Ballonskiing, die spektakuläre Art des Freeridens aus dem Film "Heimschnee"

Freeriden für Fortgeschrittene

Fotos: Andreas Vigl und Andreas Ehrensberger
Text: Judith Mutici

Wenn Freeskier auf den Einsatz von Helis verzichten und trotzdem hoch hinaus wollen, muss eben ein Heißluftballon her. Was Balloonskiing überhaupt ist und was es mit dem Film „Heimschnee“ auf sich hat, darüber haben wir mit Stefan Ager gesprochen, der neben Stephan Keck einer der Mitbegründer dieser neuen Sportart ist.

„Alles begann als sich die Dinge änderten“ – mit dieser geheimnisvollen Ankündigung nimmt die Story von „Heimschnee“ ihren Anfang. Der österreichische Freeride- und Snowboardfilm erzählt die Geschichte einer fünfköpfigen Gruppe von Freeridern, die beschließen, der Zivilisation den Rücken zu kehren, um sich voll und ganz ihrer großen Leidenschaft zu widmen und in Einklang mit der Natur in der atemberaubenden Tiroler Bergwelt die grenzenlose Freiheit zu leben.

Anders als die meisten Produktionen aus der Extremsportszene ist „Heimschnee“ keine Doku, sondern ein „Skifilm mit Spielfilmcharakter“, wie uns Rider und Co-Produzent Stefan Ager erklärt. „Neben tollen Winteraufnahmen wird eine fiktive Geschichte erzählt, die aber durchaus viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Gesellschaftliche Probleme wie Kapitalismus und Umweltzerstörung werden dargestellt, wodurch wir versuchen, den Betrachter darauf aufmerksam zu machen“, so der 27-jährige Tiroler. 

Am 20. Oktober kommt „Heimschnee“ endlich in die Kinos, einen Vorgeschmack auf das Erlebnis bot allerdings bereits der Kurzfilm „Balloonskiing“ – ein bildgewaltiger Spezialausschnitt aus „Heimschnee“, der in der letzten Saison auf vielen internationalen Filmfestivals zu sehen war.

„Balloon … was?!“ werden sich jetzt viele fragen. Was nicht weiter verwunderlich ist, da es sich beim Balloonskiing um eine neue und bislang unbekannte Art des Freeridens handelt, die im Zuge der Dreharbeiten zu „Heimschnee“ entstanden ist. Anders als beim traditionellen Freeskiing ist es hier nicht ein Helikopter, sondern ein Heißluftballon, der die Rider auf den Gipfel bringt, von wo aus sie unberührte Hänge abfahren können. Was es mit dieser „nachhaltigen Alternative zum Heliskiing“ auf sich hat und warum Balloonskiing auch für erfahrene Extremsportler ein einzigartiges Erlebnis ist, hat uns Stefan Ager erzählt:

Ab 20. Oktober startet „Heimschnee“ in den Kinos Mit: Stephan Keck, Andreas Gumpenberger, Stefan Ager, Viktoria Veider, Markus Pumpfer, Andy Nairz Produktion: Stephan Keck, Stefan Ager

© YouTube // Heimschnee

THE RED BULLETIN: Für den Film „Heimschnee“ habt ihr eine völlig neue Art des Freeridens entwickelt: Balloonskiing. Was ist das Besondere daran? Welche Vorteile hat der Ballon gegenüber dem Heli?

STEFAN AGER: Was es spannend macht, ist dass man nie genau weiß, wo man aussteigen wird. Das hängt von den Windverhältnissen am jeweiligen Tag ab. Es ist auch extrem cool, dass man sehr früh am Morgen den Ballon im Dunkeln aufbaut. Bei Sonnenaufgang ist man schon in der Luft und kann erst mal eine ca. einstündige Fahrt bei aufgehender Sonne hoch über’m Gebirge genießen. Und das ganz ohne ohrenbetäubendes Motorengeräusch. Lautlos. Man steht am Gipfel, am Morgen, ohne dass man am Berg geschlafen hat.

