Oliver Stone über Edward Snowden

Oliver Stone: Regisseur & Provokateur

Interview: Rüdiger Sturm
Fotos: Pamela Littky

Oliver Stone hat wieder zugeschlagen. Mit „Snowden“ setzt der Kultregisseur dem berühmten Whistleblower ein provokatives Denkmal.

Der 69-jährige Regisseur Oliver Stone (Platoon, Wall Street, JFK - Tatort Dallas) sprach mit The Red Bulletin über seinen neuesten Film,  die lebenslange Suche nach Wahrheit und den Kampf gegen Ungerechtigkeit.

 

In diesem Artikel erfährst du …

  • was du von Edward Snowden lernen kannst
  • mehr über die private Seite von Oliver Stone
  • Details über seine Erfahrungen beim Militär
  • mehr über seinen kontroversesten Filme

© Youtube // KinoCheck

THE RED BULLETIN: Was kann man von Edward Snowden lernen?

OLIVER STONE: Klarheit. Ein bewundernswertes Maß an Konzentration. Ein stark ausgeprägtes Gewissen. Und Liebe. Die meisten wissen nicht, dass er seit zehn Jahren mit seiner Freundin Lindsay Mills zusammen ist. Dank ihr hat er sich seine menschliche Seele bewahrt. 

Können Sie mit diesen Qualitäten etwas anfangen?

In dem Alter war ich bei weitem nicht so reif. Ich hätte das mit 29 nie tun können.

Was wir von Edward Snowden lernen können?
Klarheit. Und Liebe.

Aber inzwischen kennt man Sie als einen der mutigsten Filmemacher der Welt, der das US-System immer wieder kritisiert und herausgefordert hat. 

Trotzdem würde ich mich nicht mit Snowden vergleichen wollen. Es hat gedauert, bis ich mein Bewusstsein so richtig erweitert hatte. Zum Beispiel habe ich zunächst nicht gegen den Vietnamkrieg protestiert. Ich musste erst mal einen klaren Kopf kriegen. Erst zwischen fünfzig und sechzig wurde ich so richtig aktiv. Ich ging aufs College und begann die amerikanische Geschichte zu studieren, weil ich das Grundmuster erkennen ­wollte, das hinter der US-Politik steckt.

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Wie waren Sie als Kind drauf?

Ich war brav, kein Kind, das unmögliche Fragen stellte. Es gab einen Teil von mir, der Ungerechtigkeit verachtete, aber ich habe den nicht so richtig wahrgenommen­ und auch nicht ausgelebt. Ich war ein einsames Kind, fühlte mich wertlos. ­Deshalb wollte ich nur mit den anderen klarkommen und mich anpassen.

Immer?

In der dritten oder vierten Jahrgangsstufe gab es einen Jungen in meiner Klasse, der gemobbt wurde. Er war größer als alle anderen, so ein riesiges Gemüse, unbeholfen und ein schlichter Charakter. Ich mochte ihn nicht besonders, aber ich habe trotzdem auf ihn aufgepasst. Ich hielt einfach für falsch, was die anderen mit ihm anstellten. Als Konsequenz machte ich mich beim Rest der Klasse total unbeliebt. Aber seither setze ich mich für Außenseiter und Underdogs ein.

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Mochten Sie Ihre Schulzeit?

Würde ich nicht behaupten. Ich war in einer reinen Jungenschule. Diese Testos­teron-Umgebung förderte ein gnadenloses Konkurrenzdenken. Vielen der Kids hat man brutal mitgespielt. Das war ein bisschen so wie in „Herr der Fliegen“. Es gab die Champions, und den Typen am unteren Ende der Leiter trat man in den Hintern. Es war kein Spaß, das zu sehen.

Wo standen Sie in der Hackordnung?

Irgendwo in der Mitte. Ich habe mich ­unauffällig verhalten, mich um meine Angelegenheiten gekümmert. Diesen Rat hatte mein Vater mir gegeben. Und überhaupt meinte er: „Sag nie die Wahrheit!“ – das war seine wichtigste Lektion.

Im Lauf Ihrer Karriere taten Sie immer das glatte Gegenteil.

Weil ich diese ganzen Unwahrheiten statthatte. Ich dachte, meine Eltern seien glücklich verheiratet, und dann ließen sie sich scheiden, als ich sechzehn war. Als ich nach Vietnam ging, merkte ich, dass dieser Krieg das reinste Lügengebäude war. Seither machen mich Ungerechtigkeit und Lügen wütend.

„Ich hatte diese ganzen Unwahrheiten satt. Seither machen mich Ungerechtigkeit und Lügen wütend.“
Oliver Stone

Wie sind Sie im Krieg gelandet?

