Alec Ross Innovationsexperte

Bestsellerautor
Alec Ross:
„Die Alleinherrschaft von Silicon Valley wird enden“

Text: Alec Ross (Übersetzung: Peter Hiess)
Bild: alecross.com

Die Ansichten von Innovations-Experte Alec Ross sind über die USA hinaus hoch angesehen. The Red Bulletin Innovator gibt der Bestsellerautor und Berater von Hillary Clinton Einblick in seine Gedanken zur geografischen Verteilung der Fachkompetenzen in den Zukunftsbranchen.
Alec Ross Berater Hillary Clinton
Alec Ross

Alec Ross ist einer der führenden Innovationsexperten Amerikas, enger Berater Hillary Clintons und Autor des US-Bestsellers „The Industries of the Future“. Das Buch erscheint in Kürze im Plassen Verlag auf Deutsch („Die Wirtschaftswelt der Zukunft“) und in Auszügen erstmals und exklusiv in The Red Bulletin Innovator.

„Wir wollen unser eigenes Silicon Valley erschaffen.“ Wenn es einen Satz gibt, den ich in jedem Land, das ich bisher besuchte, zu hören bekam, dann ist es dieser. Silicon Valley steht zwar schon die längste Zeit für Innovation durch Technologie, doch die Periode von 1994 bis 2014 machte es zur Legende. In diesen zwei Jahrzehnten konnten Menschen aus aller Welt dabei zusehen, wie Genies und Ingenieure auf einem 25 Kilometer breiten und 50 Kilometer langen Streifen Land im nördlichen Kalifornien die Zukunft erfanden – und damit auch noch schwerreich wurden.

Andere US-Bundesstaaten und Länder versuchen seit Jahren, das „nächste Silicon Valley“ aus dem Boden zu stampfen. Mittlerweile gibt es dafür sogar eine Erfolgsformel. Netscape-Gründer Marc Andreessen schreibt: „Ein beliebtes Rezept zur Schaffung des ‚nächsten‘ Silicon Valley sieht etwa so aus:

  • Man errichte einen großen, schönen, voll ausgestatteten Technologiepark.
  • In diesen Park platziere man Labors für Forschung und Entwicklung sowie universitäre Zentren.
  • Dann schaffe man Anreize, um Wissenschaftler, Unternehmen und Nutzer anzulocken.
  • Man stelle mittels Konsortien und spezialisierter Zulieferer Verbindungen innerhalb der Branche her.
  • Schließlich sorge man dafür, dass geistiges Eigentum und Technologietransfer geschützt sind.
  • Und: Man kreiere ein vorteilhaftes Geschäftsumfeld und günstige gesetzliche Rahmenbedingungen.

Nach diesem Rezept wird mittlerweile weltweit vorgegangen. Und es funktioniert einfach nie. Auf die Frage „Was können wir tun, um unser eigenes Silicon Valley ins Leben zu rufen?“ gebe ich stets eine Antwort, die viele überrascht. „Das geht nicht“, sage ich, „dazu ist es zu spät. Silicon Valley hat mehrere Jahrzehnte Vorsprung darin, die perfekte Umgebung für die Gründung von Internet-Unternehmen zu schaffen. Sie sollten vielmehr daran arbeiten, Ihre Geschäftswelt so zu positionieren, dass sie die besten Chancen hat, in den künftigen Innovationsbereichen mitzumischen und Erfolg zu haben.“

„Seit Jahren versuchen andere Länder, das ‚nächste Silicon Valley‘ aus dem Boden zu stampfen. Aber es funktioniert einfach nie. Dazu ist es zu spät.“

Branchen wie Genforschung, Robotertechnik und Kybernetik können sich unter den von Andreessen angeführten Umständen bestens entwickeln. Doch Städte oder Länder, die alles daransetzen, neue Zentren für eine dieser Branchen zu schaffen, müssen auch umfassendere Faktoren in Erwägung ziehen. Um einen innovationsreichen Ort wie Silicon Valley zu schaffen, sind ganz besondere kulturelle Voraussetzungen und Arbeitsmarktcharakteristika notwendig. Und die können in vielen Fällen den gesellschaftlichen Normen und dem Kontrollbedürfnis der Herrschenden in den betreffenden Ländern zuwiderlaufen.

