Howard Webb

Wie die neuen Regeln den Fußball verändern werden - Analyse mit Howard Webb

Interview: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images/Montage  

Video-Beweis, Ende der berühmten Dreifach-Bestrafung und eine kuriose Eckball-Regel. Die Neuerungen im Fußball-Gesetzbuch sind zahlreich und nicht immer leicht zu verstehen. Wir haben deshalb bei einem nachgefragt, der es wissen muss: Schiedsrichter-Legende Howard Webb.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Im März verabschiedete das International Football Association Board (IFAB), die Regelhüter des Fußballs, Reformen des Regelwerks mit weitreichenden Konsequenzen. Die wichtigste Veränderung ist die Einführung von Video-Schiedsrichtern, die bei Toren, Strafstößen, Roten Karten und Verwechslungen eingreifen können - auf Bitte des Schiedsrichters, aber auch selbstständig. Diese schöne FIFA-Grafik erklärt das Prinzip.

Video-Referees werden in der kommenden Saison zunächst versuchsweise in einigen Ligen eingesetzt. IFAB hat allerdings auch Regeländerungen vorgenommen, die schon ab 1. Juni greifen und bei der Europameisterschaft in Frankreich zum Tragen kommen. Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Howard Webb, der das WM-Finale 2010 pfiff, erläutert uns liebenswürdigerweise die Details. 

THE RED BULLETIN: In den Medien stand erstaunlich wenig über die neuen Spielregeln. Welche Änderung wird die stärksten Auswirkungen auf das Spiel haben, vom Video-Beweis abgesehen?

HOWARD WEBB: Das wird zweifelsohne die Änderung von Regel 12 sein, was das Verhindern einer offensichtlichen Torchance im Strafraum angeht. Es gab das Problem der “Dreifachbestrafung”: ein Spieler, der im Strafraum ein Foul begeht, fliegt vom Platz, es gibt Elfmeter und er ist für das nächste Spiel gesperrt. Diese Regelung gab es seit 1990/91. In Zukunft wird das nur eine Gelbe Karte sein - falls der Verteidiger oder Torwart dabei wirklich versucht hat, den Ball zu spielen. Das ist entscheidend. Aus der Dreifachbestrafung wird so eine Eineinhalbbestrafung, mit Elfmeter und Verwarnung.

„Die Sache wird für Schiedsrichter etwas komplizierter, weil sie nun entscheiden müssen, ob der Verteidiger foulen wollte.“
Howard Webb über die neue Regel

Die neue Regel will, mit anderen Worten, Verteidiger schützen, die den Gegner im Strafraum eher unglücklich von den Beinen holen?

Genau. IFAB war der Auffassung, dass die alte Regel nicht so angewandt wurde, wie sie ursprünglich gedacht war. Man hat das eingeführt, nachdem es in England in den 80er Jahren ein paar berühmte Fälle gab. Im FA-Pokal-Finale 1980 hatte zum Beispiel Willie Young vom FC Arsenal den West-Ham-Spieler Paul Allen mit einer Notbremse vor dem Strafraum gestoppt und dafür nur Gelb gesehen, dazu gab es einen Freistoß. Der Schiri hatte damals keine andere Wahl. In diesen Situationen bleibt übrigens auch nach den Änderungen eine Rote Karte das angemessene Strafmaß. Wer außerhalb des Strafraums eine offensichtliche Torchance verhindert, fliegt weiter vom Platz. Im Strafraum kann der Verteidiger ab sofort mit Gelb davon kommen - wenn er tatsächlich versucht hat, den Ball zu spielen. Handspiel ist Rot. Trikotziehen ist Rot. Grobes Foulspiel ist Rot. Die Sache wird für Schiedsrichter etwas komplizierter, weil sie nun entscheiden müssen, ob der Verteidiger foulen wollte. Aber im Sinne der Gerechtigkeit macht die Änderung Sinn.

Wer wollte diese Reform?

