Valentino Rossi: Fakten und lustige Anekdoten

VALENTINO ROSSI: Fakten und Anekdoten über den MotoGP-Gott

Text: Günther Wiesinger
Fotos: Carlo Furgeri/Photogroup Service

Wenn einer größer ist als sein Sport, dann Valentino Rossi: Der populärste Motorradrennfahrer sammelt Siege und Rekorde, pflegt Freund- und Feindschaften, und seine Fans tauchen jede noch so große Tribüne in seine Lieblingsfarbe Gelb.

GRAZIE, HOTEL!

Der erste Rockstar des Motorrad-GP-Sports vor Rossi war der Engländer Barry Sheene, 500er-Weltmeister 1976 und 1977. Abseits der Strecke fuhr er einen Rolls-Royce, Kennzeichen „4 BSR“, was für „Barry Sheene Racing“ stand. Kettenraucher Sheene, der die Startnummer 7 bevorzugte und filterlose Gitanes einatmete, hatte sich ein Loch ins Kinnteil des Helms bohren lassen, um noch auf dem Startplatz ein paar Glimmzüge machen zu können. Verheiratet war er mit Stephanie McLean, einem Ex-Model und früheren „Penthouse“ Pet of the Year. Auf der Flucht vor der Steuerfahndung wanderte Sheene nach Australien aus, arbeitete dort für den TV-Sender Channel 9 und freundete sich als GP-Reporter mit Rossi an, einem Bruder im Geiste. Nachdem Sheene 2003 im Alter von 52 Jahren an Krebs gestorben war, nahm Valentino nach seinem nächsten Sieg eine weiße Fahne mit einer riesigen schwarzen Sieben mit auf die Auslaufrunde – gebastelt aus einem „ausgeborgten“ Hotelleintuch. 

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NUR EIN REKORD

Am 18. August 1996 feierte Valentino Rossi in Brünn den ersten Grand-Prix-Sieg – auf einer 125er-Aprilia. Sein bislang letzter Erfolg gelang ihm beim Großen Preis der Niederlande in Assen am 25. Juni 2017, in der MotoGP auf Yamaha. Kein Motorradrennfahrer hat sich damit so lange an der Spitze gehalten und so viele Rennen gewonnen wie Rossi. Mit zwei Ausnahmen (2011 und 2012, bei Ducati) hat er in jedem Karrierejahr zumindest einen GP gewonnen. 

È stato davvero emozionante tornare sul gradino più alto del podio ad Assen davanti ad un pubblico stupefacente

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GRAZIANOS ZOPF

Valentino Rossis Vater Graziano war in den späten 1970er Jahren in der 250er- und 500er-Klasse einer der namhaften GP-Piloten. Er wollte Valentino zuerst in den Automobilsport schleusen und ließ ihn Kart fahren, doch waren Graziano Rossis Connections zum Zweiradsport besser.

Dank Valentino Rossi sprechen alle MotoGP-Fans ein wenig Italienisch: „Quarantasei“ ist die Nummer 46 des „Dottore“.

Mit vierzehn hatte Valentino bereits einen Vierjahresvertrag bei Aprilia in der Tasche, für 125er-EM und -WM. Die kleinen Klassen waren für Papa Graziano – Beruf: Lehrer, Markenzeichen: hüftlanger Zopf – noch wenig respektabel. Nach Valentinos erstem 500-ccm-GP-Sieg schnitt er sich jedoch den Zopf ab: „Nun ist er für mich ein ganzer Mann.“

ROSSI UND DIE FORMEL 1

Als Valentino Rossi in der MotoGP-WM von Sieg zu Sieg eilte, lockte ihn Ferrari-Chef Luca di Montezemolo jedes Jahr mindestens einmal zum Formel-1-Test nach Maranello. Die Diskussion war nie so ernsthaft wie Anfang 2006, als Rossi beim allgemeinen F1-Test in Valencia mitmachen durfte. Er blieb dabei nur 1,4 Sekunden hinter der Bestzeit Fernando Alonsos (und sieben Zehntel hinter Michael Schumacher), worauf Italiens Sportmedien sich mit Mutmaßungen überschlugen. Es drehte sich nur noch um zwei Fragen: Wann unterschreibt er bei der Scuderia Ferrari? Und kriegt er 35 Millionen Gage oder nur 30? In Wirklichkeit hätte Spaßvogel Rossi im spaßbefreiten F1-Paddock keinen Tag überlebt. Und echte Gefahr, dass er wechseln würde, bestand nie: Trotz unbestreitbarem Talent ist Rossis Genie auf zwei Räder beschränkt. Schlagzeilen machte er mit realen automobilen Darbietungen selten: fünf Siege bei der Monza-Rallye, die eher ein Show-Event ist; Platz 3 auf Ferrari bei einem Langstreckenrennen 2009 in Vallelunga. 2007 verschlief Rossi beim Australien-GP am Sonntagmorgen und brauste auf dem Weg zur Rennstrecke mit überhöhter Geschwindigkeit ins Radar. Damals verlor er sogar die Fahrerlaubnis, netterweise nur für Australien.

