Deutschlands bester Handball-Torhüter Andreas Wolff im Interview

Andreas Wolff über die Macht des Selbstvertrauens

Interview: Christian Eberle
Fotos: Christoph Voy

Deutschlands bester Handball-Torwart hält, was er verspricht. Uns verrät Andreas Wolff exklusiv sein Rezept für starke Nerven und ein großes Selbstvertrauen.

Andreas Wolff, 26, gilt als bester Torhüter der deutschen Handballgeschichte. Weil gegnerische Angreifer nicht nur den 1,98 Meter großen Körper mit tentakelhaften Armen und Beinen und den blitzschnellen Reflexen überwinden müssen. Sondern auch ein mindestens ebenso eindrucksvolles Ego. Der Keeper des THW Kiel ist bekannt für große Taten, denen große Worte vorangehen. 

Und genau das macht Andreas Wolff auch zum Vorbild für alle, die nicht im Handballtor stehen. Uns erklärt Deutschlands zweifacher Handballer des Jahres, wie man Selbstvertrauen aufbaut, es nach Rückschlägen wiederfindet und wie man es auf andere überträgt.

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„Selbstvertrauen ist die Sicherheit, du selbst zu sein, einfach das zu tun, was du denkst und was du in dem Moment für angebracht hältst.“
#1. Wie man Selbstvertrauen aufbaut

THE RED BULLETIN: Andreas Wolff, der sein Team mit scheinbarer Selbstverständlichkeit zum Sieg führt. Andreas Wolff, der im Fernsehen locker und eloquent über Erfolge spricht. Andreas Wolff, der vor wildfremden Menschen am Kieler Schrottplatz oben ohne Fitness-Übungen macht. Sind Sie immer so selbstbewusst?

ANDREAS WOLFF: Eigentlich ja. Immer schon. Und eigentlich in allen Belangen. Man kann ja nicht sagen, hier bin ich selbstbewusst und da nicht.

Der Mann, der alles hält – ob Autoreifen oder 50 Prozent aller Schüsse auf sein Tor wie im EM-Finale 2016

Aber als Kind waren Sie angeblich so schüchtern, dass Sie nur aus Respekt vor den anderen ins Tor gegangen sind.

Als Fünfjähriger fragt man sich, wie man zu einer Gruppe dazugehören kann, wo man seinen Platz findet, und da geht man eben auch mal ins Tor. Zum Glück wurde Handball zu meinem Ding, und jeder Erfolg auf dem Spielfeld brachte mehr Selbstbewusstsein mit sich – auch außerhalb des Spielfelds.

Erfolg führt zu Selbstvertrauen, Training führt zu Erfolg. Daraus folgt: Selbstvertrauen lässt sich trainieren. Korrekt?

Definitiv. Keiner kann ohne Erfolg Selbstvertrauen haben. Du musst nur das finden, was dich auszeichnet. Sei es sportliches oder musikalisches Talent, Intelligenz oder schnelle Auffassungsgabe. Deine besondere Fähigkeit kreiert eine Base, in der du im Endeffekt wie ein Kleinkind sagen kannst: Das kann ich besser als du. Das ist dein Sicherheitsbereich. Sobald du den hast, machen Fehlschläge in anderen Bereichen nichts mehr. 

Wenn ich in der Arbeit ein Projekt vergeige, muss ich mir keine Sorgen machen, weil ich ein guter Sportler bin? 

Wenn etwas schiefgeht, bleibt mir immer noch mein Ding. Das ist das Gefühl, das dir Rückhalt gibt, das musst du dir dann eben ins Bewusstsein rufen.

Also Fokus auf meine Stärken. Okay. Noch was?

Vorbereitung! Wenn du dich auf eine Situation gut vorbereitet hast, fällt es dir auch leichter, mit überraschenden Sachen klarzukommen.

Status mit 26: Europameister, Olympia-Dritter, Stütze bei Rekordmeister THW Kiel

„Auch ich bin nicht immer selbstbewusst vor Spielen. Ich habe schlechte Phasen, in denen ich an mir zweifle. Das ist ganz normal.“
#2. Wie man Selbstvertrauen wiederfindet

Mit welcher Methodik verarbeiten Sie eine Niederlage – akribische Analyse oder komplettes Ausblenden?

Niederlagen fressen mich innerlich auf, ich hasse dieses Gefühl des Versagens. Nach einer Niederlage denke ich permanent über die Dinge nach, die im Spiel passiert sind – also: Fehleranalyse. Dann wird im nächsten Training der ganze Frust raustrainiert, Vollgas.

Training ist der Schlüssel, wieder Selbstvertrauen zu schöpfen?

Das erinnert mich an Kollegahs Track „Ghetto-Workout“, in dem es heißt: „Form deine Physis, trainier deine Psyche!“ Durch das Training hole ich mir Selbstvertrauen. Wenn ich merke, ich bin stark, fit, agil, habe ich automatisch diese Stärke im Tor. Wenn man nicht einhundertprozentig fit ist, fängt man an nachzudenken. Man konzentriert sich nur noch auf die schlechten Seiten und gerät in eine Abwärtsspirale. 

„Niederlagen fressen mich innerlich auf, ich hasse dieses Gefühl des Versagens.“

Und wie vermeidet man die?

Arbeite an deinen Schwächen! Ich mache das oft. Fühle ich mich langsam, mache ich eine Woche lang intensiv Schnelligkeitstraining. Auch wenn ich dadurch vielleicht gar nicht schneller geworden bin, mein Kopf suggeriert mir, dass ich durch das ganze Training automatisch schneller geworden sein muss. 

