Niki Lauda im 60.000-Euro-Interview

Dieses Interview mit Niki Lauda ist 60.000 Euro wert

Text: Stefan Wagner
Foto: Oliver Jiszda

Diese Summe zahlt man Niki Lauda normalerweise für einen gut einstündigen Vortrag. The Red Bulletin gegenüber plaudert die Formel-1-Legende kostenfrei aus dem Nähkästchen und verrät alles.
  • warum es Blödsinn ist, dass man reich werden möchte
  • worauf es in der Formel 1 wirklich ankommt
  • worauf es in der Welt außerhalb der Formel 1 ankommt
  • was er tut, wenn ihn Gerhard Berger überholt
  • welchen Rat Marcel Hirscher und Dominic Thiem befolgen sollten

THE RED BULLETIN: Herr Lauda, ich kann Sie um 60.000 Euro für einen Vortrag buchen. Was erzählen Sie mir da, das 60.000 Euro wert ist?

NIKI LAUDA: Achtung, das ist noch der Preis vom Vorjahr.

Sie sind raufgegangen?

Klar. Vorträge sind ja nicht mein Hauptarbeitsfeld. Ich mach das ungefähr viermal im Jahr, öfter ginge gar nicht, Anfragen hab ich ein Vielfaches, und es werden ­immer mehr. Mir ist lieber, es hat sich ­einer ernsthaft überlegt, er will den Lauda, weil der Lauda das Geld wert ist. Und bei 60.000 kann ich davon ausgehen: Er hat es sich überlegt.

Angenommen, ich hab’s mir ernsthaft überlegt: Wie bereiten Sie sich auf den Auftritt bei mir vor? 

Gar nicht. Aber absichtlich, weil mir Spontaneität wichtig ist. Mir reicht, zu wissen, in welcher Branche Sie sind. Das letzte Mal, Frankfurt, vor 2000 Leuten, die Sandra Maischberger hat moderiert, da ist es mit dem Airport-Slot nicht ­anders gegangen, als dass ich grad eine Viertelstunde vor Beginn angekommen bin. Nicht einmal mit der Maischberger hab ich vorher reden können, weil die war da schon auf der Bühne. Und wissen Sie, was? Super war’s, dass ich gar nix gewusst hab. Es war eine Riesenhetz. 2000 Leute beim Lachen, Weinen, Auf­stehen, Hinsetzen. Alle waren happy.

Wie lange dauert so ein Vortrag?

Eine Stunde, eine Stunde zwanzig.

Und dann sind Sie wieder weg.

Sitz im Flieger und heim.

Eine Stunde reden ohne Vorbereitung für 60.000 Euro. Jetzt muss ich Sie natürlich fragen: Wie wird man reich?

Falsche Frage. Was ist denn Reichwerden für ein blödes Ziel?

Für viele Leute ist das gar nicht blöd.

Reichwerden ist doch kein Ziel! Wenn Sie so fragen, zäumen Sie das Pferd von hinten auf. Ich muss zuerst was leisten. Nur die, die was leisten, kriegen was. Nur die, die vorne sind. Wenn einer vom Geld getrieben ist, wird das nicht funktionieren. Keiner, der im Hochleistungssport vorne ist, ist nur vom Geld angetrieben.

Aber wenn ich beispielsweise Versicherungen verkaufe oder Interviews schreibe? Dann ist Geld natürlich eine Motivation.

Grundsätzlich gilt: Du musst zuerst etwas finden, wofür du geeignet bist. Wo du ­deine Talente, deine Fähigkeiten einsetzen kannst. Wenn du das im richtigen Job richtig machst, dann kann passieren, dass du reich wirst. Aber als Ergebnis. Reichwerden ist immer ein Ergebnis, ein Nebenprodukt einer Leistung. Wer damit anfängt, dass er sagt, er will reich werden, der ist gleich ganz falsch abgebogen.

„Wer damit ­anfängt, dass er sagt, er will reich werden, der ist gleich einmal ganz falsch abgebogen.“

Waren Sie jemals in etwas gut, für das Sie nur durchschnittliches Talent hatten?

Ja, im Rennfahren.

Aha?

Ich bin das eher auf der technischen Seite angegangen, also zunächst mein Auto zu verbessern. Weil dann tu ich mir leichter, logisch. Erst auf dem höchsten Niveau hab ich dann gelernt, das Letzte aus mir herauszuholen, mit dieser wahnsinnigen Risikobereitschaft, die damals nötig war. Das war dann das sogenannte Talent dazu, obendrauf. 

