Marcel Reif Kolumne

Marcel Reifs Rundumschlag: Über zu viele Experimente und den Reiz des Fußballs

Text: Marcel Reif
Illustration: blagovesta bakardjieva

Kommentatorenlegende Marcel Reif verurteilt in seiner exklusiven Kolumne den Reform-Wahn der FIFA und hofft, dass der Fußball so einfach bleibt, wie er ist.
Marcel Reif

Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor: Der Fußballspezialist hat dank seiner Leidenschaft und Präzision eine Fangemeinde – und doch spalten seine scharfen Analysen bisweilen das Publikum.

Marco van Basten war ein großartiger Fußballer, und sein legendärer Volley im Finale der Europameisterschaft 1988 hat sich einen Platz in der Hall of Fame verdient. Was er aber jetzt in seiner neuen Eigenschaft als FIFA-Direktor für technische Entwicklung im Auftrag von Präsident Gianni Infantino von sich gegeben hat, beleidigt meine Intelligenz.

Shootout bei Unentschieden, automatischer Platzverweis nach fünf Fouls, vier Viertel statt zwei Halbzeiten, Nettospielzeit und als Krone der Reformideen die Abschaffung der Abseitsregel – da kann man nur noch fassungslos den Kopf schütteln. Warum sich van Basten urplötzlich als willfähriger Handlanger Infantinos derart ins Rampenlicht spielt, muss hinterfragt werden: Immerhin zählte van Basten vor Infantinos Wahl zum Präsidenten zu dessen größten Skeptikern, und der Niederländische Fußballbund verweigerte dem Schweizer die Zustimmung.

Ich will ihm nichts unterstellen, aber man darf vermuten, dass da ein lästiger Gegner mit einem lukrativen Job bei der FIFA kaltgestellt wurde und dieser jetzt eifrigst die krausen Ideen seines Meisters vom Zürcher Sonnenberg hinausposaunt. Und es schreit doch danach, dass hier von der FIFA Nebelwände hochgezogen wurden, um vom zumindest in Europa heftigst kritisierten neuen WM-Modus mit 48 Teilnehmern geschickt abzulenken.

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Ein Experiment des Magazins „11 Freunde“ verdeutlicht den ganzen Schwachsinn eines abseitslosen Spiels: 18 Mann im Strafraum, die aufeinander losgingen, ein heilloses Gebolze, Kick and Rush wie bei einem rustikalen Showdown zweier Pub-Teams im schottischen Hochland.

„Ohne Abseits würden Abrissbirnen und Kopfballungeheuer wie Robert Huth oder Dieter Hoeneß im Dutzend auftreten und mit Gold aufgewogen werden. Das kann niemand ernsthaft wollen.“
Marcel Reif, Feingeist

Das mögen manche vielleicht spektakulär finden, aber damit würde man die DNA des Fußballs zutiefst verändern. Im Mittelfeld, dem Maschinenraum des modernen Spiels, klaffte ein riesiges Loch. Arsenals Arsène Wenger hat recht, wenn er meint, dass dadurch der Fußball jeglicher taktischen Raffinesse und Intelligenz beraubt würde.

Schon die letzte, behutsame Lockerung der Abseitsregel hatte gewaltige Auswirkungen auf das Spiel – es war die Geburtsstunde technisch herausragender, kleiner, wendiger Mittelfeldspieler à la Iniesta oder Xavi, die den neu gewonnenen Raum nutzten und Pep Guardiola zum totalen Ballbesitzfußball inspirierten.

Ohne Abseits würden Abrissbirnen und Kopfballungeheuer wie Robert Huth oder Dieter Hoeneß im Dutzend auftreten und mit Gold aufgewogen werden. Das kann niemand ernsthaft wollen.

Shootout ist Schwachsinn

Auch Shootout und Nettospielzeit halte ich für Schnapsideen. Wir bräuchten noch mehr Offizielle zur Überwachung, dabei können die Schiedsrichter doch auch jetzt einiges unterbinden. Shootouts haben sich schon in der Major League Soccer nicht sonderlich bewährt, und nicht alles, was aus den USA kommt, sollte gedankenlos übernommen werden.

