Googles selbstfahrendes Auto "Waymo"

Warum Robocars die Zukunft sind

Text: Jürgen Furian
Foto: Waymo

Jürgen Furian spricht mit Brad Templeton, einem Guru des autonomen Fahrens, über die Zukunft unserer Autos.
Jürgen Furian
Jürgen Furian

Co-Founder von Pioneers.io. Erforscher von futuristischer Technologie, die an die Grenzen geht. Kolumnist für The Red Bulletin Innovator. Folge ihm auf linkedin, twitter und IG (juergen_furian).

Es gibt einen ganz bestimmten Grund, weswegen ich die Marktreife von autonomen Fahrsystemen gar nicht erwarten kann. Von all den Themen im Mobilitätssektor ist es dieses eine, über das ihr euch wirklich Gedanken machen solltet.   
 
Jedes Jahr sterben 1,3 Millionen Menschen bei Autounfällen. Das sind über 3000 Tote pro Tag. Ist es nicht interessant, dass wir Gefahren wie Krebs oder Terrorismus mehr fürchten, als die Fahrt in einem Auto? Ich denke, meine zukünftigen Kinder werden sich gehörig wundern, wie wir Alten uns überhaupt in diese gefährlichen Dinger namens Autos setzen konnten.

Der Grund dafür ist, dass wir von A nach B gelangen müssen und deswegen nehmen wir diesen Preis in Kauf. Ganz gleich, wie viele Menschen verletzt oder getötet werden. Ganz gleich, wie viele Familien dadurch zerstört werden. Nur um die Sache in Relation zu setzen: Durch terroristische Anschläge kamen 2015 weltweit 28 300 Menschen ums Leben. Ich hoffe wirklich, dass die neuen autonomen Fahrzeuge die zerstörerischen Konsequenzen menschlichen Fahrens eliminieren werden. 

Für eine Expertise zum lebensrettenden Potenzial solcher selbstfahrender Autos habe ich mich mit unserem früheren Pioneers-Speaker Brad Templeton getroffen. Wir haben auch über aktuelle und zukünftige Entwicklungen im Robocar-Sektor geplaudert. Der Mann weiß, wovon er spricht, denn Brad war von Beginn an Teil dieser Branche. Er beriet Googles Ingenieure, als sie ihr selbstfahrendes Auto entwickelten. Mehr von Brad könnt ihr auf seinem Blog lesen.

Klicken zum Weiterlesen

JÜRGEN FURIAN: Brad, du bist seit vielen Jahren ein Experte für fahrerlose Autos. Würdest du …

BRAD TEMPLETON: Ach komm schon, bitte nicht!

Nicht was?

Diesen Ausdruck - „fahrerlose Autos“. Das ist dumm. Das ist, als würde man ein Auto eine pferdelose Kutsche nennen. 

Ok. Also was wäre der richtige Begriff?

Im Moment gibt es keinen. Ich bevorzuge „Robocars“. Ich mag auch „selbstfahrende Autos“, aber das ist zu lang.

© Youtube // Pioneers Festival

Also Robocars. Ich denke, die Sicherheitseinrichtungen dieser Vehikel sind enorm. Wir haben bereits atemberaubende Statistiken darüber gesehen, wie viele Leben gerettet werden könnten … 

Absolut. Meiner Meinung nach könnten Robocars alleine in den USA rund 33 000 Menschenleben retten und Millionen Verletzungen verhindern. Vor allem bei jungen Leuten, deren Haupt-Todesursache Autounfälle sind. Weltweit sprechen wir, denke ich, von über einer Million geretteten Leben pro Jahr.

Die Technologie, die autonomes Fahren maßgeblich vorantreibt, ist maschinelles Lernen (eine Form künstlicher Intelligenz), richtig?

Ja, und Convolutional Neural Networks (künstliche neuronale Netzwerke, die dabei helfen, Objekte zu erkennen und einzuordnen) haben sich als sehr effektives Tool für Ingenieure erwiesen, um maschinelles Lernen anzuwenden.

Welche Startups hast du diesbezüglich auf dem Radar und an welchen Technologien arbeiten sie, um autonomes Fahren auf das nächste Level zu heben?

Da gibt es eine ganze Menge. Viele, wie „zoox.co“, arbeiten noch im Verborgenen. „Quanergy.com“ ist eines, bei dem ich selbst involviert bin. Es geht hauptsächlich darum, Objekte einzuordnen oder Wahrnehmungssysteme zu entwickeln, um die Welt zu verstehen. Einige andere versuchen sich an Karten. Die große Frage ist, wie man es umsetzen kann: Nur mit Kameras oder einer Kombination von Kameras, Lasern und Radar.