Balloonskiing, Stefan Ager

Ob uns in „Heimschnee“ noch andere sportliche Überraschungen erwarten? „Seid gespannt. Neben Balloonskiing haben wir noch weitere Elemente, die es bei einem Skifilm zuvor noch nie gegeben hat“, verrät Stefan Ager im Interview.

 Was auch spannend ist, ist der Moment nachdem du vom Ballon ausgesetzt wurdest. Du stehst an einem Punkt, wo fast sicher nie jemand vor dir gestanden hat. Und es führt keine Spur her. Das ist der Punkt, an dem für Balloonskier die Tourenplanung beginnt. Weil man ja erst jetzt weiß, wo die Tour startet. Also erst mal die Karte raus. Auch Seil, Steigeisen und Biwak sind dabei, um für jede mögliche Tour zurück in die Zivilisation gewappnet zu sein.

Was sind die schönsten Erinnerungen, die du persönlich mit dem Balloonskiing verbindest?

Das Schönste ist immer der Moment, wenn du vom Boden abhebst und im Steigen erstmals die Sonne über den Berggrat blitzt. Und der Moment, wenn du und deine Freunde alle wieder sicheren Boden unter den Füßen haben.

Das klingt als sei auch das Spiel mit der Gefahr Teil des Vergnügens …

Klar, die Dosis Adrenalin ist auch beim Balloonskiing vorhanden. In dem Moment, in dem du in hunderten Metern Höhe aus dem Ballon steigst und beginnst dich abzuseilen. Dann siehst du wie dein Ausstiegspunkt näher kommt. Dann muss alles sehr schnell gehen. Im Unterschied zum Helikopter kann der Ballon nicht stehen bleiben und warten bis du zum Aussteigen bereit bist. Du kannst regelrecht zuschauen wie dein Ausstiegspunkt immer näher kommt.

Bis jetzt haben wir die Balloonskiing-Aktion immer zu dritt absolviert. Da muss das Zusammenspiel perfekt sein. Bei Bodenkontakt müssen wir uns synchron ausklinken. Macht einer einen Fehler, wird er beim Verlust des Gewichtes der anderen zwei Rider sofort mit dem Ballon mit in die Höhe gerissen. Dann könnte es gefährlich werden.

Auch für den Piloten ist die ganze Aktion extrem nervenaufreibend. Er muss schauen, dass die Fahrer nicht an Felsen entlang schrammen, aber doch nah genug am Felsen fahren, um einen Ausstiegspunkt zu finden. Normalerweise lässt ein Ballonfahrer wegen der Lee-Winde bei Fahrten über so grobes Gebirge mindestens 200 bis 300 Meter Abstand zu den Gipfeln. Für’s Balloonskiing muss er bis auf 20 Meter ran. 

Balloonskiing, Stefan Ager
„Das Schönste am Balloonskiing? Der Moment, wenn du im Steigen erstmals die Sonne über den Berggrat blitzen siehst. Und wenn alle wieder sicheren Boden unter den Füßen haben.“
Stefan Ager

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, Heißluftballons für die Anreise zu verwenden – und nicht Helis, wie die anderen Freerider?
 

Den Heli haben wir kategorisch ausgeschlossen – unter anderem weil es in ganz Österreich nur zwei Berge gibt, die man offiziell anfliegen darf. Also mussten Alternativen her. Nicht zuletzt weil „Heimschnee“, wie der Name schon sagt, ausschließlich daheim in Nord-, Ost- und Südtirol gedreht wird.

Unsere Philosophie ist es, für den Film alle Höhenmeter so weit wie möglich selber zu bezwingen. Trotzdem haben wir einen vertretbaren Ersatz für Heli und Schneemobil gesucht. Da sind wir auf Husky-Gespann und Heißluftballon gekommen. Das mit den Huskys war einfach. Beim Heißluftballon war da schon etwas mehr Planung nötig.

