Jérémie Heitz - La Liste

„La Liste“ mit Jérémie Heitz: 50 Grad – und mehr

Text: Werner Jessner
Fotos: Dom Daher, Tero Repo

Fahren, wo andere sich anseilen: Freerider Jérémie Heitz lässt in seinem Film „La Liste“ alle übrigen Berge flach aussehen. 

Man würde in dem kompakten blonden Kerl mit spärlichem Bartwuchs in dem Café in Martigny nicht den Freeski-Superstar erkennen, der neue Maßstäbe setzt, wüsste man es nicht besser. 

In dem karierten, offen getragenen Hemd und dem T-Shirt mit der Route der Mont-Blanc-Erstbesteigung steckt jener Mann, der sich zwölf legendäre Hänge der Westalpen gesucht hat, um sie so mit Skiern zu befahren, wie das noch kein Mensch vor ihm geschafft hat. 

Nicht nur runterkommen, nein: das alles ästhetisch aussehen lassen, leicht, flowig und vor allem schnell. Richtig schnell. 

„La Liste“ - ab November auf Red Bull TV 

© YouTube // TimeLinemissions

Jérémie Heitz - La Liste

Jérémie Heitz, 27, Rising Star aus der Romandie: Vor zehn Jahren beendete er seine Rennkarriere und wurde Freerider. Die richtige Entscheidung.

Steilheit hat bei Jérémie Heitz eine neue Dimension erreicht, in der andere, ebenfalls sehr gute Freeskier längst ausgestiegen sind: Ab 50 Grad Gefälle wird es für ihn interessant. Zum Vergleich: Pisten, die steiler sind als 22 Grad, werden schwarz markiert. 

Für das, was Heitz fährt, gibt’s keine Kategorie. Er fährt dabei auch nicht im Schnee im eigentlichen Sinn: „Es ist eher Eis. Schnee rutscht bei dieser Steilheit ab. Du musst die Bedingungen sehr genau kennen, um zu wissen, wann der Hang befahrbar ist.“ 

Ideal sind Frühlingstage mit leichten Plusgraden, an denen es zuvor geregnet hat, dann ist die Oberfläche am griffigsten. 

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„Aber die Schläge, die du kassierst, sind gewaltig. Die Skier rattern, die Oberschenkel brennen, und du hast keine Chance, stehen zu bleiben. Wenn du in den Hang einfährst, bist du dir bewusst, dass du erst ganz unten wieder stehen bleiben kannst.“ 

Zwei volle Jahre steckte er in ein Projekt, das anfangs bloß eine Idee war: „Ich legte eine Liste ­jener Berge an, die ich befahren wollte. Daher auch der Name des Projekts: La Liste.“ 

Jérémie Heitz, La Liste

Die Tücke des Aufstiegs

Ein bis zwei Stunden dauert es meist, um mit Pickel und Steigeisen zum Gipfel vorzudringen. Jenseits von 3000 Meter Seehöhe wird die Luft dünn, jeder Schritt beschwerlich. Du musst dir deine Kraft gut einteilen. „Bei der Abfahrt willst du starke Beine haben“, sagt Heitz. „Sonst kannst du nämlich gleich wieder umkehren.“

„Der winzigste ­Fehler bedeutet Game over. Bremsen oder gar stehen bleiben ist auf diesen Hängen nicht mehr möglich.“

Diese Hänge waren teils seit Jahren nicht mehr befahren worden, andere begeisterten durch ihre Exponiertheit oder die Schönheit der Formation. Nach dem ersten Winter hatte er gerade einmal fünf Hänge bezwungen und war dutzende Male umgekehrt.

Jérémie Heitz, La Liste

Auf manchen Bergen dauerte der Aufstieg zum Steilhang Stunden, auf anderen musste Jérémie biwakieren. Ehrensache: alles aus eigener Kraft.

„Wenn du nicht ­bereit bist, aufzugeben, darfst du erst gar nicht aufbrechen.“ Sein Stiefvater, ein Bergretter, der nahezu täglich mit dem Heli unterwegs ist, um Verunglückte zu bergen, war ihm eine große Hilfe:

Hart. Schmal. Lang

Mit normalem Material ­wären die Hänge, die ­Jérémie sich aussucht, nicht befahrbar. „Vor zehn Jahren hätte das noch nicht funktioniert.“ Sein Skiausrüster Scott hat für ihn extra-harte, längere Freeride-Ski angefertigt, von denen Jérémie pro Jahr an die sechs Paar verschleißt. Weiteres Zugeständnis an die Belastung im Steilen: Er muss die Berge mit harten Renn-Schuhen ohne Walk‑Funktion besteigen.

 „So wusste ich immer, welche Berge sich gerade wie verhalten.“ 

Alle Entscheidungen traf man gemeinsam, denn nichts kann dich so schrecklich überraschen wie dein Hausberg an einem schlechten Tag: „Ich habe viel von ihm gelernt. Vor allem Geduld.“

Jérémie Heitz ist einer, der sich schnell langweilt. Eine Charaktereigenschaft, die einst seine Rennfahrer-Karriere zerschellen ließ: „Drei Stunden im Auto, bloß um ein paar Stangen zu fahren, nein danke.“

Und auch Heitz’ Karriere in der Freeride World Tour leidet daran, obwohl er noch immer Podiumsplätze einfährt.

La Liste Film

Routensuche: Heitz, der gerade am Gipfel gestartet ist, wird nach drei weiteren Schwüngen in den Hang einfahren, etwa auf Höhe des kleinen Knicks am Grat. Danach wird es interessant.

Schnee bleibt nicht mehr liegen, sondern rutscht einfach nach unten. Der Untergrund ist eher ein Eispanzer, vom Wind mit ein wenig Pulver angezuckert.
Zu steil für Lawinen

Aber nach fünf Jahren kennst du die Herausforderungen, die Hänge, die üblichen Verdächtigen. Steilhänge hingegen werden nicht langweilig – nie. So viele Linien, so viele scheinbare Unmöglichkeiten, die es möglich zu machen gilt – am richtigen Tag, unter den richtigen Bedingungen. Dafür lohnt es sich, zu warten.

La Liste Film

Ins Licht: Mit dem neuen Film etabliert sich der Schweizer Extremskifahrer an der Spitze seines Genres: zwölf legendäre Berge, zwölf Abfahrten, kaum eine flacher als 50 Grad.

Mit der Brechstange brauchst du einem Gefälle jenseits der 50 Grad nicht zu begegnen, denn auch ohne bist du dem Berg oft hoffnungslos ausgeliefert und kannst bloß noch deinem Glück vertrauen: „Auf einem Hang verlor ich in der Abfahrt den rechten Ski, weil mir die Eisrippen die Bindung aufschlugen. Das war echt knapp. Ein paar Meter später, und ich wäre über Felsen abgestürzt!“ 

Diese Szenen in „La Liste“ gehören zu den eindringlichsten des ganzen Films. Erst anhand dieses Fehlers versteht der Zuschauer wirklich, wie steil die Hänge sind, die Heitz so scheinbar spielerisch hinunterrast.

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12 2016 The Red Bulletin

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