Sportvideos365 Kamera filmt Fußballspiel

Sportvideos365 macht Hobby- und Nachwuchsfußballer zu Internetstars

TEXT: TOM HOFER
BILDER: MARKUS KUČERA

Ein kleines Startup aus einem Nest in Niederösterreich will die Fußballwelt revolutionieren. Sportvideos365 streamt Highlights aus dem Amateurbereich ins Internet und holt so Nachwuchskicker auf die große Bühne. Live und in HD. Und das soll erst der Anfang sein.

Hier, neunzig Minuten westlich von Wien, wird die Fußballwelt ­revolutioniert. Hier, das ist in Mauer, einem 2.000-Einwohner-­Nest bei Amstetten in Nieder­österreich. Die Revolutionäre heißen Thomas Aigner, Richard Haller und Sini Zobic.

„Wir sind die größte Sportvideo-Redaktion der Welt“, sagt Haller, als wäre es die normalste Sache der Welt. Der 49-Jährige ist das techni­sche Mastermind hinter ViprTec. Das un­aussprechliche Kürzel steht für „Video Productions Technologies“. Ein bisschen aussagekräftiger ist da schon ihr Premium-Produkt, das die drei schlicht Sportvideos365 getauft haben – eine Software, die Fußballspiele im Amateur- und Nachwuchsbereich ins Internet streamt.

In Zahlen: Mehr als

  • 16.000 Fußballspiele im Amateur- und Nachwuchsbereich
  • 57.000 Tore
  • und 200.000 Highlights

wurden in den letzten zwölf Monaten mit dem Sytem des österreichischen Startups festgehalten.

Henry Ford hat die Herstellung von Autos durch die Fließbandproduktion günstig gemacht. Das Gleiche machen wir mit unseren Videos“, erklärt Aigner. Was in der Praxis heißt: Fällt ein Tor, wird eine Chance vergeigt oder kassiert ein Spieler die Rote Karte, drückt der Kameramann vor Ort aufs Knöpferl. Den Rest erledigt die Sportvideos365-Software automatisch.

20 SEKUNDEN RUHM

Die Stube: Das Büro von Sportvideos365

Meetingraum im Stile der Sportvideos365-Crew

Die 20-Sekunden-Clips sind dann auf der hauseigenen Online-Plattform, auf Facebook oder diversen Plattformen (in Österreich derzeit Ligaportal.at, in Deutschland FuPa.net) abrufbar. Und das (fast) in Echtzeit und in HD-Qualität. Jeder Verein kann sich außerdem sein eigenes Wunschprogramm zusammenstoppeln, das nennt sich dann „Kantinen-TV“.

„Während draußen am Feld das Spiel deines Klubs läuft, gibt’s drinnen am Fernseher in der Kantine die Konferenzschaltung mit den Spielen zu sehen, die man sich vorher ausgesucht hat“, sagt Zobic.

Genau genommen sind die Niederösterreicher Wiederholungstäter. Mit ihrem Videoanalyse-Tool veränderten Haller und Zobic bereits 2007 die Fußballwelt. Weil die Bedienung mit nur einem Knopf so einfach ist, dass selbst die technikresistentesten Trainer ihren Spaß damit haben. Aber auch, weil das Ding so schnell ist, dass schon in der Halbzeitpause die wichtigsten Szenen am Bildschirm seziert werden können.

So funktionert Sportvideos365

  • - Ein Kamera­mann filmt vor Ort das Spiel mit. Fällt ein Tor, wird eine Chance vergeben oder eine Karte verteilt, drückt er auf ein Symbol am Display.
  •  
  • - Die Sportvideos365-Software filtert dann automatisch die Szene und verteilt sie über die firmeneigene Cloud auf Plattformen, Websites oder Social-Media-Kanäle.
  •  
  • - Jede Aufnahme zeigt die letzten 20 Sekunden des Spiels, bevor der Knopf gedrückt wurde, und endet zwei Sekunden danach.
  •  
  • - Fans können die Clips fast in Echtzeit, etwa 30 Sekunden nach der Action, abrufen. Trainern, Scouts, Schiedsrichtern und Spielern steht die gesamte Aufnahme nach dem Spiel zur Verfügung.
  •  
  • - Das Package, mit Software und Kamera, kostet 699 Euro.

JOSÉ MOURINHO WAR EIN FRÜHER FAN

Den Firmennamen kennt bald jeder in der Szene: „Jawoi!“ – in Anlehnung an den reflexartigen Torschrei auf den Dorfplätzen des Landes. Schnell zählen etliche etablierte Profiklubs in Österreich und Deutschland zur begeisterten Kundschaft. Sogar José Mourinho, damals Trainer von Real Madrid, bestellt das Hightechprodukt und lädt die Erfinder zur Präsentation ins königliche Trainingszentrum nach Spanien.

Das Geschäft läuft, und trotzdem folgt im verflixten siebenten Jahr das böse Erwachen. Unstimmigkeiten mit einem damaligen Partner bedeuten das jähe Aus für Jawoi!.