Warum ist Mercedes in der Formel 1 gerade so überlegen?

Weil wir vor drei Jahren bei der großen Reglement-Umstellung den besten Motor entwickelt haben und das beste Auto hingestellt haben.

Damals wurde die Formel 1 ja quasi neu erfunden, technisch, da haben alle Teams im Neuland herumgestochert. Da wurden viele Entscheidungen ins Blaue hinein getroffen, das ging ja gar nicht anders, es gab ja keine Erfahrungs­werte. Wie viel an so einer Entwicklung ist letztlich Glück? Und wie viel ist tatsächlich Vermögen und Können?

Glück ist überhaupt nichts. Mit Glück kannst du keinen Formel-1-Motor bauen. Es geht in der Formel 1 darum, was Sie an Hirnschmalz und technischer Qualität in Ihrer Mannschaft haben. In erster Linie brauchst du eine unglaubliche Menge an Ingenieuren. Und die müssen genau wissen, was man tun muss, um einen ­Motor und ein Auto zu konstruieren und kontinuierlich zu verbessern. Das ist ihr Job.

© Julio Alvaro // Youtube

Aber eine Riesenmenge gescheite Leute haben doch auch die anderen Teams.

Sie müssen die richtigen Leute finden, sie kriegen, über Jahre aufbauen, in Ihr eigenes System hinein ausbilden. Also etablierte Leute, Top-Ingenieure, und Junge dazu. Sie brauchen Potential an unterschiedlichen Inputs. Je mehr Sie davon haben, desto leichter tun Sie sich.

Also am Ende geht’s in der Formel 1 um Personalpolitik? Das ist alles?

Es geht um ein Puzzle aus qualifizierten, motivierten Menschen, die so zusammenpassen, dass sie dann einen besseren ­Motor und ein besseres Auto machen als alle anderen. Das ist ja auch der Hauptgrund, warum es neue Formel-1-Teams so schwer haben. Bei uns hat es drei Jahre gedauert, bis wir unsere tausend Leute ­beinander hatten.

„Die Formel 1 ist ein Verein aus egozentrischen Menschen, die dauernd im Fernsehen sind und durch die Versuchung des Sich-wichtig-Machens sehr oft fehlgeleitet werden.“

Sie sind quasi der Chef dieser tausend. Theoretisch gefragt: Sie stehen nach dem nächsten Rennen auf, verlassen Mercedes und gehen sofort zu einem anderen Team. Was würde das bei Mercedes ändern? Und was beim neuen Team?

Kurzfristig überhaupt nix. Mercedes wird heuer hoffentlich genauso die WM ge­winnen. Und entweder übernimmt ein anderer meine Arbeit, dann passiert auch langfristig null, oder es macht keiner, dann geht’s halt langsam abwärts. Bei einem neuen Team wäre es genauso, nur halt umgekehrt, aufwärts. Da braucht es wieder Zeit, weil man kann nicht von heute auf morgen die Leute austauschen, die haben ja alle Verträge. Und die neuen Leute, die man braucht, haben natürlich auch Verträge. Da kann man nix machen.

Nicht einmal, wenn man Niki Lauda heißt?

Völlig wurscht. Alleine kann ich gar nix machen.

Keiner hat auf so vielen verschiedenen Ebenen in der Formel 1 Erfolg gehabt wie Sie. Was sind die durchgehenden Erfolgsfaktoren in der Formel 1? Was macht dort jemanden erfolgreich, unabhängig von der Position?

Das ist relativ einfach zu erklären. Die Formel 1 ist ein Verein aus egozentrischen Menschen, die dauernd im Fernsehen sind und durch die Versuchung des Sich-wichtig-Machens sehr oft fehlgeleitet werden. Da kommen manche vor lauter Posieren gar nimmer gescheit zum Arbeiten. Wenn man jetzt anders reinkommt, wenn einem bewusst ist, wie die alle ticken, und man macht das Gegenteil von allen anderen, dann ist man schon einmal sehr gut aufgehoben. 

Das heißt zum Beispiel?

Sich zuerst einmal nur um schwarz und weiß kümmern. Um die Fakten. Und das ganze Fahrerlagergequatsche, die Gerüchte auslassen. Wenn einer zu mir kommt und sagt, Red Bull hat gerade wieder irgendwo 50 PS gefunden, dann denk ich sofort einmal das Gegenteil. Und lieg damit zu 90 Prozent richtig.

Aber 50 PS sind viel.

Na dann geh ich halt zum Christian ­Horner (Teamchef Red Bull Racing; Anm.) frühstücken und frage ihn: Stimmt das mit den 50 PS?