Was Zukunftsbranchen angeht, so haben Staaten wie Menschen die besten Chancen, wenn sie mit Fachkompetenz glänzen können – also dem fundierten Wissen über eine einzige Branche, wie es sich oft in bestimmten Städten oder Regionen konzentriert. So besitzt Detroit etwa Fachkompetenz in Sachen Autos, Paris bei der Mode und Silicon Valley eben bei Internet-Firmen.

Die Fachkompetenz für die Branchen der Zukunft ist nach wie vor äußerst dezentral verteilt. Um ein besseres Verständnis für den Begriff „Fachkompetenz“ zu erlangen, sollten wir uns folgende Frage stellen: Warum kommt ein geradezu lächerlich hoher Prozentsatz aller Internet-Firmen nach wie vor aus dem Silicon Valley, wenn doch auf der ganzen Welt massive Summen in Regionen investiert werden, die mit diesem Technologieparadies konkurrieren sollen?

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Bei der Antwort auf diese Frage spielen viele Faktoren eine Rolle, doch Fachkompetenz ist eindeutig der wichtigste Grund. Seit mehr als zwanzig Jahren sind die weltweit besten Computerwissenschaftler überwiegend im Silicon Valley zu finden. Wo auch immer diese Leute geboren sind, irgendwann kommen sie alle ins Silicon Valley, um hier zu studieren (Stanford oder Berkeley), zu arbeiten (wodurch ein selbstverstärkender Kreislauf in Gang gesetzt wird, der immer mehr Talente anlockt) oder zu investieren (weil es nirgendwo einen so einfachen Zugang zu Startkapital gibt wie im „Valley“).

„Die Kompetenz von Silicon Valley in Sachen Software und Datenanalyse könnte ganze Branchen schlucken und zu einer massiven Zentralisierung führen.“

Sie alle wurden Teil einer Kultur und Gemeinschaft, in der man als Computerwissenschaftler den höchsten gesellschaftlichen Status genießt. Damit wurde Silicon Valley viel mehr als ein Industriestandort, wie man ihn von früher kennt; stattdessen entwickelte es sich zu einem Leuchtfeuer, das nicht nur vielversprechende Karrierechancen, sondern auch ein Zugehörigkeitsgefühl zu bieten hatte. Und damit lockt es bis heute ganze Wellen ehrgeiziger Unternehmensgründer an.

Für die Branchen der Zukunft gibt es bislang noch keinen solchen Ort. In ihnen sind die interessantesten und bedeutendsten Innovationen geographisch viel weiter gestreut als im Internet-Business. Für jede dieser neuen Branchen gibt es zwar bereits maßgebliche und hoffnungsvolle Regionen, doch es lässt sich unmöglich vorhersagen, ob diese Zentren im Rennen um die Heimat der nächsten Innovatoren-Generation gewinnen oder verlieren werden.

Die heutigen Unternehmenskonzentrationen wirken jedenfalls alle nicht so, als würden sie Bestand haben. Derzeit sieht es beispielsweise in der kommerziellen Anwendung der Genforschung so aus, dass die meisten Startup-Unternehmen rund um jene Universitäten konzentriert sind, wo die ursprüngliche Forschung und Entwicklung stattfand. So findet man sie etwa in Boston und Umgebung, weil dort Harvard und das MIT sind; in Baltimore wegen Johns Hopkins; und dank Stanford und der University of California in San Francisco und Berkeley eben auch im Silicon Valley.

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My Mother "I'm about halfway through your book and I thought it would be as dry as sawdust but it's actually good!"http://alecross.com/the-industries-of-the-future/ ...

