Marc Márquez

Marc Márquez: Meine emotionalsten Siege

Text: Werner Jessner
Foto: Philip Platzer / Red Bull Content Pool

Hier spricht der MotoGP-Superstar: Marc Márquez blickt zurück auf zehn Rennen, die er niemals vergessen wird.

1 Barcelona 2014: Familienfest

Ich bin Katalane und Familienmensch. Was kann es Schöneres geben, als beim Heimrennen vor vollen Tribünen, nur eine Stunde von meiner Heimatstadt ­Cervera entfernt, nach einem spannenden Dreikampf mit meinem Teamkollegen Dani Pedrosa und meinem Jugendhelden Valentino Rossi zu gewinnen, während mein Bruder Álex in der Moto3-Klasse den Sieg holt?

Es war das erste Wochenende, an dem wir beide unsere Rennen gewannen. Was dir da in der Auslaufrunde durch den Kopf geht, ist unbeschreiblich. Du bist selbst voller Glücksgefühle, und du spürst das Glück der Fans auf den Tribünen bis unter den Helm.

2 Valencia 2014: Mein Bruder und ich

Der absolute Flow: Ein Rennen zuvor hatte ich meinen MotoGP-Weltmeistertitel verteidigt, nun vor heimischen Fans mit meinem 13. Saisonsieg einen weiteren Rekord aufgestellt. Der Sieg war mir leichtgefallen wie alles an diesem Wochenende. Das Besondere daran war, dass sich mein Bruder Álex zwei Stunden­ vor meinem Rennen zum Weltmeister in der Moto3-Kategorie gekürt hatte. Ich stieg direkt von seiner Box, wo natürlich alle gefeiert haben, auf mein Motorrad und habe gewonnen. Zwei Brüder als Weltmeister: Nicht nur meine Familie wird dieses Wochenende nie, nie vergessen.

3 Valencia 2010: Weltmeister, die erste

Ein paar Wochen zuvor hatte es noch anders ausgesehen: Obwohl ich der schnellste Mann – oder eher: Jugendliche – in der 125er-WM war, musste ich bis zum letzten Rennen um meinen Titel kämpfen. Im Motorland Aragón war ich ohne eigenes Zutun vom Bike geholt worden, diese 25 Punkte fehlten mir jetzt. Platz vier, schlechter durfte ich nicht ins Ziel kommen – genau das habe ich gemacht. Vor heimischer Kulisse hielt ich dem Druck stand, blieb cool, fuhr wie ein Profi. Ich war damals erst 17 Jahre und acht Monate alt und habe unter denkbar schwierigsten Bedingungen einen perfekten Job abgeliefert.

Marc Márquez küsst den Pokal

© Repsol Media Service / Red Bull Content Pool

4 Estoril 2010: Von hinten

Ich fuhr damals noch 125er-WM. Das Rennen musste unterbrochen und neu gestartet werden, weil es zu regnen begonnen hatte. Noch in der Besichtigungsrunde zum zweiten Rennabschnitt verlor ich in einer Rechtskurve das Bike. Das war vielleicht peinlich! Ich konnte mich zurück in die Box schleppen, wo mir die Crew eine neue Verkleidung montierte. Das dauerte natürlich, und ich musste das Rennen vom letzten Startplatz aus beginnen. Nach der ersten Runde war ich bereits Dritter. Und ja, ich habe gewonnen. Von ganz hinten. Vom Deppen zum Helden in nur neun Runden – das war echt gut.

5 Austin 2013: Jüngster Sieger

Mein erster Sieg in der MotoGP. Noch heute läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich an dieses Rennen denke. Dabei hat es gar nicht gut begonnen. Nach einem Fehler in Runde 1 lag ich nur auf Platz 6 oder 7 und musste mich mühsam an die Spitze vorarbeiten, wo ich mir über viele Runden ein ebenso hartes wie geiles Match mit meinem Teamkollegen­ Dani Pedrosa lieferte. Erst zum Schluss hatte ich einen kleinen Vorsprung, darum kam ich gar nicht in Versuchung, darüber nachzudenken, was das bedeuten würde: jüngster Sieger der MotoGP-Geschichte.