Was meinst du, werden sich letztlich die großen Autohersteller und Tech-Giganten den entscheidenden Durchbruch untereinander ausmachen oder werden Startups dabei auch eine Rolle spielen?

Es gibt viel Spielraum und Möglichkeiten für Startups, innovativ und enorm erfolgreich zu sein. Aber sobald ihre Technologie funktioniert und Geld erwirtschaftet, werden Google, Uber und Apple zweifelsfrei massiv investieren und ihr Territorium beanspruchen. 

Und die großen Automobilkonzerne …

Die entscheidende Komponente an den Autos der Zukunft ist der Computer, nicht der Motor! Der Computer läuft nach dem Mooreschen Gesetz. Deswegen ähneln die Veränderungen, die wir im Transport sehen, jenen, die wir aus dem Telefonsektor kennen mehr als allen anderen.

Und das heißt, dass sich traditionelle Autohersteller in Service-Anbieter verwandeln müssen …

Das wird eine ziemliche Herausforderung für sie. Seit ihrem Bestehen war es ihr Geschäftsmodell, Autos zu verkaufen. Es ist nicht unmöglich mit dieser Chance umzugehen und vielleicht werden sie einige Hersteller auch erfolgreich nutzen können, aber das erfordert eine massive Veränderung in ihrer Organisation. Und auch in ihrem Denken.

Wie sieht es mit anderen Anwendungen für autonome Systeme aus?

Natürlich arbeiten einige Unternehmen an Shuttles, wie etwa das erfolgreiche französische Startup „Navya“ (Top50 Startups Pioneers Festival 2015) oder „nuTonomy“ in Singapur. Wir dürfen auch Lieferroboter wie Starship nicht vergessen.

Oder Steve Cousins Startup Savioke, das Lieferroboter für den Einsatz in Hotels baut. Ich mag den Ausdruck Botlr für diese Art von Dingen.

Fun Fact: Ich habe gehört, dass einige Menschen dem Roboter sogar Trinkgeld geben.

© Youtube // Adrian Canoso

Es kursieren viele Gerüchte rund um das Thema autonomes Fahren und es gibt viele Meinungen. Ich weiß, du hast deine eigenen, starken Ansichten … also in welchen Punkten unterscheidet sich deine Meinung von dem, was andere denken?

Vieles was im Umlauf ist, ist Blödsinn. Autos, die miteinander sprechen zum Beispiel. Das wird nie passieren! Das ist einfach nicht nützlich und es birgt zudem ein großes Sicherheitsrisiko. 

Gibt es noch etwas, das du für Blödsinn hältst?

Provozier mich bloß nicht.

Nur noch einen Punkt.

Die ganze Sache mit der Veränderung der Infrastruktur wird einfach nicht passieren. Das Auto muss sich anpassen, nicht die Infrastruktur.

Danke für das Gespräch, Brad!

Was ich an meinem Job am meisten liebe, ist der Kontakt mit so vielen Innovatoren und die Möglichkeit, neue Technologien so früh kennenzulernen. Die einfallsreichen Startups bei unserem Mobility.Pioneers-Event in München (7./8. Februar 2017) arbeiten an 3D-Kamerasystemen, Sensortechnologien, Big-Data-Analysen, von künstlicher Intelligenz unterstützter Software und vielem mehr, das sich um Mobilität dreht. Alles Dinge, die Autos letztlich sicherer machen werden. 

Am Ende werden sich nur die Dinge durchsetzen, die sicher, (kosten-)effizient und komfortabel sind. Es wir maßgeblich an uns Kunden liegen, zu entscheiden, was wir wollen und was nicht. Wir leben in aufregenden Zeiten - oder um es mit Brads Worten zu sagen: „Macht euch bereit für eine wilde Fahrt!“ 

Jürgens Innovator-Tipp

Auf geht’s, Pionier!

Natürlich müssen erweiterte und komplexe Technologien ausgereift sein, bevor sich „Robocar“-Systeme im Mainstream etablieren können. Aber es geht nicht nur um Technologie. Computer werden in gewissen Situationen auch „moralische“ Entscheidungen treffen müssen. 

Probier die „Moral Machine“ des MIT aus und lehre das Robocar, welche Entscheidung es treffen soll!

Klicken zum Weiterlesen
01 2017 THE RED BULLETIN

Nächste Story