NHL-Star Michael Grabner: So findest du deine Stärken

NHL-Profi Michael Grabner: Mehr als Speed

Text: Werner Jessner
Fotos: Emiliano Granado

Die außergewöhnlich wechselvolle Karriere des Michael Grabner im schnellsten Mannschaftssport der Welt und wie er sich in einer Umgebung behauptet, in der Hunderte auf seinen Job lauern.

Das Regime in der nordamerikanischen Eis­hockey-Profiliga NHL ist beinhart. Auf dem Eis ­sowieso, aber auch abseits davon. Junge Spieler werden für den sogenannten Draft gereiht und von den 30 Teams reihum gewählt. Die Rechte am jeweiligen Spieler liegen danach beim Verein.

Wer einen Vertrag unterschreibt, kann zwar gutes Geld verdienen, gibt aber seine Rechte an den Club ab, der ihn nach Gutdünken verkaufen kann, ohne Mitspracherecht des Spielers – ein Sklavenmarkt mit Schmerzensgeld.

Der Villacher Michael Grabner war mit siebzehn nach Übersee gegangen, um seinen Traum zu verwirklichen: Er wollte es in der NHL schaffen. Der Einstieg gelang tatsächlich, Grabner galt als Supertalent. Doch nach einem guten Start geriet er in die Mühlen des Systems und wurde immer wieder quer über den Kontinent verschachert. Wieder und wieder musste er neue Rollen lernen, um sich Eis-Minuten zu ­verdienen. In seiner achten NHL-Saison, beim fünften Verein, fallen die Puzzlesteine endlich an ihren Platz. Grabner war heuer beständig unter den zehn besten Torschützen der Liga, führte sein Team an und hat erstmals die realistische Chance, um den größten Pokal zu kämpfen, den es im US-Sport gibt: den Stanley Cup.

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THE RED BULLETIN: Du wurdest 2006 in der ersten Runde als Nummer 14 deines Jahrgangs gedraftet, mit 18 Jahren. Da steht man unter Genie-Verdacht, oder?

MICHAEL GRABNER: Moment! Damals wurde ich besser gesehen, als ich tatsächlich war. Zwischen Jänner und April hatte ich eine überdurchschnittlich starke Zeit. So wurde ich statt wie erwartet in der zweiten oder dritten Runde bereits in der ersten genommen.

Was haben Teams damals in dir gesehen?

Geschwindigkeit, Torriecher, Offensive. Von mir hat man Tore erwartet.

Hast du deine Bewertungen gelesen?

Erst später. Ich war drittbester Europäer, aber mit achtzehn realisierst du nicht, was das bedeutet. Die Amis tun sich da leichter: Die sind Rankings von Jugend an gewohnt.

Sind Beurteilungen nach Zahlen gerecht? Verbale Bewertungen wie in normalen Jobs wären doch viel aussagekräftiger. Was ist schon der Unterschied zwischen – sagen wir – dem 67.- und dem 68.-gereihten Spieler?

Du wirst mehr als ein Jahr lang beobachtet und bewertet. Die Summe von zehn Scout-Meinungen oder mehr pro Team ergibt dann deinen jeweiligen Wert. Insofern hat das schon seine Aussagekraft. Zusätzlich werden detailliert deine Stärken und Schwächen erhoben. Ein Team kann so passgenau seinen Junior suchen, der vielleicht bei anderen Teams weiter hinten gereiht wäre, aber präzise die aktuellen Bedürfnisse erfüllt.

Weiß man vorher, wohin man kommt?

Du hast im Vorfeld Interviews mit jenen Teams, die besonders an dir interessiert sind. Mein Bauchgefühl damals hat gesagt: New York Rangers. Da hatten mich aber schon die Vancouver ­Canucks gewählt – ein paar Plätze früher als gedacht.

Wie fühlt es sich an, wenn dann dein Name gerufen wird?

Du bist völlig erschlagen. Du weißt, dass du einen riesigen Schritt gemacht hast, um deinen Traum zu leben. Es ist wie das erste Mal Sex.

