Thomas Pesquet

Thomas Pesquet: Was einen echten Astronauten ausmacht

Text: PH Camy und Robert Sperl
Foto: Esa/CB Prod

Von jeher träumten menschen davon, Astronaut zu werden, 553 haben es bisher geschafft. Thomas Pesquet, seit Mitte November an Bord der Raumstation ISS, erklärt, was die wichtigsten Eigenschaften für eine reise in den Weltraum sind.

Groß, sportlich, auf den Lippen ein freund­liches Lächeln. Der Mann könnte dein Arbeitskollege sein, mit dem du dich in der ­Hotelbar auf einen Drink triffst. Doch er ist Astronaut, der über seinen sechsmonatigen Job in der Erdumlaufbahn spricht. Vorher erzählt Thomas Pesquet von sich. Geboren im nordfranzösischen Rouen, 38 Jahre alt, 1,85 Meter, 85 Kilo. Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik, hat verschiedene Projekte in der einschlägigen Industrie erledigt (etwa die Entwicklung eines Satelliten-Systems).

Seit 2006 Air-France-Linienpilot, ab 2009 Ausbildung für eine Mission in der Internationalen Raumstation ISS, 2010 offiziell zum Astronauten ernannt. Pesquet arbeitet seit 18. November als Bordingenieur in der ISS, 450 Kilometer über der Erdoberfläche (noch bis Mai 2017). Er spricht sechs Sprachen, darunter Russisch und Chinesisch. Er betreibt ein Dutzend Sportarten (ist Schwarzgurt in Judo), spielt Saxophon. Und in seinem Karriereplan stand nie „Astronaut“. Vielleicht schaffte er gerade deshalb die schwierigsten Prüfungen mit Bravour.

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THE RED BULLETIN: Ihre erste Weltall-Erfahrung hatten Sie früh – Ihr Vater bastelte ein Raumschiff aus Polstern … 

THOMAS PESQUET: Als kleiner Junge habe ich zwar davon geträumt, Astronaut zu werden, aber es ist mir erst spät klar geworden, dass es rechnerisch überhaupt möglich ist. In Europa findet die Auswahl potentieller Kandidaten nur alle 15 Jahre statt. Die letzte Qualifikation gab es 2008. Da war ich nicht nur im perfekten Alter, sondern konnte auch bei den meisten ­anderen Auswahlkriterien im Bewerbungsbogen ein Kreuz machen. 

Was sind die wichtigsten Fähigkeiten, die ein Kandidat mitbringen muss?

Zunächst muss man einen Techniktest ­bestehen, denn es ist wichtig zu verstehen, wie all die Systeme der Raumstation ISS funktionieren. Da konnte ich mein Ingenieursdiplom vorweisen. Dann kam der operative Test, und auch hier hatte ich einen Vorteil: Ich war Linienpilot, hatte also einen Beruf, in dem Entscheidungen möglicherweise das Leben der Passagiere beeinflussen.

Welche Vorzüge hatten Sie noch, die ­andere nicht vorweisen konnten?

Den internationalen Hintergrund. Die ­Europäische Raumfahrtbehörde ESA, der ich angehöre, kooperiert mit der NASA, der Russischen Weltraumorganisation ­Roskosmos, den Kanadiern und den ­Japanern. Auslandserfahrungen sind ­deshalb sehr wertvoll. Ich habe ein Jahr in Kanada studiert, einen dreimonatigen Lehrgang in Mexiko gemacht, und meinen ersten Job hatte ich in Spanien, lauter Pluspunkte. Und dann ging es noch um die Persönlichkeit – man sollte sportlich sein, auch ein Teamplayer.

Wie wichtig ist Teamwork im Weltall?

Es ist ein Muss, schließlich wird man sechs Monate mit Leuten, die man sich nicht ausgesucht hat, in einer Konservendose eingeschlossen. Du musst umgänglich sein, geduldig, kommunikations­fähig … All diese Dinge lernt man nicht im Schulunterricht. Ich habe das beim Sport gelernt und auch bei Gelegenheiten wie der Organisation der jährlichen Schulgala.

Es sind also offenbar viele ganz normale Dinge, die eine schiefe Ebene in Richtung Weltraum aufbauen?

(Lacht.) Genau, gewöhnliche Dinge, die jeder machen könnte, etwa ein Musik­instrument erlernen, Sport betreiben. Entscheidend ist immer, keine Zeit zu vertrödeln und sie bestmöglich auszufüllen.

Es ist also eine bessere Strategie, Dinge entspannt auf sich zukommen zu lassen, als sie mit aller Kraft anzustreben?

Ich habe gedacht, Astronaut zu werden ist unmöglich. Aber jedes Mal, wenn ich eine Wahl treffen musste, führte mich das wohl unbewusst in die richtige Richtung.

Wie hoch war die erste Hürde konkret?

