Andy Murray

Murray: „Ich bin ein Feminist“

Interview: Ruth Morgan
Bilder: Clive Brunskill/Getty Images

Er gewann Wimbledon und Olympia, und gehört zu den besten Tennis-Spielern der Geschichte. Aber Andy Murray macht Dinge gern anders als alle anderen. Zum Beispiel lässt er sich von einer Frau sagen, was er tun soll.

Der 28-jährige Schotte Andy Murray engagierte im Frühjahr 2014 die Französin Amélie Mauresmo als Coach, eine frühere Nummer eins der Damen-Tennis-Weltrangliste. Murray machte sich damit – übers Tennis hinaus – zum ein­zigen Mann in der Sport-Weltspitze, der sich von einer Frau betreuen lässt.

Seither wird seine Entscheidung hitziger diskutiert, als man das im 21. Jahrhundert für möglich hielte. The Red Bulletin traf Andy Murray zu einem Interview über ungewöhnliche Entscheidungen, über das Setzen von Trends, übers Durchhalten und was Frauen tatsächlich besser können als Männer.

THE RED BULLETIN: Mister Murray, vor genau einem Jahr gaben Sie beim Wimbledon-Vorbereitungsturnier im Lon­doner Queen’s Club Ihren neuen Coach bekannt. War Ihnen damals klar, was das auslösen würde? Sie haben die ­ganze männliche Sportwelt verstört …

Andy Murray: Es war klar, dass Amélies Geschlecht ein Thema sein würde. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es solche Wellen schlägt – und auch so lange, das ging ja über Monate, verrückt.

Haben Sie die Reaktionen geschockt? Verärgert? Oder extra motiviert?

Ich versuche solche Sachen nüchtern zu sehen, und das war in diesem Fall auch nicht schwer: Ich habe am Ende des Jahres besser gespielt als zu Beginn. Also hat mich die extreme Kritik nach jeder Niederlage mehr erstaunt als geärgert. Ein Schock war nur, wie sehr es persönlich wurde, gegen Amélie. Das war heftig.

Wir sprechen jetzt über die öffentlichen Reaktionen, in Zeitungen, im Internet. Wie war das unter den Spielern, im Umkleideraum bei den Turnieren?

Viele waren vor allem überrascht, manche hielten es für einen Scherz. Und dann gab’s natürlich Dinge, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, sagen wir so.

„Es wäre doch EINFACH DUMM, fünfzig Prozent der Menschheit als mögliche Coaches auszuschließen.“

Ein paar Spieler sprachen freilich öffentlich über das, was Sie „Überraschung“ nennen. Etwa der Australier Marinko Matosevic, der sagte, er käme im Leben nicht auf die Idee, sich von einer Frau coachen zu lassen …

Ich wurde als Kind von meiner Mutter trainiert. Schon allein daher ist das bei mir anders. 

Davor wurden Sie in den zwei Jahren mit Ivan Lendl Olympia- und Wimbledon-Sieger. Lendl gilt als sehr strikt, dominant, man hätte erwartet, Sie suchen als Nachfolger einen ähnlichen Typ, jemanden mit einem vergleichbar männlichen Coaching-Stil …

Andy Murray

Andy Murray kämpft um Grand-Slam-Titel bei den Herren. Mit den Waffen einer Frau, könnte man sagen.

Erfolge sagen nur bedingt etwas darüber aus, wie gut eine Beziehung funktioniert. Ivan und ich verbrachten bei weitem nicht so viel Zeit miteinander, wie alle denken. Als ich dann Amélie das erste Mal traf, hatte ich sofort das Gefühl, ich kann ganz offen sein, offen reden. Und das war gerade damals wichtig, nach meiner Rückenoperation, der Trennung von Ivan, es war ja wirklich keine leichte Zeit. 

Weil man zu jemandem offen sein kann, macht man ihn gleich zu seinem Coach?

Die meisten Coaches sind besser im Reden als im Zuhören. Es ist eine besondere Qualität, wenn dir ein Coach zuhören kann, wie es dir geht, auf dem Platz, abseits des Platzes, wie du die Dinge siehst, dein Spiel, alles. Wenn er seine Arbeit auf deinen Gedanken aufbaut, nicht auf seinen. Das ist schwierig, das ist wichtig, und Amélie ist extrem gut darin.

Weil sie eine Frau ist?

Keine Ahnung. Tatsache ist, mir fiel es ­immer schon leichter, mich gegenüber Frauen zu öffnen, zuerst gegenüber ­meiner Mutter, jetzt meiner Frau. Und eben Amélie. Vielleicht Zufall, vielleicht nicht. Aber ist das eine wichtige Frage?

Sie ist wichtig genug, um seit einem Jahr kontrovers diskutiert zu werden. Sie können mir nicht weismachen, dass diese Frage nicht zusätzlichen Druck auf Sie ausübt. Denken Sie nur an Ihr letztes Match 2014, als Sie gegen Roger Federer bei der ATP-WM in London um ein Haar 0:6, 0:6 verloren hätten …

… die Leute sagten, Amélie habe mich verwirrt, habe mir meine Identität als Spieler genommen, Zeitungen schrieben: „Murray weiß nicht mehr, was er auf einem Tennisplatz tun soll.“ Natürlich war das nicht schön. Aber zwei Monate später stand ich im Finale der Australian Open, als komplett anderer Spieler. Das war der Beweis, dass es funktioniert.

„Es ist eine besondere Qualität, wenn ein Coach seine Arbeit nicht auf seinen, sondern auf deinen Gedanken aufbaut.“

Die meisten Experten erwarteten, dass Sie sich während der Winterpause von Mauresmo trennen würden. Stattdessen trennten Sie sich von zwei langjährigen engen Mitarbeitern. Wie kamen Sie auf diese Idee, die ja noch radikaler war als die Verpflichtung Mauresmos? 

