Cow

Das Ende von Kuh und Huhn

Text: Magdalena Miedl 
Bild (Oben): pixabay.com

Fleisch aus dem Labor. Eier ohne Huhn. Und Milch, die nicht aus dem Euter kommt: Isha Datar kennt die Leute, die das Essen der Zukunft erfinden. Sie ist eine von ihnen.

Eine Kuh ist ein unwirtschaftliches Tier. Sie frisst, sie säuft, sie scheißt, sie hat Hörner und ein Fell und vier Mägen und einen Schweif. Alles entbehrlich für den Menschen, der sie nur melken will. Die Kuh gibt aber erst Milch, wenn sie ein Kalb geboren hat. Und Stierkälber sind nutzlos und müssen geschlachtet werden. Ein unerfreulicher Nebeneffekt. Geht das alles nicht effizienter?

Wir fragen nach bei Isha Datar. Die 28-Jährige ist seit drei Jahren Chefin der kleinen, gut vernetzten New Yorker Non-Profit-Organisation New Harvest, die Biotech-Wissenschaftler, Jungunternehmer und Investoren zusammenbringt.  

Pioneers

Die Milchmacherin

Isha Datar, 27, ist Bio-ingenieurin mit Mission. Die Direktorin von New Harvest bringt Gourmets, Labortechniker, Wissenschaftler und -Investoren zusammen. Ishas Ziel: Fleisch, Milch und Eier effzienter herstellen, als die Natur selbst es kann

© David Gillespie

 
Bei unserem Skype-Gespräch lässt Isha die Kamera lieber ausgeschaltet, weil sie gerade beim Essen ist. Es gibt ein äthiopisches Gericht, Reis und Bohnen. Auch das ist Zukunft: ausschließlich pflanzliche Proteine. „Ich liebe Fleisch, aber ich esse kaum noch welches. Auch wenn wir Alternativen entwickeln: Ich glaube, wir müssen so oder so unseren Fleischkonsum reduzieren.“

Künstliche Milch

Ishas Job ist es, die richtigen Leute zu kennen und einander vorzustellen: Menschen mit Weitblick, die mit neuen Technologien die industrielle Landwirtschaft überflüssig machen wollen. Im April 2014 hört sie, dass ein Gründerprogramm für Biotech-Start-ups in Irland Bewerber sucht. Zwei New-Harvest-Volontäre haben Isha unabhängig voneinander in den Monaten zuvor von ihren Plänen für künstliche Milch berichtet. Isha kontaktiert beide: Ryan Pandya in den USA, Perumal Gandhi in Indien. Die beiden sind begeistert, und zu dritt machen sie sich an die Arbeit.

Vier Tage später schicken die drei ihre gemeinsame Bewerbung ab. Sie werden ins Gründerprogramm aufgenommen und entwickeln in Irland den Sommer über im Labor eine Methode, mit modifizierter Hefe aus pflanzlichen Rohstoffen Milch herzustellen. Sie nennen ihr Start-up Muufri. Ein halbes Jahr später klopft mit Horizon Ventures der größte Kapitalinvestor Asiens an. Und überweist zwei Millionen Dollar.

„Schockierend: 15.000 Liter Wasser und 15 Kilo Futter für ein Kilo Fleisch.“
Isha Datar

„Die Idee von Muufri ist einfach: herausfinden, was die Zellen im Kuheuter tun, um Milch zu erzeugen. Und diesen Prozess nachmachen, ohne den Rest der Kuh“, sagt Isha. Geht das Konzept auf, ist es effizienter, sauberer und preiswerter als jede Art der bisher bekannten Milchwirtschaft. Solche Ideen sind keineswegs nur reizvolle Spielereien, sondern für die Zukunft der Ernährung dringend nötig. Denn Landwirtschaft ist ein schmutziges Geschäft: Ein Drittel des eisfreien Landes auf dem Planeten wird momentan direkt oder indirekt für Viehzucht genutzt. 18 Prozent der Treibhausgase haben hier ihren Ursprung, mehr als das gesamte Transportwesen der Welt. Und in den engen Ställen der Industriefarmen entwickeln sich die Keime, gegen die schon jetzt kein Antibiotikum mehr hilft.

Isha weiß, wie ein konventioneller Kuhstall von innen aussieht. Sie ist aufgewachsen in Edmonton, Alberta, mitten in Kanadas wichtigster Rinderzuchtgegend. Ihr Vater ist Arzt, ihre Mutter Landschaftsarchitektin, die Familie ist eng befreundet mit Milchbauern. „Fleisch war bei uns Teil jeder Mahlzeit“, sagt Isha. Nach der Schule beginnt sie in Alberta ein Studium der Zell- und Molekularbiologie, später studiert sie Biotechnologie in Toronto. Aus Interesse belegt sie einen Kurs in Fleischwissenschaften. 

