Iggy Pop Interview

Iggy Pop: 
„Raus aus dem Bett, rein ins Feuer“

Foto: Rainer Hosch
Text: Florian Obkircher

Iggy Pop ist der Übervater des Punk-Rock. Er weiß, wie man durch Zweifel zum Star wird. Und was man sich von Pharaonen abschauen sollte.

Iggy Pop war der erste Punk überhaupt, 1970 ­erfand er das Stagediving. Seine stürmischen Platten mit der Band The Stooges gelten als Meilensteine der Rockgeschichte, ­seine Kollaborationen mit so verschiedenen Künstlern wie David Bowie, Balkan-Komponist Goran Bregović oder Pop‑Prinzessin Kesha zeigen ihn als einen der wandlungs­fähigsten Musiker der Gegenwart.

Dass es gerade der kreative Austausch mit Kollegen ist, der den 69-Jährigen fit und neugierig hält, erzählt er im exklusiven Interview mit The Red Bulletin.

Buzz Osborne und sein Erfolgsgeheimnis

Mit seiner Band The Melvins betreibt Buzz Osborne seit 33 Jahren Gitarren-Extremismus, der Zuhörern das Härteste abverlangt. ­Osborne füllt keine Stadien, aber gewinnt umso hochkarätigere Fans: Jack Black, Dave Grohl und Trent Reznor von den Nine Inch Nails verehren ihn für seinen Erfindergeist. Wie er der Rockstar der Rockstars wurde?

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THE RED BULLETIN: Mister Pop, mit kaum jemandem in der Musikgeschichte wollten so viele Kollegen so sehr zusammenarbeiten wie mit Ihnen. Wie kam denn das?

IGGY POP: Mein großes Glück ist, dass ich am Anfang meiner Karriere sehr unsicher war, was mein Talent angeht.

© youtube // IggyPopOnVEVO

Unsicherheit als Glück? Das müssen Sie uns erklären.

Es ist ganz einfach. Wenn du dir selbst nicht allzu viel zutraust, neigst du dazu, gemeinsam mit anderen zu arbeiten. Du umgibst dich mit einer Band, du tust dich mit anderen Musikern zusammen. Du willst nicht allein sein. In der Zusammenarbeit mit anderen kaschierst du deine Unsicherheit.

„Vermutlich wurde kein anderer Künstler so oft bespuckt wie ich.“
Iggy Pop, 69
1977 The Idiot tour

LIVE!

Iggy Pop und David Bowie (Keyboard) versetzten das Berkeley Theatre in San Francisco in Ekstase.

© Getty Images

Und indem man sich versteckt, wird man ein besserer Musiker?

Du lernst neue Denkweisen kennen, wirst auch zu Experimenten gezwungen, und das ist der Schlüssel zum Erfolg. Denn so verbreiterst du dein Wissen, und nur mit breitem Wissen wirst du zum Meister auf deinem Gebiet. Klar, der Weg ist steinig, du fällst oft auf die Schnauze, aber …

… Moment. Wie war das, als Mister Iggy Pop auf die Schnauze fiel? 

Am Anfang meiner Karriere wurde ich auf der Bühne mit Kleingeld beworfen. Und vermutlich wurde kein anderer­ Künstler so oft bespuckt wie ich in den ersten Jahren mit den Stooges. Die Leute sagten, das, was wir machen, ist Krach. Erst viel später nannte man den Krach Punk.

Iggy Pop Stage Diving

Iggy Pop in seinem Element: dem Stagedive

© Getty Images

Die ultimative Iggy-Pop-Playlist

Iggy Pop I Confront life!, a playlist by Red Bull Playlists on Spotify

From having pennies thrown at in his early days to being labelled godfather of punk at age 60: Iggy Pop talks with The Red Bulletin about lust for life, artistic doubt, collaboration with the likes of David Bowie and Kesha, and feeling naked in front of humans. Enjoy a selection of his hits.

Wieso haben Sie das mit der Musik nicht sein lassen?

Mein Motto war schon damals: Raus aus dem Bett, rein ins Feuer. Das hat sich bis heute nicht geändert. Man muss sich Herausforderungen stellen, sich entwickeln. Und für deine Entwicklung gibt es eben nichts Besseres als die Arbeit mit neuen Partnern, da sind wir wieder bei diesem Punkt. 

