Red Bull Racing-Teamchef Christian Horner über Respekt

Christian Horner - Respekt!

Interview: Werner Jessner
Foto: Getty Images/Red Bull Content Pool

Red Bull Racing-Teamchef Christian Horner darüber, wie man ihn verdient, behält und vor wem er ihn hat. 

Der am Steuer durchschnittlich begabte englische Rennfahrer Christian Horner avancierte mit Mitte 20 zum erfolgreichsten Teambesitzer der höchsten Nachwuchsserie und kurz darauf zum jüngsten Teamchef in der Geschichte der Formel 1.

Er hat keine Universität absolviert, nur wenige Pokale zeugen von seinen Erfolgen auf der Strecke. In einer Welt, die ebenso schnell vergisst wie sie fährt, etabliert er sich in kürzester Zeit nachhaltig und wird als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen – weil er seine Werte lebt: Zielstrebigkeit, Handschlagqualität, kein Bullshit.

Bei allen Erfolgen in der Geschichte von Red Bull Racing stand Christian Horner am Kommandostand. Mit gerade einmal 40 Jahren erhob ihn die Queen in den Ritterstand.

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THE RED BULLETIN: Sie waren 31, als Sie ins Haifischbecken Formel 1 geworfen wurden. Die großen Namen damals waren Bernie Ecclestone, Max Mosley, Flavio Briatore, Frank Williams oder Ron Dennis – lauter Männer, die doppelt so alt waren wie Sie. Wie verschafft man sich in diesem Umfeld Respekt?

CHRISTIAN HORNER: Ja, diese Männer waren wohl etabliert. Ich habe ihnen zugehört, und wenn ich in der Runde den Mund aufgemacht habe, dann hatte ich etwas zu sagen. Rede nicht um des Redens willen. Das ist ein guter Anfang.

War denn der Altersunterschied kein Problem?

Nicht für mich. Nicht nach oben und nicht nach unten. Meine Überzeugung ist, dass man dich für das respektiert, was du tust, nicht für dein Alter. Respekt kann man nicht verlangen. Man muss ihn sich verdienen – immer und immer wieder.

Okay, die Fahrer auf der Rennstrecke machen sich das schon aus: meine Kurve, deine Kurve. Mein Bremspunkt, dein Bremspunkt. Aber im Geschäftsleben?

Halte dein Wort. Steh zu deinen Prinzipien. Hab Handschlagqualität. Trau dich, unpopulär zu sein. Steh auf, wenn dir etwas wichtig ist.

© youtube // Red Bull Racing

Und allein damit verschafft man sich Respekt?

Dazu erzähle ich Ihnen eine Anekdote aus der Frühzeit. Ich war noch keine dreißig und hatte ein Team in der Formel 3000, der Nachwuchsklasse unter der Formel 1. Für die bevorstehende Saison sollte die Zahl der Teams von 25 auf 12 reduziert werden, und mein Team stand auf der Liste jener, die eliminiert werden sollten. Was habe ich gemacht? Ein geharnischtes Fax an Bernie Ecclestone geschrieben, dass sein Vorgehen EU-Recht widerspreche, dass ich alle Instanzen durchgehen würde, um diesen Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung zu verhindern. Keiner hat sich das getraut. Ich schon. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Da konnte ich mich auch mit dem mächtigsten Mann im Sport anlegen.

Und dann?

Keine 45 Minuten später hatte ich ihn am Telefon. Verdammt, war ich nervös. „Was soll der Scheiß?“, hat er getobt. Und dann hat er mir gesagt, dass ich in allen Punkten recht hätte, er aber trotzdem keinen Millimeter nachgeben würde. Das konnte ich so natürlich auch nicht stehen lassen, und ich begann zu kämpfen. Schließlich fanden wir eine Lösung: Ich konnte ein anderes Team übernehmen und verhandelte in Zukunft die Position aller Teams gegenüber Ecclestone. Ich hatte seinen Respekt gewonnen.

Sebastian Vettel; Christian Horner

Christian Horner mit Sebastian Vettel (li.)

© Getty Images

Weil Sie sich getraut hatten, die großen Karten zu spielen?

Weil ich für meine Überzeugung aufgestanden bin. Das hat ihm imponiert. Und ich respektiere seine Art, Business zu machen – bis heute.

Ist Egoismus Respekt zuträglich?

Manchmal lohnt es sich, über den Tellerrand zu schauen und den Blick auf das große Ganze zu behalten – und manchmal ist es kontraproduktiv. Ein Beispiel: die hässlichen Heckflossen der aktuellen Autos. Sie beleidigen mein Gefühl für Ästhetik, darum möchte ich gern, dass sie verschwinden.