Muufri

Milch ohne Kühe: die Billigste Methode

Je nach Zusammensetzung könnte Muufri nicht nur Kuh-, Büffel- oder Ziegenmilch, sondern auch menschliche Muttermilch ersetzen. Die Herstellung von Milchprodukten wie Joghurt und Käse ist ein langfristiges Ziel. Muufri arbeitet dabei nicht an Essensimitaten, sondern an echten Nahrungsmitteln.

© Muufri

 
Die Fakten sind deutlich: Für ein Kilogramm Rindfleisch sind 15.000 Liter Wasser und 15 Kilo Futtermittel nötig. Und in der industriellen Viehwirtschaft werden die Rinder mit Getreide und Soja gefüttert, das ohne den Umweg durch die vier Mägen einer Kuh wesentlich mehr Menschen ernähren könnte. Zukunftsweisend ist anders. „Ich war schockiert, wie ressourcenintensiv und ineffizient konventionelle Fleischproduktion ist“, sagt Isha. 

Tierfutter: Antibiotika

Lange wird das nicht mehr gutgehen: Im Jahr 2050 werden neun Milliarden Menschen auf dem Planeten leben. Essen wir so weiter wie bisher, werden dann doppelt so viele Nutztiere wie heute unseren Hunger stillen müssen. Doch die großen Landwirtschaften und ihr ewiger Ernteüberschuss sind ein Auslaufmodell: Sie vertrauen auf mineralische Dünger, die nur noch einige Jahrzehnte verfügbar sind und die unter gewaltigem Energieaufwand produziert werden. Biologische Landwirtschaft ist zwar auf lange Sicht effizienter, macht aber derzeit gerade zwei Prozent der weltweiten Produktion aus.

Schon jetzt ist der niedrige Fleischpreis nur durch Subventionen für das Futter zu halten. US-amerikanische Rinder, Schweine und Hühner bekommen über 80 Prozent der im Land verschriebenen Antibiotika. Die Arbeiter in den großen Schlachtereien schuften unter menschenverachtenden Bedingungen, in Europa ebenso wie in den USA. Und unser Fleischhunger bedroht auch andere Branchen: Die Überdüngung beim Futteranbau vergiftet natürliche Trinkwasserressourcen. Sie zerstört Fischgründe und macht die küstennahe Fischerei in vielen Gegenden unwirtschaftlich. Und sie ist fatal für den Tourismus, wenn infolge der Überdüngung algenverseuchte Strände die Gäste fernhalten.

Pioneers

Eine glücklichere Zukunft mit Fleisch aus dem Labor und Eier ohne Hühner - wird so die Welt von morgen aussehen? 

© MARTIN UDOVIČIĆ

Wir werden Brust und Flügel separat wachsen lassen.“ 
Winston Churchill, 1931

Die Böden vor allem in südamerikanischen, zunehmend auch in afrikanischen Soja-Anbaugebieten leiden massiv unter der intensiven Bewirtschaftung. Würde der Schaden eingerechnet, den die Landwirtschaft an Wasser, Luft und Erde anrichtet, wäre Fleisch längst unerschwinglich. Und das System würde zusammenbrechen. Es ist höchste Zeit, sich Alternativen auszudenken. Doch dass angesichts dieser Gefahr ab morgen alle vegan leben, hält Isha für unrealistisch. Zu sehr mögen die meisten von uns Hamburger und Milchshakes. Und um die Bevölkerungsexplosion auf ein überschaubares Maß einzuschränken, bräuchte es mindestens jemanden vom Kaliber eines James-Bond-Superschurken. 

Kekse aus Insekten

Den nötigen Überblick hat die österreichische Ernährungs- und Trendforscherin Hanni Rützler. Sie skizziert in ihrem „Food Report“ vier alternative Szenarien zur industriellen Fleischproduktion: Soja statt Fleisch – also pflanzlicher Ersatz wie Tofu oder Seitan für jene, die keine Tierprodukte mehr wollen. Bio-Fleisch statt Massentierhaltung – für die, die sich handgestreicheltes Schweinsfilet leisten können. Insektenprotein statt Fleisch – ein Ansatz, der nur in Europa und Nordamerika auf ernsthaften Widerwillen stößt. Und In-vitro-Fleisch aus dem Labor – fleischgewordene Science-Fiction.

Als Isha Datars Uni-Professor in Toronto das ­Konzept von Fleisch aus dem Labor erwähnt, ist sie fasziniert. Sie schreibt eine Arbeit zum Thema und kontaktiert Jason Matheny, den Gründer von New Harvest. Bald tauscht sie sich mit Biotechnologen auf der ganzen Welt aus. Sie beginnt Vorträge über das Thema zu halten. Und im Frühling 2013 wird sie mit 25 Jahren Executive Director von New Harvest.