Besucht man die Büros dieser Unternehmen, dann fallen einem sofort die ethnisch vielfältigen Belegschaften auf. Mitarbeiter aus Europa, Asien, Afrika und Südamerika üben dort ihren Beruf aus und leben in Boston, Baltimore oder Kalifornien, weil sie an amerikanischen Universitäten studiert haben. Ein weiterer wichtiger Zweig der aktuellen gentechnischen Forschung ist in China beheimatet. Dort gibt es zwar keine Spitzenuniversitäten für Genforschung, doch China hat es geschafft, viele seiner Bürger nach einem Auslandsstudium zurück in die Heimat zu locken. So gelingt es Peking in zunehmendem Maße, sich als Fachkompetenz-Zentrum für Gentechnik zu etablieren.

„Sollte sich der Big‑Data- Markt so entwickeln, dass die führenden Firmen über die ganze Welt verstreut sind, so wird die Wertschöpfung völlig anders aussehen als damals im Internet-Zeitalter.“

Die interessantesten Unternehmen der Cyber-Branche existieren wiederum in der Nähe von Regierungsstellen, wo sich die nötige Fachkompetenz in Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten entwickeln konnte, unter anderem in Washington, D. C., Tel Aviv, London und Moskau. So wurde etwa CyLon – der erste europäische Startup-Accelerator für Cyber-Sicherheit – von zwei prominenten Außenpolitikberatern britischer Premierminister mitgegründet. Und bei Kaspersky Lab, einer der größten Cybersecurity-Firmen der Welt, arbeiten jede Menge ehemalige russische Militär- und Geheimdienstoffiziere. Auch in Israel finden sich etliche der weltweit besten Firmen für Cyber-Sicherheit, die durchwegs von Leuten mit einschlägigen Erfahrungen bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften gegründet wurden; speziell von früheren Mitgliedern der Einheit 8200 alias „jechida shmone matayim“, die für elektronische und Fernmeldeaufklärung zuständig ist.

In der Robotertechnik sind Fachkompetenz und erste Anzeichen einer Technologieführerschaft vor allem auf Regionen konzentriert, wo es bereits eine Fachkompetenz für Elektronik und moderne Fertigungsverfahren gab – also zum Beispiel in Ländern wie Japan, Südkorea und Deutschland. Obwohl die Zukunftsbranchen also Regionen in aller Welt die Chance bieten, sich zu Innovationsstandorten aufzuschwingen, ist der anhaltende Einfluss von Silicon Valley mehr als auffällig. Das kalifornische Technologie-Tal zieht nach wie vor Startup-Unternehmen aus allen Branchen an. Man nehme nur die Bereiche digitale Währung und Finanztechnologie – zwei zukunftsträchtige Branchen, in denen sich das Alte mit dem Neuen vermischt.

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New York und London sind eindeutig die Fachkompetenz-Zentren für das globale Bankensystem. In beiden Städten wird viel Geld in Finanztechnologie investiert. 52 Prozent aller Finanztechnologie-Investitionen der vergangenen fünf Jahre wurden in Großbritannien und Irland getätigt. In New York waren die Investitionen sogar noch höher als in London; hier wurden dutzende Abschlüsse getätigt, bei denen hunderte Millionen Dollar auf die Bankkonten von Technologiefirmen flossen, die den Bankensektor noch intelligenter machen wollen. Als jedoch auch Zac Townsend die Idee für ein Unternehmen hatte, mit dessen Hilfe die Bankenbranche klüger werden sollte, gründete er seine neue Firma – „Standard Treasury“, ein Finanz-Software-Unternehmen, das Programmierern die Arbeit mit Banken erleichtern will. 2015 wurde das hochdotierte Startup von der Silicon Valley Bank gekauft – nicht etwa in London oder New York, sondern in Kalifornien.

„Wenn Jungunternehmer annehmen, dass sie mit ihrer Firmengründung nur in Kalifornien eine echte Chance haben werden, schafft das eine Eigendynamik.“

Für Townsend zählte das Banken-Know-how in New York oder London weniger als das Innovations-Know-how und die rundherum entstandene Kultur in Kalifornien. Um das Bankwesen zu verändern, muss man seiner Ansicht nach zwar mit den Banken zusammenarbeiten, aber nicht in deren unmittelbarer Nähe. Die aktuellen Daten bestätigen, dass er damit im Trend liegt: New York und London sind zwar Zentren der globalen Bankenindustrie, liegen aber nur an zweiter beziehungsweise dritter Stelle, was Investitionen in die Finanztechnologie betrifft. Führend ist auch hier Silicon Valley mit etwa einem Drittel aller einschlägigen Investitionen.