Wissenstransfer: In einer Truppe namens VR46 Academy hegt Valentino Rossi Talente, etwa seinen Halbbruder Luca Marini und Moto2-WM-Leader Franco Morbidelli.

DAS HERZ AUF DER ZUNGE

Rossi gilt nicht nur als populärster Motorradrennfahrer: Er brilliert auch mit Schlagfertigkeit. Weil er das Herz auf der Zunge trägt, geraten Statements bisweilen wenig politisch korrekt. So lautet die Antwort, ob er seinen Rivalen Marc Márquez mit drei Worten beschreiben könne, dann auch „small f***ing bastard“. Und seine Antwort auf die Frage, ob er Mitglied im Mile High Club sei und also bereits einmal im Flugzeug unehelichen Pflichten nachgekommen sei: „No. But something more easy.“ Rossi ist jedoch auch zur Selbstironie fähig: Als seine langjährige Liebesbeziehung mit Model und TV-Moderatorin Linda Morselli zerbrach und Linda 2016 eine Liaison mit Formel-1-Star Fernando Alonso einging, kommentierte er das so: „Linda hat den Sprung in die Formel 1 geschafft, ich nicht.“

VALENTINO ROSSI IN ZAHLEN

Geboren: 16. Februar 1979
1991: erster Start Minibike
1995: italienischer Straßenmeister (125 ccm)
1996: erster WM-Start GP Malaysia (125 ccm), erster Sieg GP Tschechien (125 ccm)
2003: neun Siege in der MotoGP-WM, in den weiteren sieben Rennen auf dem Podest
2017: bislang letzter Sieg in Assen – 7616 Tage nach der Premiere in Brünn
1996 bis 2017 gesamt (Stand nach Assen): 356 GP-Starts (Rekord), 115 Siege, insgesamt 225 Podestplätze, neun WM-Titel (125 ccm 1997, 250 ccm 1999, 500 ccm 2001, MotoGP ’02/03/04/05/08/09)
Seine Marken: 1996-1999 Aprilia; 2000-2003 Honda; 2004-2010 und ab 2013 Yamaha; 2011 und 2012 Ducati

KÜR & PFLICHT

Spektakuläre Rennen sind das eine, doch Rossi unterhält seine Fans auch in den Auslaufrunden mit Gags, die nicht selten die Siegerehrungen durcheinanderbringen. 1997 herzte Rossi in Mugello eine aufblasbare Blondinen-Puppe – eine Spitze gegen Max Biaggi, der damals kühn behauptete, er habe eine Affäre mit Naomi Campbell. 2002 postierte Rossi in Mugello zwei als Carabinieri verkleidete Kumpel auf der Auslaufrunde am Ende der Zielgeraden, die Vale mit der Kelle stoppten, ihm ein Strafmandat ausstellten und ihm sogar Handschellen und Fußfessel anlegen wollten. Ein Vorwurf: überhöhte Geschwindigkeit.

Training at the MotoRanch 🎥by @gopro #GoProKarma

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WIE GUT IST ROSSI WIRKLICH?

Hält ein Motorradrennfahrer zwei Jahrzehnte lang die maximale Flughöhe, während die Gegner bisweilen nach zwei, drei Jahren verglühen, bedarf es einzigartiger Qualitäten. „Keiner fährt in der letzten Runde so schlau und schnell“, ist sein langjähriger Crew Chief Jeremy Burgess überzeugt. Rossi hat in 356 GP-Rennen 115 Siege, aber nur 64 Pole-Positions erreicht. Deshalb sagt Honda-Pilot Cal Crutchlow: „Vale ist ein race day man.“ Rossi lebt nach dem Motto: Work hard, play hard. Er trainiert intensiv, gilt als begabter Entwickler, fährt auf jeder Strecke schnell, bei Regen und Trockenheit. Der „analoge“ Rossi, der die Rutschgrenze stets mit seinem Hintern erahnte, nimmt es immer noch mit jungen Fahrern auf, die mit elektronisch gesteuertem Gasgriff, Traction Control und Launch Control aufgewachsen sind und deshalb ihre Motorräder viel aggressiver bewegen. Verletzt hat Rossi sich auf der Rennstrecke erst einmal ernsthaft: Mugello 2010, Schien- und Wadenbeinbruch im Training. Sechs Wochen später holte er beim deutschen WM-Lauf Platz 4 – und hat somit in 22 WM-Jahren nur in drei Rennen gefehlt.