„Henry Ford hat die Herstellung von Autos durch die Fließbandproduktion günstig gemacht. Das Gleiche machen wir mit unseren Videos.“
Thomas Aigner

Im Frühjahr 2015 starten Haller und Zobic neu durch. Und weil ein Technik-Freak und ein Sales-Profi noch jemanden brauchen, der dem Ganzen Struktur gibt und von Zeit zu Zeit den Fokus schärft, holen sie Aigner an Bord.

ALLES BEGANN BEI EINER FLASCHE GIN

Ihre Idee ist eigentlich ein alter Hut, weil sie quasi schon immer da war. Einst ge­boren bei einer Flasche Gin zu Hallers 40. Geburtstag: „Wir wollten eine Internetplattform schaffen, auf der man alle Tore aus den unteren Spielklassen sehen kann“, umreißt Zobic die Ausgangs­lage. „Damals waren wir unserer Zeit voraus, erst jetzt sind die Vorausset­zungen, sprich Technik und Bedarf, für so ein großes Projekt vorhanden.“

Das Team von Sportvideos365

Die Revolutionäre: Thomas Aigner, Richard Haller und Sini Zobic (v. li.). Vor ihnen: die Online-Plattform, die den Amateurfußball auf die große Bühne bringt. 

Und dann setzt Zobic zum Grundsatzreferat an. Dazu kritzelt er eine Pyramide auf ein Blatt Papier.

„Nur 0,1 Prozent aller Fußballer sind im Fernsehen präsent, das ist die Spitze der Pyramide. Um den Rest, also 99,9 Prozent aller Mannschaf­ten, kümmert sich keiner. Und dann gibt’s noch einen Bereich, nennen wir ihn den Sockel der Pyramide, das sind die Hobbykicker, die zwar nicht mehr im Verein, aber noch immer zum Spaß am Wochenende kicken. Auch die holt keiner ab. Das sind aber die Menschen, die diesen Sport ausmachen. Denn der Fußball ist nicht für irgendwelche Medien oder Sponsoren da. Der Fußball ist für die Leute da!“

Kamera und Ladegerät Sportvideos365

Kamera, Aufladegerät, Stativ, SIM- und Speicherkarte, das war’s. Der Rest spielt sich im Hintergrund ab: Die Sportvideos365-Software kümmert sich automatisch um den Schnitt und Upload der Clips.

Haller, der zwar durchaus mit Sport etwas an­fangen kann, aber als Einziger des Trios absolut keinen emotionalen Bezug zu Fußball hat, nimmt die Sache nüchterner: „Dass unsere Idee umsetzbar ist, war mir immer klar. Das Einzige, was ich nicht verstanden habe: Wieso sollen sich die Leute das anschauen?“

EMOTIONEN SIND AUF JEDEM PLATZ GLEICH

Zum Glück stand Haller ziemlich allein da mit seiner Befürchtung. Der Bedarf an verfilmten Amateur- und Nachwuchsspielen respektive den Toren, die dabei erzielt werden, ist riesig.

Für Zobic, einst als Stürmer in der Landesliga im Dress des ASK Hausmening aktiv, war das keine Überraschung: „Ich würde viel Geld zahlen, könnte ich heute alle Tore sehen, die ich damals geschossen hab. Da waren ein paar richtig geile dabei.“

Und egal ob Profis oder Amateure – ­eines verbindet sie alle: „Die Emotionen, wenn einer ein Tor schießt, sind die gleichen – ob im Halbfinale der Champions League oder beim Baunti Cup in Oberösterreich.“ 

„Ich würd viel Geld zahlen, könnte ich heute alle Tore sehen, die ich damals geschossen hab. Da waren ein paar richtig geile dabei.“
Sini Zobic über seine Zeit als Landesliga-Spieler des ASK Hausmening

Doch wer den Amateurkicker auf Smartphones, Laptops oder Tablets bringen will, dem muss eines klar sein: Wenn das technische Equipment nicht so einfach wie möglich bedient werden kann, nimmt es die potentielle Kundschaft nicht an. Genau deshalb tüfteln in Mauer bei Amstetten fünf Programmierer an der perfekten Software.

KEINE ANGST VOR NACHAHMERN

Befürchtungen, dass irgendwer ihr System kopieren und ihnen das große Geschäft wegschnappen könnte, haben die Nerds im Westen Niederösterreichs keine. ­Zobic: „Wenn’s wirklich einer versucht, hat er sehr viel Arbeit vor sich.

Unsere App zu programmieren ist nicht das große Ding – aber das spiegelt eben nur einen Bruchteil unserer Arbeit wider. Der wesentlich größere Teil spielt sich im Hintergrund ab. Wir betreiben unsere eigene Cloud und haben unseren eigenen Videokonvertierungsservice.“

Abgesehen davon ist ihr Projekt gleich dreifach patentiert. Und das Hirnschmalz, das sie in ihr erstes Startup investiert haben, ist heute Gold wert: „Ein neues Spielanalyse-Tool gibt’s eh auch bald – schneller und besser als je zuvor.“ 

Klingt spannend, genauso wie die Probleme, die es anfangs zu lösen galt. Jede Liga dieser Welt hat ihre ganz ­eigene Organisationsstruktur. Fragen wie „Wer steigt auf bzw. ab?“ sind quasi überall anders geregelt.