Der erste Auswahlprozess dauerte immerhin ein Jahr, und zwischen den einzelnen Prüfungen hatte man etwa einen Monat Wartezeit. Es war cool und hat mir Spaß gemacht. Ich liebe solche Sachen, zum Beispiel psychologische Tests mit spiegelverkehrten Zahlenfolgen, die sich in alle Richtungen drehen. Das ist irgendwie spielerisch. 

Wie hoch war der Stress-Level?

Anfangs verspürt man gar keinen Stress. Die Chance, ausgewählt zu werden, hatten ja nur fünf von 10.000 Kandidaten.

„In einem Raumanzug stecken heisst, permanent gegen ihn zu kämpfen.“

Houston, Texas, 9. September 2016. Im Johnson Space Center der NASA wird Thomas Pesquet ins Trainingsbecken gehievt – als Vorbereitung auf seinen Weltraumspaziergang.

© NASA

Da ist sie wieder, Ihre Erfolgsstrategie: Nimm selbst schwierigste Dinge auf die leichte Schulter …

Ich setze mich nie unter Druck, aber ich lege mich dennoch ins Zeug und bereite mich intensiv auf jede Prüfung vor. Ich rufe Leute an, versuche so viele Informationen wie möglich zu bekommen. Wenn es funktioniert, super. Wenn nicht? Auch nicht schlimm. Doch schlussendlich hat es geklappt, Prüfung für Prüfung.

Sechs Stunden Unterwassertraining mit Assistenz: Die beste Möglichkeit, Schwerelosigkeit zu simulieren.

© Gagarin Cosmonaut Training Centre

Irgendwann steigt der Erfolgsdruck …

Von 10.000 Kandidaten bleiben zunächst 1000 über, dann 200, 50, 20 … An der letzten Hürde schließlich, bei zehn Kandidaten, sagt man sich dann: „Jetzt wählen sie fünf aus – da wäre es doch echt ärgerlich, zu scheitern!“ 

Was macht am Ende den Unterschied aus?

Dein Profil als Ganzes. Es ist nicht entscheidend, irgendwo unglaublich gut und woanders weniger gut zu sein. Du musst in der Lage sein, auf allen geforderten ­Gebieten ein gutes Niveau zu erzielen.

Und dann ging es erst richtig los …

Nach der Rekrutierung durchläuft man das Basistraining im Europäischen Astronautenzentrum in Köln. Mit dem Diplom in der Tasche wartet man schließlich da­rauf, für eine Mission bestimmt zu werden. Wurde man zugeteilt, bereitet man sich spezifisch darauf vor, auf ein Raumfahrzeug und ein Programm. Unser Raumfahrzeug war eine russische Sojus, das Ziel die Internationale Raumstation. Das Programm legt fest, ob man Außeneinsätze machen wird, ob zur Forschung, zur Wartung … das wird alles geplant.

Der Job eines Astronauten klingt nicht nach klassischem Nine-to-five-Job …

Das Training wird auf die verschiedenen kooperierenden Weltraumorganisationen verteilt. Man verbringt viel Zeit in den USA, am Stützpunkt der NASA in Houston, und in Russland. In Europa ist man selten, weil Europa kein wichtiger Partner der ISS ist. Ich verbringe nur zehn Prozent der Zeit bei mir – und „bei mir“ bedeutet in Köln und nicht in Frankreich, wo die meisten meiner Freunde leben und auch meine Familie, die ich nie sehe.

Ein Astronaut ist also am besten Single ohne Verpflichtungen …

Ich habe eine Partnerin, die mich zunächst nach Köln begleitet hat. Sie hat aber eine super Stelle bei der UNO bekommen und ist deshalb nach Rom übersiedelt. Ihr beruflicher Alltag dreht sich um ganz andere Probleme, zum Beispiel um die Lösung der Hungersnot dieser Welt. Wir haben die Rollen aufgeteilt – sie versucht die Welt zu retten, und ich versuche die Welt träumen zu lassen (lacht).

Die Internationale Raumstation ISS, in der Thomas Pesquet und sein Team bis Mitte Mai 2017 die Erde umkreisen – 450 Kilometer über der Erdoberfläche.

© ESA/Stephane Corvaja

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Gab es im Zuge Ihrer Ausbildung echt nervenaufreibende Momente?

Die Ausbildungseinheiten im Raumanzug waren die schwierigsten Kapitel überhaupt. Einen Raumanzug im Weltall zu tragen ist wie Klettern in einer Ritter­rüstung! Wegen des Druckausgleichs ist es schwierig, sich im Anzug zu rühren, das Sichtfeld ist eingeschränkt, man kann den Kopf nicht bewegen, der Helm ist fixiert. In einem Raumanzug zu stecken bedeutet, permanent gegen ihn zu kämpfen – und anfangs gewinnt immer der Raumanzug.

Wie gewinnt man öfter?

Durch Trainingseinheiten am NASA-Stützpunkt in Houston. Jeweils sechs Stunden Training im Raumanzug – ohne Pause, im größten Schwimmbad der Welt, einem Becken mit 60 mal 30 Metern, 12 Meter tief. Es gibt dort Modelle der Raumstation unter Wasser, im Maßstab 1:1. Man steigt hinab auf eine Plattform, taucht nach sechs Stunden wieder auf. In dieser Zeit simuliert man die Außeneinsätze, per­manent begleitet von Tauchern.