Es ist nicht leicht, wenn sogar die Leute, mit denen du am längsten und engsten zusammenarbeitest, deine Entscheidung anzweifeln. Ich habe immer wieder gesagt, die Niederlage gegen Roger hatte nichts mit Amélie zu tun, das war nicht ihre Schuld, immer wieder. Bis ich mir ­irgendwann die Frage stellte, wieso eigentlich die Leute in meinem Team nicht bei sich selbst die Verantwortung suchten, sondern bei Amélie.

Sie sprachen in Australien davon, wie wohl Sie sich im Team mit Mauresmo fühlen und wie wichtig dieses Wohl­fühlen für Sie als Spieler ist. Wie darf man sich das konkret vorstellen?

Das ist ganz einfach erklärt. Im Profi-­Tennis verbringst du wahnsinnig viel Zeit mit deinem Team. Und wenn fünf oder sechs Männer an einem Tisch sitzen, ist das immer ein bisschen Wettkampf. Ehrlich gesagt wurde das immer mühsamer für mich, auch dieses ewige Macho-Getue beim Training. Testosteron ist ab einer gewissen Konzentration schwer genießbar. Immer darauf achten, dass du dir keine Blöße gibst, darauf achten, was du sagst, dich nicht öffnen, damit dir das nicht als Schwäche ausgelegt werden kann.

Sobald eine Frau dabei ist, ist das anders?

Ja. Hängt auch von der Person ab, klar, aber: ja. Am wichtigsten ist natürlich das direkte Verhältnis, du und dein Coach, und da gibt es zwischen Amélie und mir keinen Wettkampf, sondern eine Zusammen­arbeit. Mit ihr zu arbeiten ist extrem ­angenehm, ruhig und konstruktiv.

Sie gelten als trotzig und eigenwillig, als jemand, der sich nichts dreinreden lässt. Waren Mauresmos Verpflichtung und das öffentlich betonte Bekenntnis zu ihr auch ein Akt typischer Andy-Murray-Sturheit?

Nein, das würde ich nicht so sagen.

Aber Sie sind doch intelligent genug, die Auswirkungen Ihrer Entscheidungen abschätzen zu können.

Andy Murray

„Testosteron ist ab einer gewissen Konzentration schwer genießbar.“

Dann nennen wir es doch erwachsen. ­Worum geht es im Kern? Darum, den bestmöglichen Coach für mich zu finden. Und den sah ich in Amélie. Ich meine, wir reden hier über eine frühere Nummer eins der Welt. Sie war die Beste der Welt in dem, was sie tat. Und es ist egal, ob du Frau bist oder Mann oder Tennisspieler oder was auch immer, Nummer eins in der Welt, das ist unglaublich schwierig. Du brauchst extreme Qualitäten, um das zu erreichen, diese Qualitäten bringt Amélie ein, und davon profitiere ich. So einfach ist das. Es wäre schlicht dumm, fünfzig Prozent der Menschheit als mög­liche Coaches auszuschließen.

Warum tun das dann so viele andere männliche Profisportler?

Weil sie nicht mal auf die Idee kommen, dass eine Frau ein guter Coach sein könnte. Amélie ist es. Und ich kann das beurteilen, weil ich schon viele Coaches in meinem Leben hatte. Ob das andere auch so sehen, was das mit meinem Image tut oder nicht – völlig egal. Ich habe Dinge immer anders gemacht als andere, und wenn man sich ansieht, was dabei rausgekommen ist, war das nicht verkehrt.

Zum Beispiel eröffnete Ihre Zusammen­arbeit mit Ivan Lendl die Ära der „Super-Coaches“ mit Edberg an Federers Seite, Becker bei Djokovic, Chang bei Nishikori. Sie waren Trendsetter …

… jeder vergisst, wie überrascht die Leute damals waren! Einen ehemaligen Superstar als Coach zu verpflichten war total unüblich. Aber ich fand, das war der ­richtige Schritt für mich.

Starten Sie jetzt den nächsten Trend? Sitzen in drei Jahren nur Frauen in den Coaching-Boxen?

Bei den Damen hat es schon begonnen, mit Lindsay Davenport und Martina Navratilova als Coaches, und ich glaube auch, dass sich bei den Männern etwas ändern wird. Es wird aber dauern. Viele warten auch ab, wie erfolgreich das mit Amélie und mir wird. Wir stehen auch in dieser Hinsicht unter Beobachtung.

Sie haben sich in der Szene sogar den Ruf eines Feministen erworben. Nicht nur weil Sie Ihre Trainerin gegen Kritiker verteidigt haben, auch weil Sie sich als Fan des Damen-Tennis geoutet haben, was unter männlichen Profis sehr ungewöhnlich ist. Sie haben das Thema Gleichberechtigung angesprochen … Hat Sie Ihre Coach-Entscheidung zum Feministen werden lassen? 

(Lange Pause.) Gute Frage. Vielleicht. Mich haben viele Reaktionen sehr geärgert. Weil sie unglaublich ungerecht waren, weil sie keinen Platz mehr in ­unserer Zeit haben sollten. Und ich sehe Dinge jetzt anders als vor einem Jahr. Mir ist wichtig geworden, dass Frauen eine faire Chance bekommen. Wie sehr das noch nicht so ist, habe ich erst durch die Arbeit mit Amélie gesehen, das ist richtig. Und wenn jemand, dem es wichtig ist, dass alle die gleichen Rechte haben, ein Feminist ist, dann bin ich das, ja, dann bin ich ein Feminist.

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06 2015 The Red Bulletin

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