Im Hinterland von Rossis Ranch in Tavullia (bei Rimini): ein staubiger Spielplatz fürs Besserwerden

SIEGER MACHT SIEGER

Der Ort Tavullia nahe der Rennstrecke von Misano ist Rossis Wohnort, zuvor berühmt wegen einer Schlacht im Zweiten Weltkrieg. Auf seiner Motor Ranch parken an die 100 Offroad-Bikes, mit denen Rossi unter dem Titel VR46 Academy Nachwuchsfahrer trainiert. (Er leitet und besitzt zwei GP-Teams in den Klassen Moto3 [mit KTM] und Moto2 [mit Kalex].) Ein Nebengebäude der Kirche firmiert als Hauptquartier des offiziellen Rossi-Fanclubs, Merchandising-Verkauf und Ausstellung inklusive.

Die Startnummer als liebevolle Geste: Mit der „Quarantasei“ hat einst Valentinos Vater Graziano seinen ersten Motorrad-Grand‑Prix gewonnen.

In einigen Jahren will Rossi in Tavullia ein offizielles Museum eröffnen, wie es Marc Márquez in Cervera gemacht hat und Jorge Lorenzo in Andorra. Wer Rossis Heimatort besucht, ahnt, warum der selbst als Weltmeister nie mit der Nummer 1 antreten wollte. Die gelbe 46 – die Startnummer, mit der Valentinos Vater 1979 seinen ersten (von drei) Grand Prix gewonnen hatte – hängt von der Ortseinfahrt weg an jedem Gartenzaun, an jeder Laterne, prangt auf Autos und Vespas, selbst die Kirche ist mit der 46 punziert. Auch unter dem Ortsschild prangt die 46 – an dieses Limit hält sich hier aber keiner. In der VR46-Academy-Gruppe betreut Rossi auch seinen Halbbruder Luca Marini, 20, und den 22-jährigen Moto2-WM-Leader Franco Morbidelli, den Rossi einen Freund nennt: „Er hat ein riesiges Potential. In dieser Moto2-Saison hat er schon viel von seinem Können gezeigt. Wenn er in die MotoGP-WM kommt, ist er für alle Gegner ein Problem.“

LIEBESBRIEF

Für Rossi ist der Motorradsport vor allem Leidenschaft – und sein Zweirad mehr als ein Haufen Leichtmetall mit viel Carbon. Er hält in der Box regelmäßig Zwiesprache mit seinem Gefährt, meist unbeobachtet am Abend, wenn die Box entvölkert ist. M1 heißt die MotoGP-Rennversion von Yamaha, und Rossi sprach „vom Ende einer wunderschönen Liebesbeziehung“, als er Yamaha nach der Saison 2010 den Rücken kehrte und zu Ducati ging. Nach sieben Jahren und vier Titeln hinterließ Rossi einen handgeschriebenen Liebesbrief. Zitat gefällig? „Leider gehen auch die prächtigsten Lovestorys eines Tages zu Ende. Aber es bleiben unvergessliche Erinnerungen zurück, die uns niemand nehmen kann. Zum Beispiel an den Großen Preis von Südafrika 2004 in Welkom, als meine M1 und ich den ersten Kuss ausgetauscht haben, im Gras neben der Piste, sie hat mir direkt und aufrichtig in die Augen geblickt und geseufzt: ‚Ich liebe dich!‘“ Rossi hatte damals gleich sein erstes Rennen auf der Yamaha M1 gewonnen. Jetzt will Vale diesen Liebesbrief auf eBay versteigern, zugunsten wohltätiger Zwecke.

