Corinna Kuhle im Interview

Corinna Kuhnle im Interview: „Genießen ist wichtiger als Medaillen“

Interview: Christian Eberle
Foto: MK Sports

Kanutin Corinna Kuhnle ging zwei Mal bei Olympia als Medaillen-Favoritin an den Start und am Ende zwei Mal leer aus. Enttäuscht ist sie dennoch nicht. Weil Erfolg durch den Weg definiert wird, nicht durch das Ziel.

Medaillen-Favoritin. Als Spitzensportlerin ist diese Bezeichnung etwas Positives. Eine Bestätigung der bisher erbrachten Leistungen. Ein Ausdruck des Stolzes. In einer kleinen Sommersport-Nation wie Österreich kann das Wort aber auch schnell ungewohnten Druck erzeugen. Corinna Kuhnle weiß das nur zu gut. Gleich zwei Mal verkörperte die 29-Jährige schon die Hoffnung auf Edelmetall für Rot-Weiß-Rot.

Bei Olympia 2012 ging die Kanutin als Doppelweltmeisterin an den Start, das Rennen im Londoner Wildwasserkanal beendete sie letztlich als Achte. Österreich ging in London völlig leer aus. „Jeder hat erwartet, dass ich eine Medaille hole. Mit diesem Erfolgsdruck und dem medialen Interesse konnte ich nicht umgehen“, erinnert sich Kuhnle.

Vier Jahre später gab es zwar ob der nur knapp geschafften internen Qualifikation veränderte Vorzeichen, als Gesamtweltcupsiegerin 2014 und 2015 galt die Niederösterreicherin aber erneut als heißer Tipp auf eine der begehrten Medaillen. Auch in Rio wurde es damit nichts. Nur Platz 5 am Ende. Doch diesmal sah sie es als Erfolg. Warum? Weil Kuhnle gelernt hat, den Weg zu genießen.

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THE RED BULLETIN: Ihr erklärtes Ziel war 2016 - wie schon 2012 - eine Medaille bei Olympia. Geworden ist es Rang 5. Dennoch wirken Sie zufrieden.

CORINNA KUHNLE: Ich bin voll zufrieden. Ich hoffe, dass ich mich bei einem Wettkampf wieder einmal so an den Start stellen kann wie in Rio. Ich war fit, mental bereit, taktisch gut eingestellt. Es war an dem Tag alles möglich und das war bei anderen Wettkämpfen nicht immer so. 

Diese Zufriedenheit lässt sich aber schwer „verkaufen“. Eine Medaillenanwärterin, die leer ausgeht, sollte doch enttäuscht sein.

Natürlich ist es - vor allem medial - schwierig zu erklären, dass ich mit einem fünften Platz nicht unzufrieden sein kann. Erzählst du jemandem, dass du Fünfter geworden bist, hörst du zwar manchmal schon, dass das eine Leistung ist. Aber wenn du zwei Mal Weltmeisterin und Gesamtweltcup-Siegerin warst, dann denken die Leute bei einem fünften Platz eher sofort an „Niederlage“.

Klingt hart.

Das ist beinhart. Als Sportler kannst du nicht bei jedem Wettkampf eine Medaille machen. Das geht nicht. Es wäre utopisch, so zu denken. Natürlich steht das Ziel Medaille ganz oben. Für mich stand aber die persönliche Leistung im Vordergrund. Wie zufrieden ich mit Rio bin, hängt damit zusammen, wie ich dort über die Ziellinie gekommen bin. Was auf der Ergebnisliste steht, kann ich nicht beeinflussen, das muss ich mir nur danach anschauen.

Wird man in unserer Gesellschaft zu sehr nur an erreichten Zielen gemessen?

Es ist extrem gefährlich, wenn man nach außen hin ein Ziel kommuniziert, denn damit öffnest du dich natürlich der Kritik. Wenn du das Ziel nicht erreichst, ist es ein Misserfolg. Da ist die Gefahr, dass du dafür mehr oder weniger „geschlagen“ wirst. Es ist aber auch gefährlich, wenn man sich Ziele steckt und nur dann zufrieden ist, wenn man diese auch erreicht. Weil diese Befriedigung meines Erachtens gar nicht so groß ist. Nach dem Gewinn des WM-Titels freut man sich natürlich. Aber das Loch, in das man fällt, sobald dieses Ziel wegbricht, ist eigentlich viel größer als die Freude, die kommt. 

Corinna Kuhle im Interview

Was kann man dagegen tun? Ziele stecken, die nahezu unerreichbar sind?

Es ist gut, sich hohe Ziele zu stecken, wenn man mit Niederlagen umgehen kann. Ich setze mir gerne hohe Ziele, bin mir aber auch bewusst, dass ich mit dem Ziel, jeden Wettkampf zu gewinnen, in 99 Prozent der Fälle Niederlagen erleben werde. Viel wichtiger als die Siege ist es daher, den Weg und den Prozess zu genießen. 

Wie darf ich das verstehen? 

Du hast nur ein Leben. Ich mache den Sport jetzt seit zehn Jahren professionell. Am Ende habe ich 15 Jahre einen Sport gemacht und auf ein Ziel hingearbeitet, das ich vielleicht nie erreiche. Wenn ich dann sage, „Das war alles vergeblich“ – was habe ich da davon? Dann hätte ich 15 Jahre meines Lebens vergeudet. Davon haben ich und mein Umfeld nix. Wenn du als Sportler nur wegen eines Ziels etwas machst, hast du verloren.

Weil man das Positive auf dem Weg zum Ziel übersieht?

Genau. Dasselbe gilt für einen Topmanager, der sich beispielsweise zum Ziel setzt, 15.000 Euro im Monat zu verdienen. Wenn er das einmal erreicht, wird er nur sagen, dass er noch immer nicht genug hat. Egal in welchem Bereich man tätig ist: Wenn man Sachen macht, nur um irgendetwas zu erreichen, ist das schade. Mach Sachen, weil du sie gerne machst!

Corinna Kuhnle im Interview

Was immer du auch machst … Genießen sollte im Vordergrund stehen.

„Es ist gut, sich hohe Ziele zu stecken, wenn man mit Niederlagen umgehen kann.“
Corinna Kuhnle

Und genieße!

„Es muss jetzt funktionieren“ funktioniert nicht. Egal in welchem Bereich man arbeitet, es lässt sich nichts erzwingen. Ob das jetzt in einer Beziehung, in einem Projekt oder im Sport ist, es ist immer das Gleiche. Wenn man etwas gern macht und genießt, geht es auch leicht von der Hand. Sobald es ein Muss ist, wird es ein Krampf.

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11 2016 The Red Bulletin

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