Protest im Fußball: Wie viel ist erlaubt?

Protestieren oder nicht protestieren? Das ist hier die Frage

Text: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images

Fußball-Experte Raphael Honigstein über die (gerechtfertigte) Kritik an Arsene Wenger und die hohen Wellen, die ein kleines Plakat schlagen kann.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Wann ist Protest gerechtfertigt und in welcher Form darf er sich im Fußball-Stadion äußern? Ein extrem kontroverses Thema, das haben die Ereignisse an der Stamford Bridge (und in Borussia Dortmunds Signal Iduna Park) am vergangenen Samstag gezeigt.

In Westlondon machten sich erzürnte Fans von Arsenal ihres Ärgers über die 0:3-Niederlage vor den Kameras von „Arsenal Fan TV” Luft, und ein Anhänger, Kane Hopps, hielt im Auswärtsblock ein Banner hoch, auf dem „Enough is enough - Time to go”  (Es reicht - Zeit zu gehen) stand.

Von dem Einmannprotest hätten wohl nicht viele mitbekommen, wenn Sky-Experte Gary Neville seine typisch schonungslose Analyse der zahlreichen Unzulänglichkeiten der Gunners nicht unterbrochen hätte, um Hopps als „Idioten“ zu bezeichnen. „Arsène Wenger hat das nicht verdient. Natürlich sind die Arsenal-Fans enttäuscht, aber vorsorglich dieses Banner in das Stadion zu bringen, das ist lächerlich”, begründete Neville diese Einschätzung. 

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Neville störte sich gleichermaßen an Form wie Inhalt der Anti-Wenger-Aktion. Was die Form angeht, muss man einräumen, dass ein gefaltetes DIN-A3-Blatt in Rot nicht besonders eindrucksvoll aussah.

Erwachsene Männer, die irgendwo Plakate hochhalten, wirken nicht oft ein wenig verzweifelt und lächerlich. Wir assoziieren Banner mit Wichtigtuern, oder mit den armen Kerlen, die auf der Londoner Shoppingmeile Oxford Street für den neuesten „Golf-Schlussverkauf“ werben.

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Gary Neville. #AFC #Arsenal #Wenger https://t.co/2PSZMAX5Uw

Ein Mann mit Plakat kann eigentlich nicht gewinnen, egal, wie man es dreht. Eine sorgsam vorbereitete Protestnote, in mühseliger Handarbeit vor dem Anpfiff angefertigt, erweckt den Vorwurf des Defätismus. Schnell nach dem Schlusspfiff zusammengeschusterte Banner,  mit schwarzem Permanentstift auf ein Bettlaken gekrakelt, sehen dagegen noch lächerlicher, amateurhafter und kindischer aus. Bis der technische Fortschritt Smartphones in tragbare Drucker verwandelt, hat der Protestler, der etwas auf sich hält, keine andere Wahl, als seine negative Meinung im Vorhinein aufzuschreiben.

„Ein Mann mit Plakat kann eigentlich nicht gewinnen, egal, wie man es dreht“



Wäre es besser gewesen, Hopps hätte nach mit dem Schlusspfiff „Enough is enough“ gesungen, zur Melodie des gleichnamigen Discoschlagers von Barbara Streisand und Donna Summers? Spieler und Trainer dürfen nach einer gelben Karte für den Gegner brüllen, doch wer - Gott behüte  - seiner Forderung damit unterstreicht, eine unsichtbare gelbe Karte in der Luft herumzuwedeln, vergeht sich an den den moralischen Werten des englischen Fußballs. Protest: man darf ihn auf der Insel hören, aber nicht sehen. 

AFC GLEN on Twitter

Prior to Watford we had the opportunity to close the gap to 3pts on Chelsea. Today we sit 4th 12 pts a drift. Enough is enough #Arsenal

Soviel zum Boten. Was aber ist mit der Botschaft? Zunächst sollte festgehalten werden, dass Hopps‘ Forderung nach einem Abdanken Wengers sachlich formuliert war, beinahe entschuldigend, als gut gemeinter Appell. Nichts daran war despektierlich oder verletzend.

Im Vergleich mit den Dingen, die auf  Tribünen, in den sozialen Netzwerken oder beim erwähnten „Arsenal Fan TV” gesagt werden, wirkte die Forderung wie ein freundlicher Hinweis an Herrn Wenger, sich nach 13 Jahren erfolgloser Jagd nach dem Premier-League-Titel vielleicht einmal Gedanken über seine Position zu machen.

Viele Arsenal-Fans werden das ähnlich sehen, ebenso viele nicht. Was jedoch Nevilles schroffe Zurückweisung von Hopps‘ sanftmütigem Protest so seltsam machte, war die Tatsache, dass das Plakat lediglich die logische Konsequenz der Kritik des früheren Außenverteidigers von Manchester United am Team aus dem Norden Londons darstellte.

Genau wie Neville hat Hopps genug gesehen von institutionalisierter Schwäche, von seltsam sparsamem Transfergebahren, von notorischen taktischen Unzulänglichkeiten und vom fehlendem Ehrgeiz und fehlendem Erfolgsdruck, der sich seit etwa einem Jahrzehnt wie eine Krampfader von oben nach unten durch den gesamten Verein zieht.

Man darf da schon mal zu dem Schluss kommen, dass es eines neuen Manns an den Schalthebeln bedarf. Es ist weder idiotisch noch respektlos, schweren Herzens und nach viel Geduld  - mehr Geduld, als jeder andere Klub von vergleichbarer Größe bewiesen hätte - an diesen Punkt zu gelangen.

Ganz im Gegenteil: Hopps‘ Plakat sprach nur das aus, was Neville, warum auch immer, nicht sagen konnte oder wollte  - vielleicht aus Angst vor zuviel Gegenwind. Einen Fan, der seine Missbilligung des amtierenden Regimes auf die einzige Weise zum Ausdruck brachte, die ihm zur Verfügung stand  - und dazu ganz ohne derbe Worte auskam, die ihm vermutlich mehr Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken gebracht hätten - war ein unfairer, unnötiger Schlag unter der Gürtellinie.

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02 2017 The Red Bulletin

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