Das wirft die durchaus interessante Frage auf, wie sehr die Branchen der Zukunft tatsächlich auf unterschiedliche Standorte verteilt sein werden. Wenn Jungunternehmer im Alter zwischen zwanzig und dreißig – wie Zac Townsend – annehmen, dass sie mit ihrer Firmengründung nur in Kalifornien eine echte Chance haben werden, schafft das eine Eigendynamik. Oder anders ausgedrückt: Zacs Entscheidung, sein neues, datenorientiertes Finanzunternehmen ausgerechnet im Silicon Valley anzusiedeln, spiegelt die lebhafte Diskussion darüber wider, wie sich die Fachkompetenz in der Big-Data-Branche weiterentwickeln und welche Folgen das für die Weltwirtschaft insgesamt haben wird.

The Red Bulletin Innovator

Das Magazin für und über Menschen von morgen, die die Zukunft verändern und verbessern wollen.

Big Data übt auf sämtliche Branchen einen erheblichen Einfluss aus; daher hat die Entwicklung der einschlägigen Fachkompetenz das Potential, das globale Wirtschaftsleben grundlegend zu verändern. Die Investoren setzen derzeit auf zwei völlig konträre Möglichkeiten: Entweder wird Big Data die heutigen Unternehmenskonglomerate noch größer machen und damit weitere Branchen nach Silicon Valley locken – oder die Unternehmen bekommen dadurch die Chance, an ihren bestehenden Standorten Innovation zu betreiben. Letzteres würde tatsächlich dafür sorgen, dass an mehr Orten auf unserem Globus gute Geschäftsmöglichkeiten entstehen, als das bisher der Fall war.

„Regionale Ungleichheiten werden so stark zunehmen, dass man sie nur mehr mit der einstigen Macht des Römischen Reichs im Verhältnis zum Rest der Welt vergleichen kann.“
Charlie Songhurst, Investor und ehemaliger Microsoft-Manager

Der frühere Microsoft-Manager und jetzige Investor Charlie Songhurst setzt auf die erste dieser Möglichkeiten und sieht Silicon Valley als aufstrebendes Weltreich. Er zitiert gern den Einfluss, den das Transportunternehmen Uber auf das globale Geschäft mit der Personenbeförderung hatte, indem es das Vermögen von Taxiunternehmern zu den Uber-Aktionären transferierte. Für Songhurst ist das mit der Tributzahlung an einen Herrscher vergleichbar: „Regionale Ungleichheiten werden so stark zunehmen, dass man sie nur mehr mit der einstigen Macht des Römischen Reichs im Verhältnis zum Rest der Welt vergleichen kann.“

Ich glaube zwar, dass Charlie da etwas übertreibt – aber wir sollten uns seiner Argumentation nicht ganz verschließen. Immerhin halten auch andere Denker an der Theorie fest, dass die Kompetenz von Silicon Valley in Sachen Software und Datenanalyse ganze Branchen schlucken und zu einer massiven Zentralisierung führen wird. Die Uber-Gründer hatten zwar keine spezielle Erfahrung in der Personenbeförderungsbranche, waren aber trotzdem erfolgreich, weil sie Software und eine Analyse-Plattform entwickeln konnten.

Songhursts Vision beruht auf der Annahme, dass Unternehmen aus dem Silicon Valley irgendwann jede Branche kontrollieren werden, die auf Software und Big Data angewiesen ist. Und das betrifft im Endeffekt sämtliche Wirtschaftszweige der Erde. Und wie soll dieses datengesteuerte Weltreich laut Songhurst aussehen? „Das ist eine ganz einfache Gleichung“, antwortet er. „Länder mit guten Ausbildungsmöglichkeiten und geringem Durchschnittseinkommen werden ihre Intelligenz exportieren; das betrifft etwa die baltischen Staaten, Indien und China. Natürlich ist es für jemanden in Ohio oder England oder Frankreich furchtbar, dass er mit einer Arbeitskraft aus Estland konkurrieren muss. Das Ergebnis wird so aussehen, dass das Durchschnittseinkommen im Rest der Welt sinken wird, während Standorte wie das Valley, Israel, China und vielleicht noch ein paar andere sehr hohe wirtschaftliche Erträge haben werden. Auch das erinnert wieder an das Römische Reich.“

