Béla Réthy

„Spanische Teams haben dieses gewisse Sieger-Gen“

Bild: Getty Images

Béla Réthy kommentiert für das ZDF zum 14. Mal in Folge das Finale der UEFA Champions League zwischen den Madrider Klubs Atlético und Real. Er kennt den Grund für die spanische Dominanz im Klub-Fußball und das Problem des Nationalteams.

THE RED BULLETIN: Herr Réthy, Sie kommentieren am Samstag für das ZDF das Champions-League-Finale zwischen Real Madrid und Atlético Madrid in Mailand. Gibt es in diesem Stadtderby einen Favoriten?

BÉLA RÉTHY: Formal und laut der Wettquoten ist es Real. Doch ich glaube, dieses Mal – anders als vor zwei Jahren in Lissabon bei derselben Paarung – zieht Atlético den Titel. Sie haben den unbedingten Willen, es zu schaffen. Atlético hat den FC Barcelona und dann im Halbfinale den FC Bayern ausgeschaltet. Vielleicht sind sie einfach mal dran. Ich tippe auf ein 2:1 für Atletico – nach 90 Minuten.

Sie haben das Endspiel 2014 angesprochen, als die Rojiblancos gegen die Königlichen bis in die Nachspielzeit mit 1:0 führten und dann noch den Ausgleich hinnehmen mussten.

Eben. Sie waren beinahe schon Champions-League-Sieger, dann kam der späte Ausgleich durch das Kopfball-Tor von Sergio Ramos. Wie vor zwei Jahren erwarte ich auch diesmal ein taktisch geprägtes Match, voller Willenskraft und Euphorie – besonders seitens der Mannschaft von Trainer Diego Simeone. Doch Atlético muss aufpassen, sie machen oft einen Fehler.

„Wäre Diego Simeone sein Trainer, würde er sich das nicht bieten lassen und den Weltfußballer nach zehn Minuten auswechseln.“
Béla Réthy über Cristiano Ronaldos Defensivarbeit

Was meinen Sie?

Atlético powert sich meist in der ersten Halbzeit unglaublich aus, das kann immer dann gefährlich werden, wenn man nur mit einem Tor Vorsprung führt. 2014 sind sie gegen Real in den letzten Minuten nur noch getaumelt. Alle müssen mitarbeiten, auch in der Defensive. Ein Cristiano Ronaldo bei Real führt keinen einzigen Defensiv-Zweikampf. Wäre Diego Simeone sein Trainer, würde er sich das nicht bieten lassen und den Weltfußballer nach zehn Minuten auswechseln.

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Zinedine Zidane, der Real-Coach, fordert in seinem ersten Finale, das er an der Seitenlinie verantwortet, den Argentinier Diego Simeone, seit Ende 2011 bei Atlético.

Zidane, diesen eleganten Kicker, habe ich als Fußballer immer mehr gemocht als den Kämpfer Simeone. Als Trainer ist der Franzose allerdings noch ein Lehrling, auch erst seit Januar im Amt. Was mir gefällt: Zidane, dieser Weltstar mit großem Temperament zu aktiven Zeiten, tritt im Trainerjob sehr zurückhaltend und bescheiden auf. Das macht ihn sympathisch.

„Atlético ist eine absolute Trainermannschaft“

Simeone dagegen ist in seinem Reifeprozess als Trainer viel weiter, und Atlético eine absolute Trainermannschaft, die ihrem Chef bedingungslos folgt. Alle spielen für Simeone, gehen für ihn durchs Feuer – das war früher nur bei den Mannschaften von Otto Rehhagel so. Oder unter José Mourinho, so lange es gut lief. Interessant ist: Zidane hat in seiner kurzen Amtszeit bisher nur zwei Partien verloren, eine im Viertelfinale in Wolfsburg, die andere gegen Atlético. „Los Colchoneros“ - die Matratzenmacher, so der Spitzname Atléticos - kultivieren noch immer dieses Gefühl und das hübsche Image, der Klub der armen Arbeiter mit den bescheideneren Verhältnissen zu sein. Man ist aber längst die dritte Kraft in Spanien und auf Augenhöhe mit Real und dem FC Barcelona.

Wie bereits 2014 (Real Madrid) und 2015 (FC Barcelona) wird erneut ein spanisches Team die Champions League gewinnen. In der Europa League hat der FC Sevilla ein Abo auf den Titel, den man drei Mal hintereinander gewinnen konnte. Woher kommt die Dominanz der Spanier in den europäischen Klub-Wettbewerben?

In der Primera División, der höchsten spanischen Liga, herrscht eine viel größere Breite, was die Qualität der Spitzenmannschaften betrifft. Neben dem erwähnten Top-Trio ist da noch der FC Sevilla, der zuletzt im Europa-League-Finale den FC Liverpool in der zweiten Halbzeit eindeutig dominiert und fußballerisch exzellent gespielt hat. Die Engländer waren klar unterlegen. Da ist noch der FC Villarreal, der ins Halbfinale der Europa League gekommen ist. In Deutschland haben nur der FC Bayern und Borussia Dortmund das Niveau, um international weit zu kommen. Es ist eine Mentalitätsfrage, spanische Teams haben dieses gewisse Sieger-Gen. Auf dem Level geht es ja nur um ein paar Prozent, da entscheidet oft der Kopf. Schon in den Junioren-Mannschaften ist der Wettkampf-Charakter viel ausgeprägter als in Deutschland, da kommen beinahe fertige Profis aus den Nachwuchszentren nach oben in die Top-Ligen.

„Spanien wird seinen Titel nicht verteidigen. Eines der Probleme: Sie haben keinen Top-Mittelstürmer.“
Béla Réthy über das Tief des Europameisters

Die spanische Nationalelf dagegen durchlebt aktuell ein Tal – oder ist es nur ein Zwischentief?

Bei der WM 2014 in Brasilien ist man in der Vorrunde ausgeschieden, und das Team steckt in einem Umbruch. Trainer Vicente del Bosque versucht vorsichtig, den Übergang von der Titel-Generation zur nächsten Generation zu schaffen. Die erfahrenen Spieler, die alten Recken, sollen die Jüngeren lenken. Es rücken aber immer wieder Spieler nach. Denken Sie an Atléticos Saúl Ñíguez, der im Halbfinal-Hinspiel der Champions League das 1:0 gegen die Bayern mit diesem perfekten Solo erzielt hat. Nun steht er im erweiterten EM-Kader, hat aber noch keinen Länderspiel-Einsatz.

Was kann Spanien bei der EM in Frankreich erreichen?

Sie werden ihren Titel nicht verteidigen. Eines der Probleme, das ich sehe: Sie haben keinen Top-Mittelstürmer, lediglich den 35-jährigen Aritz Aduriz von Athletic Bilbao. Überraschend wurden ja Diego Costa von Chelsea und Fernando Torres von Atlético nicht nominiert. Der Offensive der spanischen Nationalelf merkt man an, dass die Top-Leute von Real, also Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Karim Benzema, sowie von Barça, sprich Lionel Messi, Luis Suarez und Neymar, für Portugal, Frankreich oder die großen Nationen in Südamerika auf Torejagd gehen.

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05 2016 THE RED BULLETIN

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