“Manchmal lohnt es sich, über den Tellerrand zu schauen und den Blick auf das große Ganze zu behalten – und manchmal ist es kontraproduktiv“

 Als ich das zu Saisonbeginn den anderen Teams vorgeschlagen habe, wurden sie hellhörig: Was führt er im Schilde? Welchen persönlichen Vorteil verspricht er sich davon? Die alte Garde vor zehn Jahren hätte noch gesagt: „Gute Idee, Junge, machen wir.“ Vielleicht ist das auch eine Art von Respekt, der einem entgegen gebracht wird: dass hinter allem, was man tut, eine verborgene Absicht vermutet wird.

Muss man Risiken eingehen, um sich Respekt zu verdienen?

Ja, aber kalkulierte Risiken. Viel wagen, aber nie dumm sein. Oh ja, ich habe in diesem Geschäft viel riskiert. Aber zu viel? Niemals.

Zwei Tage vor seinem 37. Geburtstag gewann Christian Horner im November 2010 mit Sebastian Vettel und Mark Webber sowohl die Fahrer- als auch die Konstrukteurs-WM – als jüngster Teamchef der Geschichte.

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Wie lernt man das?

Instinkt. Ich habe die Schule mit achtzehn verlassen, danach habe ich aus dem Bauch heraus agiert. Ich wurde Rennfahrer, obwohl ich kein Geld hatte. Die günstigste Art war, auf Kredit ein eigenes Auto zu kaufen und Mechaniker anzuheuern, statt mich in ein fertiges Team einzumieten. Plötzlich war ich Teamchef. Ich bin in die Management-Rolle reingestolpert. Aber ab diesem Moment habe ich alles dafür getan, um zu überleben. Später wurde ich in die Formel 1 geschmissen und hatte keine Ahnung, ob das gutgehen würde und wie lang. Ja, das alles war riskant. Aber was hatte ich schon zu verlieren?

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Was hat man im noch immer jungen Christian Horner gesehen, um ihm die Führung eines mehrere hundert Leute starken Unternehmens anzuvertrauen?

Helmut Marko war mein Gegner in der Formel 3000. Ich habe ihn und sein Team zwei Jahre hintereinander geschlagen. Er ist ein Racer mit viel Erfahrung. Er wusste, mit welchen Mitteln ich ihn geschlagen hatte. Wir haben einander respektiert. So wurden aus Gegnern Partner.

Christian Horner mit Lehrmeister Bernie Ecclestone (li.)

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Dennoch hatten Sie den Teamchef-Job anfangs nur auf Probe …

Ehrlich: Hätte ich mir darüber den Kopf zerbrechen sollen? Ein wenig Selbstvertrauen darf schon sein.

Als Rennfahrer waren Sie eher durchschnittlich. Sogar die Mutter von Max Verstappen hat Sie geschlagen …

“Diese besten Mechaniker und Ingenieure antworten nicht auf Job-Inserate. Du musst sie selbst finden und überzeugen.“

Moment, die hat sogar David Coulthard geschlagen!

Okay, was ich sagen wollte: Der durchschnittliche Rennfahrer Christian Horner wechselt die Position, bleibt aber im selben Geschäft. Warum wird er in der neuen Rolle mehr akzeptiert als in der alten?

Weil ich kapiert hatte, dass Menschen der Schlüssel zu allem sind. Weil ich selbst nicht gut genug war, habe ich alles dafür getan, um die besten Ingenieure, die besten Mechaniker für mein Team zu gewinnen. Diese Leute antworten nicht auf Job-Inserate. Du musst sie selbst finden und überzeugen. Meine Leute haben gespürt, dass ich keine Kompromisse mache. Diese Einstellung bekommen auch die Gegner mit. Als Team-Eigner war ich es, der abends Pizza für die Mechaniker geholt oder die Räder gewaschen hat.

Von 228 Rennen am Kommandostand hat Horner mit Vettel, Webber (Bild), Ricciardo und Verstappen unglaubliche 52 gewonnen. 

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Warum?

Damit sie sehen, dass ich mir für nichts zu schade bin und alles tue, um dem Team zu helfen. Daran denken sie, wenn es abends wieder länger dauert und sie noch reinbeißen müssen, während in den anderen Boxen bereits das Licht aus ist.

Leading by example?

Du kannst von niemandem etwas verlangen, zu dem du nicht selbst bereit bist. Das ist meine volle Überzeugung. Nur wenn du die Menschen rund um dich und ihre Arbeit respektierst, hast auch du Respekt verdient. Und noch etwas: Gib in einer Führungsrolle klare Anweisungen. Organisationen respektieren keine Leader, die rumeiern.

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07 2017 The Red Bulletin

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