Sex-Tipps von Expertin Yana Tallon-Hicks

Sexpertin Yana Tallon-Hicks: „Wir sind keine perfekten Pornostars“

Interview: Christoph Kristandl
Bild: Yana Tallon-Hicks

Seit tausenden von Jahren haben Menschen Sex. Den richtigen Umgang damit lassen sie aber nach wie vor vermissen, meint Yana Tallon-Hicks. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern. Ihr Ziel: Eine positive und realistische Einstellung zum Thema.
Yana Tallon-Hicks, eine Expertin in Sachen Sex
Yana Tallon-Hicks

Tallon-Hicks ist Sexualerzieherin, hält Workshops für Jugendliche sowie Erwachsene ab und schreibt für mehrere US-Magazine. Für The Valley Advocate verfasst Tallon-Hicks die wöchentliche Kolumne The V-Spot, in der sie Leserfragen beantwortet und sexuelle Probleme mit einer gesunden Portion Humor aufarbeitet. 

THE RED BULLETIN INNOVATOR: Sie gelten als Expertin in Sachen Sex. Wie viel Sex muss an eigentlich haben, um Expertenstatus zu rechtfertigen?

YANA TALLON HICKS: Das kann ich nicht sagen. Man sollte einfach so viel Sex haben wie man möchte und darauf achten, das er Qualität hat. Aber die Frage nach der richtigen Menge bekomme ich oft gestellt. Die Leute schreiben mir Dinge wie: „Ich habe nur dreimal pro Woche Sex, ist das genug?“

Und was antworten Sie ihnen?

Ich frage sie, ob es für sie persönlich genug ist. Denn wenn du denkst, es ist ein Problem, dann ist es eines. Wenn dir dreimal reicht, dann ist doch alles in Ordnung.

Es gibt aber bestimmt auch, sagen wir, speziellere Fragen.

Man muss wissen, es ist wirklich schwer mich zu schocken. Ich denke aber auch, dass keine der Fragen verrückt ist. Vieles resultiert aus Unsicherheit und Scham. Kurios wird es bei Fake-Fragen, mit denen Leute … keine Ahnung, was sie damit eigentlich erreichen wollen. Ein Leser hat mich einmal gefragt, ob es normal sei, sich beim Sex als Hulk zu verkleiden. Sie wissen, der grüne Typ mit den großen Fäusten.

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Woher wissen Sie, dass es ein Fake war. Es soll doch für alles einen Fetisch geben.

Stimmt. Ich dachte damals zumindest sofort an einen Scherz. Aber eigentlich würde es mich auch nicht überraschen, wenn das real wäre. Hoffentlich sitzt der arme Kerl nicht am Boden zerstört zuhause und wartet auf eine Antwort.

Wie wird man eigentlich Sexpertin?

Bei mir passierte das eigentlich sehr selbstständig. Ich habe viel Recherche betrieben und mich über Dinge informiert, die mir interessant erschienen. Ich habe auch eine lange Zeit Sexspielzeug verkauft und dann angefangen, für Magazine zu schreiben. Mittlerweile kann man Sexologie und dergleichen ja an der Universität studieren.

Yana Tallon-Hicks on Twitter

In this week's sex column, I answer a reader's question about being asexual in a hypersexual world & my intern...http://fb.me/LBSryVx5

Kann man sagen, Sie haben Ihr Hobby zum Beruf gemacht?

Ich denke schon. Aber es ist lustig, die Leute glauben, mein Freund und ich würden ständig Orgien feiern, uns von Sexschaukeln schwingen und an jeder Ecke unseres Zuhauses würde ein Orgasmus lauern.

Und dem ist nicht so?

Es ist nicht so, dass es nicht so wäre, wirft Tallon-Hicks Lebensgefährte trocken ein, der in der Ecke auf einem Sofa sitzt und etwas gelangweilt in sein Smartphone starrt.

Wir haben ein großartiges Sexualleben, aber an einem Freitagabend sitzen wir auch mal in unseren Pyjamas vor dem Fernseher und sehen Netflix. Wir sind ziemlich normal und das ist es auch, was die Leute begreifen sollten: Man kann sexuell sehr aktiv sein und ein normales menschliches Lebewesen sein. Das ist ein Teil davon.

© Youtube // TEDx Talks

Warum streben Sie danach, das Sexualleben anderer Menschen zu verbessern?

Sex ist oft noch immer ein großes Tabuthema, das von vielen sehr ernst angegangen wird. Ich will eine offenere, positivere und lockere Sicht vermitteln. Die Menschen müssen akzeptieren, dass wir alle keine aufpolierten, perfekten Pornostars sind, die ein geskriptetes Programm abspulen. Diese Idee von Sex ist nicht authentisch. Wir machen Fehler, wir machen vielleicht manchmal verrückte Sachen im Bett, aber das schafft auch eine Verbindung zu unserem Gegenüber, weil es zeigt, dass wir menschlich sind.

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Wie wichtig ist Kommunikation im Bett?