Wie kann ich mein angeknackstes Ego noch aufbauen?  

Rede mit anderen. Ich suche aktiv das Gespräch mit Mannschaftskameraden, Freunden und meiner Familie. Das Feedback gibt mir Selbstvertrauen. Mit fremden Meinungen kann man ein Thema schneller abhaken und sich neuen Aufgaben motivierter und konzentrierter widmen. 

Gibt es ein Notfallrezept für Selbstvertrauen?

Nein! Du kannst dich nicht einfach hinstellen und sagen: „Ich bin der Beste“, und dann läuft es wieder. Aber du kannst an dir arbeiten. Ich hatte zu Beginn meiner Karriere nach schlechten Starts große Probleme. Jetzt kann ich auch mal schlecht in ein Spiel starten und weiß, ich komme trotzdem wieder rein ins Spiel. 

Und zwar wie? 

Das macht die Erfahrung. Wenn du älter wirst, verstehst du, dass du nicht immer gleich spielen kannst. Mittlerweile weiß ich, dass ein schlechtes Spiel übermorgen schon vergessen ist, wenn ich morgen ein gutes mache. Niemand würde mir meine Fähigkeiten absprechen, mein Ruf, mein Selbstvertrauen, das hat sich ja über Jahre aufgebaut. 

Umgerechnet also: Wenn mir im Büro etwas misslungen ist, erinnere ich mich an meine Stärken oder an den berühmten Spruch, dass jeder mal einen schlechten Tag hat?

Genau das. Das Leben verläuft nie geradlinig. Nach jedem Bergauf folgt wieder ein Bergab, der Satz stimmt. Und wenn du nach einigen Erfolgen ein wenig fauler wirst, fokussiere dich neu. Hungrig bleiben, hart arbeiten, darum geht’s.

„Wenn ich merke, ich bin stark, fit, agil, habe ich automatisch diese Stärke im Tor.“

„Ich gebe hohe Ziele für meine Teamkollegen und für mich selbst aus, um zu verdeutlichen, warum wir hier sind – um zu gewinnen!“
#3. Wie man Selbstvertrauen auf andere überträgt

Steht ein Handball-Großereignis an, kann man davon ausgehen, dass Sie vom Titel für Deutschland sprechen.

Das sage ich nicht, weil ich überheblich bin. Es ergibt Sinn, Selbstvertrauen zu verkörpern: Zum einen fühlen sich die Teamkollegen ein wenig gepusht, zum anderen nimmt man den Gegnern dadurch etwas von ihrem Selbstvertrauen. 

„Sag laut: ‚Ich bin hier, um zu gewinnen.‘ Wenn du es aussprichst, fällt es dir auch leichter, das zu glauben.“

Aber ist es nicht leichter, „Wir haben nichts zu verlieren“ zu sagen? Ein Satz, den man im Sport ständig hört. 

Das ist einer der Sätze, mit denen du dir schon im Vorhinein eine Entschuldigung zurechtlegst für den Fall, dass es nicht klappen sollte. Viele Spieler stapeln lieber tief, aus Angst, die Leute könnten im Nachhinein über sie lachen. Meine Motivation ist aber nicht, dass die Leute nicht über mich lachen. Meine Motivation ist, zu gewinnen.

Und wenn’s dann doch mal schiefgeht und die Leute lachen?

Einfach weitermachen! Reflektieren, warum es schiefgegangen ist, mehr trainieren und das nächste Mal stärker zurückkommen. Das ist eine Grundeinstellung. An meinen Erfolg muss ich zunächst mal selber glauben. Sag laut: „Ich bin hier, um zu gewinnen.“ Wenn du es aussprichst, fällt es dir auch leichter, das zu glauben. Dann schaukelt sich das hoch, bis es alle glauben. Genau das hat uns bei der EM zum Titel getragen.

Sie verkörpern Selbstvertrauen, Sie strahlen es aus. Gibt es dafür einen Trick? 

Achte auf deine Körpersprache. Es beeinflusst jeden positiv, wenn er sieht, wie einer aus dem Team kämpft, wie er präsent ist. So funktioniert Teamwork.

Auch in meinem Projektteam?

Da musst du deinen Kollegen zeigen, dass du eine klare Linie hast, auf die sie sich verlassen können. Und noch etwas: Sei immer voll bei der Sache. Mach ihnen klar, dass du alles unter Kontrolle hast. Das motiviert Leute extrem. Und zeig ihnen, dass du annimmst, was sie machen, denke über ihre Vorschläge nach, bestärke sie.

„Du musst deinen Kollegen zeigen, dass du eine klare Linie hast, auf die sie sich verlassen können.“

Übertragung von Selbstvertrauen durch die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls – erinnert ein wenig an das Konstrukt der „Bad Boys“ des DHB‑Nationalteams.

Ein super Konzept. Wir hatten etwas, auf das wir uns berufen konnten. Sobald du füreinander da bist, denkst du viel weniger über deine eigene Leistung nach. Der Teamgedanke steht automatisch im Vordergrund: Alle gemeinsam machen Fehler, alle gemeinsam machen ihre Sache gut.

Kann man Selbstvertrauen vortäuschen?

Nein. So was fällt schnell an der Körpersprache auf. Auch wenn ich daran arbeite, selbstbewusster auszusehen, wenn ich’s in Wahrheit nicht bin: Sich zu verstellen klappt in Wahrheit nicht. Wir leben von unserer Authentizität. Und genau diese Authentizität reißt die anderen auch mit.

 

Styling: Alessandro Romualdi
Grooming: Magdalena Woldarkiewicz
Outfit: Adidas

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07 2017 The Red Bulletin

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