Wie habt ihr euch auf euer erstes Balloonskiing-Abenteuer vorbereitet? Was waren die größten Herausforderungen – für euch Rider, aber auch für den Rest der Crew? 

Balloonskiing, Stefan Ager

Husky-Gespann und Heißluftballon als ökologische Alternative zum Heli: „Das mit den Huskys war einfach. Beim Heißluftballon war da schon etwas mehr Planung nötig“, erinnert sich die Heimschnee-Crew.

 Schritt eins war, eine Methode zu finden, wie man sich bei Bodenkontakt von einem Seil trennt. Das Ganze haben wir zuerst in einem Hochseilgarten getestet. Danach haben wir zusammen mit unserem Piloten Andy Nairz [alpineballooning Tirol] an einem Fesselballon geprobt, wobei der Ballon an zwei Bäumen befestigt ist und in ca. 30 Metern Höhe schwebt.

Dann war es so weit, das Gelernte im Gebirge zu testen. Es hat geklappt. Wirklich schwierig war es allerdings, die ganze Aktion zu filmen. Da wir ja auf Helis verzichten, mussten wir auch hier Alternativen finden. Die erste Idee war, die Kameracrew auf einem Gipfel zu positionieren. Der Wind hat uns an diesem Tag aber in eine komplett andere Richtung geblasen und das Team war umsonst unterwegs.

Seither starten wir immer mit zwei Ballonen, die mit einem 100-Meter-Seil miteinander verbunden sind. Das macht die Sache nicht einfacher, aber mit einer so eingespielten Crew ist alles machbar.

Balloonskiing, Stefan Ager
„Das Zusammenspiel beim Ausklinken muss perfekt sein. Macht einer einen Fehler, wird er vom Ballon mit in die Höhe gerissen. Dann könnte es gefährlich werden.“
Stefan Ager

Selbst ein eingespieltes Team wie ihr setzt sich bei jedem Balloonskiing-Ausflug einem gewissen Risiko aus. Kam es während der Dreharbeiten zu irgendeinem Unfall?

Wir planen die ganze Aktion bis ins kleinste Detail und sind auch auf jedes Szenario vorbereitet. Zum Glück ist es bis jetzt noch zu keinen Unfall gekommen und wir sind auch der Meinung, dass wir das Ganze relativ sicher gestalten können. Das Einzige, was passieren kann, ist dass der Mensch einen Fehler macht.

Würdest du sagen, dass Balloonskiing für jeden geeignet ist? Hat es das Zeug zur neuen Trendsportart?

Massentauglich wird es wohl nie werden. Es ist ein enormer Aufwand und man muss sich schon gut vorbereiten. Aber theoretisch kann jeder, der seiltechnisch und skitechnisch gut drauf ist, Balloonskiing betreiben. Vorausgesetzt, er oder sie findet einen Ballonfahrer, der verrückt genug ist, ihn mitzunehmen (lacht).

Balloonskiing, Stefan Ager

Einige von euch sind erfahrene Skilehrer und Bergführer. Gibt es Pläne, Balloonskiing in Zukunft kommerziell zu vermarkten?

Für spezielle Events könnte ich mir schon vorstellen, dass es möglich ist, aber man muss schon sehr aufpassen mit wem man es macht. Bei Interesse könnt ihr uns gerne kontaktieren. Reden kann man immer.

Skitouren per Heißluftballon: Ihr habt einmal mehr bewiesen, dass der Kreativität im Sport keine Grenzen gesetzt sind. Dürfen wir uns im Zuge der Dreharbeiten zu „Heimschnee“ noch auf weitere Erfindungen freuen?

Wir haben neben Balloonskiing noch weitere Elemente, die es bei einem Skifilm zuvor noch nie gegeben hat. Seid gespannt.

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10 2015 redbulletin.com

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