At 10 Downing Street for a good discussion about

At 10 Downing Street for a good discussion about The Industries of the Future

Ein weiteres Beispiel: Die derzeit wirtschaftlich mächtigsten Unternehmen im Silicon Valley zählen zwar nicht unbedingt zu den Vorreitern auf dem Gebiet der computergestützten „Präzisionslandwirtschaft“ – doch wenn anderswo entscheidende Fortschritte auf diesem Sektor erzielt werden sollten, werden sie garantiert nicht passiv zusehen, wie andere Leute damit Profit machen. So warb der Google-Vorstandsvorsitzende Eric Schmidt beispielsweise den israelischen Jungunternehmer Dror Berman an und holte ihn nach Silicon Valley, wo er jetzt Innovation Endeavors – eine große Venture-Capital-Firma, die Schmidts Geld investiert – leitet. Viele der bedeutendsten Innovationen in der Landwirtschaft passierten im 20. Jahrhundert in Israel. Berman brachte seine intellektuelle Neugier für diesen Wirtschaftssektor ins Valley mit und entwickelte dort das Konzept für Farm2050.

„Die Leute mit den meisten Daten, den schnellsten Servern und der größten Rechenleistung werden von nun an jedes wirtschaftliche Wachstum antreiben.“
Jaron Lanier, Informatiker, Künstler, Musiker, Autor und Unternehmer

Dabei handelt es sich um eine Partnerschaft, die zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen Data Science (also die Extraktion von Wissen aus Daten) mit Robotertechnik kombinieren will und der so unterschiedlich orientierte Unternehmen wie Google, DuPont und 3D Robotics angehören. Dror erkannte, dass man im Silicon Valley ein wenig zur Nabelschau neigt; wie er mir sagte, konzentrieren sich 90 Prozent der dort tätigen Firmengründer auf zehn Prozent der weltweit anfallenden Probleme. Mit Farm2050 will er die im Valley bewährten Methoden nun auch auf die Landwirtschaft anwenden.

Es ist lange her, dass man im Silicon Valley noch Marillen- und Zwetschgenbäume finden konnte – doch wenn sich herausstellen sollte, dass man dort Investitionskapital für Präzisionslandwirtschaft anlocken und auf diesem Gebiet innovativ sein kann, ist die Idee von der Fachkompetenz als Hauptantrieb für die Branchen der Zukunft so gut wie gestorben. Stattdessen wird es so sein, wie Jaron Lanier in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“ geschrieben hat: „Die Leute mit den meisten Daten, den schnellsten Servern und der größten Rechenleistung werden von nun an jedes wirtschaftliche Wachstum antreiben.“

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Im Prinzip heißt das nichts anderes, als dass Google meine Arbeit besser erledigen könnte, genauso wie die Ihre oder die jedes anderen Menschen, indem der Internet-Riese einfach seine überragenden Fähigkeiten zur Datenanalyse auf neue Wirtschaftszweige anwendet. Es gibt jedoch immer mehr Fachleute, die anders über die Entwicklung denken als Charlie Songhurst.

„Mit Datenanalyse wird man überall Geschäfte machen können.“
Mark Gorenberg, Risikokapital-Investor

Sie sind der Ansicht, dass Big Data andere Wirtschaftszweige nicht einfach schlucken und verdrängen, sondern stattdessen als Werkzeug dienen wird, mit dem jede der heute bestehenden Branchen ihr Wachstum ankurbeln kann. Der dahinterstehende Gedanke: Die massenhaft gesammelten Daten werden von jedem Unternehmen einsetzbar und so skalierbar sein, dass die Fachkompetenz hier nicht so entscheidend ist wie in Branchen mit hohen Markteintrittsbarrieren (also etwa den Zukunftsbranchen Genforschung und Robotertechnik).