Das wird er Ihnen doch nicht sagen.

Mir sagt er’s schon. Ich kann überall hingehen, zu Ferrari, zu Red Bull, und fragen. In der Formel 1 hab ich schon ­einen gewissen Namen.

Err... nope! We have no idea either... Caption ...

Err... nope! We have no idea either... Caption competition?

Aber man wird doch dem Mercedes-Chef nicht seine Geheimnisse verraten. Da wär man ja blöd.

Man macht es, weil ich es ja umgekehrt auch mach. Ich bin genauso offen und erzähl keinen Blödsinn. Schwarzweiß, Fakten.

Ich hab geglaubt, Formel 1 ist die totale Geheimniswelt mit Spionage und so.

Im Winter, da ja. Aber ab dem ersten ­Rennen: Geheimniswelt vorbei. Sieht ja jeder sofort, was Sache ist: Der Erste ist Erster, der Zweite Zweiter. Das ganze Gequatsche von vorher bricht dann in sich zusammen. Oder es bestätigt sich, wenn sie recht gehabt haben, die Quatscher, ausnahmsweise.

Zusammengefasst sagen Sie also: ­Erfolg in der Formel 1 hat, wer sich nicht am Gequatsche beteiligt.

Einfach die Füß’ am Boden halten, das ist das Wichtigste.

Herr Lauda, wir reden von der Königsklasse des Motorsports!

Realist bleiben. Sieg ist Sieg, Niederlage ist Niederlage. Ich hab’s zusammeng’haut oder gewonnen. Pragmatiker bleiben, nicht in jeder Zeitung stehen wollen. Das Hirn nicht von der Arbeit ablenken lassen. Das ist für mich der einzige Weg.

„Ich glaub, der liebe Gott hat zum Menschen gesagt: 90 Prozent deines Lebens musst du selber lösen. Das ist deine Verantwortung …“

Fast ein bisschen enttäuschend, dass es so einfach ist.

Es ist ja nicht einfach! Es klingt nur so. Schauen Sie sich doch die Welt an, überall Nullmenschen mit Nullleistung. Heute früh hab ich in der Zeitung gelesen, in Amerika haben sie einen eingesperrt, der schaut fesch aus, jetzt ist er „The Sexiest Häftling of the World“ oder so ein Blödsinn. Jetzt wird er entlassen. So was regt mich auf. Wie wahnsinnig sind wir ­geworden? Nämlich nicht der, wir! Das kann doch nicht sein, dass man in die ­Zeitung kommt, weil man ein fescherer Verbrecher ist als die anderen Verbrecher! Und die jungen Menschen erleben das ­alles als normal. Die wachsen mit dem Irrsinn auf. Und dann wächst natürlich dieses Bedürfnis, sich in Szene zu setzen.

Aber ist das nicht auch ein bissl wurscht?

Für Sie vielleicht. Für mich nicht. Weil ich tagtäglich erlebe, dass Leute keine Leistung mehr bringen, weil sie abgelenkt sind vom dauernden Sich-Inszenieren. Weil dann die Leistung nicht mehr im Mittelpunkt steht, weil jeder selber im Mittelpunkt stehen will. Und das geht eben rauf bis in die Formel 1.

MERCEDES AMG PETRONAS

MERCEDES AMG PETRONAS, Brackley. 10,955,368 likes · 121,409 talking about this. The official Facebook page of the MERCEDES AMG PETRONAS Formula One Team...

Sie sagen: Sich nicht um die Wahrnehmung der anderen zu kümmern verbessert die eigene Leistungs­fähigkeit?

Zu hundert Prozent. 

Sich nicht drum kümmern, was die anderen denken, bringt einen weiter?

Na und wie auch noch. Noch was kommt dazu: Wenn hundert Leute sagen, das und das ist richtig, dann mach ich das ­Gegenteil. Das hab ich immer so gemacht: Schauen, was die anderen vorleben, und dann in die andere Richtung gehen. Probieren Sie das einmal aus. Einfach ­genau das Gegenteil von allen anderen machen, da liegen Sie schon einmal zu mindestens 95 Prozent richtig.

„Wenn hundert Leute sagen, das und das ist richtig, dann mach ich das ­Gegenteil.“

Das ist aber ganz schön arrogant, Herr Lauda.

Ich versteh nicht, was daran arrogant sein soll, das Richtige zu machen. Kennen Sie das Excuse-Buch? (Gemeint ist „The Racing Driver’s Book of Excuses“, das nur in der Motorsportfolklore existiert; Anm.)