Wieso arbeiten Sie heute noch am liebsten mit anderen? Ihre Selbstzweifel sollten Sie mittlerweile überwunden haben.

Das Problem ist: Wenn Menschen erfolgreich sind, tendieren sie oft dazu, sich abzuschirmen. Oder sich mit Schleimern zu umgeben. Das führt zu kreativem Stillstand. Eine Katastrophe!

"Did you hear the record's out?!" #postpopdepression

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Wie findet man den Partner, der einen ideal inspiriert?

Meine besten Partner traf ich durch Zufall. Vor ein paar Jahren landete ich am Weg zu einer Award-Show in einem Bus voller Journalisten. Eine Erfahrung, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche.

Iggy Pop Portrait

© Rainer Hosch

Wie charmant!

Hahaha. Es wurde aber eine lohnende Fahrt. Denn einer empfahl mir, diese neue ­Sängerin namens Peaches auszuchecken. Das tat ich – und war begeistert von ihrer Energie und ihrer frechen Schnauze. Kurz später waren wir gemeinsam im Tonstudio. 

Inwiefern beflügelte Sie ­diese Zusammenarbeit?

Durch Peaches lernte ich eine ganz neue Musikszene kennen. Sie stellte mir tolle Bands wie Le Tigre vor, von denen ich noch nie gehört hatte. Auch das ist ein wichtiger Punkt: Eine gute Kollaboration löst einen Dominoeffekt aus. Über deinen Partner lernst du neue Partner kennen, mit denen du neue Projekte an­gehen kannst.

Wie bricht man bei der ersten Begegnung mit einem neuen Partner das Eis?

Man sollte es nicht so machen wie Madonna oder Kesha: Die rückten beide beim ersten Treffen mit Kamera-Crews an. Was für ein Stimmungskiller!

Wo Sie Kesha ansprechen. Die schwärmte nach Ihrer gemeinsamen Session davon, dass Sie im Tonstudio oben ohne aufnahmen.

Das stimmt (lacht). Ich weiß auch nicht, ich habe immer den Drang, mein T-Shirt auszuziehen. Ich arbeite einfach besser, wenn mir keine Klamotten im Weg sind. Die Pharaonen waren auch immer oben ohne! Von denen habe ich mir das abgeschaut. 

Hollywood’s Viper Room in 1995

© Getty Images

Ihr aktuelles Album „Post Pop Depression“ haben Sie mit dem Queens-of-the-Stone-Age-Frontmann Josh Homme aufgenommen. Was hat Sie an ihm gereizt?

Ganz einfach: Derzeit gibt es im Rockgeschäft niemanden, der so gut singen, Gitarre spielen und Songs schreiben kann wie er. Ein unglaublich talentierter Typ.

In Interviews meinte Homme, Sie hätten ihm geflüstert, dass diese Platte Ihre letzte sein könnte …

Ich war in den letzten zehn Jahren sehr aktiv. So aktiv, dass ich mit dem Gedanken spiele, eine Zeitlang einfach mal die Fresse zu halten.

War Ihr letztes Projekt eine Einstimmung darauf?

Wie meinen Sie denn das?

Sie posierten kürzlich für Kunststudenten in New York als Nacktmodell.

Ach, das genoss ich sehr. Vier Stunden stillzusitzen war allerdings ziemlich zäh.

„Ich habe immer den Drang,mein T-Shirt auszuziehen. Ich arbeite einfach besser, wenn mir keine Kleidung im Weg ist.“

Was geht einem durch den Kopf, wenn einem zwanzig Studenten vier Stunden lang auf den Penis starren?

Um die Zeit totzuschlagen, sang ich meine eigenen Songs immer wieder leise vor mich hin. Stücke wie „Nazi Girlfriend“ und „The Passenger“. Weil ich genau weiß, wie lange die dauern. So konnte ich die vier Stunden ziemlich genau berechnen. 

Können Sie die Erfahrung empfehlen?

Uneingeschränkt. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, sich öffentlich auszuziehen, ohne dabei für einen Irren gehalten zu werden. Das erdet ungemein.

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02 2017 The Red Bulletin

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