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Das Magazin für und über Menschen von morgen, die die Zukunft verändern und verbessern wollen.

Zobic: „Wenn jetzt jemand eine Kamera bei uns kauft, drückt er den Sync-Button, und nach zwei Minuten sind die Liga-Struktur und alle Vereine samt den dazugehörigen Logos vollautomatisch installiert. Während der Kunde heimfährt, richte ich ihm eine Website ein, und sobald er daheim angekommen ist, kann er los­legen. Und das Consulting, wie er Sponsoren lukrieren und Geld mit unserem Produkt verdienen kann, gibt’s gratis dazu.“

WELTWEITES INTERESSE

Mittlerweile hat die rotweißrote Revolution weltweit Fans gefunden. Bei den Ballzauberern in Brasilien etwa läuft Sportvideos365 im Probebetrieb. Zobic: „Denen brauchst du nicht zu erklären, dass unser System sinnvoll ist, die sind mit Videos am Handy aufgewachsen.“

Auch als er kürzlich in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland bei der NSCAA Convention, dem größten Treffen von Trainern und Spielern im US-Fußball, die Idee vorstellte, blickte er in glänzende Augen. „Der Vorteil von Amerika: Fußball hat dort keine Tradition, also gibt es keine verkrusteten Verbandsstrukturen. Und Amerika ist um so viel größer, da stößt du nicht so schnell an Grenzen.“

„Unsere Meetings finden auf Almhütten statt – ohne Strom, ohne Warmwasser und meistens auch ohne Handyempfang.“
Richard Haller über bodenständige Meeting-Kultur

Trotzdem liegt das Hauptaugenmerk derzeit auf dem Ausbau des Europa-Geschäfts. England, das Mutterland des Fußballs, will erst erobert werden.

Zobic: „Ein erster Schritt ist gemacht. Unser Ziel ist es, ein nachhaltiges Konzept mit dem englischen Verband zu erarbeiten.“ Ergäbe Sinn, schließlich sind beim ältesten Fuß­ballverband der Welt 42.500 Vereine registriert, mehr als vier Millionen Spieler passen sich Woche für Woche den Ball zu. 

Bestellungen bei Sportvideos365 türmen sich

Im Vorzimmer des Büros stapeln sich die Pakete. Das Startup ­beliefert Vereine und Medienpartner in ganz Europa und Brasilien. Als Nächstes soll das Mutterland des Fußballs erobert werden.

Angesichts der Dimension des Projekts ist es nur logisch, dass Investoren Blut geleckt haben. Aktuell sind es vier Geldgeber, drei heimische Investoren und ein Business Angel aus Amsterdam, die am Startup aus Mauer beteiligt sind.

POTENZIELLE PARTNER MÜSSEN ABGEHÄRTET SEIN

Über die unkonventionellen internen Firmengesetze sind potentielle Inves­toren und Geschäftspartner gleichermaßen perplex. Die oberste Grundregel bei ViprTec? „Unsere Meetings finden auf Almhütten statt – ohne Strom, ohne Warmwasser und meistens auch ohne Handyempfang“, sagt Haller.

Die rustikalen Meetings hinterlassen einen ebenso bleibenden Eindruck wie die sommerlichen Pool-Partys oder Grillfestln im Garten der Firmenzentrale. Oft entstehen gerade beim Blödeln nach Feierabend die großartigsten Ideen. Wie zum Beispiel dieser Einfall: Warum sollten nicht auch Freizeitkicker ihre Laufleistung tracken können?

Aus technischer Sicht ein Klacks, sagt Haller, doch diesmal will er ausnahmsweise nicht jeden Handgriff selber machen: „Starten wir doch mit dieser Story einen Aufruf. Wenn’s Entwickler oder Software-Produzenten gibt, die glauben, einen Beitrag zu unserem Projekt leisten zu können, dann sollen sie sich schnellstens bei uns melden!“

DER TRAUM VOM PUSKÁS AWARD

Weniger ein Aufruf, sondern eher ein Hilfeschrei ist ein anderes Thema: Der aktuelle Ausstatter, Samsung, kann den Bedarf nicht mehr stillen. Polaroid wäre die logische Alternative, doch bis jetzt gibt es auf die Anfrage noch keine Antwort aus Concord, Massachusetts. Wär doch wirklich schade um jedes Tor, das nicht gefilmt werden kann.

Schließlich träumen die drei in Mauer einen ganz großen Traum: Jedes Jahr im Jänner kürt die FIFA in Zürich nicht nur den Weltfußballer und die beste Spielerin des Jahres, es wird auch der spekta­kulärste Treffer via Online-Voting der Fans mit dem Puskás Award prämiert.

„Wäre doch richtig cool, wenn dabei künftig auch das schönste Tor im Amateur- und Nachwuchsbereich gewählt werden könnte!“ Und das dank einer Technik aus einem kleinen Nest in Niederösterreich. 

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