Jérôme Soudan, der Mann hinter dem Genfer Electron

Festival als Instrument:
Jérôme Soudan und das Genfer Electron

Text: Stephanie Fuchs
Foto: Paul Hegi

Das Electron will es niemandem leichtmachen: Fünf über die ganze Stadt verstreute Locations, mehr als hundert bestenfalls Insidern bekannte, aufstrebende Electronic Art Acts aller Genres und ein konsequent aus­gelebter Hang zur sperrigen, avantgardistischen Programmierung.

In wenigen Tagen geht in Genf die 14. Ausgabe des Electron Festivals über die Bühne. Jérôme Soudan, DJ, Produzent und künstlerischer Leiter, verantwortet diese Erfolgsgeschichte fern aller Strom­linien. Ein Gespräch über Balancen, Erbgut und Vertrauen.

THE RED BULLETIN: Elektro-Festivals haben offenbar eine geheime, weltweit gültige Erfolgsformel, und sie ist nicht kompliziert. Sie lautet: Lass drei Tage lang Superstar-DJs auf irgend­einem Acker auflegen. Dann kommen 100.000 Leute, die Bier aus Bechern trinken und bis zu den Knien im Dreck versinken, und alle werden reich. Ihr Festival hat nichts davon. Keine Superstars, kein Acker, keine 100.000 Leute, und reich wird auch niemand.

JÉRÔME SOUDAN: Und das gut so, wie ich finde.

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Es reicht Ihnen ja nicht einmal, sich der Erfolgsformel zu verweigern. Sie gehen einen Schritt weiter. Und ­machen das Gegenteil von allem, was herkömm­licherweise Erfolg verheißt. Ihr Programm ist ein avantgardistischer Mix aus elektronischer Musik, Performance, Tanz und digitaler Kunst. Fürchten Sie gern um Ihre Existenz?

Nein, so weit gehen wir doch nicht. Man muss sich aber schon 365 Tage im Jahr ins Zeug legen, um die Menschen für ein multidisziplinäres Elektro-Festival zu begeistern.

Genfer Electron

© Gabriel Asper

Wo liegen die Grenzen Ihrer Risiko­freude und Ihres Wagemuts?

Wer nicht wie andere sein will, muss ­bereit sein, Risiken einzugehen. Und es braucht wohl auch ein wenig Mut, konsequent auf große Namen zu verzichten, stattdessen lieber Newcomer oder noch unentdeckte Künstler zu buchen. David Guetta wird niemals beim Electron auftreten. Und soll es auch nicht.

Was ist falsch an David Guetta?

Gar nichts. Aber er ist ein globaler Superstar. Und Weltstars und Electron, das verträgt sich einfach nicht. Nicht der Beliebigkeit des Mainstreams zu verfallen ist in unserer Festival-DNA verankert. Das gilt übrigens auch für die Stadt Genf als Festivalort. 

„Nicht der Beliebigkeit des Mainstreams zu verfallen ist in unserer Festival-DNA verankert.“
Jérôme Soudan
Shows, Arts, Performances – und viel E-Musik: Das Electron bricht mit den Konventionen klassischer Elektro-Festivals.

Shows, Arts, Performances – und viel E-Musik: Das Electron bricht mit den Konventionen klassischer Elektro-Festivals. 

© Gabriel Asper

Sie sprechen stets freundlich über Genf. Dabei hat die Stadt mit Fördergeldern für die diesjährige Ausgabe gegeizt.

Kein Drama. Wir leben ohnehin in erster Linie von den Ticketverkäufen. Also vom kleinen, feinen Electron-Publikum.

Torture Garden

Electron-Klassiker: der „Torture Garden“, ein Mix aus extremer Fetisch-Performance, Burlesque und sexy Catwalk-Show.

© Sebastian Moitrot 

Das so klein dann auch wieder nicht ist: 20.000 sind es jedes Jahr. Das ist mehr als ordentlich.

Was ich besonders mag: Die Leute kommen sogar, wenn ihnen kein einziger Künstler im Programm etwas sagt. Die vertrauen uns. Sogar die hundert Tickets, die wir vor der offiziellen Programmpräsentation auflegen, gehen sofort weg. 

Wie baut man solch blindes Vertrauen auf?

Indem man den Leuten nicht einfach einen Künstler vor die Nase setzt, der auf YouTube gerade durch die Decke geht. Sondern sich Mühe gibt: sich regelmäßig in einen Flieger setzt und zu Konzerten fährt; sich ständig in der Szene bewegt; ehrlich Bock drauf hat, die ungeschliffenen Rohdiamanten zu finden. Das nehmen die Leute wahr. 

