Jimmy Spithill, Skipper von Oracle Team USA beim America's Cup

Jimmy Spithill: Ein Skipper will Geschichte schreiben

Text: Josh Dean
Foto: Amory Ross

Das Oracle Team USA ist der Sieger des letzten America’s Cup und darf daher den Austragungsort der diesjährigen Segelregatta wählen. Im Juni werden sechs Teams auf Bermuda antreten, um auf futuristischen Booten um die älteste Sporttrophäe der Welt zu segeln. Unsere große Reportage - Teil 4: Jimmy Spithills Griff nach dem 3. Sieg.

Jimmy Spithill, der Skipper von Oracle Team USA, ist buchstäblich auf dem Wasser aufgewachsen. Seine Heimatstadt im ostaustralischen Pittwater war nicht mal mit dem Auto erreichbar, daher musste er, wann immer er nach Sydney wollte – oder eigentlich egal, wohin – mit dem Boot fahren.

Mit zwanzig debütierte Spithill als jüngster Steuermann in den Annalen des America’s Cup – und hörte seitdem nicht mehr auf, Geschichte zu schreiben. Als Team USA 2010 die Schweizer und Alinghi in Valencia bezwang, war er mit dreißig der jüngste Steuermann, der jemals den Cup gewann. Dann verteidigte er drei Jahre später den Titel erfolgreich mit der dramatischsten Aufholjagd in der Geschichte dieses Sports.

2017 wird Spithill versuchen, als erster Skipper den America’s Cup dreimal hintereinander zu gewinnen. 

Jimmy Spithill greift nach seinem dritten Sieg beim America’s Cup.

© YouTube // America’s Cup

THE RED BULLETIN: Worin wird sich das Rennen dieses Jahres von dem in San Francisco 2013 unterscheiden? 

JIMMY SPITHILL: Der größte Unterschied ist, dass es sechs wettbewerbsfähige Teams gibt. Beim letzten Mal waren es praktisch nur zwei – Team Neuseeland und wir. Alle haben Talent, Ressourcen und Technologie. Da gibt’s keine Ausreden, und das sehen wir auch draußen auf dem Wasser. Jedes Team gewann Rennen bei der World Series (den Vorausscheidungen; Anm.)

Ihr redet immer davon, den Sport für alle zugänglich zu machen. 

Mit dem Fernsehen heutzutage, den Online-Grafiken und den Mitteln, die die Kommentatoren zur Verfügung haben, ist es einfacher geworden, allem zu folgen. Sogar meine Großmutter versteht es. Sie ist keine Seglerin. Und jetzt haben wir diese enorm leistungsstarken Boote mit Weltklasse-Athleten. Wir haben nicht die Elite-Mentalität dieser reichen, übergewichtigen Jungs im Blazer aus dem Yachtclub. In der Vergangenheit konnte man außerdem nicht viel falsch machen. Jetzt sind die Risiken real. 

DIE JüNGSTEn CREWs, die es je gab

31 Jahre, 5 Monate ist das Durchschnittsalter von Oracle Team USA. Segeln war einst ein Sport für Gentlemen, die Crews bestanden vorwiegend aus Männern mittleren Alters mit jahrelanger Erfahrung. Jetzt stellen fast nur noch superfitte und, von den Skippern abgesehen, junge Männer die America’s-Cup-Besatzungen. Oracles Jüngster, der Grinder Louis Sinclair, ist gerade mal 25.


Andrew Simpson vom Team Artemis starb beim Training während des letzten America’s Cup. Was hat sich bei der Sicherheit verändert? 

Wenn du an Bord gehst, bist du dir der Gefahren bewusst. Man kann sie nie ganz ausschließen, aber insgesamt – von der Entwicklung über die Sicherheitsausrüstung, die wir tragen, und das Training bis hin zur Kommunikation am Wasser, wenn jemand in Schwierigkeiten gerät – haben wir große Fortschritte gemacht. Das Coole ist, dass viele dieser Erfahrungen alle Ebenen des Sports durchdringen werden. Zum Beispiel tragen wir jetzt Schutzhelme. Und man sieht jetzt, dass die kleinen Kinder auf Segelbooten Helme tragen. 

Ihr habt auch Sauerstoffflaschen an euren Westen, stimmt’s?

Wir haben Notsauerstoff dabei. Die größte Angst ist wirklich, dass man unterm Boot hängen bleibt, wenn es kentert. Wir sind alle schon bei maximaler Pulsfrequenz, und in dieser Situation ist es praktisch unmöglich, die Luft anzuhalten. Wir machen eine Menge Sicherheitsübungen und haben auch an Freitauchkursen mit den Besten der Welt teilgenommen. 

„Die Jüngeren wollen es einfach wissen, sie sind hungrig. Die haben dieses Feuer, und das greift auf dich über. Das motiviert dich, weil sie dich abhängen wollen, und du möchtest mithalten.“
Jimmy Spithill

Was ist für dich als Skipper der größte Unterschied auf diesen Booten? 

Ich glaube, es ist die Voraussicht, die man braucht, ein solches Boot zu segeln. Wenn man überreagiert, kann es sehr schnell schiefgehen. Man ist nie perfekt. Man versucht einfach, der Situation gerecht zu werden und immer vorauszudenken. 

Die Crews haben sich auch geändert. 

Sie sind jünger. Das Alter unserer Segler hat sich infolge der physischen Belastungen im Schnitt um zehn Jahre gesenkt. Die Jüngeren wollen es einfach wissen, sie sind hungrig. Die haben dieses Feuer, und das greift auf dich über. Das motiviert dich, weil sie dich abhängen wollen, und du möchtest mithalten. Das ist das jüngste Team, das ich jemals hatte, und das ist ein wirklich positiver Schritt nach vorn. 

Ist es für dich besser, einen jungen Spitzensportler dabeizuhaben oder jemand mit 18 Jahren Segelerfahrung? 

Das Beste ist, beides zu haben. Meiner Erfahrung nach kommt es auf die Person an. Wir haben Ky Hurst, der viermal die australische Ironman-Meisterschaft gewonnen hat. Als er kam, hat er die Messlatte, was physische Grenzen angeht und was man beim Grinden erreichen kann, sehr hoch gelegt. Für uns war es ein Vorteil, diese Herangehensweise – Ernährung und Training – von einem zu sehen, der nicht aus unserem Sport kam. 

Wie hat sich das Segeln verändert? 

2010 hatten wir noch nicht mal Foils. Das war ein gewaltiger Schritt. Diese Boote foilen schon bei Windgeschwindigkeiten von sechs Seemeilen pro Stunde, aber nicht nur das – bei schwächeren Windbedingungen erreichen sie fast die dreifache Windgeschwindigkeit, was einen wirklich umhaut. Wie kann man schneller sein als der Wind, von dreimal so schnell ganz zu schweigen?

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06 2017 The Red Bulletin

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