Von Team zu Team

Michael Grabner machte 20 Spiele für „seinen“ Verein Vancouver Canucks, schoss immerhin fünf Tore und wurde danach an die ­Florida Panthers abgegeben, ohne dort auch nur die Chance auf ein einziges Match zu bekommen. Denn auch die Panthers warfen ihn nach nur einem Monat auf den Markt. Die New York Islanders griffen zu. Drei Teams, drei Städte, zwei Länder, also drei Leben in ­einem halben Jahr: So ist das Dasein eines Eishockey-Profis. Wer da sentimental wird, hat schon verloren.

Dass du zu Beginn keine faire Chance bekommen hast: Hat dich das gebremst?

Der Adrenalinschub, den du in deinen ersten NHL-Spielen hast, ist gewaltig. Nach ein paar Partien lässt er nach, und viele ­schaffen es dann nicht, sich langfristig zu etablieren. Das ist die Kunst: gut zu sein ohne Adrenalin. Erst wenn du akzeptiert hast, dass das dein Job ist, siehst du, wie gut du wirklich bist.

Ein wenig so wie in der Liebe: Wenn der erste Rausch ­ver­flogen ist, siehst du, ob es passt?

Genau. Oder wie in einem neuen Job. Am Anfang fliegst du, aber dann wirst du Tag für Tag an deiner Arbeit gemessen.

Offenbar ändern sich auch die Kriterien. Du wurdest in allen möglichen Funktionen eingesetzt. Wie kommt man damit zurecht?

Keiner lebt für sich allein. Nicht im Job und schon gar nicht in ­einer Mannschaft. Bei den Islanders wollten sie, dass ich Unterzahl spiele. Also habe ich mich ganz darauf konzentriert und versucht, darin so gut wie möglich zu werden. Natürlich ist Tore schießen geil, aber das war in meiner Position nicht gefragt, zumindest nicht vordergründig.

1,85 Meter purer Muskeln: Grabner ist, wie er selbst sagt, „ein Trainierer“.

Du machst, was man dir sagt? So wie ein Soldat?

Meinetwegen.

Ist das nicht furchtbar hart, seinen Stolz runterzuschlucken? Wie ein Ingenieur, dem der Besen in die Hand gedrückt wird und der die Werkstatt auskehren soll?

Du willst, solang es geht, in der Liga bleiben. Hunderte Spieler wollen deinen Job. Eine durchschnittliche Karriere in der NHL dauert zweieinhalb Jahre. Ich spiele meine achte Saison. Das geht nur, weil ich bereit war, zu tun, was man mir sagt. 

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Speedster

Grabners größte Stärke war seine Geschwindigkeit. Beim All-Star-Game wurde er als schnellster Spieler der Liga gemessen. Der Ruf des „Speedsters“ half ihm, sich zu behaupten, als er kaum Tore schoss. Selbst in heutigen Spielzusammenfassungen sieht man ihn meist allein in vollem Tempo aufs gegnerische Tor ziehen. Dabei vergisst man die Arbeit, die er sonst macht: dem gegnerischen Tormann die Sicht nehmen, zurücklaufen, verteidigen, Pucks in Ecken holen – ungeliebte, unbedankte Arbeit, die nichts mit dem zu tun hat, was Grabner am besten kann und wofür er eigentlich bezahlt wird. Er musste seine Stärken hintanstellen, um erfolgreich zu werden.

Hattest du keine Sorge, dein Alleinstellungsmerkmal zu ­verlieren, indem du Drecksarbeit verrichtest?

Wichtig ist, dass meine Coaches wissen, dass ich vielseitig bin. Und die Gegner wissen, dass sie mir keinen Platz lassen dürfen, weil ich schnell bin – was ihre Aufmerksamkeit bindet und meinen Kollegen Chancen eröffnet. Wenn andere sich vor deinen Stärken fürchten, macht das das Team besser.