Wenn man nicht miteinander spricht, bekommt man vermutlich nicht das von einer sexuellen Interaktion, was man sich erwartet. Das Problem ist aber, dass uns diese Kommunikation nirgendwo gezeigt wird, nicht im Film, auch nicht im Aufklärungsunterricht. Deshalb ist es für viele seltsam zu sagen: „Kannst du stattdessen noch einmal das andere machen, das fühlt sich besser an.“ Man will auch nicht am Ego des anderen kratzen. Aber das Kennenlernen der eigenen Bedürfnisse und jenen des Partners ist ein ständiges Training, das sich auszahlt.

Tallon-Hicks bei ihrem Besuch in Wien

Tallon-Hicks bei ihrem Besuch des TEDx ViennaSalon zum Thema „The Future of Intimacy“

© TEDx

Was empfehlen sie Leuten, die sich damit schwer tun?

Schüchtern zu sein ist grundsätzlich ok. Aber oft kommt Schüchternheit von Scham, von Angst, dass man als Freak angesehen werden könnte, weil man bestimmte Dinge mag. Wenn das der Fall ist, ist es wichtig, in kleinen Schritten daran zu arbeiten, mit einem Partner, dem man voll und ganz vertraut.

Was halten Sie vom konventionellen Aufklärungsunterricht?

Ich kann nur für die USA sprechen, aber dort sagen mir die Kids, dass sie nichts lernen, was sie im richtigen Leben gebrauchen können. Vieles im Unterricht ist Verschreckungstaktik. Tut dies nicht, tut das nicht. Sie hören nur Penis, Vagina, da rein, verwendet ein Kondom oder ihr werdet schwanger. Ende der Geschichte. Unsere gesamte Kultur basiert auf Sex, wir wissen, dass das etwas Tolles ist, wieso sollten wir also lügen und ein überwiegend negatives Bild davon zeichnen? Es sollten auch verschiedene Sexualitäten ebenso im Unterricht thematisiert werden wie Sexspielzeug und Pornographie. Die Kids sollten auf Sex vorbereitet sein, wenn sie ihn haben. Dazu muss man ihnen aber auch ehrlich alle Informationen geben. 

Und die Rolle der Eltern? Es gibt wohl kaum unangenehmere Gesprächsthemen.

Ein Gespräch mit den Eltern über Sex ist für beide Seiten nicht angenehm. Eltern wollen ihre Kinder nicht als sexuell aktive Wesen sehen, aber das sind sie irgendwann. Es ist völlig normal, dass sie Dinge entdecken und ausprobieren. Ich sage Eltern immer, dass sie mit Sicherheit bessere Sexualerzieher sind als Google. Wenn ihr sie damit alleine lasst, macht ihr keinen guten Job. Die Kids sollten immer wissen, dass sie mit allen Problemen zu euch kommen können.

„Sei rücksichtsvoll. Verwende mehr Geitgel als du glaubst, dass du benötigst. Lach auch mal im Bett.“
Drei grundsätzliche Tipps von Yana Tallon-Hicks

Was halten Sie von Technologien wie Virtual Reality, die dem Sex-Markt im wahrsten Sinn eine neue Dimension verleihen?

Technik zu verwenden, um unser Sexualleben zu verbessern, ist der logische nächste Schritt. Solange man sie richtig einsetzt, glaube ich nicht, dass das schlecht für unserer Intimität ist. Pornographie sehe ich grundsätzlich als gute Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen. VR füllt dabei eine Nische, die die Leute wollen, das ist nichts Schlechtes. Wir ticken bei High-Tech-Gadgets doch immer aus, aber es wird keiner mit seiner VR-Brille Löffelchen-liegen oder seinem Masturbations-Roboter zärtliche Worte zuflüstern. Die Menschen werden immer auch echte Verbindungen haben.

Ansonsten würden wir auch aussterben.

Und die Sexspielzeuge würden die Welt beherrschen. Das wäre tragisch. Aber ich sehe hier auch nicht nur Schwarz oder Weiß. Man kann diese Dinge nutzen und gleichzeitig einen Partner haben. Manche sprechen dabei vom Betrügen, aber ich sehe das nicht so. Das ist alles Teil unserer Sexualität - und das ist eine große Spielwiese.

Welche Technologien sind Ihre persönlichen Favoriten?

Mein Freund und finden Sexting eine nette Art in Kontakt zu bleiben, auch wenn man beschäftigt ist. Dirty Talk, ein paar freche Smileys und die Foto-Optionen der Smartphones haben natürlich völlig neue Möglichkeiten eröffnet.

Ist das schon einmal schiefgegangen?

Ich stand einmal gerade in der Schlange in einem Cafe, umringt von Frauen und Kindern, als ich eine Nachricht bekam und nichtsahnend ein Bild von seinem besten Stück öffnete. Ich weiß nicht, ob es jemand gesehen hat, aber wir leben in einer kleinen Stadt, die Leute kennen mich und wissen, was ich tue. Vermutlich hätten sie sich nur gedacht: „Ach, Yana arbeitet wahrscheinlich gerade.“

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08 2016 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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