"Fluch der Karibik"-Neuzugang Javier Bardem im Interview

Javier Bardem: „Filme machen ist nur ein Job“

Interview: Rüdiger Sturm
Foto: Getty Images

Im neuen „Fluch der Karibik”-Film nimmt es Oscar-Gewinner Javier Bardem mit Johnny Depp auf. Doch eigentlich interessiert er sich mehr für reale Herausforderungen. Im Interview mit The Red Bulletin verrät er außerdem:
  • wer sein Vorbild ist
  • welche Charaktereigenschaften er bewundert
  • welche Macht er anbetet
  • was seine größte Tugend ist
  • warum jeder ein Schauspieler ist

Wenn Schauspieler streiten

Wie steht es wirklich um die heile Welt der „Fast & Furious 8"-Familie? Angeblich sollen sich Vin Diesel und The Rock überhaupt nicht ausstehen können ...

THE RED BULLETIN: Nachdem Sie bei den Piraten der Karibik angeheuert haben: Was kann man von Freibeutern lernen?

JAVIER BARDEM: Ich bin mir da nicht so sicher.

Wurden Sie nicht zumindest zum Schwertkampf-Crack?

Ja, das habe ich reichlich gemacht, obwohl ich eigentlich ziemlich tollpatschig bin. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass du einen Babyschritt nach dem anderen machen musst, bis du etwas wirklich Großes beherrschst.

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Sonst sind Piraten aber kein Vorbild für Sie?

Nein. Ein echtes Vorbild für mich war mein Vater, der starb, als ich 25 war. Der hatte ein schweres Leben, aber er war stark. Ich lernte ihn erst als junger Erwachsener kennen, denn meine Eltern hatten sich getrennt, als ich zwei war. Es war sehr wichtig für mich, seine Handicaps und seine Fehler zu verstehen, aber auch seine Vorzüge. So erfuhr ich, was man im Leben falsch machen kann und was richtig.

© YouTube // KinoCheck

Welche Charaktereigenschaften bewundern Sie bei einem Mann?

Wenn er alle anderen respektiert. Natürlich muss er sich 
Gehör verschaffen und seine Meinung sagen, aber er muss auch die Meinung der anderen anerkennen. Was ich auch bewundere, sind Menschen, die sich gegen widrige Umstände behaupten und Haltung bewahren, auch wenn sie ums Überleben kämpfen.

Nun müssen Sie ja nicht ums Überleben kämpfen. Worin bestehen Ihre Tugenden?

Das kann ich nicht sagen. Wenn ich was Positives sage, dann klopfe ich mir auf die Schulter. Ich will aber auch nichts Negatives von mir geben, denn dann klinge ich zu bescheiden.

„Ich bewundere Leute, die unter druck Haltung bewahren.“
Javier Bardem, 48, Ex-Rugbyspieler, Oscar-Preisträger, Bond-Bösewicht

Ach, sagen Sie doch was Nettes über sich …

Okay. Ich bin hoffentlich ein geduldiger Mensch, warte ruhig ab, wie sich Dinge entwickeln – oder nicht. Ich setze mich erst mit etwas auseinander, wenn es passiert. Das betrifft besonders Angelegenheiten, die wichtig sind.

Wie ist es um Ihren Mut bestellt? Der scheint ein Familienmerkmal bei Ihnen zu sein. Ihr Onkel musste ins Gefängnis, weil er antifaschistische Filme machte. Ihre Mutter, eine überzeugte Aktivistin, wurde bei einem Anschlag beinah ermordet.

Aber mir ist nichts dergleichen passiert. Doch ich bin politisch aktiv und versuche auf der humanitären Ebene so viel zu tun wie möglich. Ich erinnere mich aber noch, wie ich eine Dokumentation über „Ärzte ohne Grenzen“ drehte. Da war ich einen Monat in Äthiopien, und es gab einen Moment, in dem ich fragte: „Was kann ich tun?“ – Die Antwort: „Sind Sie ein Arzt?“ – „Nein.“ – „Sind Sie Krankenpfleger?“ – „Nein.“ – „Kennen Sie sich mit Logistik aus?“ – „Nein.“ – „Beherrschen Sie sonst irgendwas, was in der Wüste nützlich ist?“ – „Nein.“ – „Dann gehen Sie nach Hause und drehen Sie Filme. Denn wenn wir wieder zurückkommen, dann möchten wir uns die anschauen.“

Javier Bardem im Interview

Verlieren Sie nicht den Blick auf solche Probleme, wenn Sie sich in der Glamourwelt großer Filme bewegen?

Nein, denn ich weiß, dass das nur mein Job ist. Ich schätze mich glücklich, dass ich ihn habe, aber das ist nicht das wahre Leben.

Sie als Schauspieler sind also ein normaler Mensch wie jeder andere?

Jeder ist ein Schauspieler. Marlon Brando sagte: „Eine Rolle zu spielen ist ganz einfach. Das tun alle jeden Tag, um überleben zu können.“

Was machen Sie, wenn Ihr Job Sie nervt?

Dann schmeiße ich alle aus meinem Wohnwagen, sperre die Tür ab und sage: „Gebt Ruhe und lasst mich allein.“

Ernsthaft?

Eigentlich nein. Denn normalerweise habe ich eine super Zeit. Aber wenn ich mal ausspannen will, dann höre ich Metallica. Vor ein paar Monaten habe ich sie live in Bogotá gesehen – großartig!

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Sie sind doch Springsteen-Fan? Bei einem Konzert in Madrid hielten Sie mal die Einführungsansprache.

Ja, aber das war eine üble Nummer, denn du sollst nicht vor abertausenden Menschen auftreten, die jemand ganz andern sehen möchten.

Gibt es etwas, was Sie vom Boss lernen können?

Klar. Ich hatte die Gelegenheit, ihn ein paarmal kurz zu treffen. Dieser Mann gibt alles – jedes Mal. Für ihn ist nichts selbstverständlich, und er bleibt seinen Überzeugungen treu. Das verleiht ihm eine einzigartige Energie, und die ist nach so vielen Jahren unverändert geblieben.

„Dieser Mann gibt alles – jedes Mal“ - Javier Bardem über Bruce Springsteen

© Youtube // BruceSpringsteenVEVO

Glauben Sie eigentlich an so etwas wie übersinnliche Energien, höhere Mächte?

Nein. Kurz vor dem Tod meines Vaters konnte ich noch mit ihm sprechen. Ich sagte ihm: „Kannst du bitte an meinem Geburtstag in einem Jahr vorbeischauen und mir sagen, was da so los ist?“ Aber das tat er nicht. Nachdem mein Vater ein netter, höflicher Mensch war, hätte er kommen sollen. Das kann nur bedeuten: Da draußen gibt es nichts.

Es gibt allerdings eine Macht, die Sie anbeten …

Mein Mantra ist und bleibt: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an Al Pacino.“

Warum eigentlich?

Nur ein Beispiel: die Szene in „Der Pate“, als er aufbricht, den Gangster und den Polizisten im Restaurant zu töten. Er ist völlig unbewegt. Aber aus seinen Augen und seiner Körpersprache liest du jeden Gedanken ab, der ihm durch den Kopf geht. Er ist völlig in dieser Energie aufgegangen. Und alles, was du denken kannst, ist: „Wie um alles in der Welt hat er das gemacht?“

 

„Pirates of the Caribbean: Salazars Rache“ kommt ab 26. Mai in die Kinos.

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06 2017 The Red Bulletin

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