Dein Sohn Aidan ist jetzt sechs Jahre alt. Wenn er in ein paar Jahren in Englisch sehr gut ist und in Mathematik schlecht …

… Moment, in Mathe ist er super, da gerät er nach mir.

Happy thanksgiving to everyone..hope you guys have a good day with family and friends #turkeyday #bonappetit

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„Die Herausforderung ist, im Kopf frisch und hungrig zu bleiben. Wenn du das schaffst, hast du viel erreicht.“
Michael Grabner

Okay, dann umgekehrt. Was ich meine: Stärken fördern oder an den Schwächen arbeiten?

Du musst weniger investieren, um deine Schokoladenseiten zu stärken. Das gibt dir Zeit, an den Schwächen zu arbeiten und ­insgesamt ein neues Niveau zu erreichen. Verlass dich auf deine Stärken und bessere Schwächen aus, dann wirst du komplett. Ich war einst ein reiner ­Offensivmann, heute kann ich dem Team auch in der Defensive helfen. Ich bin kein One-Trick-Pony mehr. Spezialisten sterben aus.

Ist Eishockey eigentlich körperlich oder geistig anstrengender?

Definitiv geistig. Der Körper hält einiges aus. Ich habe mit 75 Kilo gespielt und mich auf 93 hochtrainiert, je nachdem, was gefragt war. Dass du dich mit einem gebrochenen Finger oder Fußknochen zum Dienst meldest, ist ­normal. Da redet keiner drüber. Die wahre Herausforderung ist, im Kopf frisch und hungrig zu bleiben und jedes Mal hundert Prozent zu geben, ganz egal, was rundum passiert und wie es dir geht. Wenn du das schaffst, hast du viel erreicht.

Schauplatz ist das Trainingszentrum der New York Rangers, eine Stunde außerhalb des „Big Apple“.

Langer Atem

Nach fünf Saisonen bei den New York Islanders (und zwei Leistenverletzungen) wurde Michael Grabner zu den Toronto Maple Leafs getradet, dem ­damals schlechtesten Team der Liga. Der zweifache Familienvater – Tochter Olivia war 2015 dazugekommen – packte seine Sachen und sah den erzwungenen Aufbruch als Chance: Er wollte wieder Selbstvertrauen aufbauen, beim Nachzügler einen Reset probieren. Im Lauf der Saison arbeitete er sich die Hackordnung nach oben. Zu Saisonende hatte er die Chance, sich den Club selbst auszusuchen: Erstmals in seiner Karriere war er vertraglich ungebunden. Grabner entschied sich für die legendären New York Rangers, weil er hier seine sportlichen Chancen am höchsten einschätzte. Dafür nahm er finanzielle Einbußen in Kauf. 1,65 Millionen Dollar pro Jahr – das ist ungefähr ein Drittel dessen, was andere Stürmer verdienen, die so viele Tore schießen wie er in dieser Saison. Aber das war so nicht absehbar gewesen. Die Rangers hatten Grabner in seiner Rolle als defensiv ­orientierter Unterzahlspieler geholt – und obendrein eine Tormaschine bekommen.

Warum funktioniert es plötzlich?

Tore kannst du nicht erzwingen. Sie passieren. Da ist kein Unterschied zu Hobbyspielern: einfach nicht verkrampfen, sondern weitermachen. Trainieren, an dich glauben, spielen. Dann klappt es, und du weiß nicht, warum.

So wie Kreative manchmal die Wand anstarren und nichts passiert, während Ideen an anderen Tagen kinderleicht kommen?

Wahrscheinlich. Es muss dich finden.

Gemessen an deiner Leistung, bist du ­unterbezahlt. Stört dich das?

Ich wollte endlich in die Playoffs kommen und eine Chance auf den Stanley Cup haben und nicht schon im April nach Hause nach Villach fliegen. Geld war da zweitrangig. Sollten wir tatsächlich den Cup gewinnen, steigt auch mein Wert von selbst.

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05 2017 The Red Bulletin

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