Motorradfahrerin Leticia Cline im Interview

Leticia-Cline: Die ultimative Motorrad-Abenteurerin

Text: Nora O’Donnell
Fotos: Zur Verfügung gestellt von Leticia Cline

Würdest du es schaffen, an einem einzigen Tag über 2.400 Kilometer auf einem Motorrad zurückzulegen? Biker-Braut Leticia Cline lässt diesen Monsterritt jedenfalls ganz leicht aussehen.

Die aus Kentucky stammende Leticia Kline hat Karriere in der Motorrad-Industrie gemacht und dabei in nahezu jeder Branche gearbeitet – als Model, Journalistin, Markenbotschafterin und als Mitglied der Iron Lilies, einer Harely-Motorradgang aus Orlando, Florida, der nur Frauen angehören.

Nachdem sie den Sommer damit verbracht hatte, mit ihrem Bike durch 34 Staaten zu düsen, trafen wir die 37-jährige Abenteurerin, um mit ihr über ihre Reise, ihre verrücktesten Roadtrip-Erlebnisse und ihre Leidenschaft für Zweiräder zu sprechen.

Motorradfahrerin Leticia Cline im Interview

THE RED BULLETIN: Die wichtigste Frage vorweg: Wie sind Sie überhaupt zum Motorradfahren gekommen?

LETICIA CLINE: Ich bin in Cave City, Kentucky aufgewachsen. Normalerweise bewegt man sich dort mit dem Auto, dem Trike oder maximal einem Dirtbike fort. Mein Vater war aber ein absoluter Motorrad-Freak, der auch selbst an den Maschinen schraubte. Er brachte mir das Fahren schon bei, als ich erst vier Jahre alt war.

Als er vor acht Jahren verstarb, fuhr ich mit seiner Harley, einer Heritage Softail, zum Begräbnis, stellte sie ab und stieg vier Jahre lang auf kein Motorrad mehr, weil es zu schmerzhaft für mich war. Ich hatte eine richtige Lebenskrise. Ich hatte das Gefühl, endlich erwachsen werden zu müssen. Deshalb zog ich nach New York und nahm einen Job als Marketing und PR-Chefin an. Während dieser Zeit besuchte ich ein Motocross-Rennen und realisierte, dass Motorräder mein Leben sind und ich einen Weg finden musste, in der Branche wieder Fuß zu fassen.

Und Fuß gefasst haben Sie. Mehr sogar, sind sie doch Journalistin, fahren Rennen, moderieren Events und sind Marken-Botschafterin. Habe ich etwas vergessen?

(Lacht.) Ich bin auch Fahrlehrerin. Sobald etwas mit Motorrädern zu tun hat, will ich es machen. Mein Ziel ist es, Motorradfahren für passionierte Fans spaßig und sicher zu machen. Daher mache ich Werbung, bringe Menschen bei, wie man richtig fährt und arbeite mit Herstellern zusammen, um Bikes für Anfänger zu entwickeln.

Sie haben recht jung angefangen zu modeln. War es jemals problematisch, ein Model zu sein, das auch Motorrad fährt?

Ich habe mit gerade einmal 13 Jahren mit dem Modeln begonnen und stieß bei beiden Seiten auf Widerstand. Ich habe immer gesagt, dass das Modeln meine Rennfahrer-Karriere bremste und umgekehrt. Ich habe für jede Motorrad-Marke gemodelt und früher sollte ich immer nur auf den Bikes posieren. Das wollte ich nicht. Ich habe aber lange gebraucht, um zu sagen: „Nein, ich will darauf fahren. Wenn ihr Fotos machen wollt, dann werde ich auch fahren.“

Diesen Sommer sind Sie auf einer Iron 883 Harley durch die USA gefahren. Wie viele Kilometer waren das insgesamt?