So wie ich das verstehe, gab es in unterschiedlichen Erdteilen unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Die Südamerikaner, so heißt es, waren gegen eine Änderung; sie hielten die geringere Bestrafung für nicht zielführend. Aber die Mitglieder der UEFA wollten unbedingt, dass die Regel sich verändert. Trainer und frühere Spieler, die von IFAB befragt wurden, waren auch für eine Reform, ihrer Meinung nach war die Dreifachbestrafung viel zu hart für Situationen, in denen zum Beispiel Verteidiger und Stürmer ineinander laufen oder der Angreifer aus Versehen zu Fall gebracht wird.

Gibt es ein paar von diesen Roten Karten künftig nicht mehr?

© YouTube // Peradze

Hat Ihnen persönlich die Härte der Regel Probleme bereitet? 

Als Schiedsrichter weiß man um das Ausmaß so einer Entscheidung, vielleicht will man deswegen hundert Prozent sicher sein. Schiedsrichter werden es nun einfacher haben, Elfmeter zu pfeifen, weil nicht automatische eine Rote Karte folgen muss. Das wird ihnen zusätzliche Sicherheit geben.

Besteht die Gefahr, dass Verteidiger es so aussehen lassen, als ob sie wirklich den Ball spielen wollen. 

Natürlich, absolut. Schiedsrichter müssen nun beurteilen, was der Verteidiger wollte. Das ist Auslegungssache, und wird zwangsläufig ein paar Unstimmigkeiten nach sich ziehen. Es wird Spieler geben, die diese Grauzone für sich ausnützen wollen. 

Barcelonas Andrés Iniesta beging im Champions-League-Viertelfinale gegen Atlético Madrid Handspiel im Strafraum und verhinderte so eine klare Torchance. Warum sah er Gelb? 

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Es kommt auf den Ort des Vergehens an, auf die Position der anderen Verteidiger, the Flugrichtung des Balles und die Wahrscheinlichkeit, dass der Stürmer den Ball kontrollieren wird. In diesem Fall deutete all dies auf einen Platzverweis hin. Es wäre anders gewesen, wenn Iniesta eine spekulative Flanke mit der Hand geklärt hatte.

Die Handspiel-Regel wurde nicht verändert? 

Nein. Aber Referees sind angewiesen, im Zweifel für den Verteidiger zu entscheiden. 

Welche Regeländerungen sind außerdem wichtig?

Man darf ab sofort den Ball beim Anstoß auch nach hinten spielen. Er muss nicht mehr nach vorne gekickt werden.

Das wird vermutlich den Fußball nicht revolutionieren? 

Eher nicht. Elfmeterschützen, die nach dem Anlauf den Schuss verzögern, bekommen jetzt übrigens eine Gelbe Karte, dazu gibt es indirekten Freistoß für die gegnerische Mannschaft - selbst, wenn der Ball vorher ins Tor ging. 

Gab es denn ein großes Problem mit verzögerten Schüssen? 

Nein, das macht kaum jemand, weil es auch die alte Regel untersagt. 

Etwas merkwürdig ist eine neue Regel für Eckstöße. Falls eine Ecke direkt ins eigene Tor fliegt, gibt es nun eine Ecke für die andere Mannschaft. Was hat es bitteschön damit auf sich? 

Das ist auch bei einem Freistoß so. Wenn ein Freistoß ins eigene Netz geht, ohne dass ihn jemand berührt, gibt es Ecke für die gegnerische Mannschaft. Man kann mit einen Freistoß kein Eigentor schießen.

Das heißt, die Ecken-Regel wurde einfach angeglichen? Man kann sich schwer vorstellen, dass jemand von der Eckfahne in der gegnerischen Hälfte ein Eigentor erzielt. Das müsste schon eine arg verunglückte Flanke sein …

Stimmt. IFAB hat einfach ein paar Lücken ausgefüllt und Dinge bereinigt. Dabei wurden auch Eventualitäten geklärt, die höchstwahrscheinlich nie eintreten werden. 

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05 2016 The Red Bulletin

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