Diese Meinung vertritt etwa Mark Gorenberg, ein altgedienter Risikokapital-Investor an der US-Westküste. Gorenberg zählte zu den Leuten, die das Investment-Potential der Datenanalyse sehr früh erkannten. Er gründete daher die Venture-Capital-Gesellschaft Zetta Venture, die sich dieses Themas annehmen sollte. Mark Gorenberg arbeitet seit einem Vierteljahrhundert mit Risikokapital, kooperiert nebenbei mit dem MIT und zählt zum Beraterstab für Wissenschaft und Technologie des US‑Präsidenten. Er glaubt, dass die Big-Data-Wirtschaft weit über Silicon Valley hinausgehen wird.

„Mit Datenanalyse wird man überall Geschäfte machen können“, sagt er. „Viele Universitäten vermitteln heute schon das Fachwissen über Algorithmen, während sich die Fachkompetenz für bestimmte Branchen mittlerweile überall auf der Welt manifestiert.“ Laut Gorenberg wird der wachsende Big-Data-Markt in den kommenden Jahrzehnten den alten Industriestandorten, wo bereits Fachkompetenz vorhanden ist, die dringend benötigte Gelegenheit zur Revitalisierung geben.

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Im „Rust Belt“, der im Nordosten des Landes liegenden ältesten Industrieregion der USA, sieht er beispielsweise große Wachstumschancen für neue Datenanalyse-Unternehmen, die auf der Stärke dieser Region – der Perfektionierung industrieller Verfahren – verankert sind. Boston wiederum könnte seine Kompetenz in Sachen Biotechnologie zur Gründung von Firmen nutzen, die Gesundheitsdaten analysieren; für Texas sagt Gorenberg voraus, dass dort Unternehmen aus dem Boden schießen werden, die sich mit Energiewirtschafts-Datenanalyse befassen. Ähnliches gilt für die Region um Washington, D. C., wo neue Datenschutz- und Kriminaltechnik- Analysefirmen auf der Fachkompetenz von Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten aufbauen und ehemaligen Mitarbeitern von NSA, CIA und FBI gutbezahlte Arbeitsplätze anbieten werden.

„Die Kombination aus Big-Data und Fachkompetenz wird die Geographie der Zukunftsbranchen bestimmen.“

Wenn Gorenberg mit seiner Annahme richtigliegt, dass „Fachkompetenz überall auf der Welt“ vorhanden ist, besteht für Big-Data-Unternehmen außerhalb der USA durchaus Grund zum Optimismus. Die neuen Firmen brauchen nur die richtige Kombination aus Algorithmen-Fachwissen und Branchen-Fachkompetenz. So ist man etwa in Deutschland – wo seinerzeit die Gelegenheit verpasst wurde, mit dem Internet das große Geld zu machen – heute fest entschlossen, die Fachkompetenz des Landes in Sachen Logistik und Haushaltsgeräten einzusetzen, um im Rahmen des Programms „Industrie 4.0“ künftig auch den Datenanalyse-Markt in diesen Branchen zu beherrschen.

Sollte sich der Big-Data-Markt so weiterentwickeln, wie Gorenberg das prognostiziert, also die führenden Firmen über die ganze Welt verstreut sein, so wird die Wertschöpfung in der Big-Data-Branche völlig anders aussehen als damals im Internet-Zeitalter, als die großen Gewinne vor allem im eingangs erwähnten 25 Kilometer breiten und 50 Kilometer langen Streifen Land gemacht wurden. Gorenbergs Theorie leuchtete mir ein, als ich vor kurzem Neuseeland besuchte und dort selbst sah, wie die Kombination aus Big Data und Fachkompetenz die Geographie der Zukunftsbranchen bestimmen wird.

On Squawk Box with Andrew Ross Sorkin this ...