Nein.

Das ist aber berühmt, da steht nämlich ­alles drin, was schuld sein kann. Reifen, Lenkung, Motor, Kupplung, alles. Ein Bestseller im Motorsport. Nur mich hat das nie interessiert. Weil ich habe immer gesagt: Denk zuerst an dich, du Depp. Such den Fehler immer zuerst bei dir. ­Immer. Weil nur so kommst du weiter.

Aber wenn der Reifen wirklich schlecht war?

Na dann freuen Sie sich aber, weil ein ­kaputter Reifen ist das Bequemste, Sie sind eh super, Sie haben keine Schuld, alles super. Das einzige Problem: So werden Sie niemals Erfolg haben. Ihre Aufgabe ist nämlich, zu schauen: Was hätte ich tun können, dass ich trotz kaputtem Reifen gewonnen hätte? Und genau da beginnt’s unbequem zu werden, mit einer tief­gehenden Analyse in mich hinein.

Wenn also der Reifen schuld ist, muss ich seinen Fehler gutmachen?

Wenn Sie was erreichen wollen, dann ja. Sie müssen sich fragen: Warum hab ich den nicht ins Ziel geschleift, den depperten Reifen? So zu denken lernt man halt nur im Sport.

Was fasziniert Sie eigentlich noch an der Formel 1?

Das ist ganz einfach. Wenn du zweimal Weltmeister geworden bist, dass du es ein drittes Mal wirst. Weil je länger du vorne bist, desto schwieriger wird es für dich, und desto leichter wird es für die anderen. Ferrari, Red Bull, die müssen als Verfolger ja nur kopieren. 

© Leisepeter // Youtube

Ich meinte es eigentlich allgemeiner. Weil die Formel 1 und Sie, das geht ­irgendwie nicht ohneeinander, oder?

Das war Zufall, dass mich der Dieter ­Zetsche von Mercedes vor dreieinhalb Jahren gefragt hat, ob ich’s machen will. Jetzt hab ich eine Hetz dabei, das schon. Aber ich bin nicht Formel-1-fixiert.

Viele Leute trauern der alten Formel-1-Zeit nach. Sie vermutlich nicht, weil Sie für Sentimentalitäten nicht viel übrig haben.

Richtig. Null.

Und wenn ich Sie frage, ob Ihnen die Formel 1 jetzt mehr taugt als vor dreißig Jahren, dann werden Sie sagen, das ist keine berechtigte Frage, weil der Vergleich nix bringt.

Genau. Bringt nix. Das ist wie übers ­Wetter reden. Manchmal regt sich meine Frau übers Wetter auf, „Scheißwetter ­heute“, sagt sie. Da schalt ich gleich auf null. Wissen Sie, warum? Weil ich es nicht beeinflussen kann. Und weil mich nicht belastet, was ich nicht beeinflussen kann. Was hilft es mir, wenn es mich belastet? Aber ich sag Ihnen trotzdem was: Mir taugt die heutige Formel 1 mehr. 

„Such den Fehler immer zuerst bei dir. Immer. Weil nur so kommst du weiter.“

Ach so?

Weil ich nämlich nie ein positiver Teil davon sein könnte, wenn ich dauernd denk, wie schön es damals war. Deswegen. 

Das ist jetzt sogar für Sie ein bissl pragmatisch.

Sie würden mir aber nicht glauben, wenn ich davon schwärm, wie schön’s damals am Nürburgring war, da hat’s noch richtig Action gegeben, hurra, heute isses so fad, weil da verbrennt keiner mehr. (Lacht.)

Jetzt im Ernst: Was ich ehrlich nicht verstehe, wie Sie es schaffen, Ihre Emotionen so rauszukriegen aus allem.

Na ja, sie einfach ignorieren, die Emotionen.

Genau das ist es, was ich nicht verstehe. Emotionen kann man doch nicht ignorieren.

Ich hab irgendwas in mir drinnen, das sagt: Ich muss so schnell wie möglich zum Ziel kommen. Wenn ich irgendwo sitz in einem Smalltalk und irgendwer erzählt mir, wie das Wetter war, dann werd ich innerlich vollkommen wahnsinnig und schau, dass ich wegkomm. Sofort. Weil es nimmt mir Zeit weg. Ich werde ja oft bekrittelt, für meine direkte Art …

MERCEDES AMG PETRONAS

MERCEDES AMG PETRONAS, Brackley. 10,955,377 likes · 103,989 talking about this. The official Facebook page of the MERCEDES AMG PETRONAS Formula One Team...

