Neil Patrick Harris im Interview

Neil Patrick Harris: Durch und durch durchtrieben!  

Interview: Holger Potye
Foto: Getty Images/ Christopher Polk/NBC

Der Hollywoodstar wechselt erstmals nach „HIMYM“ wieder ins Serien-Genre. Er gibt den fiesen Grafen Olaf in Netflix’s neuestem TV-Hit „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Im Interview spricht der Publikumsliebling über seine dunklen Seiten.

THE RED BULLETIN: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ ist eine äußerst düstere TV-Show für Kids und Erwachsene. Für all das Böse sind alleine Sie, bzw. ihr Charakter Graf Olaf, verantwortlich.  

NEIL PATRICK HARRIS: Regisseur Barry Sonnenfeld hat mit mir besprochen, wie er sich die Serie vorstellte. Er hatte eine äußerst düstere Welt entworfen - und das bis ins kleinste Detail. Das Ganze hatte etwas Unwirkliches, es war beinahe so, als ob man in eine Cirque De Soleil-Vorstellung gehen würde. Wenn man eine gute Zirkus-Vorstellung sieht, ist das so, als würde man sich an einem magischen Ort befinden. Ein zentraler Bestandteil von Barrys magischem Ort also seiner neuen Serie, war die Dunkelheit. Und all das Fiese und Böse musste von Olaf kommen.

Der Graf, den ich spiele, ist der Quell der Finsternis. Alles ist nur glaubwürdig und funktioniert nur dann, wenn die Waisenkinder wirklich Angst vor ihm haben. Wenn er auch nur einen Funken Reue oder Gewissen in sich tragen würde, dann würde sich der Zuseher fragen, warum die Kids nicht einfach davon laufen. Sie müssen ihn also fürchten. Wenn Graf Olaf den kleine Waisenjungen Klaus also ohrfeigt, dann tut er das so stark, dass er zu Boden fällt. Er zeigt dabei keinerlei Regung. Das ist das Rezept. Man muss furchteinflösend sein, um als echter Bösewicht durchzugehen. Ich habe mich auf diese Herausforderung gefreut. 

„Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ läuft seit 13. Januar auf Netflix.

© YouTube // Netflix US & Canada

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Sind Sie der geborene Bösewicht?

Auf gewisse Weise hat mir die Rolle extrem viel Spaß gemacht. Sie war sogar irgendwie befreiend. Der Grund dafür war, dass ich mir überhaupt nicht ähnlich sehe. Wenn ich mich nicht hinter den Masken verstecken hätte können, hätte ich mir wesentlich schwerer damit getan, ein komplettes A****loch zu sein. Wenn ich wie ich selbst ausgesehen hätte, wäre es mir nicht gelungen, wirklich böse zu sein. Aber als Olaf konnte ich alle Hemmungen über Bord werfen.

Nachdem sie so viel Zeit mit Olaf verbracht haben, war es da einfach, den bösen Grafen nach einem langen Arbeitstag am Set zu lassen. Oder haben Sie Olaf auch mit nach Hause zur Familie gebracht?

Meine Familie lebt in New York und unser Set war in Vancouver. Also konnte ich mit meinen Kindern nur über Videotelefonie kommunizieren. Das war allerdings ein bisschen krass, weil ich oft noch in Bösewicht-Montur war, als ich anrief. Ich sah also wie ein Monster aus, während ich ihnen eine gute Nacht und süße Träume wünschte. Aber hey, ich liebe meinen Job. Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Angefangen habe ich mit 13 Jahren. Ich habe also schon einiges gesehen. Wenn du die Chance bekommst, einen auf Machiavelli zu machen, ist das ein Geschenk für jeden Schauspieler.

A Series of Unfortunate Events

Neil Patrick Harris alias Graf Olaf in „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“

© Joe Lederer/ Netflix

Graf Olaf ist als Charakter extrem überzeichnet. Wie schafften Sie es, am Set ernst zu bleiben?  

Das ist das Schöne an diesem Geschäft: Du kannst Dinge am Set ausprobieren. Olaf führt viele Monologe in der Serie. Er liebt es, seine eigene Stimme zu hören und hochtrabend daherzuplappern. Es gab einige lustigen Szenen. In einer knabberte ich zum Beispiel gerade an einem Cup Cake und malte mir zugleich die schrecklichsten Zukunfts-Szenarien für die Waisenkinder aus. Mein Mund war voller Kuchenkrümel, ich sabberte wie ein alter Mann und versuchte trotzdem meinen Text aufzusagen, obwohl auf meinem halben Gesicht Schokolade und Keksteilchen verteilt waren. Es war verdammt schwer für die Kids, da nicht loszulachen.   

