Zerstört die Gier den Fußball?

Ist das Geld der Totengräber des Fußballs?

Text: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images/Montage

Schafft sich der professionelle Fußball langsam selbst ab? Nein, wir stehen wohl erst am Anfang des finanziellen Exzesses, sagt Experte Raphael Honigstein.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Die großen Investitionen dieses Sommers, befeuert durch den neuen TV-Vertrag der Premier League (inklusive Auslandsvermarktung circa 3,2 Milliarden Euro pro Jahr), sowie die bevorstehende Umstrukturierung der Champions League zugunsten der Großklubs, haben Ängste geschürt, dass sich der Sport mit seiner unersättlichen Geldgier am Ende selbst auffressen könne. „Der Fußball hat seine Seele verloren“, klagte etwa Ex-Bayern-Trainer Jupp Heynckes.

Beschwerden über die ungezügelte Kommerzialisierung und den markerschütternden Hype sind allerdings beinahe so alt wie der Fußball selbst. „Fast alles ist getan worden, um diesen Sport zu verderben: Das große wirtschaftliche Interesse … die absurde Aufmerksamkeit, die jedem Aspekt des Spiels von der Presse beigemessen wird; aber Fakt ist, dass der Sport noch nicht verdorben ist und er die Welt erobert hat“, schrieb der Brite J.B. Priestly im Jahre 1934 (Zitat aus dem exzellenten Buch The Game of Our Lives von David Goldblatt).

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Das ist erst der Anfang
 
Absturz, Zusammenbruch, Blase. Nein, ganz im Gegenteil: Alles deutet darauf hin, dass die Eroberung der globalen Wellenlängen durch den Fußball gerade erst begonnen hat. Der TV-Vertrag der Premier League für das chinesische Festland zum Beispiel, ist aktuell gerade einmal 10,7 Millionen Pfund im Jahr wert. Rund einen Penny pro Kopf.

Wie Nick Harris von Sporting Intelligence dargelegt hat, ist das nur ein Bruchteil des Wertes, den man in anderen Gebieten in Übersee für englischen Fußball erzielt. Zum Vergleich: In Hong Kong zahlen Zuschauer pro Kopf 12,18 Pfund im Jahr.

Ein Schlaraffenland für TV-Anstalten

Es besteht kein Zweifel, die Premier League und die anderen europäischen Top-Ligen werden im Ausland weiter exponentiell wachsen, da neue Märkte und neue Technologien erschlossen werden. Premier League-Chef Richard Scudamore verwies in dem Zusammenhang kürzlich auf Virtual Reality. Wir sind nicht weit davon entfernt, dass Vereine in der Lage sein werden, Spiele an ihre Millionen von Fans überall auf der Welt ohne territoriale Einschränkungen zu verkaufen.

„Einheimische TV-Erlöse werden in den traditionellen Fußballländern nicht so schnell wachsen, denn dort wird ein Preisanstieg dem Verbraucher weh tun.“

TV-Unternehmen werden vermutlich in wenigen Jahren als Vermittler im Rahmen eines Revenue Sharing agieren. Vielleicht werden sie sogar ganz mit den Clubs fusionieren. Anstatt hohe Garantiesummen zu zahlen, könnten sie beispielsweise 30 Prozent vom Verkauf aller 34 Bundesligaspiele des FC Bayern zu je 1 Pfund an 400 Millionen potenzielle Münchner Fans zurückbehalten.

Einheimische TV-Erlöse werden in den traditionellen Fußballländern nicht so schnell wachsen, denn dort wird ein Preisanstieg dem Verbraucher weh tun. Aber die einzigartigen Eigenschaften des Fußballs – das unverzichtbare Live-Erlebnis und die starke Markenbindung – werden weiterhin einen signifikanten Bonus gegenüber allen Mainstream-Inhalten einfordern.

Die Fähigkeit, Millionen von Eye Balls zu kommandieren, zu ganz beliebigen Zeiten, bleibt unvermindert. Das macht den Sport so interessant, auch für Firmen außerhalb der Medienbranche. Große Unternehmen werden sich vermehrt bemühen, Anteile zu erwerben. Neben Staatsfonds, die Fußball sowohl als solides finanzielles Investment sehen, als auch als Chance, Soft Power auszuüben.

© YouTube // BeanymanSports

200-Mio.-Transfers stehen vor der Tür

Bisher lagen die maximalen Ausgaben beim Kauf eines Spielers durch Clubs bei etwa 20 Prozent des Gesamtumsatzes. Nehmen wir diesen Kurs, dürften die Tage der 200 Millionen Euro schweren Transfers wohl nur noch drei bis fünf Jahre entfernt liegen, da die Umsätze der reichsten Clubs immer näher an die Milliardenmarke rücken.

Auch Trainergehälter werden wachsen. Aber die aktuell unterbezahltesten Mitarbeiter, bedenkt man ihre Fähigkeit, ihren Teams Werthaftigkeit hinzuzufügen, sind jene mit dem Auftrag, Talent ausfindig zu machen. Ein guter Sportdirektor oder Chefscout mit der Mission, günstig ein- und teuer zu verkaufen, wird über zwei oder drei Jahre hunderte Millionen Euro wert sein, wenn die Ablösen für Durchschnittsspieler zusammen mit den Einnahmen wachsen.

Mega-Gehälter für Scouts und Sportdirektoren?

Sie werden ihren Qualitäten angemessene Gehälter einfordern oder mit kräftigen Boni für kluge Investitionen belohnt werden. Im Idealfall werden die stetig wachsenden Summen im Fußball für mehr Transparenz und striktere Aufsicht sorgen, aber solche Schritte werden vom Druck der Investoren – und Druck auf die Investoren – ausgehen, nicht von den laschen Bemühungen des Sports selbst.

Der Fußballbetrieb wird zwangsläufig professioneller werden. Ob die strukturellen Imbalancen – zwischen, aber insbesondere innerhalb der Ligen – der Marktfähigkeit des Produkts schaden werden, ist ungewiss. Sollten sie es tun, wird der Fußball einen Weg finden, diese auszugleichen, und den Ball weiter laufen lassen.

Der Fußball ist nicht tot zu kriegen

Die Geschichte lehrt uns, dass der Appetit der Öffentlichkeit auf das Spiel genauso unersättlich ist wie der Sport selbst. Das wird sich kaum ändern. Und Nostalgie wird in Zukunft gewiss auch nicht aus der Mode geraten. In zehn Jahren wird es so manchen geben, der sich gerne an das vergleichsweise vernünftige Jahr 2016 zurück erinnert - als dieser Fußball noch nicht so kommerzialisiert war.

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09 2016 The Red Bulletin

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