Hier begegnen sich jene, die das Problem erkannt haben. Der junge kalifornische Unternehmer Josh Tetrick etwa, der pflanzlichen Ersatz für Hühnereier entwickelt. Oder Professor Mark Post von der Universität Maastricht – der Erste, der einen Hamburger im Labor gezüchtet und öffentlich gegessen hat. Oder Gabor Forgacs von Modern Meadow, der eine zweite Variante von In-vitro-Fleisch entwickelt hat. Sogar das New Yorker Start-up Exo gehört zum Bekanntenkreis von New Harvest. Exo produziert Proteinriegel und Cookies aus Grillenmehl, Zielgruppe sind Büroarbeiter ebenso wie Sportler. Denn Insekten sind sensationell gute Futterverwerter und produzieren nur einen Bruchteil der Treibhausgase etwa von Rindern.

„​Wir könnten nicht nur Kuh- sondern auch Muttermilch ersetzen.“ 
Ryan Pandya, Muufri

Die FAO prognostiziert, dass in zwanzig Jahren immerhin zehn Prozent der weltweiten Proteinversorgung durch Insekten gesichert sein wird. Potentiell ist in diesem Bereich sehr viel Geld zu holen, synthetische Biologie ist derzeit ein heißes Thema bei Investoren. Die ganz Großen wollen mitmachen: Der schwerreiche Unternehmer Li Ka-shing, Facebook-Mitgründer Eduardo Saverin oder der Cloud-Computing-Pionier Marc Benioff – Namen, die im Silicon Valley Augen leuchten lassen.

Isha ist viel unterwegs, aber der größte Teil ihrer Kommunikation läuft online. Auch ihre beiden Partner bei Muufri hat sie lange nur übers Internet gekannt, die gemeinsame Bewerbung erstellten sie über Online-Tools. Natürlich, wie sonst: „Das ist die beste Methode, die Fixkosten niedrig zu halten“, sagt sie in unserem Skype-Telefonat.

Fleisch aus dem 3D-Drucker

Zwischen zwei Löffeln Bohneneintopf erläutert Isha die Unterschiede zwischen verschiedenen Ansätzen, Fleisch im Labor zu erzeugen. Der eine stammt von Mark Post, der 2013 unter großem Medienecho den ersten In-vitro-Burger der Welt präsentierte: ausschließlich im Labor gezüchtete Rindfleischfasern, die in Ringform um eine gelartige pflanzliche Nährsubstanz wachsen.

Pioneers

In-Vitro-Burger

Das Fleisch aus dem Labor basiert auf Muskel- und Stammzellen, die einer lebendigen Kuh entnommen werden und sich in einer Nährlösung theoretisch endlos teilen können. Preis: 250.000 Euro.

© POOL New/Reuters

 ​Posts Cultured Beef Project hat weltweit Interesse geweckt, auch Hanni Rützler war zur Verkostung des Hamburgers eingeladen. Das In-vitro-Fleisch basiert auf Muskel- und Stammzellen, die einer lebendigen Kuh entnommen werden und sich in einer Nährlösung theoretisch endlos teilen können. Momentan hat das Fleisch aus dem Labor noch Ähnlichkeit mit Hackfleisch. Eine Anwendung in Hamburgern oder Würsten ist denkbar. Große Fleischstücke wie etwa ein marmoriertes Steak liegen noch fern, doch Mark Post forscht weiter. „Wir haben Mark erst vor ein paar Wochen wieder 50.000 Dollar Unterstützung vermittelt“, berichtet Isha.

Den anderen Ansatz verfolgt das Start-up Modern Meadow gegründet von Gabor Forgacs und seinem Sohn Andras. Begonnen haben die beiden mit der Entwicklung von echtem Leder aus pflanzlichen Rohstoffen. In einem zweiten Schritt sind sie zu Laborfleisch übergegangen, das in Schichten aus Fett- und Muskelzellen wächst. Dabei werden die Zellen mit einem Verfahren ähnlich dem 3D-Druck angeordnet. Unterstützt wird Modern Meadow von Googles Think-Tank-Projekt Solve for X. Die Idee vom Fleisch aus der Retorte ist alt. Bereits 1931 malte sich Winston Churchill in einem Essay aus, wie die Welt in fünfzig Jahren aussehen könnte: „Wir werden der absurden Situation entkommen, dass wir ein ganzes Huhn großziehen, nur um Brust oder Flügel zu essen, indem wir diese Teile separat in einem geeigneten Medium wachsen lassen.“ Es ist das Lieblingszitat der ganzen Branche, auch wenn Churchill, was den Zeithorizont betraf, zu optimistisch war.

 

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05 2016 The Red Bulletin

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