Marcel Reif Fußball Kolumne

Marcel Reif über die besten Bayern aller Zeiten

Illustration: Blagovesta Bakardjieva

Wer in der Bundesliga das Rennen machen wird und wieso Dortmund eine Sozialstation ist, erzählt dir Marcel Reif in seiner Kolumne. Eine Informationsoase für Fußball-Fans.  

Unbedarfte Zeitgenossen, die mich offenbar langweilen wollen, stellen mir die provozierende Frage: Wer wird deutscher Meister?

Fangen wir mal beim einzigen Herausforderer an. Borussia Dortmund ist zu einer Sozialstation für gestrauchelte Jung­stars geworden und will die tief gefallenen ­Mario Götze und André Schürrle im ­emotional aufgeladenen Ruhrpott wieder aufrichten, aufbauen oder am besten gleich neu erfinden. Das traut sich Trainer ­Thomas Tuchel zu, und ich traue es ihm auch zu.

Geduld werden die verirrten Golden Boys von Maracanã jedoch nicht erwarten können, jetzt müssen sie liefern. Beim von Pep Guardiola gnadenlos ausgespuckten Götze kommt noch dazu, dass er einige Hürden wird überspringen müssen, weil sich viele Dortmunder Fans noch immer verraten fühlen.

Eines hat Tuchel bereits hinbekommen: Alleskönner Götze lacht wieder. Der mit überbordendem Talent gesegnete Mario ist drei Jahre lang in München mit einem Gesicht herumgelaufen, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Und war das bei Götze nicht auch Kummerspeck? Tuchel jedenfalls steht auf No Carb, der Weltmeister könnte bald vielleicht etwas drahtiger erscheinen. Schürrle? Er muss in Dortmund erst das beweisen, was Tuchel seit Mainzer Tagen in ihm sieht. Der junge Weltmeister ist seither mit seinen doch ­etwas eindimensionalen Fähigkeiten anscheinend überall unter der Latte durchgesprungen.

André Schürrle on Twitter

Back at training #Bvb

Thomas Tuchel ist einer von denen, die selbst nie großen Fußball gespielt haben und mit Laptop und akademischer Ausbildung den Job des Fußball-Lehrers neu ­angehen. In der Vorsaison ist er nach elf Pflichtspielsiegen en suite auf einer wie selbstverständlichen Welle der Lockerheit gesurft. „Ja, geht“, meinte er entwaffnend, als ich ihn nach einem Sieg im Kabinengang des Signal Iduna Parks ­fragte, ob er denn jetzt sogar schon über Wasser laufen könne.

Ich beobachte den Epigonen Guardiolas schon lange – er ist bereit, ein richtig großer Trainer zu werden. Seinem Vorbild ist Tuchel schon einen Schritt voraus, weil er bei aller Detailverliebtheit erkannt hat, dass Pep im zwischenmenschlichen Bereich in München durchaus Fehler unterlaufen sind. Mit Hummels, Mchitarjan und Gündoğan ist dem BVB aber das Rückgrat abhandengekommen. Die Chefs im Maschinenraum sind zu Vereinen geflüchtet, bei denen Titelsammeln als leichtere Übung erscheint. Ersetzt wurden sie durch hochbegabte Junge aus dem internationalen Delikatessenladen des Fußballs – wenn dieses riskante Experiment von Beginn an funktioniert, wäre ich doch einigermaßen überrascht. Eine ­gesunde Hierarchie bildet sich nicht auf Knopfdruck, die deutsche Do-or-die-Mentalität muss von den Stars in spe erst inhaliert werden.

Die Champions League ist für den BVB Pflicht, daran führt kein Weg vorbei. Sollte Tuchel den Neubeginn jedoch grandios meistern, ist seine Beförderung fix: Er wird dann spätestens 2019 Nachfolger von Carlo Ancelotti beim FC Bayern.

„Was sie unter Guardiola gelernt haben, werden sie unter Ancelotti mit Spaß umsetzen – die größtmögliche Drohung an die Konkurrenz.“

Am Weißwurst-Äquator werden wir die besten Bayern aller Zeiten sehen. Was sie drei Jahre lang im Intensivkurs unter Guardiola gepaukt und gelernt haben, werden sie unter Ancelotti auch noch mit Spaß umsetzen – die größtmögliche Drohung an die Konkurrenz. Wenn die beste Mannschaft der Welt befreit aufatmet und ihre Qualität mit Lust und Freude abruft, dann wird es auch für die Krösusse aus Manchester und Madrid brutal schwer.

Noch dazu haben sich die Bayern ja nicht im Ramschladen verstärkt. Hummels vollendet die Abwehr mit Neuer, Lahm, Boateng und Alaba zu einem weltweit unvergleichlichen Bollwerk, mit ­Europameister Renato Sanches wird der sanfte Generationenwechsel fortgeführt, der mit Douglas Costa und Kingsley ­Coman bereits eingeläutet wurde. Nur das Allerbeste ist gerade noch gut genug. Manchester City und andere pfundige Moneymaker aus England brauchen beim FC Bayern mittlerweile gar nicht erst anzuklopfen – die verkaufen nur, wenn sie wollen, und nicht, weil sie müssen. Da stört es auch schon gar keinen mehr, dass sich Robben wieder einmal schwer verletzt hat.