THE DOCTOR

SPITZNAMEN hat Valentino Rossi einige, darunter VALENTIK (in Anlehnung an Paperinik, das Superhelden-Alter-Ego von Donald Duck), ROSSIFUMI (aus Verehrung für den wegen seines kühnen Fahrstils bekannten und 2007 verunglückten Rennfahrer Norifumi Abe) und GOAT (Greatest of All Time). Am populärsten ist zweifellos IL DOTTORE oder, wie es kunterbunt auf Rossis Lederzeug prangt, THE DOCTOR. Der Hintergrund ist landestypisch: In Italien promoviert man in der Öffentlichkeit zum „Dottore“, wenn man etwas exzellent beherrscht. Eine willkommene Gelegenheit jedenfalls für die Universität von Rossis Geburtsstadt Urbino, ihm 2005 ein Ehrendoktorat für Kommunikation und Publicity zu verleihen.

 

DAS GEHEIMNIS DER BELIEBTHEIT 

Was verbirgt sich hinter der Fassade des coolen Schräglagenkönigs? Bodenständigkeit. Rossi ist volksnah, auch wenn er im gemieteten Jet zu den Rennen einschwebt und sich mit Sonnenbrille und Kapuzen-Hoodie tarnt. Er liebt seine Fans, verwöhnt sie richtig, arbeitet dafür. 2010 wandte er sich – tags zuvor hatte er sich im Training in Mugello Schien- und Wadenbein gebrochen – am Renntag vom Krankenbett aus über den Streckensprecher an die 100.000 Zuschauer. Er weist ungern Fans ab, posiert ständig für Selfies, kritzelt ausdauernd Autogramme. Bei den Rennen beantwortet er geduldig seltsamste Reporterfragen, ist selbst im Paddock freundlich – zu Mechanikern und Nachwuchspiloten. Deshalb dominiert Rossi auch die sozialen Medien: 14 Millionen Freunde auf Facebook und fünf Millionen Follower auf Twitter machen ihn zur Nummer eins unter Italiens Sportstars, auf Instagram (vier Millionen Follower) übertreffen ihn in seiner Heimat nur die Fußballer Mario Balotelli und Andrea Pirlo.

Monza Rally Show 2016 Beautiful moments after the Race Great shot from Tino Martino

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VIEL FEIND, VIEL EHR

Sich mehr als 20 Jahre an der Spitze zu halten verlangt speziellen Triebstoff – bei Rossi sind es auch penibel gehegte Animositäten gegenüber anderen Fahrern. Gegen den Australier Casey Stoner waren es permanente Bosheiten über divergierende Ansichten zum Thema Ducati (Stoner war damit erfolgreich, Rossi nicht). Das innigste Psychomatch entspann sich mit seinem Teamkollegen Jorge Lorenzo, der 2008 nach zwei 250-ccm-WM-Titeln zum Yamaha-Werksteam stieß. Rossi betrachtete den Spanier als lästigen Eindringling, der seine Vormacht bedrohte, und bestand deshalb auf der exklusiven Nutzung der siegreichen Bridgestone-Reifen – Lorenzo bekam nur das Konkurrenzprodukt. Zudem ließ Rossi in der Yamaha-Box eine Mauer zwischen sich und Lorenzo aufrichten, gegen Ideentransfer. Manchmal schreckte Rossi auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurück. Nach dem 500-ccm-GP in Barcelona 2001 (Rossi siegte 2,5 Sekunden vor Max Biaggi) kam es auf dem Weg zum Podest zu einem Wortgefecht mit Biaggi. Rossi brachte einen Faustschlag an, Biaggi erlitt eine Platzwunde unter dem Auge. „Ein Moskitostich“, verniedlichte Biaggi es gegenüber Journalisten. 

Die vielleicht letzte Chance, Valentino Rossi live in Österreich zu erleben – am besten auf dem Fan Club Valentino Rossi Grandstand
Spielberg: 11. bis 13. August 2017

2015 kämpfte Rossi erneut gegen seinen Yamaha-Teamkollegen Lorenzo um den Titel. Beim drittletzten Rennen in Australien war er der Ansicht, der längst chancenlose spanische Champ Marc Márquez leiste seinem Landsmann Lorenzo durch inaktive Fahrweise Schützenhilfe. Márquez tat im nächsten Rennen in Sepang tatsächlich nur das Nötigste, worauf Rossi ihn auf den schmutzigen Teil der Strecke bugsierte und der Spanier stürzte. Nach einem Beinstoß Rossis oder ohne – das ließ sich nicht zweifelsfrei feststellen, doch Rossi wurde im finalen Saisonrennen auf den letzten Startplatz strafversetzt – und verspielte den Titel gegen Lorenzo um fünf Punkte.

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09 2017 The Red Bulletin

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