Haben Sie ihren eigenen Kinder die Serie gezeigt? Oder sind sie noch zu jung?

Sie sind wohl noch ein bisschen zu jung. Sie haben die ersten beiden Folgen gesehen und es hat ihnen gefallen. Dazu muss ich aber sagen, dass sie mich am Set besucht haben und all die anderen Schauspieler kannten. Daher waren sie wohl weniger erschrocken. Für mich war es spannend zu sehen, was sie lustig fanden. Und ob sie sich vor Lachen auf die Schenkel klopfen würden oder mit einem leichten Trauma nach Hause gehen. Am Ende des Tages lag die Wahrheit in der Mitte, was ich gut finde.

„Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ wurde vom Streaming-Dienst Netflix als seine erste „Four Quadrant Show“ bezeichnet. 

Das heißt, dass man den “Jurassic Park-Effekt erzielen möchte. „Jurassic Park“ funktionierte für Kinder und für Erwachsene. Es war für beide Zielgruppen etwas dabei. Wenn man so will, ist das die Jim-Henson-Schule des Denkens. Man kreiiert Inhalte, die auf verschiedenen Ebenen funktionieren. Es gibt also jede Menge Wortwitz, der perfekt für Erwachsene ist, den Kinder aber noch nicht verstehen. Auf der anderen Seite gibt es auch viel physischen Humor, der perfekt für die Kids ist. Meine ideale Zielgruppe wäre die Comic Con-Community, meine “Dr. Horrible“-Fans. Ich denke, für sie ist meine neue Serie perfekt.

Another of Count Olaf's many disguises: Introducing the very handsomer Stefano. #seriesofunfortunateevents

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Die wichtigste Lektion, die Sie bisher in ihrem Leben gelernt haben, lautet …

Höre nie damit auf dich zu entwickeln! Höre nie damit auf zu lernen! Die uninteressantesten Leute sind jene, die nicht mehr bereit sind sich zu verändern. Klar ist es leicht für mich, das zu sagen, da mein Beruf als Schauspieler beinhaltet, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und sich ständig zu verändern. Ich versuche möglichst oft Rollen zu finden, die mich dazu zwingen, etwas Neues auszuprobieren. Ich mag das Gefühl einer drohenden Niederlage nicht, aber was ich daran schätze, ist, dass du aus solchen Situationen immer lernen kannst, egal ob du gewinnst oder verlierst.

Es ist also wichtig, immer wieder die eigene Komfortzone zu verlassen.

Es ist wichtig, deine Komfortzone zu erweitern und stets dazuzulernen. Deshalb sollten wir auch viel auf Reisen gehen - einfach nur um andere Lebensweisen kennen und respektieren zu lernen. Wir denken ja meistens, dass unsere Art zu leben die einzig richtige wäre. Eine Lektion, die ich meinen sechs Jahre alten Zwillingen so oft wie möglich einimpfe, ist: Respektiert die Vielfalt, das Anderssein.

Wie alt waren Sie, als Sie wussten, dass Sie Entertainer-Qualitäten besitzen?

Ich würde sagen, das wusste ich schon, als ich noch ein kleines Kind war. Ich bin in einem Kaff in New Mexico aufgewachsen und war immer der kleine Bub, der lieber gesungen hat, als auf dem American-Football-Feld seine Runden zu drehen. Für die meisten Pubertierenden wäre es unglaublich peinlich gewesen, mit Sopran-Stimme bei der Theateraufführung zu singen. Denn dann warst du kein harter Kerl. Aber mir war das egal. Ich sang in Schulaufführungen und ich sang in Kirchenchören. Kurz: Ich fühlte mich schon relativ bald zu Film und Fernsehen hingezogen.

Ihr Charakter Barney in „How I Met Your Mother“ war ein Publikumsliebling. War es schwierig, danach neue Rollen zu bekommen, die nicht Barney-lastig waren?

Das Schöne an Barney ist: Er war ein gutaussehender Kerl, der einen Anzug trug und der Höhepunkt jeder Party war. Er war der perfekte Kumpel in der Serie. In seiner Version würde selbst aus einem absolut faden Abend eine geniale Nacht werden. Er konnte Niederlagen in Siege verwandeln. Für mich hat sich Barney nie wie eine Karikatur angefühlt, selbst wenn er sich lächerlich benommen hat. Er hatte einfach diesen genialen Spirit, den nur ganz wenige Charaktere haben. Ich würde mich also niemals von ihm befreien wollen. 

Inwiefern hat die Rolle von Barney ihr Leben verändert?

Sagen wir einmal so: Ich werde in Bars immer noch oft auf einen Drink eingeladen.

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01 2017 The Red Bulletin

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