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Carlo Ancelotti ist praktisch der ­Gegenentwurf zum wahnhaft ­detailbesessenen Guardiola. Er ist nicht nur ein großer Trainer, sondern auch ein besonderer Mensch und pflegt einen Umgang, den gerade Weltstars schätzen. Der nette Mister Ancelotti sollte aber nicht als kumpelhafter Gute-Laune-Onkel unterschätzt werden: Der Mann aus der Emilia-Romagna war der gelehrigste Schüler des einzigartigen Arrigo Sacchi, der beim AC Milan mit chirurgischer Präzision Taktik und Systeme revolutioniert hat. Ancelottis Spielphilosophie richtet sich nach dem vorhandenen Profikader, er nimmt sich nicht wichtiger als die Mannschaft. Sein erstes Dogma ist Erfolg, und der ist für ihn untrennbar mit gegenseitigem Respekt verbunden. Wer sich an hitzigen Nobeladressen wie Madrid, Mailand, Paris und London bewährt hat, dem ist auch zuzutrauen, die Münchner Gemengelage in den Griff zu bekommen.

© Youtube // FC Bayern München

Ancelotti ist zu clever und zu smart, um Guardiolas größten Fehler zu wiederholen: Der Katalane hat in seiner Münchner Zeit keinem Spieler je die Hand gegeben und damit eine Art Distanz gewahrt, die ich bei jungen Menschen für völlig verkehrt halte.

Genauso haben sich die Bayern auch auf dem Platz präsentiert: unwahrscheinlich erfolgreich zwar, aber kalt, unnahbar, wie bei einem Videospiel. Pep hat sie auf ein beispielloses Niveau gebracht – die Herzen hat er nie erreicht. Mit seiner empathielosen Einstellung – wer nicht mitzieht, den brauche ich nicht – hat Guardiola auch einiges Porzellan im sensiblen Mikrokosmos FC Bayern zerdeppert. Guardiola wollte in München nie wirklich ankommen, sondern befand sich auf einer schon zuvor geplanten Durchreise. In Barcelona wurde er am Ende gnadenlos vom Hof gejagt, das hinterließ tiefe Narben. Dann hat sich auch noch Lieblingssohn Messi von ihm losgesagt, indem er immer Rijkaard und andere, aber eben nicht Guardiola als größten Förderer bezeichnete. Seit damals betrachtet Pep Trainerjobs nur noch als Projektarbeiten und wird sich nie wieder einem Klub derart ausliefern wie in Barcelona.

Es gibt also manches zu reparieren bei den Bayern, und das wird einer machen müssen, der trotz zwischenzeitlicher Absenz als Herz der Bayern gilt: Uli Hoeneß. Zwei Tage vor der Bekanntgabe seines Comebacks als Präsident mussten die Münchner harsche Kritik einstecken. Zu viel neumodischer Zirkus und zu wenig Fannähe, empörten sich die Anhänger, als die Mannschaft von zwei YouTubern auf Englisch präsentiert worden war. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat sich sehr auf die Globalisierung des Vereins konzentriert; während der PR-Tour des FC Bayern München durch die USA durfte er sogar den Start eines Börsentages an der Wall Street mit der ­legendären Glocke einläuten.

Marcel Reif

Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor: Der Fußballspezialist hat dank seiner Leidenschaft und Präzision eine Fangemeinde – obwohl seine scharfen Analysen das Publikum immer wieder spalteten. Reif, Jahrgang 1949, ist verheiratet und lebt nahe Zürich.

Wie sich die Heimkehr von Uli Hoeneß auf das FCB-Innenleben auswirkt, ist für mich die spannendste Frage. Hoeneß hat mit seinem geschickten Spagat zwischen Champagner und Lederhose eine eigene Identität geschaffen, die während des ­Interregnums ein Stück weit verlorengegangen ist. Natürlich waren die Bayern auch unter Hoeneß ein prosperierendes Wirtschaftsunternehmen mit ausuferndem Festgeldkonto. Das „Menscheln“ und die bajuwarische Lederhosen-Note ist zuletzt doch sehr global-kühlem Business-Denken gewichen.

Hoeneß wird das wieder in die andere Richtung drehen wollen, und dem Klub wird die Balance zwischen ­profitabler Cashcow und bayerischem Verein gut tun. Die letzten und nicht unbedeutenden Personalentscheidungen mit den Abgängen von Müller-Wohlfahrt, Sammer und Mediendirektor Hörwick suggerieren, dass im Hintergrund Kleinkrieg herrscht, und man weiß nicht, ob der einer einzigen Linie folgt.

© Youtube // FC Bayern München

Ist das jahrzehntelange Band zwischen Rummenigge und Hoeneß mit ihrem sehr unterschiedlichen Charakter stark genug, oder bahnt sich da ein Machtkampf unter den Alphatieren an? Der sich zunehmend emanzipierende Rummenigge hat zwar intern ein enormes Standing, aber die Kritik, es sei kühler geworden, wird lauter. Dass Guardiola, der mit seinem spanischen Projektteam aufgetreten ist wie ein Torero in der Stierkampfarena, als Rummenigge-Trainer gegolten hat, ist kein Zufall.

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10 2016 The Red Bulletin

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