… na ja, Herr Lauda, zu Unrecht? 

Na klar zu Unrecht! Wenn ich Sie zum Beispiel frag, wann Sie sich zum letzten Mal die Haare auf Ihrer Glatze geschoren haben und wie Sie das machen, dass da ein Millimeter so gleichmäßig stehen bleibt, das interessiert mich, weil ich scher sie mir ja auch. Meine Frau versteht das nicht, die sagt dann immer: Du kannst den doch nicht fragen, warum er eine Glatze hat?! Aber ich sag: Natürlich kann ich das. Weil’s mich interessiert! Und wenn ich ihn direkt frag, höflich natürlich, eh klar, hab ich vielleicht auch gleich eine Antwort. Also sagen Sie: Wie machen Sie das mit den Haaren? Die sind schön ab­geschoren bei Ihnen!

Mit einem elektrischen Rasierer, ohne Aufsatz.

Nicht schlecht. Ich mach’s immer nass. Aber dann ist halt alles weg. Wie viele Millimeter stellen Sie da ein?

Nix, nur drüberscheren, ohne Aufsatz.

Schauen Sie, jetzt hab ich die Antwort. Hat mich interessiert, hab ich gefragt, jetzt weiß ich’s. Werd ich mir einen elektrischen Rasierer kaufen und es ausprobieren. So geht das. Und war ich unhöflich?

Nein, gar nicht. Wollen Sie noch was wissen wegen meiner Frisur?

Nein, danke. Also nächste Frage bitte.

„Zuerst versteh ich was, dann entscheidet der Verstand, und dann machen die Emotionen mit.“

Würden Sie eigentlich heute gerne ­Formel 1 fahren?

Nein. Ich bin genug gefahren. Ich hab ­genug durchgemacht. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich lieber heute fahren würde als damals, dann sag ich: na logisch. Ich bin ja nicht deppert. Nur heute. Verdien ich 50‑mal so viel wie damals, hab kein Risiko. Heute ist die schönste Zeit zum Fahren.

Viele Leute sagen aber, das Fahren war damals aufregender.

Blödsinn. Der Thrill ist derselbe wie ­damals. Man kommt mit den ganzen technischen Hilfen sogar noch näher an die physikalische Grenze ran, das Fahren ist noch extremer. Der einzige Unterschied: Wenn man damals abgeflogen ist, schaut man aus wie ich, also, wenn man Glück hat. Wenn man heute abfliegt, passiert nix. Aber die Challenge des Fahrens, die ist genauso faszinierend.

Welcher der heutigen Fahrer wäre ­damals ein Rivale gewesen, vor dem Sie sich fürchten?

Ein Vettel, ein Hamilton, ein Rosberg wäre damals genauso gut gewesen wie heute. 

Hätten Sie den Hamilton damals geschlagen?

Ja. 

Wird er das gerne hören?

Auf diese Frage kann ich doch nicht mit Nein antworten, das geht doch nicht!

© EuropaSman // Youtube

Sie meinen, dieses Jeden-Schlagen, das steckt immer noch in Ihrem Kopf?

Na klar. Als Fahrer lernt man so zu ­denken. Anders zu denken, kannst du dir nicht erlauben. Also denkt man so nicht. So ist das.

Logik ist für Sie ein Allheilmittel?

Natürlich. Start, Ziel, kürzester Weg dazwischen, Zeit effizient nützen. Darum geht’s. Ich verbrodel keine Zeit, weil ich für mich selber Zeit haben will, neue Dinge überlegen oder nix zu tun … nein, nix tun nicht … aber für meine Freiheit. Das ist das Höchste, meine Freiheit. 

Was ist Freiheit?

Sich seinen Beruf selber aussuchen ­können. Selber entscheiden können. Nicht von anderen abhängig sein. Das lässt mich um sechs oder spätestens ­sieben aufstehen, egal wann ich schlafen gegangen bin. Dann beginn ich so schnell wie möglich, meinen Tag hinter mich zu bringen. Weil dann hab ich am Nachmittag eine oder zwei Stunden, die ich nicht verplant hab, nur für mich. Herrlich, nicht?

Wie lang schlafen Sie?

Ich brauch schon meine acht, neun ­Stunden. Heute hab ich einen fürchterlichen Tag vor mir, weil ich muss am Abend um sechs nach Mailand fliegen, das heißt, ich komm erst um eins in der Nacht nach Hause. Aber so ist das halt. Bringt ja nix, wenn ich blöd herum­jammer deswegen.

