American Gods' "Mr. Wednesday", Ian McShane, im Interview

Ian McShane: Sieht so ein Gott aus?

Interview: Holger Potye
Foto: Amazon Prime, Starz
 

Der britische Charakterdarsteller Ian McShane im Gespräch über Religion, Politik, Fußball und sein neuen Job als alter Gott in der hochgelobten TV-Serie „American Gods“.

Er spielte einen fluch-affinen Saloon-Besitzer in „Deadwood“, einen tödlichen Freibeuter in „Pirates Of The Caribbean: On Stranger Tides“, einen Killer in John Wick, und einen zum Pazifisten mutierten Söldner in Game Of Thrones. Jetzt versucht sich Ian McShane als alter nordischer Gott, oder ist er am Ende nur ein göttlicher Schwindler? 

Eines steht jedenfalls fest: Er hinterlässt einen bleibenden Eindruck in seiner neuen Rolle als Mr. Wednesday in der neuen TV-SerieAmerican Gods“ von Starz/Amazon Prime. Sie basiert auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Neil Gaiman. Wir haben mit McShane über sein Leben als Gott gesprochen, und wollten zudem von ihm wissen, warum sich Manchester United seiner Meinung nach unbedingt Marco Reus schnappen sollte.

THE RED BULLETIN: „American Gods“ ist kein leicht zu verfilmendes Buch. Es gibt wahnsinnig viele Schauplätze und jede Menge Götter. Für welches Genre hat man sich in der TV-Adaptation entschieden?

IAN MCSHANE: Es war nicht leicht, den richtigen Ton für die Serie zu finden. Es ist keine ”Zauber“-Serie – kein Harry Potter. Es ist kein Cop-Thriller, kein Western – es ist alles anders. Im Grunde lässt sich die Serie mit nichts vergleichen. Es dreht sich um diesen Typen – er heißt Shadow –, der aus dem Gefängnis entlassen wird und kurz darauf auf einen alten Kerl trifft, der sich Mr. Wednesday nennt  – das wäre meine Wenigkeit. Er scheint charmant und charismatisch zu sein. Mr. Wednesday engagiert Shadow als Bodyguard und Chauffeur, und die beiden treffen auf ihrer Reise jede Menge seltsame Gestalten. Man ahnt, dass hinter meiner Figur mehr stecken muss. Shadow wird übrigens von Ricky Whittle gespielt, den ich sehr schätze.

Zu Beginn der Serie lernen wir Sie als Mr. Wednesday kennen. Am Ende finden wir heraus, dass sie tatsächlich eine alte Gottheit sind. 

Ja, die Auflösung kommt in einem magischen Moment am Ende der ersten Staffel. Aber Mr. Wednesday bleibt in gewisser Weise trotzdem er selbst. Es geht ihm darum, dass Shadow wieder anfängt, an sich selbst zu glauben. Eine Grundaussage von „American Gods“ ist: ‘Wenn du an etwas glaubst, kannst du damit Dinge ins Rollen bringen.’ Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder von uns außergewöhnliche Dinge machen könnte. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass wir nur einen Teil unseres Gehirns nutzen. Ich glaube, da wäre viel mehr möglich. Man kann aber jetzt schon – indem man fest an sich oder an etwas glaubt – Dinge beeinflussen. Du kannst ein besserer Mensch werden, oder ein schlechterer. Außergewöhnliche Dinge können in deinem Leben passieren. Meine Figur, Mr. Wednesday, engagiert Shadow, damit er ihn bei seinem größeren Plan unterstützt. In Wahrheit will er als alter Gott die neuen Götter bekämpfen. Ein Journalist hat mich gefragt, ob „American Gods“ anti-religiös wäre? Das Gegenteil ist der Fall. In der Show dreht sich im Grunde alles um das Thema Glaube. Es geht darum, dass wir an etwas glauben sollten – wobei es egal ist, an was man glaubt.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Nein, aber ich glaube an gewisse Dinge. Ein absoluter Zyniker hätte sehr wenig, worauf er sich im Leben freuen kann, finden sie nicht? Als wir „American Gods“ gedreht haben, passierten zwei unglaubliche Dinge: England stimmte für den Brexit und Trump kam an die Macht. Beides ist kein direktes Thema in unserer Serie, aber in gewisser Weise halten wir beiden Ereignissen einen Spiegel vor. Denn auch bei uns wird aufgezeigt, dass sich die Welt manchmal wieder zurückentwickelt. Nehmen wir zum Beispiel Trump. Dieser Kerl hat absolut keinen Respekt vor irgendetwas. Möglicherweise ist er auch „nur“ absolut überfordert. Fest steht: Er wird diesen Job nicht lange machen. Er ist also nur ein temporäres Problem. Dinge verändern sich. Das liegt in ihrem Wesen. Was wir gerade erleben, ist ein Schritt rückwärts für unsere Gesellschaft. Das ist auch die Botschaft, die Mr. Wednesday in der Serie predigt: Wir glauben, wir machen einen Schritt nach vorne in dieses wundervolle neue Technologie-Zeitalter.  

