Ubimet

Ubimet - Die Wettergötter der Formel 1

Text: Werner Jessner
Fotos: Heinz Tesarek

Arbeite jeden Tag so gewissenhaft, als ob dich Millionen Menschen dabei beobachten würden: Wie die Meteorologen von Ubimet die letzte Unwägbarkeit aus der Formel 1 eliminieren.

Die Eroberung von neuem Territorium schließt den Himmel mit ein. Baku ist Grand-Prix-Stadt geworden. Die Erstellung einer validen, millimetergenauen Wetterprognose beginnt mit der Recherche nach einem freiliegenden, für die Allgemeinheit nicht zugänglichen Punkt mit freier Sichtachse zum Fahrerlager. Hier wird die 200 Kilo schwere mobile Radarstation aufgestellt, deren Aufgabe es ist, den Himmel in einem Umkreis von 50 Kilo­metern zu scannen.

In Baku entscheidet man sich für das Flachdach eines 27-stöckigen Hotels. Als der Miet-Van mit dem hochsensiblen Equipment vor dem Hochhaus entladen wird, wartet eine Hürde: Es gibt keinen Zugang auf das Flachdach, durch den man das gigantische Dreibein, das Radar und die Wetterstation in Position bringen könnte.

In James-Bond-Manier organisiert man einen Fensterputzlift und bringt das Equipment in Position, 100 Meter über dem Boden der Altstadt. Bereits am frühen Abend liefert das Radar perfekte Bilder.

Seit 2014 ist Ubimet exklusiv für die Wetterpro­gnose in der Formel 1 zuständig, von Baku bis Spielberg. In einer Welt, die gelernt hat, jegliche Zufälle wegzurechnen, sind Meteorologen die letzten Helden des Unzähmbaren. Man mag Rundenzeiten auf die Hundertstelsekunde berechnen können, Flügel auf Mikrometer vermessen und Strukturen an die Bruchgrenze hin konstruieren: Ändert sich das Wetter, ist das alles Makulatur. F1 ist ein Freiluftsport und das Wetter der einzige Parameter, den man nicht optimieren kann.

Aber man kann es berechnen, und genau das ist die Aufgabe der drei Ubimet-Männer. Ihr Arbeitsplatz im Truck ist eng, Jalousien sorgen für Dämmerlicht, eine Klimaanlage hält das Wetter draußen. Und trotzdem wissen die drei besser über das Wetter Bescheid als die Fans auf den Tribünen, die Fahrer in ihren Cockpits und die Team-Manager an der Boxenmauer.

Diesen Job kriegst du nicht als normaler Wetter­frosch auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Du kriegst ihn, wenn du deinen Job so beherrschst, dass er der Live-Überprüfung durch Millionen kritischer Augenpaare auf der ganzen Welt standhält. Wenn es regnet, regnet es. Das versteht jeder. Hast du aber prognostiziert, dass es trocken bleiben wird, bist du der Depp. Hast du hingegen alles richtig gemacht, wird dich keiner loben. Auch damit musst du umgehen.

Rein ins Innerste des Trucks. Die Meteorologen Steffen Dietz aus Deutschland und Andrew Oberthaler aus Kansas, USA, sowie der Techniker Karol Wojcik aus ­Polen sitzen hinter ihren Monitoren. Die Stimmung ist gelassen, aber konzentriert. Kein Funk, keine Kopfhörer, bloß das regelmäßige Vibrieren der Smart­phones auf den Tischen zeigt, dass hier High Noon ist. Draußen braut sich etwas zusammen, aber was? Es geht um Minuten, um die richtigen Schlüsse aus einem Übermaß an verfügbarer Information und ein wenig auch um die gute alte Chaostheorie, die besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Kilometern Entfernung ein Gewitter auslösen kann.

UBIMET

UBIMET - Weil Wetter wichtig ist. Der österreichische Wetterdienst UBIMET ist das Kompetenzzentrum für Meteorologie und Unwetterwarnungen.

