Thomas Traversa

Red Bull Storm Chase:
Thomas Traversa und sein Trick gegen Nervosität

Text: Andreas Rottenschlager
Fotos: Sebastian Marko

Thomas Traversa, Titelverteidiger bei Red Bull Storm Chase, ist überzeugt, dass Humor die beste Waffe gegen Nervosität ist.

Am Nachmittag des 10. Februar 2014 steht der Franzose Thomas Traversa in einer Bucht von Cornwall an der Südwestküste Englands und beobachtet den Hagelsturm, der über dem Atlantik losbricht. Traversa trägt einen fünf Millimeter dicken Neoprenanzug mit Kapuze. Er muss seinen Arm heben, um sein Gesicht vor den querfliegenden Eiskörnern zu schützen. Über den Ozean peitschen Böen mit 100 km/h. Am Strandabschnitt „The Bluff“, den Traversa in wenigen Minuten surfen wird, brechen dunkelgraue Wellenberge. Ihr Donnern klingt, als würden Häuser einstürzen.

Cornwall ist der letzte von drei Stopps der Red Bull Storm Chase-Serie für Extrem-Windsurfer. Ziel ist es, Stürme zu bezwingen, die in dieser Heftigkeit noch nie gesurft wurden. Als Mindestanforderung gelten Stürme der Windstärke 10 auf der Beaufort-Skala (48 bis 55 Knoten/89 bis 102 km/h), die laut Definition „Bäume entwurzeln“ und „schwere Schäden an Häusern“ anrichten können.

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Cornwall Red Bull Stormchase

Kraftakt: Dany Bruch (GER) trotzt 105 km/h starken Böen vor Cornwall, dem Final-Spot von Red Bull Storm Chase 2014. 

Die Athleten verpflichten sich für die ­Dauer des Wettkampf-Zeitfensters  – 2017 wird der Contest zwischen Anfang Jänner und Mitte März steigen –, aus jedem Winkel der Welt in das Sturmgebiet zu reisen, sobald die Wettkampfleitung einen Spot definiert. Wo die Reise hinführt, erfahren die Teilnehmer erst Stunden vor Beginn des Contests. 

Sturm-Surfen ist ein Sport, den weltweit nur eine Handvoll angstbefreiter Profis beherrscht. Bei Windstärken jenseits der 100 km/h brechen Masten und zerreißen Segel. Eine Böe kann den Rider während des Sprungs packen und davontragen. Dann stürzt er unkontrolliert aus zehn Metern Höhe ins Meer.

Josh Angulo

Extremsituation: Josh Angulo surft die Brendon Bay im Südwesten Irlands.

In Cornwall ist der Hagel starkem Regen gewichen. Traversa packt sein Surfboard und watet über die lange, flache Sandbank in den Atlantik. In seiner Schwimmweste steckt ein GPS-Sender. Zwei Jet-Skis der Wasserrettung werden in der Bucht um ihn kreisen. Mit 73 Kilo ist Traversa der leichteste aller zwanzig Teilnehmer. Ein Nachteil, wenn man bei hohen Sprüngen schweren Sturmböen ausgeliefert ist.

Der Ozean empfängt Traversa mit heulenden Windböen und krachenden Wellen. Die See ist weiß vor Schaum, das Wasser vier Grad kalt. Traversa trägt keine Handschuhe, weil er das Gefühl für den Gabelbaum nicht verlieren will. Schon nach wenigen Minuten verkrampfen seine Finger. 

Traversa steuert die ersten Wellenberge an. Er wählt den falschen Winkel, die Welle reißt ihn vom Brett. Traversa muss kraulen, wuchtet sich zurück auf sein Surfboard, spuckt Salzwasser. Fünfzehn Minuten lang kämpft er mit der schweren See, als eine besonders steile Welle auf ihn zurollt: die perfekte Rampe. Traversa steuert auf sie zu.

„Der Ozean empfängt ihn mit heulenden Windböen und krachenden Wellen. Die See ist weiß vor Schaum, das Wasser vier Grad kalt.“
Frenchman Thomas Traversa in mountainous waves off Cornwall

Thomas ­Traversa in den Wellenbergen vor Cornwall

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Der Wind katapultiert ihn in die Luft. ­Traversa steigt immer höher: sieben, zehn, zwölf Meter. Dann steht die Zeit für zwei Sekunden still. Am höchsten Punkt des Sprungs, wird Traversa später erzählen, erlebt man einen kurzen Moment der Ruhe. Man schwebt hoch genug, um den Böen zu entkommen, die direkt über der Wasseroberfläche am lautesten pfeifen. Es sei fast still in zwölf Metern Höhe, sagt Traversa. Ein surrealer Moment. 