Aber tatsächlich …

Tatsächlich ist es ein Rückschritt. Wir laufen wie Dronen herum und füttern unsere Smartphone-Displays. Niemand ist mehr wirklich im Hier. Wie wäre es, wenn wir einen Schritt zurück machen und uns wieder unserer Wurzeln besinnen? Was war so falsch daran, dass die Menschen in alten Zeiten den Frühling personifizierten und als Gottheit verehrten? Ich rede jetzt nicht davon, dass Jesus der Oster-Göttin ihren Job weggenommen hat, als er zu Ostern wiederauferstanden ist – wie es in der Serie angedeutet wird. (Lacht.) Aber es ist lustig, mit diesen Ideen herumzuspielen. In der Bibel heißt es: ‘Du sollst nur einen Gott haben.’ Aber was ist verkehrt daran, wenn man verschiedene Götter hat? Wenn man zu jeder Menge kleiner Statuen betet, die für verschiedene Bereiche zuständig sind. Wir reden hier von Dezentralisierung. Was ist so verkehrt an der Idee? Unser Leben ist oft leer und mechanisch. Warum sollten wir nicht ein bisschen Farbe reinbringen? 

Mr. Wednesday bringt also Farbe in unser Serien-Leben?

Ja, allerdings ist er genauso unberechenbar, launisch und selbstverliebt wie die neuen Götter, gegen die er in den Krieg zieht. Zu seiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass man mit ihm definitiv mehr Spaß haben kann. Für unsere Drehbuchautoren war es eine große Herausforderung, nicht zu viel zu verraten. Der Zuseher wird wissenstechnisch – wie die Hauptfigur Shadow – an der kurzen Leine gehalten.  

Wie schafft man den Spagat?

Ich glaube, die Prolog-Szenen am Anfang waren eine geniale Idee. Die erste Episode beginnt mit einer Wikinger-Sequenz. Sie landen in Amerika und kommen wegen der Windflaute von dort nicht weg, bis sie beschließen ihre alten Götter zu beschwören. Die zweite Folge beginnt auf einem Sklavenschiff. Dort lernen wir den afrikanischen Spinnengott Anansi kennen. Die Prolog-Szenen sind essentiell für die Stimmung und die Richtung der Serie, auch wenn sie sich dem Zuseher vielleicht erst etwas später eröffnen. 

Ian McShane

AMERICAN GODS...

Eine wichtige Lektion, die Sie im Leben gelernt haben?

Man sollte nichts zu ernst nehmen. Klar, ich nehme meine Arbeit ernst, wenn ich am Set bin. Aber den Rest? Wie kann man heutzutage irgendetwas ernst nehmen? Die Welt, so scheint es, dreht sich im Moment wieder rückwärts. Aber ich bin ein positiver Mensch, kein Zyniker. Wobei ich mein Handwerk zugegebenermaßen etwas zynisch betrachte. Entertainment ist ein schräges Geschäft. Da braucht man auch Glück. Glück und Talent kommen stets in einem Paket. Das werden einige Leute wohl nie verstehen. Das Schöne an der derzeitige Situation ist, dass es viele Jobs für Schauspieler, Regisseure und Drehbuchschreiber gibt. Das liegt daran, dass momentan viele hochwertige TV-Serien weltweit produziert werden. Man muss nur einen Blick auf Europa werfen: Deutschland, Frankreich, Spanien, Dänemark, die Niederlande – alle produzieren gute Geschichten fürs Fernsehen.