Nach meinem ersten Semester in Yale ging ich nach Saigon, wo ich an einer Schule Englisch unterrichtete. Daraus wurden sechs Monate – eine faszinierende Zeit. Die Schüler waren großartig, ich war da einer von den wenigen Weißen. Rückblickend betrachtet war es allerdings ganz schön gefährlich, denn damals wimmelte es dort schon von Vietcong-Einheiten. Denen hätte es gut ins Konzept gepasst, einen Lehrer zu killen. Als ich dann 1966 wieder in die Staaten zurückkam, bekam ich mein Leben nicht in den Griff. Deshalb ging ich zur Armee. 

Auch Edward Snowden wurde Soldat. Empfehlen Sie diese Erfahrung?

Nein. Amerika hat ein grundsätzliches Problem: Es verehrt das Militär. Der Wähler bekommt eingebläut, dass man hart sein muss. Nur in den USA werden Soldaten so gefeiert. Aber diese Haltung ist gefährlich. Keiner diskutiert, was wir in anderen Ländern angerichtet haben. Auf einer persönlichen Ebene kann ich hingegen sagen, dass Sie beim Militär viele gute und viele schlechte Menschen finden – wie im normalen Leben.

Sie scheinen psychisch und physisch ungeschoren davongekommen zu sein.

Ich habe überlebt, dank einer großen Portion Glück oder wie immer Sie das nennen wollen. Aber die Sache hätte übel ausgehen können. Es bestand immer die Gefahr, dass auch unsere Truppe so ein Massaker anrichtet wie in My Lai (Kriegsverbrechen der US-Armee 1968, bei dem 504 vietnamesische Zivilisten ermordet wurden; Anm.). An der Front ließ man dir alles Mögliche durchgehen. Ich habe das in „Platoon“ gezeigt. Aber ich habe meine Menschlichkeit bewahrt – dabei halfen mir die schwarzen Soldaten. Ich fuhr auf ihre Musik ab, ich rauchte mit ihnen Gras. Dank all dieser Erfahrungen begann ein Prozess, in dem ich mich zunehmend öffnete und eigenständig zu denken anfing.

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Was hätten Sie Ihrem inzwischen 31-jährigen Sohn gesagt, hätte er zur Armee gehen wollen?

Das wollte er auch. Mit siebzehn, achtzehn war er ziemlich unglücklich. Deshalb wollte er einen harten Mann aus sich machen und in den Irak gehen. Aber mir gelang es, ihn davon abzubringen.

Sie kämpfen jetzt zwar nicht mehr im Krieg, aber Sie werden ständig für Ihre unverblümten Ansichten attackiert. Wie kommen Sie mit diesen Angriffen klar? Indem Sie Gras rauchen?

(Lacht.) Ich führe ein ziemlich gutes ­Leben, weil ich Glück habe. Als Buddhist versuche ich immer, den gesunden Mittelweg zu finden, die innere Balance. Ich will nicht ständig in einem Büßerhemd herumlaufen und mich mies fühlen. Zu viel Trübsal macht dich nur zynisch. 

Hätten Sie vielleicht lieber ein einfaches Leben geführt? Ohne Schmerz – aber auch ohne tiefere Einblicke ins Leben?

Okay, stellen wir uns vor, ich wäre ein wohlgenährter Amerikaner aus Kansas City, der eine traditionelle Beziehung führt. Seine Existenz ist trotzdem schmerzvoll, nur weiß er es nicht. Denn er ist spirituell komplett tot, beschäftigt sich nur mit materialistischen Fragen. So ein Alltag wäre die Hölle auf Erden. Hätte ich mich nicht mit bestimmten Problemen auseinandergesetzt, hätte ich ein völlig nutzloses Leben geführt. Aber mein Leben sollte eine Bedeutung haben – spirituell, politisch, sozial, ökonomisch. Du musst aufwachen und ein Bewusstsein für die Welt entwickeln. Und dann kannst du nicht mehr ruhig leben. Das ist das Problem in Amerika. Viel zu viele Leute beschäftigen sich nicht mit Geschichte, sie leben in Disneyland oder auf einem Golfkurs. Ja, sie haben wirtschaftlich zu kämpfen, weil sie wollen, dass es ihnen materiell besser geht. Aber das ist das Einzige, woran sie denken. Sie machen sich nur um sich selbst Sorgen anstatt um den Rest der Welt.

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Aber was soll der machen, der nicht die Welt erfahren kann wie Sie?

