Sportfreunde Stiller

Sportfreunde Stiller: 
„Außen schön – innen hässlich“

Text: Alexander Dollischal
Foto: Nina Stiller

Sportfreunde Stiller zählen zu Deutschlands charismatischsten Musikern. Wie sie Krisen als Potential für emotionales Wachstum nutzen und warum sie sich selbst nicht als Vorbild für junge Bands sehen, verraten sie im Interview mit The Red Bulletin.

Es ist 16.10 Uhr im Hotel. Unser Slot für das Gespräch mit den Jungs beginnt. Ein herzlich lachender Rüde (Bassist) öffnet uns die Tür, begrüßt uns mit einer Umarmung und verlässt mit den Worten „Alles klar bei euch? Ich bring heute keinen geraden Satz mehr raus, aber die Jungs machen das schon!“ das Zimmer.

Davor noch ein verlässlicher Blick in Richtung Peter (Sänger) und Flo (Drummer) … und weg ist er. Da sitzen sie: Flo links, Peter rechts. Zwei Drittel von Sportfreunde Stiller. Eine Band, die seit 1996 Hits wie am Fließband produziert. Und wir fangen an zu fragen …

THE RED BULLETIN: Seit 20 Jahren seid ihr jetzt „zusammen“: Wie sieht der zwischenmenschliche Status Quo in der Band aus?

PETER: Düster, düster …

FLO: Es fröstelt – und zwar ordentlich.

PETER: Das ist wie bei „Dorian Gray“.  Nach außen hin ist alles schön, jung, gutaussehend. Und nach innen wird es immer hässlicher und es bröckelt und bröselt in alle Richtungen. Nein in Wirklichkeit ist es so, …

FLO: … dass es scheiße ist. (alle lachen)

PETER: Natürlich gibt es oft unterschiedliche Meinungen oder Ansichten, aber am Ende des Tages ist das hier doch wie eine Beziehung und wir müssen schauen, dass wir das bestmöglich hinbekommen. Aber klar, oft knallt’s zwischenmenschlich so richtig. Und trotzdem vergessen wir nie, was wir aneinander haben. Was im Endeffekt bedeutet, dass wir nach all den Jahren durch Krisen wachsen.

FLO: Weißt du, was das Gute an Krisen ist?

Nein. Aber ich hoffe, du sagst es mir jetzt.

FLO: Das Gute an Krisen ist, dass sie dich formen. Sie machen dich zum dem, was du bist.

Sportfreunde Stiller

Seit mehr als 20 Jahren sind Peter, Rüde und Flo (v. l. n. r.) im Musik-Geschäft. Abstand nehmen sie nur dann von einander, wenn sie ihn auch wirklich nötig haben.

© Nina Stiller

Gibt es eine Sache, die sich im Lauf der Jahre grundlegend geändert hat? 

FLO: Wir haben vorher eben festgestellt, dass sich die Kommunikation bei uns modernisiert hat. Wir sind vom Fax jetzt auf E-Mail umgestiegen und sind wie ein 24-Stunden-Callcenter jederzeit erreichbar.

Gegencheck: Welche Dinge sind beim Alten geblieben?

FLO: Was sich definitiv nicht geändert hat, ist die ungebremste Leidenschaft, Energie auf die Bühne zu bringen. Das wird sich wohl auch nie ändern.

Gestern war auf dem Chiemsee Summer Festival ...

Gestern war auf dem Chiemsee Summer Festival unser letztes Sommerfestival 2016. Auf Jubel gebaut! Vielen Dank Euch- und unserer Crew Justus, Andy Z, Andy T, Nico K, Nico S., Bertil, Rouven, Ralph, Backes, Stefan A, Markus, Detlev, Flo, Mario, Ingo, Cornell, Murkel, Benedikt und Pascal. Jemand vergessen? Falls ja: bitte melden!

Wenn man die ganze Zeit auf Tour ist: Wie schafft man da Platz für sich selbst, wenn man ihn braucht?

FLO: Es ist ja nicht so, dass wir auf Tour eine Art Stundenplan mit Sternchenstempel haben. (grinst) Wenn einer von uns Abstand braucht, dann schnappt er sich sein Buch und geht in den Park. Oder vertschüsst sich ins nächste Pub und stellt sich fünf Bier rein, damit er das Ganze hier mal vergessen kann. Und für alle, die jetzt von unserem Alkoholkonsum schockiert sind: Oft reicht auch schon ein Anruf bei der Familie, um uns wieder zu „erden“. 

