Christian Grabers Tour Blog 20

Captain Graybeards verrückte „As High as Possible“-Tour - Woche 13

Fotos: Christian Graber

Christian Graber aka Captain Graybeard ist auf dem Weg vom niedrigsten zum höchsten Punkt Europas. Nur mit Rad und Kajak. Wie es ihm bei seinem Abenteuer geht, verrät ein Blick in das (B)Logbuch des Kapitäns.

Nachdem ich mich kurz vor dem Ziel mit leicht erhöhter Temperatur herumschlagen musste, verbrachte ich zwei sehr wichtige Tage in Naltschik, um mich fit für die letzte Etappe - den 124 Kilometer langen Aufstieg nach Terkol - zu fühlen. Von dort aus wird dann die Tour zum Mount Elbrus starten.

Ein interessanter Faktor dabei ist, dass unfreiwillige Pausen wesentlich länger zu sein scheinen, als die freiwilligen. Ich blieb also den ganzen Tag im Bett, sorgte für ausreichend Frischluft und deckte den Mehrbedarf an Kalorien für die Genesung im Übermaß ab. 

Drei Tage nachdem ich angekommen war, wagte ich dann meine letzte Tour. Der eitrige Schleim in meinen Atemwegen war so gut wie verschwunden und meine Körpertemperatur wieder auf Normal-Level. Ab jetzt konnte es nur noch bergauf gehen! Ich befand mich nämlich lediglich 440 Meter über dem Meeresspiegel und mein Hotel, von wo aus ich die Expedition in Angriff nehme, liegt auf knapp 2100 Metern.

Von dort aus stehen Akklimatisationswanderungen und der Aufstieg zum 5642 Meter hohen Mount Elbrus auf dem Programm - also nur noch bergauf! Ein letztes Mal noch ging es vorbei an vier Hunden, die mit mir ein Intervalltraining absolvierten und dann bog ich in Richtung Kaukasus ab.

Eine 100 Kilometer lange Sackgasse in ein Hochgebirge ist mal eine lange Zielgerade. Nun ging’s abermals langsam und stetig bergauf.

Der Fluss Baksan schlängelt sich durch dieses Tal und reißt momentan wohl alles mit, was sich ihm in den Weg stellen würde. Das wär wohl nichts für meine Fiona!

Der Fluss Baksan

Im Moment ein reißender Fluss: Der Baksan 

Kein Wunder, denn es war wirklich heiß und das bringt auch den Gletscher am Elbrus zum schmelzen auf den ich zusteuerte. Dafür konnte ich mich aber am Anblick einer endlos schönen Schlucht ergötzen, die im Laufe der Zeit hier entstanden ist.

Die Vegetation dort gestaltet sich auch eher karg, aber Sanddornsträucher gibt es ohne Ende. Der Saft ihrer Beeren ist randvoll mit Antioxidantien, die gegen „oxidativen Alltagsstress“ helfen können und auch in der Therapie bei Multipler Sklerose empfohlen werden.

Was ich aber ebenso interessant finde, ist der Fakt, dass Jung und Alt heutzutage überall auf der Welt mit dem Smartphone an Bushaltestellen sitzen und die Vorteile des Internets genießen können. Liegt wahrscheinlich an der nahezu perfekten gratis Wi-Fi-Abdeckung in Osteuropa.

Ich selbst brauche ja meist sehr lange, bis ich den Fortschritt akzeptieren kann, aber jeder Hype hat auch seine Vorteile. So kommen beispielsweise Pokémon GO-Spieler mehr an die frische Luft, haben ein bisschen Bewegung und sozialisieren sich durch neue Bekanntschaften außerhalb der eigenen vier Wände.

Doch man sollte sich vor Augen halten, dass der schönste Moment im Pokémon-Spiel das Bekommen des Fahrrades war - ein Zufall?

Mit österreichischer Pünktlichkeit kam ich um exakt 14:00 Uhr - wie vereinbart - beim Hotel an. Dort erwartet mich bereits Kate vom Elbrustours-Team, die mir die nötigen Infos zu den kommenden Tagen mitteilte.

Ankunft in Terskol

Endlich in Terskol!

Nach der „Finisher“-Dusche machte ich mich so schnell wie möglich auf den Weg zur Post, um meine Bergsteigerausrüstung abzuholen, die mir zugesandt wurde. Doch es wäre nicht meine „As high as possible - Tour“, wenn dies so einfach ginge …

Mein Paket wurde vom Zoll abgefangen und blieb dort, weil sie anscheinend meinen Namen nirgends auf dem Paket finden konnten.

Um es zu bekommen, müsste ich mit Reisepass zu einer Postfiliale, die mehr als 100 Kilometer entfernt liegt, anschließend zum Zollbeauftragten, der sich auf irgendeinem Flughafen befindet, um dann aus Sicherheitsgründen gemeinsam das Paket zu öffnen. Kurz zusammengefasst: Mission IMPOSSIBLE!!

Ich stand nun also vor Europas höchstem Berg, ohne Rucksack, Wanderschuhe, warme Kleidung, Schlafsack etc.

Glücklicherweise konnte ich mir hier alles von Elbrustours ausborgen, was im Übrigen meine letzte verbliebene Hoffnung war. Doch für’s Erste ging es mal mit der ganzen Gruppe zu einer Akklimatisationswanderung auf einen benachbarten Berg.

Ein bisschen übertrieben ist das Wort Wanderung allerdings schon, denn wir fuhren mit dem Sessellift von 2100 auf 3100 Meter und „wanderten“ dann knapp 1,5 Stunden auf 3500 Meter.

Aber Ziel dieser Übung war es, unseren Körpern eine Sauerstoffnot zu simulieren, damit wir uns an die Höhenluft gewöhnen und für den Aufstieg vorbereitet sind.

Die Black Pearl hat mich sicher durch ganz Osteuropa gebracht und nun kann ich es kaum erwarten, mich der letzten Herausforderung zu stellen!

So wie mein Ur-Ur-Ur-Onkel Captain (Gr)Ahab versuchte, seinen weißen Wal zu bezwingen - so versuche ich jetzt den Weißen Berg zu erklimmen!

Der Captain vor dem Elbrus

Der Captain vor dem Elbrus: Wer zittert da eigentlich vor wem?

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08 2016 The Red Bulletin

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