Haben Sie Angst vor Ihrem ersten Weltraumspaziergang im Raumanzug?

Wenn du die Schleuse der Station verlässt, vollführst du eine Art Überschlag, mit dem Kopf zuerst, bevor du wieder auf die Beine kommst. Oft krallen sich die Astronauten beim ersten Weltraumspaziergang krampfhaft an den Geländern der Außenwand der Raumstation fest. Bei 450 Kilometer Leere unter dir schreit dir dein ­Gehirn zu, dass du jetzt fallen wirst.

Thomas Pesquet - On Sunday we generally have a day off... | Facebook

On Sunday we generally have a day off with the crew and we often have a bit of fun in microgravity. We got the whole International Space Station crew together and took the #MannequinChallenge to new heights. The result is kind of sci-fi spooky don't you think?

Wieder ein Kampf, diesmal gegen die natürlichen Instinkte …

Für den ersten Spacewalk sind deshalb im Programm fünf Minuten vorgesehen, in denen du begreifen kannst, dass nichts dergleichen passieren wird. Du bist durch ein Seil mit der ISS verbunden und gesichert, und wenn du loslässt, treibst du im Nu hinaus … So kannst du deinem Gehirn begreiflich machen, dass du nicht fällst.

Trainiert wird nicht nur für Weltraumspaziergänge, sondern auch für die Rückkehr zur Erde und eine mögliche Landung in lebensfeindlichem Gebiet. Wie sieht dieses Survival Camp aus?

Es gibt zunächst ein „Basis-Training“, bei dem wir lernen, uns gegen Kälte zu schützen, einen Unterschlupf zu bauen, Feuer zu machen …

Ein Astronaut muss wissen, wie man Feuer macht?

Ja, auch wie man ein Kaninchen erlegt und ausnimmt, um nicht zu verhungern. Dieser Teil der Ausbildung findet in einem Trainingslager auf Sardinien statt, unter Aufsicht von Mitgliedern einer Spezial­einheit des italienischen Militärs. Und dann gab es noch ein spezielles Winter-Trainingsprogramm mit den Russen.

„Geübt wird unter Wasser, bei Schnee und Eis.“
Thomas Pesquet, 38

Wozu ein Winter-Survival-Camp?

Wenn der Wiedereintritt der Sojus-Kapsel in die Atmosphäre nicht erfolgreich verläuft, landet man möglicherweise dort, wo uns keine Helikopter erwarten. Das kann überall auf dem Planeten sein zwischen 50 Grad nördlicher und 50 Grad südlicher Breite – im Meer, in den Bergen, im Urwald …


Russland wurde für das Szenario einer Rückkehr im Schnee, im Wald und im Winter ausgewählt. Damit wir uns ­realistisch darauf vorbereiten können, ­haben die Russen eine ausrangierte Sojus-Kapsel bereitgestellt. Sie haben uns im Raumanzug darin platziert, das Innere auf 28 Grad Celsius erwärmt …

… immerhin ein kleines Willkommensgeschenk …

… und dann ging’s los! Wir mussten uns in der Kapsel umziehen, was eine echte Herausforderung war, denn wir waren zu dritt da drinnen. Wir verließen die Kapsel und nahmen alles mit, was uns nützlich sein konnte. Das Tuch und die Seile des Fallschirms der Kapsel für den Bau einer Schutzhütte, das Überlebensset, den Sitzbezug, um daraus Schlitten zu machen … Mit all diesem Zeug mussten wir drei Tage überleben. Es hatte minus 25 Grad Celsius, aber es hat alles gut geklappt.

Haben andere Menschen auch die Chance, ihren Traum wahr zu machen?

Wir haben enorme Möglichkeiten, aber wir sind uns dessen nicht bewusst. Die Menschen machen nicht das, was sie ­eigentlich machen wollen – vor allem weil sie sich kleiner machen, als sie sind.

„Teamwork ist im Weltraum ein absolutes Muss.“

© NASA

Wie lautet der Ausweg?

Wenn du etwas nicht versuchst, dann wirst du niemals wissen, ob du es kannst. Ich habe weder die Konstitution eines Weltmeisters in welcher Disziplin auch immer noch die mentalen Fähigkeiten ­eines Nobelpreisträgers. Ich bin ein ganz normaler Typ, ich mache die Dinge, so gut ich kann. Aber ich probiere stets neue Sachen aus, ich bleibe offen für alles, und ich lege mich ins Zeug. Die einzelnen Aufgaben zu absolvieren – auf dem Weg ins Weltall – ist kein Ding der Unmöglichkeit. Am schwierigsten ist es, alles unter einen Hut zu bringen. Aber jede Station für sich? Das funktioniert wunderbar.

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02 2017 The Red Bulletin

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