Daran sind wohl auch ein bisschen die „neuen Götter“ Netflix und Amazon Prime schuld.

Genau das meine ich. Sie bieten Drehbuchautoren ein Umfeld, das es früher so nicht gegeben hat. „American Gods“ läuft in den USA auf Starz und in Europa bei Amazon Prime. Die großen Streaming-Dienste bauen sich ein Content-Imperium auf. Der moderne Konsument streamt was und wann er will. Wir befinden uns gerade auf einem Höhepunkt der TV-Serien-Kultur. Eines Tages wird diese Phase auch wieder enden. Das Goldene TV-Zeitalter kann nich ewig währen.

Sind Sie da sicher?

Man kann diese hohe Frequenz auf Dauer wohl nicht halten. Momentan werden, glaube ich, 450 TV-Shows produziert.

Führen Sie eine „To Do“-Liste? Dinge, die Sie unbedingt noch machen möchten?

Nein. Das ist nicht meine Art. Ich bin keiner, der sagt: „Ich muss auf meine alten Tage zurück ans Theater und mich an einem alten Klassiker versuchen.“ So denke ich nicht. Ich probiere lieber spannende neue Projekte aus. 

Wie zum Beispiel ihr Gastspiel in der sechsten Staffel von „Game Of Thrones“?

Ja, das war eine einmalige Sache. Die Leute fragten mich: ‚Wirst du einen wiederkehrenden Charakter spielen?‘ Und ich sagte: ‚Nein. Ich will genau für eine Folge dabei sein. Für eine fixe Rolle bei GOT ist es mittlerweile viel zu spät. Diese eine Folge war perfekt für mich.‘ Aber die Rolle war äußerst interessant. Ich spielte einen ehemaligen Krieger, der sich zu einem Pazifisten weiterentwickelt hatte. Er wusste, er würde bald sterben. Sein Ziel, seine Aufgabe war es, den Charakter von „The Hound“ – er wird von Rory McCann gespielt – zu zeigen, dass es mehr im Leben gab als Krieg und Tod. Er zeigte ihm, dass nicht jeder Kerl in Westeros ein schlechter Kerl war. Mein Charakter hat dem „Hound“ seine Menschlichkeit zurückgegeben und ihn in der Serie neu etabliert.

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Sie sind Fußball-Fan. Ihr Lieblings-Team ist Manchester United – wie stets um die Mannschaft im Moment? Wie viel Potential hat sie?

American Gods Shadow Moon

Fangen Sie mir nicht damit an! Mein Vater spielte in den 50er Jahren für United. Ich hatte also von Kindheit an ein Naheverhältnis zu diesem Club. Alex Ferguson ist einer meiner besten Freunde. Ich bin ein echter Fußballnarr – geradezu fanatisch. Vor kurzem hat sich José Mourinho dafür entschuldigt, wie er mit Bastian Schweinsteiger umgegangen ist. (Lacht.) Wenn man ehrlich ist, muss man aber sagen, dass er bereits über seinem Zenit war, als er zu United kam. Schweinsteiger war aber früher ohne Zweifel ein ganz wunderbarer Spieler. Wenn sie mich fragen, sollte sich ManUnited um Marco Reus bemühen. 

Er ist ein großartiger Spieler.

Oh, er ist fantastisch, wenn sie mich fragen. Aber es gibt mittlerweile eine Menge junger Spieler, die ein enormes Potential haben. Was die Trainer-Situation betrifft: Mir wäre Jürgen Klopp für Manchester United lieber gewesen. Aber den hat sich Liverpool geschnappt. 
 

„American Gods“ startet am 30. April auf Starz in den USA und am 1. Mai auf Amazon Prime in Europa. 

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04 2017 The Red Bulletin

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