Martin Mössler baut in Graz das ESA BIC Austria auf

Martin Mössler baut in Graz das neue Business Incubation Centre Austria der ESA auf

Text: Raffael Fritz
Foto: Markus Kucera

Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat es sich zum Ziel gesetzt, irdische Anwendungen für Weltraumtechnologie zu finden. Dabei helfen sollen Startups. Ein Lokalaugenschein an drei Standorten der ESA Business Incubation Centres.

Viele Innovationen haben ihren Ursprung in der Raumfahrt. Doch um Anwendungen für Weltraumtechnologie hier auf der Erde zu finden, braucht es kreative Köpfe. Nach ihnen sucht die Europäische Weltraumorganisation (European Space Agency/ESA) mit einem eigenen Inkubationsprogramm.

Wir haben uns an den Standorten 

  • Noordwijk
  • Oberpfaffenhofen
  • Graz

angesehen, wie die ESA Startups unterstützt und mit ihnen zusammenarbeitet.

Station drei führt uns zu Martin Mössler, der in Graz das neue Business Incubation Centre Austria aufbaut.

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Graz, Österreich

Seit ihren Anfängen hat die Raumfahrt der menschlichen Intelligenz und Kreativität alles abverlangt: Der Weltraum ist größer, unwirtlicher und fremder als alles, was die Pioniere der Menschheitsgeschichte bisher erlebt haben. Vielleicht übt er darum auch so eine Faszination auf Menschen wie Martin Mössler aus.

„Es ist die Idee, etwas scheinbar Unmögliches zu versuchen und die uns alle umfassende Gravita­tion zu überwinden, die mich daran so fasziniert“, sagt er und klingt dabei, als würde er am liebsten sofort in einen Raumanzug schlüpfen und eine Rakete besteigen. Doch derweil begnügt Mössler sich mit einem normalen Anzug – und arbeitet daran, Weltraumtechnologie auf die Erde zu bringen: Martin Mössler leitet das neue ESA BIC Austria in Graz, das diesen Herbst seine Pforten öffnete.

ESA-Räumlichkeiten in Graz

Die Büros des ESA BIC ­Austria liegen im obersten Stockwerk eines frisch renovierten Gebäudes der TU Graz.

© Markus Kucera

Die Büros dafür stehen schon ­bereit: Sie liegen im obersten Stockwerk eines frisch renovierten Gebäudes der Technischen Universität Graz. Von hier hat man einen Blick über die ganze Stadt, die in ihrer Beschaulichkeit nicht vermuten lässt, wie viel Forschung für die Raumfahrt hier ­betrieben wird: „Die Rosetta-Mission ­hatte gut 20 Experimente und Mess­geräte dabei“, erklärt Martin Mössler, „ungefähr ein Viertel davon wurde in Graz entwickelt.“

Momentan ist Mössler dabei, die ersten Startups für das BIC Austria auszuwählen. Die Bedingungen sind einfach: Das Unternehmen muss schon gegründet, darf aber nicht älter als fünf Jahre sein, und es braucht einen Weltraum-Bezug – wie auch immer der aussehen mag. Mössler denkt dabei etwa an Satellitenkommunikation und -navigation. Aber auch Wettervorhersage und Klimaforschung können von ESA-Technologie profitieren, genauso wie die Entwicklung von besseren ­Solarzellen und Akkus, bei denen die Raumfahrt schon immer ein Innovationstreiber war. Doch am meisten freut sich Martin Mössler auf die ­Ideen, an die er noch nicht gedacht hat: „Wenn ich überrascht werde und mir eine Anwendung zuerst gar nicht vorstellen kann, ist das ein gutes Zeichen, dass es sich um ein wirklich innovatives Projekt handelt.“

Vor ihrer Aufnahme in das BIC-­Programm werden die Bewerber von den ESA-Granden interviewt und die Projekte auf ihre technische und wirtschaftliche Machbarkeit abgeklopft. Ist das geschafft, können sie schon am nächsten Tag den Vertrag unterschreiben. Ein valides Geschäftsmodell sei bei Startups natürlich wichtig, sagt Martin Mössler, aber er wolle nicht, dass sie zu sehr von der Schwerkraft von Bürokratie und Businessplänen hinabgezogen werden. Und: „Wirtschaft­licher Erfolg steht nicht im Widerspruch zu gesellschaftlicher Wirkung.“

Die Inkubationszentren der ESA

Die Inkubationszentren der Europäischen Weltraumorganisation im Überblick.

© ESA

Von Letzterer wird Martin Mössler offensichtlich angetrieben. Sein erstes Studium des Maschinenbaus brach er nach zwei Jahren ab, um Politikwissen­schaft, Internationale Beziehungen und European Social Policy zu studieren. Eine Zeitlang arbeitete er sogar im Stab von Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer. Und schließlich kam er nach Graz, wo seine Faszination für den Weltraum entfacht wurde. Im Jahr 2013 begann Mössler mit der Vorarbeit für das ESA BIC Austria. Aus seiner Motivation macht er keinen Hehl: „Was ich mir wünsche, ist, Firmen zu unterstützen, die einen Beitrag zu einem besseren und gerechteren Planeten leisten.“ Und wie er das sagt, klingt es kein bisschen gekünstelt.

Dabei haftet der Raumfahrt nicht unbedingt das Image an, eine Institu­tion zur Weltverbesserung zu sein. Schon zu Zeiten der Mondlandung hieß es: Warum sollen wir Milliarden investieren, um fremde Welten zu erforschen, wenn wir gleichzeitig unsere eigene Welt so vernachlässigen? Doch inzwischen hat Technologie aus der Raumfahrt für bessere Prothesen und bildgebende Verfahren in der Medizin gesorgt. Die hitzebeständige Aus­rüstung von Feuerwehrleuten besteht aus Materialien, die ursprünglich von der NASA ent­wickelt wurden. Und Erdbeobachtungssatelliten haben zu höheren Erträgen in der Landwirtschaft geführt.

„Eine Entkoppelung von Wirtschaft und Gesellschaft, von Technologie und Technikfolgen ist ohnehin nicht möglich“, sagt Mössler. Wer die Probleme auf der Erde lösen will, muss vielleicht nach den Sternen greifen. Statt Entweder-oder heißt es: Sowohl-als-auch. Und so lässt sich auch beantworten, welche Motivation eigentlich hinter den Start-up-Förderungen der ESA steckt.

Natürlich wurden sie nicht nur aus Forscherdrang und Altruismus gegründet, sondern auch mit PR-Kalkül und handfesten wirtschaftlichen Interessen: Das next big thing könnte ja auch mal aus Europa kommen. Doch wenn es gleichzeitig die Welt zu einem besseren Ort macht – umso besser. Und vielleicht entsteht es schon bald in einem der leeren Räume in Graz, die schon auf die ersten Weltraum-Startups warten.

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