Michael Oenning, Trainer von Vasas Budapest

Michael Oenning und das Wunder von Vasas FC

Text: Raphael Honigstein
Foto: Michael Oenning/Wikimedia Commons

Über vier Jahre war Michael Oenning nach seinem Rauswurf beim HSV ohne Trainerjob. Nun sorgt er mit Vasas FC für Furore. Fußball-Experte Raphael Honigstein über das „ungarische Leicester City“ und die Architekten des Erfolgs.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Michael Oenning hatte, wie er selbst sagt, “im Grunde nichts zu verlieren”, als im vergangenen Dezember der Anruf aus Ungarn kam. Mehr als vier Jahre waren seit seiner Entlassung als Coach in Hamburg im Herbst 2011 vergangen - eine verdammt lange Zeit ohne Job in leitender Funktion für einen Mann, der bis zu seinem unglücklichen Intermezzo bei der Trainerverschleiß-Maschine HSV als großes Talent gegolten hatte.

”Es gab immer mal wieder Angebote, aber nichts das mir zusagte”, erzählt der 51-Jährige. Er spielte bereits mit dem Gedanken, sich zukünftig auf andere Projekte - ein Buch, Nachwuchsförderung für Spätentwickler - abseits des Profifußballs zu konzentrieren. 

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Doch dann meldete sich kurz vor Jahreswechsel der ungarische Geschäftsmann Janos Jambor, ein Bekannter aus Oennings Zeit beim 1. FC Nürnberg. Jambor brauchte als Besitzer von Vasas FC jemanden, der den Traditionsklub nach einer desaströsen Hinrunde (Platz elf in einer Liga mit zwölf Mannschaften) vor dem Abstieg bewahrte. Oenning, der zuvor noch nicht im Ausland gecoacht hatte, brauchte nicht lange, um die heikle Mission anzunehmen. “Ich fuhr an Silvester nach Budapest, sah mir die Sache an, und fing am nächsten Tag an. Elf Monate später kann ich sagen, dass ich diesen Schritt noch keinen Tag bereut habe.”

Ein kurzer Blick auf die Spielweise des Vasas FC: Das letzte Liga-Derby gegen Honvedkurioses Tor (im Video bei 4:50 Minuten) inklusive

© YouTube // Magyar Labdarúgó Szövetség

Jambor wird das genauso sehen, denn der deutsche Übungsleiter hat im 13. Bezirk der Hauptstadt binnen eines Jahres nicht weniger als ein kleines Fußballwunder vollbracht: Oenning hielt mit Vasas mit vier Siegen und vier Unentschieden in vierzehn Spielen die Klasse und führte die überwiegend junge Mannschaft mit einem höchst-variablen 3-4-3-System in der laufenden Spielzeit gar sensationell an die Spitze der Nemzeti Bajnoksag, der höchsten ungarischen Fußballliga. 

„Auf die Art von Fußball, die wir spielen, gibt es in Ungarn momentan keine Antwort“
Michael Oenning, Erfolgscoach

Mit einem 1:1 gegen Verfolger Videoton FC verteidigte das Team letzten Samstag im Rudolf-Illovszky-Stadion vor gut 5000 Zuschauern seinen Vier-Punkte-Vorsprung. “Wenn wir die nächsten, drei vier Spiele gut überstehen, muss man mal schauen, wo die Reise hingeht”, sagt Oenning. Die Aufregung beim Arbeiterklub auf der Pest-Seite der Hauptstadt ist jedenfalls groß. Vasas war zuletzt 1977 Meister und in den vergangenen 30 Jahren meist nur eine Randerscheinung, umso berauschter sind die Anhänger vom unerwarteten Höhenflug.

Oenning: “Die Menschen sind glücklich. Es gibt eine große Nostalgiewelle, das hat auch mit den Olympischen Spielen in Rio zu tun. Vasas ist ein Gesamtsportverein, der fünf der acht ungarischen Gold-Medaillengewinner stellte. Die Leute sind hier stark mit dem Vasas verwachsen und unheimlich stolz. Wir haben hier starke Fechter, Boxer, Schwimmer und Volleyball-Spielerinnen, vor jedem Heimspiel wurde ein anderer Gold-Medaillen-Sieger geehrt. Dieser goldene August hat viel Euphorie ausgelöst.” Die Begeisterung erinnere ihn an den Ruhrpott, sagt der gebürtige Münsteraner, er habe in Budapest die „Freude am ehrlichen Fußball“ wieder gefunden: “Meine junge Mannschaft ist unheimlich bemüht, sie will arbeiten und lernen, und nach zwei Stunden Training nicht aufhören.”

Die Geschichte dieser bezaubernden “Renaissance” (Oenning) steuert mit ein bisschen Glück auf ein großes Happy-End zu, der Traum vom “ungarischen Leicester City” macht bereits die Runde.

“Auf die Art von Fußball, die wir spielen, gibt es in Ungarn momentan keine Antwort”, sagt Oenning mit dem Stolz eines Übungsleiters, der als Feuerwehrmann an die Donau kam und dort zum fußballerischen Brandbeschleuniger avancierte. “Hier wurde etwas angezündet, das ich nicht löschen möchte.”

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10 2016 The Red Bulletin

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