Marc Márquez feiert mit dem Publikum

© Gold & Goose/Red Bull Content Pool

6 Le Mans 2011: Eine Liga höher

Mein erstes Jahr in der Moto2 begann desaströs: Crash in Katar, Crash in Jerez, Platz 21 in Estoril. Dann Le Mans, wo ich erst einmal ins Ziel gekommen war. Es war jene Zeit, in der man mir nachsagte, mindestens einmal pro Wochenende auf der Nase zu liegen. Natürlich machte mir auch die Umstellung vom kleinen Zwei- auf den großen Viertakter zu schaffen, aber im Prinzip sind das doch alles bloß Motorräder. Das redete ich mir ein, als ich in Frankreich ins Rennen ging. Es funktionierte: erster Moto2-Sieg und der Beweis, dass ich auch in der nächsthöheren Liga gewinnen kann.

„Wenn der Druck abfällt und die Emotionen durchbrechen, dann ist das das Schönste auf der Welt.“
Marc Márquez

7 Valencia 2012: Wut im Bauch

Moto2, das ist die Klasse mit dem größten Starterfeld und den geringsten Unterschieden im Material. Im freien Training war ich mit einem Konkurrenten auf der Strecke zu intim geworden, jedenfalls interpretierte das die Rennleitung als „gefährliches Fahren“ und versetzte mich strafweise auf den letzten Platz. Zwar stand ich bereits seit dem Rennen davor als Weltmeister fest, aber vor heimischem Publikum wollte ich mich mit nicht weniger als einem Sieg zufriedengeben. Mein Puls lag schon beim Start bei 145 Schlägen pro Minute. Als ich dann begann, durchs Feld zu fräsen, links, rechts, oben und unten an den Gegnern vorbei, stieg er auf über 200. Es war wirklich wild, aber ich fand immer einen Weg vorbei an meinen Gegnern. In der vorletzten Runde überholte ich den zweiunddreißigsten Gegner. Dann war keiner mehr vor mir –  bloß noch die Zielflagge.

Marc Márquez küsst die Kamera

© Getty Images

8 Donington 2008: Als Kind am Podest

Emotional ein unglaublich wichtiges Rennen für mich. Ich war 15 Jahre alt und fuhr meine erste WM-Saison. Ein Wochenende war schlimmer als das nächste: Platz 18, Platz 12, Ausfall, Platz 19, Platz 10. Ich war körperlich noch ein Kind, und manche meiner Gegner überragten mich um zwei Köpfe. Doch im Mittelenglischen Donington schaffte ich es erstmals, in der Führungsgruppe zu bleiben. Local Hero Scott Redding war unantastbar, und auch das Duell um Platz 2 gegen Mike Di Meglio verlor ich um wenige Zehntel, aber mein erstes Podest in der WM zeigte mir: Ja, ich gehöre hierher.

9 Australien 2012: Weltmeister, die zweite

Es war das vorletzte von 17 Saison-Rennen, und ich hatte alle Chancen, meinen Moto2-WM-Titel bereits hier zu fixieren. Zwölfmal war ich in der Saison schon auf dem Podest gestanden, öfter als je ein Fahrer vor mir. Acht Rennen hatte ich gewonnen. Und trotzdem sind das besondere Momente, wenn du in ein Flugzeug steigst, ans andere Ende der Welt fliegst und weißt, dass du an diesem Wochenende jenen Traum erfüllen kannst, der dir im Jahr zuvor wegen einer Verletzung versagt geblieben ist. Wenn du es dann schaffst, der Druck abfällt und die Emotionen bei deinem Team und dir durchbrechen – das ist das beste Gefühl, das es gibt.

Last but not least: Katar 2013

Es war mein erstes ­Rennen in der Königsklasse, das erste mit Repsol Honda, meinem neuen Team. Ich war der erste Fahrer, der aus der Moto2-Klasse direkt in ein echtes Werksteam hatte aufsteigen dürfen, und dieses Vertrauen wollte ich natürlich rechtfertigen. Dass es auf Anhieb so gut laufen würde, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt: Nach einem guten Fight mit Valentino Rossi, dem Helden meiner Jugend, in den letzten Runden beendete ich mein allererstes Rennen in der MotoGP auf dem Podest. Wahnsinn!

Klicken zum Weiterlesen
08 2016 The Red Bulletin

Nächste Story