Ich bin in drei Monaten etwas mehr als 24.000 Kilometer durch 34 Staaten und zehn Nationalparks gefahren. Ich bin sogar auf dem Mount Washington in New Hampshire rauf, die Heimat des schlechten Wetters. Dort wurden Windgeschwindigkeiten bis zu 370 Kilometer in der Stunde gemessen und das Wetter kann von einer Sekunde auf die andere wechseln. Im einen Moment ist es sonnig und klar, im nächsten kann es schneien, regnen oder hageln. Zwei Tage im Jahr ist die Straße nur für Motorradfahrer geöffnet. Der Weg ist nur teilweise asphaltiert, es gibt keine Leitplanken und die Steigung beträgt teilweise 22 Prozent. Es ist verrückt. Man sagt, dort entscheiden sich Schicksale.

Motorradfahrerin Leticia Cline im Interview

Was war die längste Distanz, die Sie an einem einzigen Tag zurückgelegt haben?

Manchmal muss ich etwas machen, nur um mir selbst zu beweisen, dass ich es kann. Ich redete mir einfach selbst ein, dass ich über 1.600 Kilometer an einem Tag zurücklegen will und tat das dann auch.  Daraufhin dachte ich, hey, ich versuche 2.400 Kilometer zu fahren und schaffte auch das. Da wurde mir klar, dass andere Dinge im Leben gar nicht so schwer sind. So etwas motiviert mich und treibt mich an. Ich liebe es aber auch, mich wie ein „Bad-ass“ zu fühlen.

2.400 Kilometer wären schon mit einem Auto eine wahnsinnige Distanz, aber wie geht das erst auf einem Motorrad, wo man noch umsichtiger sein muss?

Ich habe sogenanntes „Sportster Yoga“ gemacht. Im Grunde genommen ist das nichts anderes, als sich viel auf dem Bike zu bewegen. Dennoch sind meine Füße eingeschlafen, mein Hintern wurde taub und meine Schultern wollten nicht mehr. Es war auch eine mentale Herausforderung. Ich bin durch die Wüste gefahren, es hatte 43 Grad. Ich wurde einfach immer entschlossener. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie ich das gemacht habe. Wenn ich daran denke, wird mir klar, dass es verrückt war. Aber ich würde es wieder tun.

Sie haben sicher ein paar interessante Road-Trip-Geschichten zu erzählen.

Oh mein Gott, natürlich. Vor ein paar Jahren beim Biker-Treffen in Sturgis arbeitete ich als Moderatorin beim Buffalo Chip. Da ich dafür extra eingeflogen wurde, hatte ich mein Motorrad nicht dabei. Was zur Hölle machst du in Sturgis ohne Motorrad? Ich war also zu Fuß unterwegs und plötzlich sprach mich ein älterer Herr an: „Wenn du eine Mitfahrgelegenheit brauchst, dann komm her.“ Also sprang ich auf seine Harley auf und sechs Stunden später saßen wir auf seiner Veranda und schossen auf ein 600 Meter entferntes Ziel in den Black Hills.

Es stellte sich heraus, dass der Typ in den 51 Wochen im Jahr, in denen das Biker-Treffen nicht ist, der einzige Motorrad-Mechaniker in Sturgis ist. So kam es, dass ich ihm jeden Tag half, Bikes zu richten.

Ein paar Monate später erhielt ich eine E-Mail von seiner Frau, die mir mitteilte, dass er friedlich im Schlaf verstorben war. Sein Name war Bob Kelly und er war die coolste Person, und wahrscheinlich der authentischste Biker, den ich je kennengelernt habe.

Was bedeutet Ihnen Motorradfahren persönlich?

Ich fühle mich meinem Vater näher als zuvor. Ich komme an Plätze, die ich mit dem Auto nicht erreichen würde. Man ist den Elementen ausgesetzt. Es ist roh, es ist echt, es ist intuitiv, all deine Sinne sind aktiviert. Wenn man Auto fährt und durch die Windschutzscheibe starrt, ist es wie einen Film im Kino anzusehen. Wenn man Motorrad fährt, ist es, als wäre man im Film.

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09 2016 The Red Bulletin

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