Einzig gut fände ich dagegen eine Zeitstrafe anstelle einer Gelben Karte: Eine Mannschaft würde sofort für eine Regelwidrigkeit bestraft werden und nicht erst Wochen später, wenn akkumulierte Verwarnungen zu einer Sperre führen.

Shootouts haben sich schon in der MLS nicht bewährt

© YouTube // Crazyvoetbal.nl

Keep it simple

Unser Fußball ist deshalb so attraktiv, weil er ganz einfach ist. Wenn etwas funktioniert, warum muss ich dann krampfhaft versuchen, wesentliche Regeln zu ändern? Ist es wirklich zielführend, über größere Plätze, breitere Tore oder Mannschaften mit nur noch neun Spielern nachzudenken, um das immer schneller und intensiver werdende Spiel zu reglementieren?

1970 spulten Spitzenspieler rund sechs Kilometer in 90 Minuten ab – ein Wert, bei dem heutige Profis wegen Arbeitsverweigerung suspendiert würden. Aber besteht nicht der Reiz des Fußballs auch darin, dass sich Trainer und Spieler immer wieder neue Lösungen und taktische Varianten für veränderte Rahmenbedingungen einfallen lassen?

Keep it simple war und ist seit vielen Jahren das Motto der Gralshüter des Regelwerks auf den britischen Inseln. Nur die FIFA gebärdet sich wie ein Elefant im Porzellanladen und stellt sogar Donald Trumps erste Amtstage in den Schatten.

Völlig aufgebläht

Auch van Bastens Vorschlag, man könnte doch das Wechselkontingent ausweiten, hätte tiefgreifende Konsequenzen. Der Flow eines Matchs kann dadurch noch bewusster zerstört werden, und die Kader der Klubs wären noch aufgeblähter.

Die Begrenzung auf 60 Spiele pro Saison für jeden Profi hört sich zwar auf dem Papier gut an, wird aber durch die maßlosen Intentionen der FIFA (vier Wochen Klub-WM, Nations League, WM‑Aufstockung) konterkariert. Was im Rahmen der FIFA-Bewerbe geschieht, ist also okay – die Pläne der Big Player aus England, Spanien oder Deutschland, ihre globale Präsenz zu versilbern, seien hingegen Raubbau am mehr und mehr überforderten Personal. Eine Logik, der ich nicht ganz folgen kann.

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„Für Marco van Basten und Gianni Infantino habe ich einen Denkanstoß parat: Niemand ist größer als das Spiel.“

Trotzdem freue ich mich, hoffnungsloser Romantiker der ich bin, auf die neue Saison, die erst jetzt so richtig losgeht. Auf die Alles-oder-nichts-Spiele in der Champions League, an der ebenfalls ewig rumgefummelt worden ist, wo die besten Teams sich aber in schöner Regelmäßigkeit für die entscheidende Phase qualifizieren.

Legendäre K.o.-Spiele der Champions League

In der K.o.-Phase der UEFA Champions League wurden schon viele Fußball-Märchen geschrieben. Fünf legendäre Matches aus der Königsklasse, die man nie vergessen wird.

Obwohl ich zugeben muss, dass die Großen Europas zuletzt kräftig schwächelten: Die kürzlich noch so dominanten Bayern haben gnadenlose Effizienz und Minimalismus wiederentdeckt, und auch Real Madrid und Barcelona holpern – auf immer noch hohem Niveau – durch die Liga. Ich halte aber die Herren Carlo Ancelotti, Zinédine Zidane und Luis Enrique und ihr Personal für intelligent genug, um zu dosieren und wie oft erst ab März ihre wahren Qualitäten offenzulegen.

Und für Marco van Basten und Gianni Infantino habe ich einen Denkanstoß parat: Niemand ist größer als das Spiel.

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04 2017 The Red Bulletin

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