On Squawk Box with Andrew Ross Sorkin this morning talking about Apple and the FBI among other topics. Watch us here: http://video.cnbc.com/gallery/?video=3000494929

In Neuseeland leben doppelt so viele Milchkühe wie Menschen. Mit Rindviechern kennen sich die Neuseeländer aus. Bei meinem Aufenthalt dort konnte ich mich über die Auswirkungen von „Pasture Meter“ informieren. Dabei handelt es sich um eine neue Präzisionslandwirtschafts-Technologie, die in Palmerston – einer Gemeinde mit 80.000 Einwohnern in der Region Manawatu-Wanganui auf der Nordinsel Neuseelands – entwickelt wurde, also mehr als 10.000 Kilometer von Silicon Valley entfernt.

„Im Silicon Valley werden die Dinge erfunden und konstruiert, die sich Silicon Valley wünscht. Doch die cleveren Investoren und Jungunternehmer aus dem Valley sehen die Welt garantiert nicht mit den Augen eines Branchenfremden.“

Pasture Meter vermisst mittels modernster Sensortechnik 200-mal pro Sekunde riesige Flächen Weideland, um zu ermitteln, wie viel Gras sich in jeder Koppel befindet. So können die Kühe effizient den geeignetsten Futterplätzen zugeordnet werden. Der Service informiert die Landwirte darüber, wie viel Futter sie noch zur Verfügung haben, und findet heraus, welche Weiden einen schlechten Ertrag haben und daher beispielsweise mehr Dünger brauchen. Mit traditionellen Verfahren zur Bewertung von Erträgen – wie Ultraschall- oder Aufwuchshöhenmessungen – erhält man pro Weidefläche im Durchschnitt nur 250 Messwerte; mit Pasture Meter sind bis zu 18.500 möglich. Die Technik ist für jeden einsetzbar, der ein Telefon sein Eigen nennt, und funktioniert völlig wetterunabhängig.

Nun könnte man natürlich sagen, dass die Überwachung von Weideland eine Verschwendung von Echtzeitanalyse-Technologien ist, weil man genauso gut dem Gras beim Wachsen zuschauen könnte. Die Neuseeländer sehen das anders. Da der rasante wirtschaftliche Aufschwung in China eine gesteigerte Nachfrage nach Rindfleisch und Milchprodukten mit sich brachte, sahen sich die neuseeländischen Rinderzüchter gezwungen, effizienter zu arbeiten, also ihre Produkte in größerer Menge und zu kleineren Preisen anzubieten. Nur so hatten sie auf diesem gigantischen neuen Markt eine Chance. In China leben 288‑mal so viele Menschen wie in Neuseeland. Da die neuseeländischen Viehzüchter und Hersteller landwirtschaftlicher Geräte eine starke Fachkompetenz im Bereich Milchwirtschaft besitzen, wussten sie, dass sie durch effizientere Fütterungsmethoden den Ertrag so weit steigern können würden, dass Exporte nach China möglich und sinnvoll wären.

Und was ist geschehen? Der Verkauf von neuseeländischem Rindfleisch nach China stieg in einem einzigen Jahr um 478 Prozent an. China überholte Australien als größter Ausfuhrmarkt Neuseelands; die Exporte dorthin sind sogar zweimal so hoch wie die von Neuseeland in die Vereinigten Staaten. Anfangs war ich überrascht darüber, dass das Wissen, wo und in welcher Menge Gras wächst, eine derart bedeutende Rolle spielen kann. Aber genau darum geht es: Die neuseeländischen Landwirte hatten die Fachkompetenz, also wussten sie auch genau, welche Technologien ihnen fehlten. Und die entwickelten sie dann. Man kann vielleicht nicht behaupten, dass ausschließlich Pasture Meter für die Exportsteigerung um 478 Prozent verantwortlich war, doch die ortsansässigen Bauern sind davon überzeugt, dass die neue Messtechnologie eine wichtige Rolle dabei spielte.

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Was in Neuseeland passierte, kann und wird auch in anderen Wirtschaftszweigen passieren, die vielleicht nicht viel Ahnung von Big Data und Analyse-Software haben, aber dafür Fachkompetenz in anderen Branchen besitzen – und daher auch wissen, wie sie mit Hilfe analytischer Informationssysteme einen Mehrwert schaffen könnten. Die Big-Data-Programme selbst sind leicht skalierbar, lassen sich weltweit auf vielen Gebieten anwenden und ohne große einschlägige Erfahrung implementieren. Genauso war es auch bei den Leuten aus dem neuseeländischen Palmerston, die Geräte für die Milchbauern der Gegend herstellten.