Die Umstände sind gerade sehr speziell: Eine Schlechtwetterfront zieht diagonal aus ­Westen über die Region. So weit, so klar. Unabhängig davon bilden sich vereinzelte vorlaufende Gewitterherde. Riesige, sich spontan und rasch aufbauende Wolkentürme, die ihre Energie aus dem aufgeheizten Boden beziehen. Heiße Luft steigt auf und zieht Wasserdampf mit, steigt weiter vehement auf, bildet Wirbel, steigt bis auf 10.000 Meter, löst am Rand Fallwinde aus, bildet ein labiles Gebilde, dessen höchster Teil irgendwann die Feuchtigkeit nicht mehr speichern kann. Die Wolke spuckt das Wasser aus, und zwar in großen, fetten Tropfen. Ein Platzregen, sehr lokal, aber wo genau wird er niedergehen? Wenige ­Kilometer entfernt, und die Information ist für die Formel-1-Ingenieure, die sich in Reifendrücken, Bremsbalance und Setup-Feinheiten verlieren, völlig irrelevant. Wird es jedoch die Strecke treffen, erhält diese Information höchste Priorität, die alle anderen Informationen zur Nebensache degradiert.

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Ubimet Wetterprognose in der Formel 1

Achtung, rutschig!

Bereits die Fahrer kleinerer Serien wissen, wo das Wasser über die Strecke läuft und wo sich Pfützen ­bilden. Generell gilt im Nassen: Räder weg von Curbs und Markierungen.

In der Toro Rosso-Box bekommt Team-Manager Graham Watson wie seine Kollegen in allen anderen Teams einen Alert: Regenschauer in Streckensektoren zwei und drei möglich. Zeitrahmen: eine Viertelstunde. Watson hat in verschiedenen Teams unzählige Rennen dirigiert. „Bei jedem Fahrer-Briefing sind die ersten fünf bis zehn Minuten für das Wetter reserviert. Die Fahrer wollen alles wissen:

  • Windstärke
  • Windrichtung
  • Streckentemperatur 
  • Lufttemperatur
  • mögliche Entwicklungen.“

Jede Änderung hat potenziell massive Auswirkungen auf das Resultat: Die moderne Formel 1 balanciert in jederlei Hinsicht so knapp am Optimum, dass eine um wenige Grad veränderte Fahrbahntemperatur ein Team bevorzugen und ein anderes massiv benachteiligen kann. Reifen beginnen abzubauen oder zu körnen, ein zusätzlicher Boxenstopp wird nötig. Bereits während eines freien Trainings wirkt sich eine drohende Regenphase auf die Strategie für das komplette Rennen aus.

Watson: „Müssen wir Reifensätze sparen, oder können wir Slicks verbrauchen, so viele wir wollen, weil danach ohnehin Regenreifen montiert werden müssen?“

Formel 1 bei Regen

Regen heißt warten

Kein Pilot will als Erster auf die ­Strecke, um den Asphalt abzutrocknen und das Limit zu testen. Dann lieber Sektor-Zeiten analysieren.
Die Boxen-Crew wartet auf das Zeichen vom Kommandostand, dass es endlich wieder losgeht.

Order an die Ingenieure und Mechaniker: Bereitet euch auf Regen vor.

In der Meteorologen-Kabause saugen an diesem Freitagnachmittag die drei Spezialisten Daten aus allen Quellen, die ihnen zur Verfügung stehen:

  • mobiles Radar
  • nationales Radar
  • drei Wetterstationen an der Strecke
  • Track Temperature Station in der Boxengasse
  • Blitzmessnetz
  • Satellitenbilder
  • diverse globale und lokale Wettermodelle

Welchem trauen? Pro Arbeitsplatz switchen die Ubimet-Mitarbeiter zwischen 18 Tabs hin und her. Das mobile Radar am örtlichen Hochhaus zeigt, dass die Gewitterzelle entgegen der vorherrschenden Westwind-Großwetterlage wieder nach Westen gezogen wird. „Backbuilding“ heißt das im Meteorologen-Englisch, und der bereits mächtige Wolkenturm wird weiter mit frischer Luft gefüttert. Die lokale Regenzelle hat eine Amboss-Form, was ­bedeutet, dass in höheren Lagen nach wie vor Westwind herrscht. Entscheidend für das, was am Boden passiert, ist jedoch die Windrichtung in Höhen von 1200 bis 1500 Metern. Blitz-Detektoren zeigen mehrere Einschläge pro Minute, allerdings mindestens 30 Kilometer entfernt. 