Nach zwei Sekunden stürzt Traversa zurück in den Ozean. Im Fallen dreht er sein Windsurfboard um 360 Grad nach vorne durch und landet einen Front Loop, also ­einen Vorwärtssalto, in den Wellen. In seinem Hochsitz am Strand blickt Punktrichter Duncan Coombs erst durch sein Fernglas und danach ungläubig in die Gesichter seiner Kollegen. Coombs, ein Mann mit breiten Schultern und südenglischem Akzent, vergibt seit 16 Jahren Punkte auf der Windsurf World Tour. Er wird später sagen, es sei ihm schleierhaft, wie ein Mann, der nur 73 Kilo wiege, da draußen ein Segel halten könne. Sein Experten-Urteil: „Thomas hat Eier aus Stahl.“

„Thomas hat Eier aus Stahl.“
Duncan Coombs

© youtube // Red Bull

Nach zwanzig Minuten im Wasser schleppt sich Traversa zurück ans Ufer. Er spürt weder Kälte noch den Schmerz seiner verkrampften Finger. Das Adrenalin weicht erst eine Stunde später aus seinem Körper. Nach der heißen Dusche im Segelclub von Cornwall. Auf der obersten Treppe bei der Siegerehrung. Thomas Traversa, 73 Kilo, König der Sturm-Jäger.

THE RED BULLETIN: Herr Traversa, Sie sind Titelverteidiger bei Red Bull Storm Chase und gelten als bester Extrem-Windsurfer der Welt. Sind Sie überhaupt noch aufgeregt, wenn Sie in einen Sturm surfen?

THOMAS TRAVERSA: Natürlich. Für einen Sturm der Windstärke 10 kannst du nicht trainieren. Du bräuchtest eine eigene Sicherheitsmannschaft und Jet-Skis, die dir Begleitschutz geben. Es bleibt immer ein Restrisiko. Daher die Anspannung. 

Wenn Sie Sturmböen surfen, müssen Sie absolute Kontrolle über Ihre Entscheidungen haben. Was ist Ihr Trick, um ruhig zu bleiben?

Kurz vor dem Start beobachte ich meine Kollegen. Sind sie auch nervös, geht es mir besser. Dann fühle ich mich mit meiner Nervosität weniger allein.

Red Bull Storm Chase: Extreme conditions

Thomas Traversa: „Nervosität ist gut. Sie zeigt dir, dass etwas Spannendes passiert.“

Ihre Kollegen sind gestandene Wettkampf-Athleten. Was tun Sie, wenn die vor dem Sturm völlig gelassen bleiben?

Glauben Sie mir, das wird nicht passieren (lacht).

„Humor ist die beste Waffe gegen Nervosität. Lustig zu sein ist besser, als sich Stress zu machen.“

Haben Sie einen Tipp für Normalos wie mich, wie man Nervosität besiegt? Zum Beispiel, wenn ich auf einer Hochzeit eine Rede halten muss?

Ja. Versuchen Sie, genau in dem ­Moment, in dem Sie nervös werden, Spaß zu haben.

Wie soll das funktionieren?

Mit Humor, der besten Waffe gegen Nervosität. Lustig zu sein ist besser, als sich Stress zu machen, das erledigt Ihr Hirn ohnehin von selbst. 

Wie soll ich spontan lustig sein, wenn ich aufgeregt bin?

Sie müssen nicht spontan lustig sein. Lernen Sie einen Witz auswendig. Notfalls verarschen Sie sich einfach selbst.

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Was soll das bringen?

Interaktion. Wahrscheinlich reagieren die anderen Gäste auf den Witz. Oder machen selber einen. Es gibt nichts Schlimmeres, als unmittelbar vor ­einer Herausforderung still in einer Ecke zu sitzen. Das macht einen nur noch verrückter.

Gibt es auch gute Seiten an der Nervosität?

Natürlich. In richtiger Dosierung ist Nervosität aufregend. Schließlich zeigt sie dir an, dass in deinem Leben gerade etwas Spannendes passiert. 

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12 2016 The Red Bulletin

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