Pioneers

Go East  

Text: Teresa Reiter
Bild: 
DAVOR VISNJIC/PIXSELL

Einst eine Krisenregion, wächst am Balkan eine neue Generation an Start-Ups heran - mit Erfolg.     

Solaborate, Kosovo

Facebook, LinkedIn, Xing und andere waren nicht gut genug für die kosovostämmigen Geschwister Labinot und Mimoza Bytyqi. Für den studierten Elektro- und Informationstechniker und die ehemalige JP-Morgan-Finanzberaterin galt es, eine Lücke zwischen sozialen und professionellen Netzwerken zu schließen und eine Art Hybrid aus beidem zu kreieren: Solaborate.

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Ein Facebook für Firmen. Labinot Bytyqi entwickelte mit seiner Schwester Mimoza eine Plattform, welche die Bedürfnisse von Firmen-Intranets mit den Freuden von sozialen Netzwerken vereint. Er arbeitet gerade an einem passenden Gerät dazu.

© Solaborate

 Sie setzten sich zum Ziel, ein zentrales Portal zu erschaffen, das verschiedene Tools und Services für Tech-Unternehmer zur Verfügung stellt und es ihnen gleichzeitig ermöglicht, Networking zu betreiben, gemeinsam in Echtzeit an Projekten zu arbeiten und so ein Ökosystem um ihre Produkte und Services herum zu bauen. Während Solaborate einige Grundfunktionen wie etwa Chat, Statusmeldungen, Dokumenten-Sharing und Jobsuche mit herkömmlichen Plattformen gemein hat, so legen die Entwickler großes Augenmerk darauf, eine userfreundliche Infrastruktur für das Teilen und Bearbeiten von Software-Demoversionen zu schaffen. Das Unternehmen startete 2012 in Prishtina, sitzt aber mittlerweile zur Gänze in Los Angeles. Die erste Vollversion für Windows gibt es seit 2014. Gegenwärtig arbeiten die 35 Angestellten von Solaborate an Mobile Apps für iOS und Android sowie an neuen Funktionen. Und die Bytyqi-Geschwister machen geheimnisvolle Anspielungen auf ein erstes Hardware-Produkt, das die Landschaft der herkömmlichen Echtzeit-Kollaboration online „durcheinanderwirbeln“ soll.

Solaborate erklärt.

Sizem, Kroatien

Sizem liebt Brüste – und die Wahrheit. Ana Kolarević aus Kroatien hat eine App geschaffen, die Frauen über ihre „wahre Körbchengröße“ informiert.

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Die perfekte Größe. 90 Prozent aller Frauen tragen den falschen BH. Ana Kolarević  will das ändern.

© Davor Visnjic/PIXSELL

 Das Problem: Verschiedene Hersteller verwenden verschiedene Größensysteme, die noch dazu von Kontinent zu Kontinent variieren. Das verwirrt und führt zu Fehlkäufen. Um  das zu verhindern, verrät Sizem jeder Frau die richtige Größe beim jeweiligen Modell. Diese wird einerseits durch ein spezielles Messsystem und andererseits durch enge Kooperation mit den Herstellern ermittelt. Ana Kolarević ist stolz darauf, dass ihr Brustgrößen-Kalkulator als einziger seiner Art „die offensichtlichsten Dinge miteinbezieht: zum Beispiel das Atmen“. Als Resultat spuckt das Tool dann die maximale und die minimale Größe aus, die bei einem bestimmten BH‑Modell getragen werden kann.

Disaster App, Mazedonien

Als Vasko Popovski, Projektmanager für Disaster and Climate Risks bei den Vereinten Nationen, sich 2013 mit den katastrophalen Auswirkungen der Hochwasser in Mazedonien konfrontiert sah, bereitete ihm vor allem eines Kopfzerbrechen: der Mangel an Möglichkeiten, in Echtzeit mit der Bevölkerung zu kommunizieren.

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Lebensretter: Handy. Erdbeben, Hochwasser, Sturm – die App von Vasko Popovski warnt in Echtzeit vor Naturkatastrophen und -gefahren. Die aktuell größte Gefahr ist aber, dass der App das Geld ausgeht.

Der Katastrophenmanager, der sich selbst als „Informationsfreak“ bezeichnet, entwarf also eine Smartphone-App, die es erlaubt, Daten über Hochwasser, Erdbeben oder schwere Stürme rasch zu verbreiten. Die User können mittels detaillierter Landkarten genau über die Intensität einer Katastrophe an einem bestimmten Ort informiert werden und gleichzeitig Tipps über Ausweichrouten, Notfallservices und den Grad der Gefahr erhalten. Über ein zusätzliches Frühwarnsystem können User andere auf eine Gefahr aufmerksam machen. Super Idee, dachte man daraufhin im Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und förderte Popovski mit 10.000 Dollar Starthilfe. Seine Idee wurde anschließend von einem Team von Informatikprofessoren und -studenten der Universität Skopje umgesetzt und befindet sich derzeit noch in der Testphase. Von UN-Seite heißt es, die App sei „revolutionär“ und werde einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Sicherheit leisten.

Avantgarde Bikes

In manchen Balkan-Städten grenzt es an Extremsport, sich mit dem Fahrrad durch die Verkehrshölle zu wagen. Trotzdem trauen sich immer mehr heldenhafte Recken und Reckinnen. Ihre fahrenden Untersätze kommen zum Beispiel von Avantgarde Bikes in Subotica. Die Stadt an der ungarischen Grenze war bereits in den 1960er Jahren der Mittelpunkt der jugoslawischen Fahrradproduktion. Kein Wunder, gleicht sie doch mit ihren ebenen Straßen und ihrer allgemeinen Hügellosigkeit niederländischen Fahrradparadiesen. Mittlerweile machen Radfahrer dort ein Drittel des Verkehrs aus. 2013 von einem serbischen Zahnarzt namens Jaser Badawi gegründet, spezialisierte sich Avantgarde Bikes als erster Erzeuger in Serbien auf Singlespeed- und Fixie-Bikes. Mit simplem Design und Preisen, die - auch gemessen am niedrigen Durchschnittseinkommen Serbiens - noch erschwinglich sind, arbeitete sich Avantgarde Bikes zu ersten Erfolgen vor und hofft, dass die feschen serbischen Zweiräder auch im restlichen Europa Anklang finden werden.

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Das Rad neu erfunden. 25.000 Dinar, also rund 200 Euro, kosten die minimalistisch designten Fixies von Jaser Badawis Avantgarde Bikes aus der Vojvodina. Die Fahrräder gibt’s in Farben wie Neongelb oder Kupfer. Und auf Wunsch mit Lenker aus Holz. 

© Avantgarde Bikes

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05 2015 The Red Bulletin

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