Regisseur Simon Verhoeven im Interview

Simon Verhoeven im Interview: So nutzt du deine zweite Chance

Foto: Alan Ovaska
Text: Alex Lisetz

Warum uns Neustarts besser machen: ein Crashkurs mit dem „Männerherzen“-Regisseur, der eigentlich Fußballer werden wollte. 

THE RED BULLETIN: Herr Verhoeven, in Ihrer neuen Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ ­beginnt der afrika­nische Flüchtling Diallo ein neues Leben bei einer ­deutschen Gast-Familie. Fiel es Ihnen leicht, diesen Film zu drehen, weil Sie selbst ein Experte für zweite ­Chancen sind?

SIMON VERHOEVEN: Bin ich das?

Sie wollten ursprünglich gar nicht Regisseur werden, sondern Profifußballer. Sie waren bei 1860 München in der höchsten Jugendklasse und haben sogar in der DFB‑Auswahl gespielt. Aber mit siebzehn … 

… habe ich mir zuerst einen Schien- und Wadenbeinbruch und dann einen Kreuzbandriss eingehandelt. 

Wie geht es einem, wenn der Lebenstraum in Trümmern liegt?

Wie wohl? Meine Stürmer­karriere war vorbei, bevor sie angefangen hatte. 

Schau dir hier den Trailer zum neuem Film „Willkommen bei den Hartmanns“ an.

© youtube // KinoCheck

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Ihnen blieb nichts anderes übrig, als im zweiten Bildungsweg Star-Regisseur zu werden. Was war der erste Schritt dazu?

Mit dem weiterzumachen, was ich als Leistungssportler gelernt hatte: aufstehen, ­weiterlaufen. Die Niederlage ­wegstecken. 

Das versuchen doch auch wir anderen, deren Geschäft gerade pleitegegangen oder deren Frau mit einem anderen durchgebrannt ist. Aber so richtig hilft es nicht. 

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die zweite Chance nicht automatisch nur die zweitbeste Chance ist. Sie ist deine Möglichkeit, noch einmal neu zu würfeln – und am Ende kommt vielleicht ­etwas heraus, das die kühnsten Träume in deinem ursprüng­lichen Lebensentwurf übertrifft. 

Sie meinen, Sie wären als Fußballer vielleicht nie so erfolgreich geworden wie als Regisseur?

Da bin ich mir ziemlich sicher. 

Als kleiner Fussballjunge bei den Münchner Löwen.

Als kleiner Fussballjunge bei den Münchner Löwen.

Weil es mit der Nationalelf nicht klappte, wählte dieser Mann notgedrungen einen bürgerlichen Beruf: Star-Regisseur.

„Männerherzen“ war auch so eine zweite Chance, denn Ihr Debüt-Film „100 Pro“ floppte fulminant. Was ­haben Sie daraus gelernt?

Etliche Leute fanden die ­Dialoge in „100 Pro“ unheimlich lustig, obwohl ich beim Drehen auf ganz andere Dinge Wert gelegt hatte. So habe ich erfahren, dass da eine Stärke von mir liegt. Also habe ich mich in meinem zweiten Film „Männerherzen“ bewusst ­darauf konzentriert – und der wurde ein Riesenerfolg.

„Glück zu haben ist nicht selbstverständlich. Ich weiß die Dinge, die mich glücklich machen, sehr bewusst zu schätzen.“

Sie scheinen ein Experte dar­in zu sein, aus Niederlagen zu lernen. Ihr Geheimtipp? 

Wir müssen überprüfen, wo es an Pech lag und wo an ­unseren Fehlern. Bei „100 Pro“ hatte ich zum Beispiel das Marketing völlig vernachlässigt – und das war nur einer von vielen Fehlern.

Jede Niederlage nimmt uns auch ein Stück Selbstvertrauen. Wie kommt man nach einer Niederlage aus der Selbstmitleidsphase? 

Glück zu haben ist nicht selbstverständlich. Ich bin dankbar für alles, was mir ­gelingt, und weiß die Dinge, die mich glücklich machen, sehr bewusst zu schätzen. Das macht mich auch stabiler und widerstandsfähiger für Rückschläge. 

Simon spricht über die Arbeit an „Willkommen bei den Hartmanns“ und die Zusammenarbeit mit seiner Mutter Senta Berger. Der Film ist bereits im Kino zu sehen.

© youtube // kinokino

Zurück zu Ihrem Film. In „Willkommen bei den Hartmanns“ beginnt ein Asyl­werber ein neues Leben. Er ist aber nicht der Einzige, der eine zweite Chance bekommt, oder?

Nein, sondern die ganze ­Familie – gespielt von Heiner Lauterbach, meiner Mutter Senta Berger, Florian David Fitz, Palina Rojinski und Elyas M’Barek – muss auf einmal ihre ganze Beziehung zueinander neu definieren. Daraus entsteht erst einmal heillose Verwirrung – und das ist, wie man weiß, eine gute Ausgangs­situation für jede Komödie. 

Die Hartmanns sind eine ­Familie wie du und ich. Geht nicht unsere ganze Gesellschaft gerade durch eine Art ­Beziehungskrise?

Ja. Wir alle müssen unsere Meinungen übereinander in Frage stellen, und wir müssen einander ganz neu kennen­lernen. Aber die Krise tut uns auch gut. Wir haben jetzt die einmalige Chance, vieles in Zukunft besser zu machen als bisher. Und: Ein bisschen ­Humor kann bei der Lösung unserer Probleme bestimmt nicht schaden.

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12 2016 The Red Bulletin

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