Die Wissenschaft sagt, Emotionen ­lenken den Verstand.

Wirklich?

Lauda Montezemolo Ferrari

Niki Lauda 1974 mit Neo-Teamchef Luca di Montezemolo und Firmengründer Enzo Ferrari

© Imago/Milestone Media

Ja. Unsere Emotionen lenken, der Verstand führt aus. Außer halt bei Ihnen.

Sie meinen’s lustig, aber bei mir ist das umgekehrt. Wirklich. Zuerst versteh ich was, dann entscheidet der Verstand, und dann machen die Emotionen mit. Mir wird ja oft vorgeworfen, viel zu ­emotionslos zu agieren. Von der Birgit (Laudas zweiter Frau, Mutter seiner sechsjährigen Zwillinge, sie hat ihm eine Niere gespendet; Anm.) zum Beispiel: Der kalte Fisch!, sagt sie immer über mich, der kalte Fisch!

Aber da ist doch mittlerweile extrem viel Selbstironie bei Ihnen dabei, Herr Lauda. Sie spielen ja mit Ihrem Image als geizig, unnahbar, herzlos. In Wahrheit sind Sie ja viel milder ­geworden in den letzten Jahren. Das sagen alle.

Genau, aber die Birgit versteht eben ­meine Selbstironie manchmal gar nicht! Kalter Fisch! Kalter Fisch! (Lacht herzlich.)

„Ein Formel-1-Auto lenken? Das kann jeder, der halb-wegs Auto fahren kann.“

Ihre Frau meint das doch lustig, Herr Lauda!

Ich find das lustig, aber sie nicht! (Lacht wieder herzlich.) Die sagt das ganz ernst! Ich sag dann immer: Verstehst du mich nicht? Das war doch ein Witz! Und sie keppelt: Das war kein Witz! So schaut’s aus bei mir zu Haus, ich sag Ihnen …

Sie machen aber nicht den Eindruck ­eines unglücklichen Menschen.

Da haben Sie recht. Das bin ich nicht.

Aber Sie weinen bei traurigen Filmen.

Nein, nein, bei lustigen!

In Ihrem Buch („Reden wir über Geld“, 2015; Anm.) steht, bei traurigen.

Wurscht, was da steht. Weil jetzt wein ich eh schon bei allen, bei den lustigen und bei den traurigen.

Das ist jetzt aber nicht ernst, oder?

Doch. Wenn’s gut gespielt ist, kann das der größte Blödsinn sein, zack, rinnen mir die Tränen runter. Aber nur kurz. Dann sag ich zu mir: Wie deppert bist du, dass du wegen dem Scheiß zu ­flennen anfangst? Dann wunder ich mich über mich, und dann ist es eh ­wieder vorbei.

Die brisantesten Stallduelle der Formel-1-Geschichte

Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton ist ja Kindergeburtstag. Wir werfen einen Blick auf die heißesten Stallduelle und brisantesten Team-Rivalitäten der Formel-1-WM.

Mit 25 oder 30 Jahren waren Sie aber nicht so.

Nein, Gott sei Dank nicht. Das ist erst mit der Zeit gekommen.

Ist das besser? 

Für meine Mitmenschen ja.

Für Sie doch auch? Ich meine, lässt da nicht ein Druck nach?

Druck lässt keiner nach, wenn man vorm Fernseher sitzt und deppert flennt.

Ich hab gemeint, dass Sie jetzt Seiten von sich zeigen können, die Sie vorher vielleicht immer verborgen haben.

Früher war ich so aufs Überleben konzentriert, da war Weinen gar nicht mög­lich. Wenn du traurig bist, weil sie dir den Hund zusammengeführt haben, zum Beispiel, dann hättest du damals kein Rennen fahren können. Da wärst du garantiert draufgegangen. Ich war damals einfach auf 110 Prozent Fokus programmiert, auf diesen Egoismus, auf dieses Überleben-Müssen, und auf das Gewinnen. Wäre das nicht gewesen, wäre ich gestorben, garantiert. Da durfte nix anderes einen Platz haben.

„Ich war damals einfach auf 110 Prozent Fokus programmiert, auf diesen Egoismus, auf dieses Überleben-Müssen, und auf das Gewinnen. Wäre das nicht gewesen, wäre ich gestorben, garantiert.“
Niki Lauda über seine aktive F1-Karriere

So was passiert unbewusst, vermute ich, weil die Situation so extrem ist?