Was muss denn so ein Rohdiamant mitbringen, um es bei Ihnen ins Festivalprogramm zu schaffen? 

Nehmen wir als Beispiel einen DJ. Der muss zwei Dinge können. Erstens: einen unverwechselbaren Mix liefern. Zweitens: mich mit seiner Trackauswahl über­raschen. Einfach aufzulegen, was eben gerade angesagt ist, sich niemals ein bisschen aus dem Fenster lehnen … todlangweilig.

Ein kühner Zugang, wenn man in erster Linie von den Ticketverkäufen lebt.

Es braucht einfach ein gesundes Gleichgewicht. Ich kann kein gutes Festival auf die Beine stellen, wenn ich die Veränderungen der Festivalszene ignoriere. Ich kann aber auch kein gutes Festival auf die Beine stellen, wenn ich mich im Programm und in meiner Arbeit dafür nicht persönlich wiederfinde.

Rohdiamanten erfreuen hier die Crowd im Club.

© Gabriel Asper

Muss man als Festivalorganisator ­tatsächlich persönliche Erfüllung in seinem Job finden? 

Ich mache diesen Job ja nicht nur, weil ich andere Menschen für elektronische Kunst begeistern will. Ich will mich auch selbst immer wieder dafür begeistern. Dafür ist das Festival mein Instrument. Neues lernen, mich von anderen DJs oder Künstlern inspirieren lassen; meine persönliche Leidenschaft für alles abseits des Mainstreams am Leben halten. 

Es ist Ihnen offenbar wirklich 13 Jahre lang gelungen, sich treu zu bleiben. Wie haben Sie das gemacht?

Was heißt denn das: sich treu bleiben? Klar, das bedeutet eine gewisse Konsequenz. Dass man nicht unbequem wird, dass man das verfolgt, was einem wirklich wichtig ist, dass man der Versuchung widersteht, vorsichtshalber mit dem Strom zu schwimmen. Sich treu bleiben hat aber nichts mit Sturheit zu tun, nichts mit Scheuklappen, verwechseln Sie das nicht. 

Herzstück des Electron: die unzähligen Club­konzerte – an gleich fünf Genfer Locations

© Sebastian Moitrot

Sondern?

Sich treu bleiben heißt, eine eigene ­Haltung zu kultivieren, aber sich zu bewegen, etwas zu wagen, nicht blind ­irgendeinem Ideal hinterherzujagen. Das misslingt, wenn man immer nur den direkten, geraden Weg sucht. 

Das Electron Festival hat auch stürmische Zeiten hinter sich.

Sicherlich gibt es in mehr als zehn Jahren Festivalgeschichte Momente, die einen ins Grübeln bringen. Wo man sich fragt: Ist das noch immer mein Weg? Ist es immer noch der richtige Weg?

„Wenn es sich richtig anfühlt, dann werden wir das Electron irgendwann wieder ein Stück weit neu ­erfinden. Die DNA wird bestehen.“

© Gabriel Asper

Wie kriegt man solche Zweifel in den Griff?

Meine erste Anlaufstelle ist meistens ­meine Frau Emmanuelle (Emmanuelle Dorsaz ist Festivaldirekorin des Electron; Anm.). Sie erinnert mich dann daran, warum wir eigentlich machen, was wir machen. Für wen wir es machen. Das reicht. Wir bleiben seit 13 Jahren unseren Grundsätzen, unbekannte oder aufstrebende Acts zu fördern, treu, wir ­haben dieselbe DNA wie das pure House- und Techno-Club-Festival, als das wir 2003 starteten. Auch wenn wir damit ­äußerlich seit dem Wandel zum elektronischen Kunstfestival 2008 nichts mehr zu tun haben. Und wenn es sich richtig anfühlt, dann werden wir das Electron irgendwann wieder ein Stück weit neu ­erfinden. Die DNA wird bestehen.

Das Electron macht seinem Ruf als schrillstes Stadtmusikfestival Europas alle Ehre.

© Sebastian Moitrot

Das Motto des Electron Festivals Nummer 14 lautet:
„Techno Is My Religion“.

41 elektronische Musik- und Performance-Acts rocken vom 13. bis 16. April das Electron in Genf. Das musikalische Line-up 2017 führen die House- und Techno-Acts Booka Shade sowie Chris Liebing an. Auf keinen Fall verpassen sollte man außerdem den Gig der jungen Techno-Künstlerin Rebekah, die – glaubt man Jérôme Soudan – eine ziemlich große Zukunft vor sich hat.

Und sonst? „Die ­Eröffnungsshow von Performance-Künstlerin Elena Montesinos ist ein Muss. Extrem verrückte Dinge werden passieren!“ 

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05 2017 The Red Bulletin

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