Und dann gibt’s aber auch die großen Pausen, zum Beispiel nach einer Tour, in denen wir mehrere Wochen oder sogar Monate den Abstand suchen. Man kann das mit der Sehnsucht in einer Beziehung vergleichen: Je länger man sich nicht sieht und je mehr man sich vermisst, desto besser ist der Sex danach. Stimmt’s Peter?

PETER: Ja, ich vermisse dann immer schon Flos Zärtlichkeiten. (grinst in Flos Richtung)

Das Gute an Krisen ist, dass sie dich formen. Sie machen dich zum dem, was du bist.
Flo | Drummer von Sportfreunde Stiller

Was treibt euch als Band nach 20 Jahren eigentlich noch an? Geld? Die Fans? Der Ruhm? Wird das alles nicht irgendwann langweilig?

PETER: Also von „langweilig“ kann man nicht sprechen. Aber es ist schon so, dass dich ein gewisser Grad an Beliebtheit mit der Zeit süchtig macht. Auf der Bühne zu stehen und bejubelt zu werden … ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich akzeptieren muss, dass ich das nicht mehr regelmäßig bekomme.

Und der zweite große – künstlerische – Antrieb ist der nach neuer Musik. Etwas Neues auszuprobieren. Nicht einfach ein Update vom letzten Album machen, sondern sich in eine neue, vielleicht noch unbekannte Sound-Sphäre zu stürzen. Das ist richtig geil und macht Bock.

Albumlistening zu „Sturm & Stille

© Youtube // VertigoTV

Jetzt eine ganz kurze Frage …

PETER (unterbricht): Wer geiler ist? Ja, das bin ich. Nächste Frage, bitte? (alle lachen)

Fast richtig. Aber doch etwas anders. Eine Schlagzeile, die ihr in 30 Jahren gerne lesen würdet?

FLO: Ich würde gerne das hier lesen:

Sportfreunde Stiller - Schlagzeile 2046

PETER: Haha. Aus musikalischer Sicht einwandfrei. Sonst wäre Weltfrieden echt schön zu lesen. Und beruhigend.

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Was können junge Bands und aufstrebende Musiker von euch lernen?

PETER: Bitte nix! (lacht) Schaut euch nichts bei uns ab. Hört auf euer eigenes Gefühl und geht euren eigenen Weg.

FLO: Genau. Trennt euch nach zwei Jahren (lacht), und macht nicht denselben Fehler, den wir seit 20 Jahren machen. 

Der da wäre?

FLO: Naja, der Rüde ist ja der Neue.

Rüde ist seit 19 Jahren in eurer Band und sein Status ist „der Neue“?

PETER: Ja schon. Ich ertappe mich immer noch dabei, wie ich mir denke: „Was will der Typ eigentlich hier?“

FLO: Es wäre schön, wenn sich eine Band von uns die Eigenständigkeit abschauen könnte. Sich nicht beirren zu lassen und den eigenen Weg beinhart durchziehen. Wenn sich das jemand zu Herzen nimmt, wären wir schon mächtig stolz.

Sportfreunde Stiller

Drei volle Jahre ließen die Fast-Münchner auf sich warten. Dann haben sie „Das Geschenk“ veröffentlicht und sind damit direkt auf Platz 1 der österreichischen Single-Charts eingestiegen.

© Nina Stiller

Für das neue Album „Sturm & Stille“ habt ihr insgesamt drei Jahre gebraucht. Wie schafft man es, über so einen großen Zeitraum hinweg kreativ zu bleiben?

PETER: Das ist gar nicht so easy. Eigentlich. (lacht) Es geht nun mal nicht mit einem „Klick“ im Kopf los und dann läuft’s. Bei mir gibt es da so Phasen. Es gibt Zeiten, da bin ich „on fire“ und könnte sieben Blockbuster und acht Autobiografien gleichzeitig verfassen und es gibt Zeiträume, in denen schlicht und einfach nichts geht. Um mit „nichts“ meine ich nichts. Nada. Aber ich bin mittlerweile so lange im Geschäft, um zu verstehen, dass es sich eben nur um Phasen handelt und mein künstlerischer Organismus nun mal so funktioniert.

Sportfreunde Stiller - Sturm & Stille (Cover)

Eine Frage noch zur aktuellen Single: Was muss passieren, dass ihr einen Menschen als „Geschenk“ seht?

FLO: Ganz einfach. Man muss Peters Frau sein, dann … (lacht)

PETER: Grundsätzlich sind das Menschen, die dein Leben bereichern und dich sowohl intellektuell, als auch emotional weiterbringen. Diese Menschen sind dann auch wirklich für dich da, wenn du sie brauchst. Eben, weil sie „Geschenke“ sind.

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10 2016 The Red Bulletin

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