Lesen hilft. Ich empfehle das Buch „The Untold History of the United States“, das ich mit Peter Kuznick (Professor an der American University in Washington, D. C.; Anm.) geschrieben habe. Sehr wichtig sind auch Denker wie Noam Chomsky oder Howard Zinn. Letztlich ist alles eine Frage der Bildung. In anderen Teilen der Welt, in Europa oder Asien zum Beispiel, sind die Bürger nach meinem Eindruck viel gebildeter. Sie wissen, dass es Wichtigeres gibt, als nur Geld zu verdienen.

Aber Sie haben doch selbst ziemlich gutes Geld verdient …

Das ist nicht der Grund, weshalb ich ins Filmgeschäft ging. Ich habe diese Laufbahn eingeschlagen, weil ich Geschichten erzählen wollte. Ich hatte auch keine Ahnung, dass aus der Branche so ein Milliarden-Business werden sollte. Das hat übrigens den Filmen an sich nicht ­geholfen, die wurden bloß schlechter.

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Sie meinten anfangs, für Edward Snowden war und ist die Liebe wichtig. Ist sie die Antwort auf alle Ungerechtigkeiten, so wie es im Poesiealbum steht?

Hoffen wir’s. Sie ist eine wichtige Eigenschaft, die wir immer im Auge behalten sollten. Aber manchmal führt sie dich in die Irre. Die Buddhisten sagen: Du musst die Welt und das Leben lieben, nicht nur eine Person. Denn wenn sich ein Paar nur auf sich selbst fixiert, ist das nur eine Form von Egoismus, die nicht auf die Dauer funktionieren kann. Menschen, die nicht im Gleichgewicht mit der Welt leben, werden mit ihrer Beziehung keinen Erfolg haben.

Sie sind mit Ihrer dritten Frau seit 1996 verheiratet. Eine glückliche Beziehung?

Meine Frau und ich haben – seelisch betrachtet – komplett unterschiedliche Standpunkte, aber wir kommen miteinander klar. Sie ist viel härter und kompromissloser drauf als ich, denn sie hat in Korea eine sehr schwierige Kindheit erlebt. Demonstranten in den USA, die ins Gefängnis wandern, sind für sie nur verweichlichte Muttersöhnchen.

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„Zumindest kann ich abends mit dem Gedanken einschlafen, dass ich das Richtige getan habe.“

Kann Ihr Kampf für Wahrheit und ­Gerechtigkeit jemals Erfolg haben? Oder müssen Sie auf ein besseres ­Leben im Himmel warten?

Himmel und Hölle liegen für mich auf Erden. Wir können unseren eigenen Himmel schaffen.

Indem wir was tun?

Wir haben die Verantwortung, unser Bewusstsein zu entwickeln. Das können wir schaffen. Ein ehrgeiziges Ziel, aber ein realistisches. Wir können auch anderen helfen – nicht, indem wir sie von uns abhängig machen, sondern sie lehren, sich selbst zu helfen. Letztlich läuft es immer auf diese altgriechische Weisheit hinaus: „Erkenne dich selbst.“ Das können wir auf Erden erledigen. Lern dich kennen und verhalte dich dementsprechend. Wenn dir das gelingt, was kannst du noch mehr erwarten? Sicher keine Engel mit Posaunen.­ Am Ende von „Snowden“ gibt es eine Einstellung, wo Edward in sein Innerstes schaut und sagt: „Zumindest kann ich abends mit dem Gedanken einschlafen, dass ich das Richtige getan habe.“

Verrat für eine gute Sache

Die einflussreichsten Whistleblower der ­letzten fünfzig Jahre.

1971: US-Militäranalytiker Daniel Ellsberg leitet Unterlagen an die „New York Times“ weiter, welche Täuschungsmanöver der US-Regierung zum Vietnamkrieg belegen.

1972/1973: Der damalige FBI-Agent Mark Felt, alias „Deep Throat“, informiert den „Washington Post“-Reporter Bob Woodward über Präsident Richard Nixons illegale Abhörpraktiken – Stichwort „Watergate“.

1974: Technikerin Karen Silkwood deckt skandalöse Sicherheits­verletzungen der US-Nuklearindus­trie auf. Sie stirbt im November 1974 bei einem mysteriösen Autounfall.

1996: Jeffrey Wigand, Manager eines führenden Tabakkonzerns, macht öffentlich, dass die Zigarettenindustrie die Risiken des Tabakkonsums systematisch verheimlicht.

2010: Chelsea (vor der Geschlechts­umwandlung: Bradley) Manning, Angehörige(r) der US-Armee, spielt der Plattform WikiLeaks Unterlagen über Menschenrechtsverletzungen von US-Truppen und geheime Depeschen von US-Botschaften zu. Im Juli 2016 soll sie versucht haben, sich im US-Militärgefängnis von Fort Leavenworth, Kansas, das Leben zu nehmen.

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10 2016 The Red Bulletin

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