Nein, bewusst. Wenn vor dir einer einen Unfall hat und du rennst hin und es steht ihm die Leitschiene aus dem Bauch, dann musst du etwas unternehmen, dass das nix mit deinem Denken anstellt. Und wir waren ja dauernd mit so was konfrontiert. Einen bis zwei von uns hab ich jedes Jahr liegen gesehen. Also hast du lernen müssen, mit der Situation umzugehen.

Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, es war ein Glücksmoment, wie Sie nach dem Unfall im Spital aufgewacht sind. Ihr erster Gedanke war: Jetzt bin ich einer von den zwei in diesem Jahr, aber ich leb noch.

Ja. So war das. Durch diese Härte der Konfrontation mit Verunglückten, mit denen du fünf Minuten vorher noch geredet hast, kriegst du diesen Schutzmechanismus. Sich nicht negativ beeinflussen zu lassen, also nicht langsamer zu fahren, sondern besser aufzupassen. Ich hab mir immer gesagt: Der Fehler, den der gerade gemacht hat, der passiert mir nicht.

Aber wenn ihm bei 280 die Radaufhängung gebrochen ist?

Dann hast halt ein Pech. Das musst in Kauf nehmen.

Kennen Sie Angst, Herr Lauda?

Grundsätzlich nicht. Ich hab vor nix Angst. Weil ich weiß, dass man alles lösen kann.

Na ja, da gibt es ein paar Sachen … und ich red jetzt nicht von einer gebrochenen Radaufhängung. Sie haben ja Kinder, da macht man sich doch seine Sorgen. 

Das ist der Punkt, den ich vorhin angesprochen hab, mit dem Wetter, über das ich nicht reden mag, weil es keinen Sinn hat, erinnern Sie sich? Ich glaub, der liebe Gott hat zum Menschen gesagt: Neunzig Prozent deines Lebens musst du selber ­lösen. Das ist deine Verantwortung, dir gegenüber und den anderen Menschen gegenüber. 

Und die restlichen zehn Prozent …

… kann ich eben nicht beeinflussen. Deswegen denk ich nicht drüber nach. Weil es nix bringt. 

Hollywood setzte Niki Lauda mit „Rush“ ein filmisches Denkmal.

© KinoCheck // Youtube

Aber die meisten Menschen schenken genau diesen zehn Prozent neunzig Prozent ihrer Aufmerksamkeit, sie haben wahnsinnig viel Angst, ihrem Kind könnte was passieren, sie könnten ihren Job verlieren, krank werden, irgend so was, Schicksalsschlag halt. Und Sie machen es umgekehrt, Herr Lauda. Sie sagen, ich kümmer mich voll um die neunzig Prozent, die ich beeinflussen kann, und um die restlichen zehn gar nicht. Ich beneide Sie ein bisschen um diesen Lebensentwurf. Klingt irgendwie unbeschwert.

Ich spekulier einfach nicht, dass meinem Kind was passieren könnte. Das ist der Unterschied. Ich treffe alle Vorkehrungen, die ich treffen kann. Dann sind meine neunzig Prozent vorbei. Und wenn es dann passiert, passiert es. Dann trifft es mich umso härter, weil so ein kalter Fisch bin ich ja wirklich nicht. Das ist aber eine andere Sache. Es ist jedenfalls falsch, was hineinzufantasieren in etwas, das man nicht beeinflussen kann. Weil wenn dann nix passiert, hast dir ewig Sorgen gemacht für nix. Auch nicht gescheit.

Kennen Sie Dominic Thiem?

Den Tennisspieler? Persönlich nicht.

Doch. Sie haben ihn kennengelernt. Er ist nach einem Spiel beim Turnier in der Wiener Stadthalle spätabends am Gürtel an der Ampel neben Ihnen gestanden. Er hat Sie erkannt, ist Ihnen den ganzen Gürtel nachgefahren, hat Sie dann aufgehalten, an die Scheibe geklopft, um ein Autogramm gebeten und Sie eingeladen, am nächsten Tag zu seinem Match in die Stadthalle zu kommen. Sie sind dann aber nicht gekommen.

Autogramm hab ich ihm aber hoffentlich schon eines gegeben? 

Ja. Hat er heute noch. Wie oft passiert Ihnen das, dass Ihnen einer nachfährt?

Oft. Sehr oft.

„Sagen, dass man keine Zeit hat, das ist arrogant, das darf man als bekannter Mensch nicht machen.“
Lauda über Autogramm- und Selfiejäger

Beim Marcel Hirscher waren diese ­Sachen eine Zeit so arg, dass er sich zu Hause eingesperrt hat.

