werden genutzt, um weitere soziale Aktionen zu finanzieren. So konnten seit unserer Zusammenarbeit mehrere Hundert Schulstipendien für Kinder geschaffen werden. Erst im Dezember 2016 wurden zusammen mit UNICEF Ghana 150 Bambusfahrräder an Kinder vergeben, denen damit im wahrsten Sinne des Wortes der Weg zur Bildung vereinfacht wurde. Dieses Jahr bauen wir sogar eine eigene Schule.

my Boo bamboo bikes | Red Bull Amaphiko

Unique Bamboo Bamboo is one of the fastest growing plants in the world. After harvesting it grows again up to twenty meters within three years. Due to separate divisions and due to a thick exterior the Ghanaian bamboo is extremely stable and simultaneously lightweight.

Was könnte man noch alles aus Bambus bauen? Haben Sie selbst noch weitere Ideen im Hinterkopf?

Generell kann man extrem viel aus Bambus fertigen. Vor allem natürlich Möbel, aber beispielsweise auch Shirts. Auch am Fahrrad könnte man noch das eine oder andere Detail aus Bambus fertigen, nur muss man irgendwann die Wirtschaftlichkeit abwägen. Sollte ein Kunde mit einem ganz bestimmten Wunsch zu uns kommen, hören wir gerne erst einmal zu. Was es gibt und was wir auch gerne mit unseren Bambusfahrrädern kombinieren, sind  handgefertigte Griffe aus Holz oder anderen nachwachsenden Rohstoffen, Pedale aus Holz oder verdammt schicke Fahrradschlösser aus Hanfseilen! Wir halten unsere Augen immer offen und Ideen werden uns die nächsten Jahre auf keinen Fall ausgehen.

Wann werden wir das erste Bambusrad bei der Tour de France sehen?

Da müsste ich erst einmal in den Regularien der Tour de France nachsehen, ob es da irgendwelche Einschränkunen bezüglich der Wahl des Rahmenmaterials gibt. Aber ansonsten steht dem nichts im Wege. 

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01 2017 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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