Im Silicon Valley werden die Dinge erfunden und konstruiert, die sich Silicon Valley wünscht; das geht von angenehmeren Taxidiensten bis zu noch mehr Apps zum Austausch von Fotos übers Internet. Doch die cleveren Investoren und Jungunternehmer aus dem Valley sehen die Welt garantiert nicht mit den Augen eines Landwirts oder eines anderen Branchenfremden. Daher ist auch die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie einer Firma aus der Region Manawatu-Wanganui auf Neuseelands Nordinsel zuvorkommen und den Bedarf nach einer Technologie erkennen werden, mit der sich die Fleisch- und Milchproduktion für den Export nach China erhöhen lässt.

Marc Andreessen gehört zwar ganz eindeutig dem Silicon-Valley-Lager an, doch er ist davon überzeugt, dass solche noch im Frühstadium steckenden Geschäftsbereiche genau dort Fuß fassen können und sollen, wo es fundierte Kenntnisse zu einem bestimmten Thema gibt. Er schlägt zum Beispiel vor, dass Detroit seine Fachkompetenz in Sachen Fahrzeugmechanik dazu nutzen sollte, sich zu einem „Drohnen-Valley“ zu entwickeln. Laut Andreessen sollten wir darauf hoffen und hinarbeiten, dass es bald „50 verschiedene Varianten von Silicon Valley geben wird, die sich alle voneinander unterscheiden und sich auf jeweils andere Wissens- und Wirtschaftsbereiche konzentrieren“.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Weltbank-Chefökonom Larry Summers bestärkt diese Auffassung noch: „Im Wesentlichen bin ich der Überzeugung, dass es heute viel mehr Arbeitsteilung gibt als früher. Daher sollten sowohl Staaten als auch Unternehmen und Menschen auf ihre Stärken setzen und nicht hoffen, dass sie ihre Schwächen irgendwie ausgleichen können.“ Das bedeutet, dass man nicht mehr dem Ideal Silicon Valley nachjagen soll, sondern sich vielmehr auf seine eigenen Fähigkeiten und erprobten Verfahren konzentrieren muss. Nur so wird sich die nächste Innovationswelle in wirtschaftlichen Sektoren realisieren lassen, wo bereits lokales Know-how vorhanden ist.

Ich persönlich glaube, dass die geographische Verteilung der Fachkompetenz in den Zukunftsbranchen dafür sorgen wird, dass in der nächsten Phase der Globalisierung Innovations- und Vermarktungszentren entstehen, die die zwanzigjährige Alleinherrschaft von Silicon Valley endlich beenden werden. Es wird kein neues Römisches Reich geben. Firmen und Unternehmer, die sich mit Software und Big Data auskennen, werden höchstwahrscheinlich nicht alle anderen Branchen übernehmen und überflüssig machen. Es wird vielmehr so sein, dass Big Data sich in derart viele Bereiche ausbreiten wird, dass die massenhafte Verarbeitung und Analyse von Daten bald von jeder Branche genutzt werden kann.

Sämtliche Interessenvertreter, die auf Fachkompetenzen zurückgreifen können, werden die Gelegenheit haben, sich selbst als Innovatoren zu betätigen und Geniales zu leisten. Sie dürfen nur nicht zu lange damit warten – sonst schnappt ihnen irgendein 28-Jähriger in Kalifornien das Geschäft weg. In den Branchen, die sich den neuen Verhältnissen nicht rechtzeitig anpassen können, wird es tatsächlich so sein, dass weniger sachkundige Startup-Unternehmen (mit Big-Data Kompetenz) wie Uber den Markt übernehmen und Firmen mit jahrzehntelanger Fachkompetenz kaputtmachen. Wie schon der berühmte Science-Fiction-Visionär H. G. Wells schrieb: „Wer sich nicht anpasst, der geht unter.“​

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05 2016 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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