Luftdruckveränderungen, ­Änderungen in Windrichtung und Geschwindigkeit, Temperaturen: Welche Parameter sind relevant, welche vernachlässigbar? Es ist jetzt nicht die Frage nach dem Schmetterling, es ist die Frage nach der Nadel im Heuhaufen: Welcher Wert sticht und sorgt dafür, dass die regenschwere Wolke ihren Weg nach Osten fortsetzt? Oder wird sie noch weiter nach Westen zurückgetrieben? Die Mathematik-basierten Wettermodelle unterscheiden sich teils deutlich. Laien ­würden im Informations-Overflow ertrinken. Nicht so Steffen: „Man muss alle Informationen kennen, um zu wissen, welche man ignorieren kann.“

Ubimet Wetterprognose in der Formel 1

Die Meteorologen beraten sich. Es ist ein kurzes, amikales Gespräch, gemeinsame Einschätzungen und Interpretationen der Daten werden gegengecheckt. Es gibt keine Gewissheit, bloß eine Tendenz, geboren aus Erlerntem, Erfahrung und ein wenig Intuition. „Wir wissen, dass sich hier etwas Großes zusammenbraut. Es wird uns streifen, vielleicht treffen.“ Ein ­minimaler Unterschied mit gigantischer Wirkung: 70 Millionen Menschen auf der ganzen Welt erwarten eine Entscheidung: Kommt der Regen?

Um 13.45 Uhr geht eine erste Wetterwarnung raus an die Teams:
„A few drops possible.“

Noch ist der Himmel blau, aber eine Windböe zerrt an den Plastikvorhängen der Hospitalities. Über dem Fahrerlager hat sich eine Wolke gebildet. Zieht sie weiter? Bleibt sie dicht? 

  • Um 13.52 Uhr findet die Regenwolke Eingang in den Live-Ticker
  • Um 14.01 Uhr tröpfelt es östlich der Strecke
  • Tickertext um 14.04 Uhr: „Rain expected.“
  • An der Boxenmauer funken die Ingenieure ihre Fahrer an
  • Um 14.08 Uhr beginnt es zu regnen
Ubimet Equipment

Zu den richtigen Reifen greifen

Pirelli hat fünf verschiedene Trockenreifen im Programm, allerdings nur zwei Regenreifen: einen für Stark-, einen für Schwachregen. Entscheidend ist der Moment, wann man welchen aufzieht. Tröstlich: Selbst in der Hightech-Welt der F1 schützen simple, störrische Plastikplanen wertvolle Hochtechnologie vor Nässe.

Jene Teams, die den Ausführungen der Ubimet-Spezialisten keinen Glauben geschenkt haben, kreiseln nun mit Slicks von der Piste. Die anderen haben es rechtzeitig in die Box geschafft und warten im Trockenen ab, was draußen vor sich geht.

„Windböen bis 54 km/h, Niederschlagsmengen 1,1 Liter pro Quadratmeter in Sektor 2, 7,3 Liter im Paddock und 15 Liter östlich der Strecke, Temperaturabfall von 25 auf 17 Grad innerhalb von 20 Minuten, Anstieg der Luftfeuchtigkeit von 50 auf 87 %, fünf Blitze in unmittelbarer Umgebung“, wird Steffen das Spektakel später zusammenfassen. Im Klartext: noch gute Bedingungen im ersten Streckenabschnitt, Weltuntergang im dritten, Strecke unfahrbar. Die Session muss unterbrochen werden – rechtzeitig, dank der klaren, fundierten, mutigen Entscheidung aus der Wetterzentrale, die sich immer deklariert, egal wie schwierig die Entscheidung: „50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit gibt es bei uns nicht. Entweder sind es 40 oder es sind 60 Prozent. Wir geben Entscheidungshilfen.“

„50 % Regenwahrscheinlichkeit gibt es bei uns nicht. Entweder es sind 40 oder 60 %. Wir geben Entscheidungshilfen.“
Steffen Dietz, Meteorologe

Sind die letzten paar Prozent auch Glück? „Die ­exakte Grenze zwischen Trocken und Nass konnten wir nur erahnen, aber die restliche Entwicklung war klar.“ Adrenalin? „Aber ja.“

Nach 42 Minuten tickert Andrew: „Rain stopped.“ Nun bestimmen wieder Bestzeiten, Strategien und die Abstimmung für den Renntag die Agenda der Teams. Die korrekte Arbeit der Meteorologen ist bereits vergessen.

Im Truck hängen drei Augenpaare schon wieder an den Monitoren. Die Großwetterlage für den nächsten Tag verspricht ähnlich spannend zu werden.

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10 2016 The Red Bulletin

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