Damit muss er aber umgehen lernen. Weil je erfolgreicher man wird, desto mehr wird das. 

Er hat erzählt, die Leute sind ihm nachgefahren auf der Autobahn, sind ihm aufs Klo nachgegangen, haben ihn beim Pinkeln gefilmt und das Video auf YouTube gestellt.

Kenn ich. Ist so. Gibt’s alles. Aber du hast ja eine Verantwortung gegenüber den Menschen. Auch gegenüber dem, der dich beim Pinkeln filmen will. Wenn der ein Autogramm auch noch will, musst ihm ­eines geben, nach dem Händewaschen. Weil sagen, dass man keine Zeit hat, das ist arrogant, das darf man als bekannter Mensch nicht machen. 

Sie geben wirklich jedem ein Autogramm?

Weil es der eleganteste und effizienteste Weg aus der Situation raus ist. Sie wollen ein Foto machen? Na bitte sehr, kommen S’ her, mach ma schnell. Dann sagst den Leuten noch, dass sie die Kamera nicht verkehrt herum halten sollen vor lauter Nervosität, klick!, und passt. Neulich hat einer so herumgeschusselt in einem Restaurant, da hab ich gesagt: Stellen Sie sich da her zu mir, geben Sie meiner Frau die Kamera, und dann hat die Birgit das Foto gemacht. 

Aber wenn Sie wirklich einmal keine Zeit haben?

Das würde der doch nicht verstehen! Der sagt, ich bin arrogant. Ich bin sowieso immer eine halbe Stunde zu früh dran, also geht sich das immer aus.

Und wenn Sie zum Flieger müssen und knapp dran sind?

Das ist dem doch wurscht. Der sieht mich einmal im Leben, und dann wimmel ich ihn ab? Stellen Sie sich das vor! Da sagt der, der Lauda macht kein Foto mit mir, so ein arroganter Hund.

Fahren Sie hin und wieder noch schnell?

Ich fahr sehr diszipliniert. Neulich haben sie mich mitten in der Nacht auf der Südautobahn mit 160 geblitzt. Ich hab mich zwei Tage drüber geärgert, wie deppert ich war, dass ich nicht einfach meine 150 fahr, wo nix passiert.

Könnten Sie ein aktuelles Formel-1-­Auto lenken?

Ja, logisch, das ist nicht so schwer. Zehn Sekunden langsamer halt. Das kann jeder, der halbwegs Auto fahren kann.

Beim Grand Prix in Spielberg werden Sie in einem BMW M1 unter anderen gegen Gerhard Berger und Hans-­Joachim Stuck fahren. Freuen Sie sich drauf?

Diese Rennen sind eine Hetz. Da macht es klick!, und es ist alles wie früher. Auch als sie uns in den letzten Jahren in Spielberg noch in die alten Formel-1-Wagen gesetzt haben, war es toll, obwohl es mir eigentlich schon zu deppert war, mich ins Cockpit reinzuschälen, und ich bin ja dann fast nimmer rausgekommen. Aber das Tollste war: Kaum sitzt du drin, ist alles wieder da, du kennst dich aus, wo der Schalter für das und das ist, Benzindruck, alles, obwohl das ja ewig her ist.

Wenn der Berger Sie überholt, was dann?

Dann versuch ich ihn zurückzuüberholen, logisch. Der Ärgste ist aber der Prost. Fahrt vorne weg wie ein Vollidiot. Sag ich nachher zu ihm: Spinnst du, hättest gewartet, hätt ma uns ein bissl gematcht, gegenseitig ausgebremst, aber der versteht so was nicht.

Man bleibt wirklich so sehr Rennfahrer?

Ja. Ich stell mich heute noch nicht gern hinten wo an.

Und wenn Sie im Freitagnachmittagsverkehr am Ring einer überholt?

Das ist mir wurscht. Soll ich eine siebzigjährige Großmutter in der Parlamentskurve ausbremsen? Aber es gibt schon dumme Fahrer, muss man sagen, die ­einen reizen, die einen schneiden, ­irgendwas besonders Blödes machen. Den blinkt man vielleicht dann einmal an, dann bleibt er ­extra stehen, gibt’s ja ­alles. Und wenn er mich richtig geärgert hat, absichtlich, dann wird sich schon eine Verkehrssituation ­ergeben, wo es passt. Und wenn er gar nicht mehr damit rechnet, dann bleib ich richtig vor ihm stehen. So dass er schaut. Und dann bin ich weg. (Lacht.)

Klicken zum Weiterlesen
07 206 THE RED BULLETIN

Nächste Story